Keine Angst vor der Schulwahl: Das Gymnasium ist nicht der einzige Weg zum Erfolg

Eltern sorgen sich oft, ob die Schulwahl richtig ist. Eine Studie zeigt: Mit Motivation und Orientierung schaffen Kinder an allen Schularten einen erfolgreichen Bildungsweg

Michael Klitzsch

Lesezeit: 5 Minuten
Schüler steht an einer Tafel und bearbeitet mathematische Aufgaben im Unterricht. © pexels karolina grabowska

Viele Eltern treibt die Sorge um, ihrem Kind die Zukunft zu verbauen, wenn es nach der Grundschule nicht direkt aufs Gymnasium geht. Eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) zeigt jedoch: Auf Real- und Gesamtschulen entwickeln motivierte Kinder ihre Kompetenzen genauso gut wie auf dem Gymnasium, wie Studienautor Felix Bittmann erklärt.

Redaktion: Herr Bittmann, viele Eltern treibt die Sorge um, dass der Weg zum Abitur verbaut ist, wenn ihr Kind nach der Grundschule nicht direkt aufs Gymnasium wechselt. Sie haben genau dieses Risiko wissenschaftlich untersucht – unter dem Stichwort „Diversion Effect“ oder Ablenkungseffekt. Was genau ist damit gemeint?
 

Dr. Felix Bittmann: Die Kernfrage hinter diesem Begriff ist: Verlieren Kinder, die eigentlich hohe Aspirationen – also den festen Wunsch nach dem Abitur – haben, dieses Ziel aus den Augen, wenn sie auf eine nicht-gymnasiale Schulform wie die Realschule gehen? Werden sie von ihrem ursprünglichen Weg „abgelenkt“? Der Begriff stammt ursprünglich aus der Berufsbildungsforschung, wo man beobachtete, dass Jugendliche im dualen System oft „hängenbleiben“, weil sie merken, dass man auch dort gut verdienen kann. Wir haben dieses Konzept nun auf die gesamte Schullaufbahn übertragen: Geben Kinder ihre akademischen Ambitionen auf, nur weil sie nicht auf dem Gymnasium sind?

Redaktion: Und tun sie das? Bestätigen Ihre Daten diese Sorge?

Bittmann: Wir müssen hier differenzieren – und können heute tatsächlich Entwarnung geben, wo wir früher noch skeptisch waren. In einer ersten Studie vor einigen Jahren sahen die Daten noch alarmierend aus: Da hatten viele Kinder in der 9. Klasse ihren Abiturwunsch, den sie in der 5. Klasse noch fest hatten, tatsächlich aufgegeben. Jetzt aber konnten wir dank der Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) erstmals die Schülerinnen und Schüler über einen viel längeren Zeitraum begleiten und uns anschauen, was am Ende tatsächlich passiert – also nicht nur, was sie sich wünschen, sondern welchen Abschluss sie wirklich machen. Und da sind die Ergebnisse deutlich weniger dramatisch als befürchtet.

Redaktion: Was heißt das konkret in Zahlen? Wie groß ist die Lücke beim Abitur am Ende tatsächlich?

Bittmann: Wenn wir die Selbstselektion in die Schulformen statistisch herausrechnen, bleibt eine Lücke von etwa 13 Prozentpunkten. Das heißt: Von den hochmotivierten Kindern haben diejenigen, die aufs Gymnasium gegangen sind, eine um 13 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, am Ende tatsächlich das Abitur in der Tasche zu haben, als ihre vergleichbaren Peers auf anderen Schulen. Das ist nicht unerheblich, aber deutlich weniger als die über 20 Prozentpunkte, die wir in früheren Studien befürchtet hatten.

Redaktion: Das ist immer noch eine Differenz von 13 Prozentpunkten bei Jugendlichen, die ursprünglich das gleiche Ziel hatten. Woran liegt es, dass der Plan ‚Abitur‘ hier seltener aufgeht? Sind es doch die fachlichen Anforderungen?

Bittmann: Nein, genau das ist das überraschende Ergebnis: An der Leistung liegt es nicht. Wir haben uns die Entwicklung der Kompetenzen in Mathematik und Lesen sehr genau angeschaut. Und hier sehen wir gar keine Unterschiede. Wenn wir Kinder und Familien betrachten, die zu Beginn der 5. Klasse sagen, sie wollen unbedingt das Abitur, und dann die Gruppe auf dem Gymnasium mit der Gruppe auf anderen Schulformen vergleichen, entwickeln sich die Kompetenzen parallel. In der 5., 7., 9. und 12. Klasse sind die Ergebnisse in den objektiven Tests extrem ähnlich.

Die Studie im Überblick: Für die Studie „Less alarming than assumed: New insights on diversion effects in German secondary education“ (erschienen in Studies in Educational Evaluation) wertete Dr. Felix Bittmann vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) aus. Er verfolgte dabei die Bildungsverläufe von rund 1.940 Schülerinnen und Schülern über einen Zeitraum von zehn Jahren ab der 5. Klasse. Das Besondere am Studiendesign war die Fokussierung auf Familien mit hohen Bildungsaspirationen: In die Stichprobe flossen nur Daten von Eltern und Kindern ein, die bereits zum Start der Sekundarstufe I den festen Wunsch nach dem Abitur äußerten. 

Um einen fairen Vergleich zwischen Gymnasien und anderen Schulformen zu ermöglichen, wurden Unterschiede in der sozialen Herkunft oder den kognitiven Grundfähigkeiten mittels statistischer Verfahren („Entropy Balancing“) herausgerechnet. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Kompetenzen in Mathematik und Lesen sowie die Lebenszufriedenheit unabhängig von der Schulform parallel entwickeln. Dennoch bleibt eine strukturelle Lücke: Selbst unter Berücksichtigung aller Hintergrundfaktoren ist die Wahrscheinlichkeit, das Abitur tatsächlich zu erreichen, für Jugendliche auf nicht-gymnasialen Schulformen um rund 13 Prozentpunkte geringer.

Redaktion: Das überrascht. Man geht ja meist davon aus, dass das Gymnasium allein durch die intensivere Beschulung und das akademische Umfeld einen Kompetenzvorsprung verschafft. Wie erklären Sie sich, dass Ihre Daten hier keinen Unterschied zeigen?
 

Bittmann: Die Daten basieren auf objektiven Tests, die nicht durch Notengebung oder Lehrkräfte-Effekte verzerrt sind. Dass wir hier keine Unterschiede sehen, liegt vermutlich an der Selektion: Wir schauen uns ja gezielt die motivierten Familien an. Das sind Kinder, die vielleicht schon vorher gut in der Schule waren und Eltern haben, die sie unterstützen. Diese Eltern sagen womöglich: „Du bist jetzt zwar nicht auf dem Gymnasium, aber wir üben trotzdem, damit du dein Ziel erreichst.“ Diese hohe Motivation und der elterliche Support scheinen den fehlenden gymnasialen Rahmen auszugleichen.

Redaktion: Wenn es nicht an der Leistung liegt – woran scheitert es dann auf den letzten Metern?

Bittmann: Das können wir in dieser Studie nicht im Detail testen, aber die Aspirationen spielen eine große Rolle. Interessen und Selbsteinschätzungen ändern sich im Laufe der Pubertät. Vielleicht merkt ein Jugendlicher, dass er mit einer Ausbildung glücklicher wird. Aber es gibt auch strukturelle Gründe. Schulformen wie die Realschule haben traditionell nicht das primäre Ziel, zum Abitur zu führen. Wer diesen Weg gehen will, muss aktiv Hürden überwinden.

Redaktion: Sie sprechen von „Navigationsproblemen“ im Bildungssystem. Inwiefern spielen strukturelle Hürden und der Föderalismus eine Rolle?

Bittmann: Das System ist nach der 9. oder 10. Klasse extrem komplex. Es öffnen sich Dutzende Wege – von Fachoberschulen über Berufliche Gymnasien bis hin zu Oberschulen. Das unterscheidet sich zudem massiv von Bundesland zu Bundesland. Dieses System zu navigieren, ist extrem schwierig, wenn man keine Erfahrung damit hat. Wir wissen zum Beispiel, dass Familien mit Migrationshintergrund oft sehr hohe Bildungsaspirationen haben, aber an diesen Informationshürden scheitern. Sie wollen, aber sie wissen nicht wie.

Schulen sollten Eltern schon in der Grundschule vermitteln: Die Realschule ist keine Sackgasse. Es gibt viele Wege, die später zum Abitur führen.

Dr. Felix Bittmann

Redaktion: Was können Schulen tun, um diese Informationslücken zu schließen?
 

Bittmann: Man kann nicht alles auf die Eltern abwälzen. Wenn wir Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteiger wollen, ist die Schule in der Pflicht. Schulleitungen und Lehrkräfte wissen am besten, wie das System in ihrem Bundesland funktioniert. Es wäre wichtig, dass sie dieses Wissen gezielt weitergeben – und zwar nicht erst am Ende der 10. Klasse. Schulen sollten Eltern schon in der Grundschule vermitteln: Die Realschule ist keine Sackgasse. Es gibt viele Wege, die später zum Abitur führen. Das würde viel Druck aus dem Kessel nehmen. Und dann muss man natürlich vor dem Abschluss der Sekundarstufe I noch einmal gezielt informieren und die Jugendlichen begleiten.

Redaktion: Wenn Sie einen Wunsch an die Politik hätten, um diese 13-Prozent-Lücke zu schließen – was wäre das?

Bittmann: Der Ruf nach mehr Geld für Bildung ist zwar ein Allgemeinplatz, aber er stimmt: Deutschland investiert im internationalen Vergleich zu wenig. Mehr Mittel, mehr Ressourcen für kleinere Klassen oder Sozialarbeit würden helfen. Aber jenseits davon ist der wichtigste Hebel, die Lehrkräfte zu motivieren, ihre Schülerinnen und Schüler bei diesen Übergängen zu unterstützen. Es lohnt sich, den Kindern aufzuzeigen, welche Optionen sie haben.

Redaktion: Was ist Ihre Botschaft an Eltern, die mit ihrem Kind am Ende der Grundschulzeit gerade vor der Entscheidung stehen und Angst haben, eine „falsche“ Wahl zu treffen?

Bittmann: Entspannt euch. Natürlich ist Bildung wichtig, aber der Weg ist nicht vorbestimmt. Wenn ein Kind schulische Unterstützung bekommt, ist es meistens kein Problem, auch über Umwege zum Ziel zu kommen. Diese Wege dauern vielleicht ein Jahr länger, sind aber oft entspannter und kindgerechter, als ein Kind schon mit zehn Jahren in einen Burnout-ähnlichen Druck zu treiben. Der Weg ist nach der 4. Klasse nicht zu Ende – und selbst wenn es nach der 10. Klasse noch nicht klappt, gibt es heute so viele Möglichkeiten, Bildungsabschlüsse nachzuholen.

Redaktion: Herr Dr. Bittmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Dr. Felix Bittmann
Zur Person

Dr. Felix Bittmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg. Er forscht zu Bildungsungleichheit und analysiert Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS).