Warum Bildungsforschung bei den eigenen Privilegien beginnen muss
Eine Kolumne von Lisa Niendorf über akademische Selbstbilder, unsichtbare Machtverhältnisse und die Frage, wie Bildungsforschung Ungleichheit thematisieren kann, ohne die eigenen Privilegien auszublenden.
©
pexels king Siberia
Durch mich öffnen sich Türen, ohne klopfen zu müssen. Ich bin ein weiches Auffangnetz, wenn man fällt. Durch mich werden Brücken gebaut, bevor ich am Fluss stehe. Wer oder was bin ich?
Man mag an diesem Beginn zweierlei erkennen: Einerseits liebe ich Rätsel. In einem anderen Leben wäre ich gerne Quizmoderatorin. Andererseits geht es in dieser Kolumne um ein Thema, dem kollektiv oft mit einer gewissen Abwehrhaltung begegnet wird.
Trommelwirbel.
Gut, ich löse auf: Es geht um Privilegien.
Über Privilegien zu schreiben, ist ein mitunter schwieriges Unterfangen. Es braucht das geschickte Wort, um nicht zur Polarisierung beizutragen, sondern statt einer Abwehrhaltung vielmehr einen feurigen Handlungswillen zu erzeugen. Einen Willen, die eigenen Privilegien zu (er)kennen und daraus abzuleiten, wie ich mit Hilfe meiner Privilegien Machtverhältnisse verschieben kann, hin zu mehr Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe aller. Und gerade wir Held:innen der Bildung tragen eine besondere Verantwortung, unsere eigene Stellung zu reflektieren.
Denn Hand aufs Herz: Wer sich wissenschaftlich mit Themen der sozialen (Un-)Gerechtigkeit beschäftigt, beschäftigt sich unentwegt mit Privilegien, allerdings zumeist auf der entpersonifizierten Meta-Ebene. Gerade in der empirischen Bildungsforschung wird hingebungsvoll über soziale Ungerechtigkeiten geforscht. Es werden sechsstellige Drittmittelprojekte eingeworben, um Bildungsbarrieren zu untersuchen, Beiträge in hochrangigen Journals über Kompositionseffekte publiziert und Konferenzsäle mit Symposien über sozial gerechte Schulübergänge gefüllt. Doch werfen wir einmal den Blick auf uns Bildungsforscher:innen selbst, stellen wir fest: Auf sämtlichen Ebenen des Bildungssystems ist ein mehrfach privilegiertes Personal massiv überrepräsentiert. Wir bewegen uns in einem Geflecht aus Machtverhältnissen und Hierarchien, das privilegierten Gruppen wie der unseren die Deutungsmacht über Bildungsprozesse und -inhalte zuspielt.
Und hier liegt das Problem: „Privilegierung bringt die unbewusste Tendenz mit sich, eher in den Erhalt des eigenen Status und der damit verbundenen Macht zu investieren, als diese infrage zu stellen“ wie die Kulturwissenschaftlerin Jule Bönkost festhält. Oder einfacher formuliert: Privilegierte nehmen ihre Privilegien oft nicht wahr. Bestimmte Normen sind so tief als „normal“ verankert, dass sie gar nicht mehr als Privileg wahrgenommen werden. So lernen privilegierte Kinder, Schüler:innen und Studierende in unterschiedlichen Stationen ihrer Bildungsbiografie unbewusst, dass sie ihre Privilegien als selbstverständlich und normal betrachten können.
Gerade in der akademischen Welt bleibt der beharrliche Glaube an die eigene Aufgeklärtheit, der die angebliche Diskriminierungsfreiheit wie ein Halleluja über alle Vorlesungssäle trägt. Diskriminierung wird - jenseits der Diversity- und Antidiskriminierungsabteilungen - als abstraktes, anonymes Phänomen dargestellt, statt sie als Resultat konkreter, historisch gewachsener Machtverhältnisse und Interessen zu benennen. Strukturprobleme werden individualisiert, was es ermöglicht, über Ungerechtigkeit zu forschen, ohne das eigene Handeln im Institut oder im Hörsaal kritisch zu hinterfragen.
Doch es geht mir nicht darum, sich für die eigenen Privilegien zu schämen oder gar Schuldgefühle zu entwickeln, weil man bestimmte gesellschaftliche Vorteile genießt. Doch wir müssen die Ehrlichkeit besitzen, anzuerkennen, dass der eigene Weg für mehrfach privilegierte Menschen deutlich weniger durch strukturelle Gegebenheiten begrenzt war. Auch gibt es nicht das einfache „Privilegiert-oder-benachteiligt-Schema“. Privilegien sind komplex und beziehen sich auf verschiedene Identitätsmerkmale wie Geschlecht, Klasse, Herkunft, Behinderung oder Sexualität. So bin ich als weiße Wissenschaftlerin aus einem Akademiker:innenhaushalt rassistisch und klassistisch privilegiert. – Das bedeutet, dass ich im Machtverhältnis Rassismus zur dominanten Gruppe gehöre und keine Bewältigungsstrategien im Umgang mit Rassismus und Klassismus entwickeln musste. Doch ich erlebe als queere Frau Benachteiligung aufgrund meiner sexuellen Identität und meines Geschlechts. Diese Gleichzeitigkeit von Privilegien und Benachteiligung bildet eben jene Komplexität ab, die die vermeintliche Polarisierung mit dem Schlagwort „Identitätspolitik“ zu überdecken droht.
Deshalb: Lasst uns den diskursiven Schalter umlegen!
Weg von der kollektiven Abwehrhaltung, hin zu einem kollektiven Eingeständnis. Wie viel könnten wir gewinnen, wenn aus dem moralischen „Müssen“ endlich ein professionelles „Wollen“ würde, auf Vorteile zu verzichten und Platz zu schaffen? Wenn hetereosexuelle Cis-Männer wie Frauen die Etablierung von queerfreundlichen Strukturen unterstützen? Wenn weiße Professor:innen sich bewusst dafür einsetzen, marginalisierten Perspektiven in der Forschung und Lehre mehr Raum zu geben? Oder wenn weiße Lehrkräfte ihre Lehrbücher auf rassistische Inhalte prüfen? Wenn Fachseminarleitungen der Sekundarstufe II aus akademischen Elternhäusern systematische Fortbildungsangebote nutzen, um klassistische Barrieren abzubauen? Wenn privilegierte Verantwortliche in Führungspositionen dafür Reflexions- und Bildungsräume schaffen?
Wir brauchen ein Powersharing, das diesen Namen verdient!
Denn trotz vereinzelter Erfolge im Hinblick auf Diversität – etwa durch die eine oder andere Professorin of Color – zeigt die aktuelle Realität, dass die zentralen Macht- und Entscheidungspositionen, auch in der Wissenschaft, nach wie vor überwiegend von weißen Männern besetzt sind.
Und ich ende mit einer guten Nachricht. Das sogenannte Tocqueville-Paradoxon beschreibt, dass der Ärger über Ungleichheit oft gerade dann wächst, wenn Ungleichheiten zurückgehen. Also allein die Tatsache, dass es diese Kolumne gibt, dass über strukturellen Rassismus diskutiert wird, dass an einer Betonwand „Check your privilege?“ gesprayt wird, ist ein gutes Zeichen. Es ist ein Ausdruck dessen, dass begonnen wird, die stille Selbstverständlichkeit privilegierter Normalität aufzubrechen – damit irgendwann die Türen nicht mehr nur offengehalten werden, sondern die Schlösser konsequent ausgetauscht werden.
Zum Thema:
- Lisa Niendorf auf der Biko 2025 im Gespräch mit Podcast-Host Alex Putzier von Basline Schule.
- Alle Kolumnen von Lisa Niendorf finden Sie HIER.