Selbstregulationskompetenz gilt als Schutzfaktor für psychische Gesundheit. Kinder und Jugendliche, die lernen, Emotionen und Verhalten zu steuern, sind besser gegen Stress, Leistungsdruck und Krisen gewappnet und entwickeln seltener psychische Auffälligkeiten. Prof. Dr. Caterina Gawrilow, Psychologin und Professorin für Schulpsychologie an der Universität Tübingen, forscht zu Selbstregulation und erläutert, welche Rolle diese Kompetenzen für die psychische Gesundheit spielen.
- Wie hängen Selbstregulation und psychische Gesundheit miteinander zusammen?
- Gibt es genetische Prädispositionen für Selbstregulation?
- Wie hängen Selbstregulation und Social-Media-Sucht zusammen?
- Wie wirkt sich Selbstregulation auf das Sozialgefüge aus?
- In welchem Alter sollten Kindern beginnen, Selbstregulation zu trainieren?
- Wie können Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler unterstützen, ohne sie zu stigmatisieren?
Redaktion: Dass Selbstregulationskompetenz für die psychische Gesundheit wichtig ist, weiß die Wissenschaft schon lange. Wie hängt beides miteinander zusammen?
Prof. Dr. Caterina Gawrilow: Kinder mit mangelnden Selbstregulationsfähigkeiten werden häufiger mit Verhaltensauffälligkeiten oder einer anderen psychischen Erkrankung diagnostiziert. Am Beispiel von ADHS wird das besonders deutlich: Kinder mit ADHS zeigen Symptome der Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, das heißt, es fällt ihnen beispielsweise schwer,abzuwarten oder konzentriert an einer Aufgabe zu arbeiten. Das sind klassische Selbstregulationsprobleme, die bei zu häufigen und starken Beeinträchtigungen zu einer entsprechenden Diagnose führen können. Mittlerweile weiß man, dass Selbstregulationsdefizite auch bei Autismus-Spektrum-Störungen, depressiven Erkrankungen oder Essstörungen eine Rolle spielen können.
Redaktion: Gibt es genetische Prädispositionen, die das Erlernen von Selbstregulation erschweren beziehungsweise vereinfachen, oder haben mangelnde Selbstregulation und psychische Erkrankungen gemeinsame Ursachen?
Gawrilow: Bei den meisten diagnostizierten psychischen Störungen können wir nicht von einem einzelnen ursächlichen Faktor ausgehen. Vermutet wird, dass ungefähr die Hälfte biologisch-genetisch veranlagt ist, und dass bei der anderen Hälfte die Umwelt eine große Rolle spielt, und hier vor allem auch, wie das Umfeld auf das Kind reagiert. Wir könnten uns beispielsweise eine Umwelt vorstellen, in der es den Eltern oder der Schule eines Kindes mit ADHS-Diagnose gelingt, die mangelnde Selbstregulation aufzufangen und Unterstützung anzubieten, so dass das Kind Kompensations-Strategien erlernt, um damit umzugehen. Aber das kommt auf den individuellen Fall an und ist sehr komplex.
Gawrilow: Selbstregulation setzt an verschiedenen Punkten an. Zum einen an der Impulskontrolle, aber auch an anderen Aspekten, wie zum Beispiel der Ablenkungsresistenz. Das betrifft beispielsweise die Motivation, für eine Klausur zu lernen und sich nicht von attraktiven Alternativen – etwa das Treffen mit Freundinnen und Freunden - ablenken zu lassen.
Dabei ist wichtig zu verstehen: Es geht nicht immer darum, eine perfekte Selbstregulation zu zeigen, sondern ein gesundes Maß zu halten. Das fällt gerade jüngeren Kindern häufig schwer,und sie brauchen dabei Unterstützung durch Eltern, Bezugspersonen oder pädagogisches Personal. Letztendlich müssen Kinder zum Beispiel auch lernen, proaktiv über diese Strategien nachzudenken, denn diese Mechanismen sind meistens höchst individuell. Nicht jede und jeder ist beispielsweise für dieselbe Art von Ablenkung empfänglich. Bei dem einen sind es die Freunde und Freundinnen, bei anderen vielleicht eher der Fernseher oder das Computerspiel. Gleichermaßen können dann wiederum verschiedene Strategien unterschiedlich wirksam für Kinder sein.
Redaktion: Mangelnde Selbstregulation steht auch im Zusammenhang mit Suchterkrankungen. Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf Handy- oder Social-Media-Sucht?
Gawrilow: Leider existieren dazu keine wirklich guten, kontrollierten Studien, weil das extrem schwer umzusetzen wäre. Das sollte man bei dieser Diskussion generell immer im Hinterkopf haben. Aber wir sehen, dass die Algorithmen gerade der sozialen Medien für vulnerable Gruppen besonders problematisch sind. Also für die, die ohnehin Schwierigkeiten haben, sich zu regulieren und so eine Impulskontrollstörung und eine darauf folgende Suchterkrankung riskieren. Das ist im Hinblick auf die Hirnentwicklung im Jugendalter problematisch, und die Jugendlichen stellen hier eine schützenswerte Personengruppe dar. Gerade dann, wenn wir mit der Selbstregulationsbrille draufschauen.
Redaktion: Wie wirkt sich Selbstregulation auf das Sozialgefüge zwischen Schülerinnen und Schülern oder den Klassenverband aus, gerade bei Kindern und Jugendlichen mit psychosozialen Auffälligkeiten?
Gawrilow: Dieser Aspekt wurde in den letzten Jahren in Dyaden, also Zweierbeziehungen, vor allem bei romantischen Paaren erforscht. Hier zeigen die Literatur und auch unsere eigenen Studien, dass, wenn beide Partner ein gutes Maß an Selbstregulation aufweisen, die Beziehung als harmonischer wahrgenommen wird. Das liegt vermutlich unter anderem daran, dass es schwieriger und vor allem auf Dauer anstrengender ist, die mangelnde Selbstregulation eines Partners abzupuffern.
Bei Schülerinnen und Schülern gibt es noch wenig dyadische Längsschnittforschung. Was wir aber wissen ist, dass beispielsweise Kinder mit stärkeren ADHS-Symptomen eher dazu neigen, sich mit Kindern anzufreunden, die ebenfalls Selbstregulationsschwierigkeiten haben. Das ist einerseits problematisch, denn es wäre besser, sich von anderen Kindern inspirieren und unterstützen zu lassen, die über eine gute Selbstregulation verfügen. Andererseits ist es aber sehr verständlich, dass man sich gerne mit Menschen umgibt, die nicht nur ähnliche Interessen, sondern auch ähnliche Herausforderungen haben. Für mich zeigt das nur einmal mehr, dass es wichtig ist, Schule für alle Kinder zu denken und zu gestalten.
Redaktion: Die psychosoziale Belastung von Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Jahren gestiegen, das zeigen unter anderem Studien wie die COPSY-Längsschnittstudie, gleichzeitig sind die Zufriedenheit und die soziale Einbindung gesunken. Kann Selbstregulation helfen, diese Entwicklung umzudrehen, und wenn ja, wie?
Gawrilow: Spannende Frage. Ich glaube, das, was in den letzten Jahren passiert ist, ist höchst komplex und nicht einfach zu erklären. Man kann an die Pandemie denken, an Soziale Medien, an andere Anforderungen. Aber auch unterschiedliche Messmethoden beeinflussen, wie sich die psychosoziale Lage von Kindern und Jugendlichen darstellt. Ich bin überzeugt, dass ein gutes Maß an Selbstregulation in vielen Bereichen dazu führt, dass man Dinge tut, die der körperlichen und mentalen Entwicklung guttun, zum Beispiel Sport. Das ist wichtig für aufwachsende Kinder und meiner Meinung nach ein ganz bedeutsamer Hebel, damit es jungen Menschen besser geht, weil es extrem stark mit dem Wohlbefinden und auch mit dem Affekt zusammenhängt. Je mehr physische Aktivität, desto besser die Stimmung.
Aus meiner Forschung kann ich bestätigen, dass Selbstregulationsstrategien für die körperliche Aktivität hilfreich sind, weil sie bewirken, dass ein Kind vielleicht doch noch mal rausgeht zum Sport. Allerdings beobachten wir in der Pubertät eine unterschiedliche Entwicklung der Geschlechter im Zusammenhang mit Selbstregulation und körperlicher Aktivität. Bei den Jungen ist die körperliche Aktivität höher, bei den Mädchen wird sie niedriger, gleichzeitig steigen depressive Stimmungen oder Affektstörungen an. Und dass, obwohl wir im akademischen Bereich oft mehr Selbstregulation bei Mädchen sehen. Dazu brauchen wir unbedingt mehr Forschung.
Gawrilow: Ja. Es fehlt die Selbstregulation, um die Dinge zu tun, die guttun und die Symptome lindern können. Wir empfehlen etwa Kindern und Jugendlichen mit ADHS-Problematik, sportlich aktiv zu sein. Aber wenn ein schwer betroffenes Kind ins Training kommt, ist das auch für die Aufsichtspersonen schwer aufzufangen. Hier fehlt es ebenfalls an Forschung, wie Kinder und Jugendliche in einer solchen Situation spezifisch unterstützt werden können, genau wie durch Lehrkräfte in der Schule.
Redaktion: In welchem Alter sollten Kindern oder Jugendliche beginnen, Selbstregulation zu trainieren?
Gawrilow: Angepasst an den Entwicklungsstand der Kinder sehr früh. Bestenfalls schon, bevor sich Symptome zeigen. Und man braucht dazu auch meist nichts Besonderes, außer ein gutes Auge dafür, was die Kinder individuell gut oder eben nicht so gut können. Viele Spiele, die es schon lange gibt, sind ohnehin darauf abgestimmt, die Selbstregulation zu fördern, zum Beispiel Memory, Stopp-Tanz oder ähnliche.
Eine neuseeländische Kollegin hat das Engage-Programm entwickelt, das genau darauf abzielt, exekutive Funktionen schon im Vorschulalter zu fördern. Das wird niedrigschwellig in allen Vorschulen Neuseelands angewendet und ist so weit heruntergebrochen, dass es wirklich problemlos auf den Beziehungs- und Bildungsalltag angewendet werden kann.
Redaktion: Inwiefern ist dieses Programm auf deutsche Schulen übertragbar? Könnten Lehrkräfte damit umstandslos beginnen?
Gawrilow: Dazu braucht es Forschung. Wir haben gerade einen Antrag dazu eingereicht. Das Hauptproblem in Deutschland ist aus meiner Sicht ein politisches: Frühkindliche Bildung ist Landessache, und nicht alle Ministerien haben Curricula (leider!) für diese Altersstufe.
Redaktion: Wie können Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler unterstützen, ohne sie gleichzeitig zu stigmatisieren?
Gawrilow: Strategien können sich auf Selbst- und Emotionsregulationsförderung beziehen. Im Bereich der Selbstregulationsstrategien sollten Lehrkräfte beispielsweise mit Schülerinnen und Schülern altersangemessen das gesunde Setzen von Zielen und das Planen üben. Hier bieten sich je nach Klassenstufe und Fach immer wieder Situationen im Schulalltag an, wie zum Beispieldie täglichen Hausaufgaben, das Vorbereiten eines Vortrags, das Erlernen eines Theaterstücks, die Erarbeitung von Strategien zur effizienten Lösung von Mathematikaufgaben. Diese Liste ließe sich noch fortführen. Aber auch das ist wieder sehr individuell und deshalb für Lehrkräfte natürlich eine Herausforderung. Als Wissenschaftlerin würde ich sagen, dass es eigentlich sehr gut umsetzbar ist, weil Selbstregulations-Strategien flexibel anpassbar sind, aber man muss natürlich auf jedes Kind schauen.
Vor allem aber sollten wir meiner Ansicht nach ein Lehr- und Lern-Umfeld schaffen, in welchem alle Kinder gut leben, lernen und aufwachsen können. Im privaten Gymnasium in Esslingen beispielsweise werden Kinder und Jugendliche mit ADHS-Auffälligkeiten unterrichtet, die an anderen Schulen als unbeschulbar galten. Diese Schule ist ein Modell, dass ich mir für sehr viele Kinder gut vorstellen kann: klare Instruktionen, Klassenregeln (aber in Maßen), strukturierter und verlässlicher Tagesablauf, Ansprechpersonen mit pädagogischer und psychologischer Expertise, Rückzugsräume bei Bedarf, vielfältige sportliche und musikalische Angebote. Wenn wir Inklusion ernst nehmen, könnten alle Kinder von solch einer Schulform profitieren.
Redaktion: Der Ansatz wäre also keine individuelle Förderung, sondern eine für die gesamte Schülerschaft?
Redaktion: Wie können Lehrkräfte realistische Erwartungen setzen, was den Erfolg des Erlernens von Selbstregulation zur Symptomlinderung betrifft? Sowohl bei Schülerinnen und Schülern als auch bei Eltern?
Gawrilow: Ich denke, wir müssen akzeptieren, dass es keine einhundert Prozent geben kann. Wenn zum Beispiel erreicht wird, dass an zwei von vier Tagen die Hausaufgaben gemacht werden, statt dass sie gar nicht gemacht werden, dann ist das bereits ein Erfolg. Das muss man sich aber in jedem Fall individuell anschauen, denn Selbstregulation kann intraindividuell stark schwanken.
Redaktion: Welches sind die dringlichsten Forschungsfragen in Bezug auf Selbstregulation und psychische Gesundheit?
Gawrilow: Da ist zum einen der bereits angesprochene Gender-Aspekt, den haben wir viel zu lange vernachlässigt und zu wenig belohnt, wenn sich die Wissenschaft damit auseinandergesetzt hat. Zum anderen müssen wir stärker über den Transfer nachdenken: Wie bekommen wir das, was wir erarbeiten, in die Schule? Meine Kolleginnen und Kollegen und ich freuen uns beispielsweise sehr, wenn wir zu pädagogischen Tagen eingeladen werden.
Prof. Dr. Caterina Gawrilow hat seit 2013 die Professur für Schulpsychologie an der Eberhard Karls Universität in Tübingen inne. Im Zuge ihrer Promotion untersuchte sie, wie man Jugendliche mit ADHS durch Selbstregulation bei der Lösung von Aufgaben unterstützen kann. Forschungsaufenthalte führten sie nach Hamburg und New York. Von 2009 bis 2013 war sie Juniorprofessorin am DIPF in Frankfurt.
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- Heinze, H., Daseking, M., Gawrilow, C., Gunzenhauser, C., Karbach, J., Ulitzka, B., & Kerner auch Koerner, J. (2025). Reactive temperament and self-regulation in preschool: Unique constellations impacting psychopathology. Applied Neuropsychology: Child, 1–17. https://doi.org/10.1080/21622965.2025.2519862
- Heinze, H., Daseking, M., Gawrilow, C., Karbach, J. & Kerner auch Koerner, J. (2024). Self-Regulation in Preschool: Are Executive Function and Effortful Control Overlapping Constructs? Developmental Science, 28(1), Article e13595. https://doi.org/10.1111/desc.13595
Sport/körperliche Aktivität:
- Eppinger Ruiz de Zarate, A., Kerner auch Körner, J., Haas, P., Gunzenhauser, C., Rauch, W., Gawrilow, C. (2025). Hyperactive-impulsive behavior does not moderate the association between executive function and physical activity in preschoolers, Sci Rep 15, 13792 (2025). https://doi.org/10.1038/s41598-025-96791-0
- Eppinger-Ruiz de Zarate, A., Powell, D., Kühnhausen, J., Allan, J. L., Johnstone, A., Crabtree, D. R., Buosi, W., Fyfe, C. L., McMinn, D., McCavour, B, Gawrilow, C. & Stadler, G. (2024). Free-living physical activity and executive function: A multi-study analysis of age groups and times of day. International Journal of Clinical and Health Psychology, 24, (2024), 100425. https://doi.org/10.1016/j.ijchp.2023.100425
- Haas, P., Schmid, J., Stadler, T., Reuter, M., & Gawrilow, C. (2017). Zooming into daily life: Within-person links between physical activity and affect in young adults. Psycholgy & Health, 32(5), 588-604. https://doi.org/10.1080/08870446.2017.1291943
- Schmid, J., Moschko, T., Riccio, M., Snyder, K. A., Gawrilow, C., & Stadler, G. (2023). Self-control fluctuates from day to day and is linked to subjective well-being within and between persons. Applied Psychology: Health and Well-Being, 16(1), 254-272. https://doi.org/10.1111/aphw.12482
- Moschko, T., Stadler, G., & Gawrilow, C. (2023). Fluctuations in children’s self-regulation and parent-child interaction in everyday life: An ambulatory assessment study. Journal of Social and Personal Relationships, 40(1), 254-276. https://doi.org/10.1177/02654075221116788
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