Bildung in der Transformationsgesellschaft: Wo Deutschlands Schulen jetzt handeln müssen
Prof. Dr. Axel Plünnecke erklärt, wie Digitalisierung, Demografie und Migration das Bildungssystem fordern – und welche Chancen darin liegen.
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Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung: Die Gesellschaft wandelt sich und das Bildungssystem muss Schritt halten. Im Interview erklärt Prof. Dr. Axel Plünnecke, warum die Ergebnisse des Bildungsmonitor 2025 nur im Kontext von Digitalisierung, Demografie und Migration zu verstehen sind und welche Investitionen jetzt nötig sind.
Redaktion: Herr Professor Plünnecke, wie schätzen Sie die vor kurzem veröffentlichten Ergebnisse des Bildungsmonitors der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft für das Jahr 2025 ein?
Prof. Dr. Axel Plünnecke: Deutschland steht vor großen Herausforderungen der Transformation. Während sich im Durchschnitt der Handlungsfelder die Ergebnisse von 2004 bis 2013 noch verbesserten, stagniert seitdem die Entwicklung. Es gibt weitere Verbesserungen bei der Internationalisierung, etwa in Bezug auf Fremdsprachenkenntnisse und internationale Studierende, aber Verschlechterungen in den Feldern Schulqualität, Bildungsarmut, Integration und Bildungschancen. Daher sind gezielte Investitionen in bessere Qualität und Chancen eine zentrale Aufgabe, um die Transformation in Deutschland zu einem Erfolg zu bringen.
Der Bildungsmonitor
Der Bildungsmonitor ist eine jährliche Vergleichsstudie zum Bildungssystem in Deutschland, die vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt wird. Untersucht werden 98 Indikatoren in 13 Handlungsfeldern, die zeigen, wie gut die 16 Bundesländer Bildungschancen sichern, Fachkräftepotenziale entwickeln und auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Spitzenreiter im Jahr 2025 ist Sachsen, gefolgt von Bayern und Hamburg; Bremen belegt den letzten Platz. Insgesamt zeigt die Studie Fortschritte bei Infrastruktur, Ganztagsbetreuung und Internationalisierung, jedoch deutliche Rückgänge bei Schulqualität, Integration und Chancengerechtigkeit.
Redaktion: Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe für die eher durchschnittlichen Ergebnisse im Bildungsmonitor 2025 – und wo ließen sich gezielt Verbesserungen anstoßen?
Plünnecke: Die Ergebnisse haben mehrere Gründe. Wir haben im Bildungssystem in den letzten zehn Jahren Herausforderungen durch Migration, eine zunehmende Smartphone-Nutzung in der Freizeit, eine zunehmende Segregation, psychische Belastungen durch Krisen und Kriege, für die wir noch keine ausreichenden Lösungen im Bildungssystem gefunden haben. Wir brauchen schon früh ansetzend mehr Sprachförderung in Kitas und Schulen, die Vermittlung digitaler Mündigkeit, nach Sozialindex orientierte zusätzliche Fördermittel dort, wo die größten Bedarfe sind, sowie mehr Unterstützung an Schulen durch multiprofessionelle Teams. Die Transformation selbst bedeutet zudem, dass wir mehr Resilienz bei den Kindern und Jugendlichen erreichen müssen.
Redaktion: Sie benennen Digitalisierung, Dekarbonisierung, Demografie und De-Globalisierung als zentrale Triebkräfte des gesellschaftlichen Wandels. Welche Bedeutung kommt diesen Entwicklungen im Bildungskontext zu?
Plünnecke: Die vier Trends bedeuten, dass Bildung noch einmal wichtiger wird. Wir müssen, um den demografischen Wandel meistern zu können, alle Potenziale bestmöglich heben. Migration ist ein riesiges Potenzial und eine Chance. Für die Digitalisierung müssen wir digitale und sonstige MINT-Kompetenzen stärken. Ebenso können gerade MINT-Berufe als Klimaschutzberufe einen wichtigen Beitrag für die Dekarbonisierung leisten. Und wir brauchen mehr Kompetenzen über weltweite Entwicklung und eine proeuropäische Haltung und Weltoffenheit, die auch über das Bildungssystem vermittelt werden sollten.
Wir brauchen schon früh ansetzend mehr Sprachförderung in Kitas und Schulen (...).
Prof. Dr. Axel Plünnecke
Redaktion: Die großen Transformationstrends fordern Unternehmen heraus, die sich mit Problemen wie dem Fachkräftemangel, der Energiewende und dem Wettbewerbsdruck konfrontiert sehen. Was kann das Bildungssystem in diesem Zusammenhang leisten?
Plünnecke: Unternehmen benötigen Fachkräfte, die mit aktuellstem Wissen aus Berufsausbildung und Hochschulstudium helfen, die Geschäftsmodelle an die neuen Entwicklungen anzupassen, zum Beispiel in den Bereichen Digitalisierung und KI. Und es ist wichtig, dass junge Menschen Veränderungsfähigkeit und Resilienz mitbringen, denn die Zukunft in den Unternehmen wird mit mehr Brüchen und Veränderungen verbunden sein.
Redaktion: Da wir ohnehin gerade von der Transformationsgesellschaft sprechen: Muss sich Deutschland wieder einmal „neu erfinden“? Gerade auch in Hinsicht auf das Bildungssystem? Wenn ja: Wo sehen Sie da die Chancen und Risiken, die Schwerpunkte und Entwicklungsfelder?
Plünnecke: Wenn wir die Hochschulen stärken, können diese in den Bereichen Forschung, Gründungen, akademische Weiterbildung und Kompetenzen zu globalen Veränderungen einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Herausforderungen der Transformation zu meistern. Eine riesige Chance besteht in der Zuwanderung über die Hochschulen. Diese stärkt Innovationskraft, Wachstum und öffentliche Haushalte. Die demografischen Belastungen können verringert werden, dazu entstehen wertvolle persönliche Netzwerke in die oft demografiestarken Herkunftsländer der Studierenden. Über diese Netzwerke kann dann die qualifizierte Zuwanderung auch direkt aus diesen Ländern weiter gefördert werden.
Redaktion: Herr Professor Plünnecke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
- Demary, V., Matthes, J., Plünnecke, A. & Schaefer, T. (2021). Gleichzeitig. Wie vier Disruptionen die deutsche Wirtschaft verändern. IW-Studie, Köln.
- Demary, V., Matthes, J., Plünnecke, A., Schaefer T., & Schmitz, E. (2024). Herausforderungen der Transformation für die Unternehmen in Deutschland. IW-Studie, Köln.