Studien zeigen, dass die Farbgestaltung in Schulen messbare Effekte auf die Lernmotivation, das emotionale Wohlbefinden und das soziale Verhalten von Schülerinnen und Schülern hat. Gleichzeitig spielen Alter, Geschlecht und individuelle Wahrnehmung eine Rolle. Schulen, die ihre Farbgestaltung gezielt an den Aktivitäten und Bedürfnissen der Lernenden ausrichten, können Lernräume schaffen, die Motivation und Gemeinschaft fördern und gleichzeitig Vandalismus vorbeugen.
Tahsim Durgun bringt es in seinem Buch „Mama, bitte lern Deutsch“ humorvoll auf den Punkt: „Schüler in Deutschland schneiden [in PISA-Studien] deshalb so schlecht ab, weil die Inneneinrichtung deutscher Klassenzimmer so aussieht, als hätte eine tollwütige Tine Wittler sie eingerichtet. Die Farbpalette umfasst genau zwei Farben: Grau und Dunkelgrau. Keine geeignete Arbeitsumgebung, um Kinder zu unterrichten, kreativ zu fördern und zu inspirieren.“
Was bei Tahsim Durgun noch ironisch klingt, spiegelt eine weit verbreitete Realität wider: Die Lernumgebung deutscher Schulen wirkt vielerorts nüchtern, mit Weiß als dominierendem Farbton. Doch was macht eine gelungene Farbgestaltung an Schulen aus? Fest steht: Farbe wirkt nicht auf alle Menschen gleich. Wahrnehmung und emotionale Resonanz sind geprägt von Kultur, Erziehung und persönlichen Erfahrungen. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien, dass Farben Stoffwechsel, Atmung, Blutdruck, Aufmerksamkeit, Gefühle und Verhalten beeinflussen können. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie lässt sich diese Wirkung gezielt in Klassenzimmern einsetzen, um Lernen, Konzentration und Wohlbefinden zu fördern? Bislang gibt es nur wenige belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie Farbgestaltung konkret auf Lernleistung und Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern wirkt. Erste Studien deuten jedoch darauf hin, dass bestimmte Farbtöne Konzentration stärken, Ruhe vermitteln und Vandalismus senken können.
Mehrere Studien zeigen, dass Wandfarben im Klassenzimmer messbare Einflüsse auf Aufmerksamkeit, Stimmung und Lernleistung haben. In einer zwölfwöchigen Feldstudie in der Türkei (Duyan, 2022) wurden etwa die Wände eines Klassenraums regelmäßig neu gestrichen und dann beobachtet, wie Kinder im Alter von acht bis neun Jahren darauf reagierten. Am stärksten aufmerksamkeitsfördernd wirkte ein intensives Rot-Purpur, gefolgt von Gelb; Grau oder Weiß hingegen führten zu Langeweile und geringerer Konzentration. Kühlere Töne wie Blau und Lila wirkten am stärksten beruhigend. Ähnliche Ergebnisse liefert ein Virtual-Reality-Experiment (Liu et al., 2020), in dem fünf virtuelle Klassenzimmer mit unterschiedlichen Wandfarben gestaltet wurden: Kühle Farben wie Blau und Grün steigerten Entspannung und Zufriedenheit, warme Töne wie Gelb und Rot förderten Aufmerksamkeit und Lernleistung – Weiß hingegen erzielte die schwächsten Bewertungen und die schlechtesten Leistungen.
Auch hier zeigen sich deutliche individuelle und geschlechtsspezifische Unterschiede. In einer Feldstudie untersuchten Yazhen Sun und ihr Forschungsteam (2024) den Einfluss warmer und kühler Wandfarben auf 123 Dritt- bis Sechstklässlerinnen und -klässler in real gestalteten Klassenzimmern in China. Insgesamt stärkten kühle Farben signifikant das Ruhegefühl, während warme Töne eher Nervosität auslösen konnten. Die Forschenden empfehlen daher, die dualen Effekte von Farben zu berücksichtigen, etwa durch eine gezielte Kombination von warmen und kühlen Elementen, um emotionale Extreme auszugleichen. Auch das Alter spielte eine Rolle: Jüngere Schülerinnen und Schüler profitierten stärker von den emotional stimulierenden Effekten der Farbgestaltung als ältere, was nahelegt, dass die Auswahl der Wandfarben an die Klassenstufe angepasst werden sollte. Darüber hinaus zeigten sich geschlechtsspezifische Muster: Während Jungen in kühlen Klassenzimmern stärker positive Emotionen erlebten, spürten Mädchen in warmen Räumen eine intensivere emotionale Wirkung – möglicherweise beeinflusst durch traditionelle Geschlechterrollen.
Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass eintönige und monotone Umgebungen von Schülerinnen und Schülern als trist und unattraktiv empfunden werden, während abwechslungsreiche und differenziert gestaltete Farbkonzepte das visuelle Erkundungsverhalten anregen und damit Lernprozesse indirekt unterstützen können. Besonders deutlich zeigen dies Studien aus den USA: Dort ließ sich nachweisen, dass als „sympathisch“ erlebte Schulgebäude die Leistungen in nahezu allen Fächern steigern, während als „antipathisch“ bewertete Umgebungen im Durchschnitt zu schlechteren Ergebnissen führen. Der sogenannte Anregungsreichtum von Räumen – etwa durch differenzierte Farbgebung, durchdachte Möblierung und visuell ansprechendemDekor – animiert Schülerinnen und Schüler nachweislich zu mehr visueller Exploration während des Unterrichts. Ergänzend weisen Studien darauf hin, dass positiv erlebte Schulbau-Umgebungen nicht nur die Lernleistung verbessern, sondern auch die Krankheitsrate senken können (vgl. Rittelmeyer, 2016).
Allerdings sollte die Farbgestaltung sorgfältig abgewogen werden, denn zu grelle oder intensive Farbtöne werden häufig als überfordernd oder aggressiv wahrgenommen. Besonders wenn kräftige Farben auf engem Raum dominieren, entsteht leicht ein bedrückender Eindruck, der die Aufenthaltsqualität mindert. Ebenso können dunkle, düstere Töne in Verbindung mit unzureichenden Lichtverhältnissen sowohl bei Schülerinnen und Schülern als auch bei Lehrkräften eine unterschwellige depressive Grundstimmung begünstigen, mit spürbaren Auswirkungen auf das Lern- und Unterrichtsklima (vgl. Rittelmeyer, 2016). Umgekehrt kann ein ansprechend gestaltetes Umfeld das soziale Miteinander stärken: Wie Rittelmeyer (2017) zeigt, sinkt die Vandalismusrate, wenn Schülerinnen und Schüler ihre Umgebung als ästhetisch ansprechend erleben. Wenn Gebäude vernachlässigt und monoton gestaltet sind, steigt die Wahrscheinlichkeit von Zerstörung. Sogar das Mittagessen wird nachweislich besser bewertet, wenn die Mensa eine einladende Atmosphäre bietet.
Gerade im Hinblick auf Inklusion kommt der Farbgestaltung besondere Bedeutung zu. Während Kinder mit ADHS durch knallige Farben schnell überreizt werden können, benötigen sehbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler klare Farbkontraste zur besseren Orientierung im Raum. Auch die Befragung im Projekt „Unlock the Future” zeigt eindrücklich, welchen Beitrag Räume zur Bildungsgerechtigkeit leisten, etwa wenn Kinder äußern „Ich bin so wichtig, dass jemand den Raum für mich schön gestaltet.”Differenzierte Farbkonzepte, die gleichermaßen Sicherheit, Orientierung und kreative Anregung ermöglichen, sind daher nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern ein zentraler Baustein für eine lernförderliche und inklusive Schulkultur.
Farben, die im Gedächtnis bleiben
Farbe wirkt nicht nur an Wänden, sondern auch bei Lernmaterialien. Untersuchungen (u.a. Nanglu et al., 2024) zeigen, dass farbige Bilder oder Texte deutlich besser im Gedächtnis bleiben als Schwarz-Weiß-Darstellungen. Der gezielte Einsatz von Farben in Vortragsfolien, Lehrbüchern oder Arbeitsblättern steigert zudem Engagement und Motivation der Schülerinnen und Schüler und fördert ihre aktive Teilnahme am Unterricht. Die Forschenden führen dies darauf zurück, dass Farbe hilft, Informationen klarer zu strukturieren und zu kategorisieren, was Verständnis und Behaltensleistung deutlich verbessert.
Praxisempfehlungen für Schulen
Weg von der weißen Wand: Klassische weiße Wände wirken in Klassenzimmern wenig stimulierend und fördern Aufmerksamkeit und Lernmotivation nur eingeschränkt. Farbige Gestaltung sorgt für anregendere Lernumgebungen.
Farben nach Tätigkeit abstimmen: Aktive Lernbereiche profitieren von warmen, kräftigen Farben wie Gelb oder Rot, da diese Energie und Konzentration steigern. Bibliotheken, Rückzugsräume oder Ruhezonen eignen sich für gedämpfte, beruhigende Farbtöne, die Entspannung fördern.
Mischung aus warmen und kühlen Farben: Eine Kombination aus warmen und kühlen Farbtönen wirkt harmonisch und kann individuelle Wahrnehmungsunterschiede ausgleichen. Dabei sollten nicht nur Wände, sondern auch Möbel und Ausstattung farblich einbezogen werden, um den Raum dynamisch und anregend zu gestalten.
Berücksichtigung von Raumgröße und Licht: Große, helle Räume mit viel Tageslicht und Außenbezug profitieren von zurückhaltenderen Farben, da die Umgebung bereits visuelle Reize liefert und zu intensive Farben überfordern könnten.
Aufenthaltsdauer berücksichtigen: Räume, in denen sich Schülerinnen und Schüler nur kurz aufhalten, wie Flure oder Garderoben, können intensiver und farbkräftiger gestaltet werden. Die kurze Verweildauer verhindert eine Reizüberflutung, während Farben Aufmerksamkeit und Interesse wecken.
Lernende einbeziehen: Die Einbindung von Schülerinnen und Schülern in die Farbgestaltung erhöht Akzeptanz und Motivation. So entstehen Räume, die sowohl funktional als auch emotional ansprechend sind und nicht nur den Vorstellungen der Architektinnen und Architekten entsprechen. Denn Kinder reagieren zwar oft auf kräftige, helle Farben, doch angenommene Vorlieben können auch von Stereotypen und gesellschaftlichen Trends beeinflusst sein.
Duyan, F., Yaman Zengin, B., & Yıldırım, K. (2022). The effects of classroom wall colours on the attention, emotions, and behaviour of primary school students. Megaron, 17(4), 681–693. https://doi.org/10.5505/megaron.2022.53386
Liu, C., Zhang, Y., Sun, L., Gao, W., Zang, Q., & Li, J. (2022). The effect of classroom wall color on learning performance: A virtual reality experiment. Building Simulation, 15(11), 2019–2030. https://doi.org/10.1007/s12273-022-0923-y
Nanglu, V., Sharma, S., & Kanth, V. (2024). Colourful learning: Investigating the impact of colour-coded words on student retention. International Journal of Applied and School Psychology, 6(Special Issue), 524–529.
Nolé Fajardo, M. L., Higuera-Trujillo, J. L., & Llinares, C. (2023). Lighting, colour and geometry: Which has the greatest influence on students’ cognitive processes? Frontiers of Architectural Research, 12(4), 575–586. https://doi.org/10.1016/j.foar.2023.02.003
Rittelmeyer, C. (2017). Einstürzende Schulbauten: Wirkungen der Schularchitektur auf Schülerinnen und Schüler – Ein Einblick in die internationale Forschung. Stiftung Bildung. https://einstuerzendeschulbauten.stiftungbildung.com/wp-content/uploads/2017/02/RittelmeyerEinstuerzendeBauten.pdf
Rittelmeyer, C. (2016). Probleme und Perspektiven der Schulbau-Gestaltung. In U. Stadler-Altmann (Hrsg.), Lernumgebungen. Erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf Schulgebäude und Klassenzimmer (S. 17–30). Opladen: Barbara Budrich.
Sun, Y., Qi, N., Zhan, J., & Yin, J. (2024). The impact of cool and warm color tones in classrooms on the perceived emotions of elementary school students in Northwest China. Buildings, 14(10), 3309. https://doi.org/10.3390/buildings14103309
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