Avatare im Klassenzimmer – Was passiert, wenn Roboter am Unterricht teilnehmen?
Ein Interview mit Prof. Dr. Jochen Lange über die Potenziale und Herausforderungen von Telepräsenzavataren im Schulalltag
Es ist ein großes Problem für langzeiterkrankte Kinder und Jugendliche: Im Zuge ihrer Krankheit verlieren sie schnell den Anschluss an die Schule und ihre Klassengemeinschaft. Eine Technologie, die hier zunehmend als wertvolle Brücke dient, sind Telepräsenzroboter. Diese kleinen Geräte nehmen stellvertretend den Platz des Kindes im Klassenzimmer ein und ermöglichen eine Live-Teilhabe am Unterricht. Doch was bedeutet dieser Einsatz für die soziale Interaktion, die Unterrichtspraxis und die Schülerinnen und Schüler selbst? Prof. Dr. Jochen Lange forscht zu diesen Fragen und gibt erste Einblicke in seine Erkenntnisse im Interview.
Redaktion: Herr Professor Lange, Ihr Forschungsprojekt trägt den Titel „Das verteilte Schülersein“. Was genau untersuchen Sie dabei?
Prof. Jochen Lange: Wir beobachten, dass im Unterricht zunehmend Technologien eingesetzt werden, die nicht nur den Lernstoff neu darstellen, sondern auch die Person der Schülerinnen und Schüler selbst „verteilen“. Man ist nicht mehr nur an seinem Platz im Unterricht anwesend, sondern existiert parallel als Leistungsdatensatz auf einer Lernplattform, als gestaltbarer Software-Avatar in Lern-Apps oder eben auch als Telepräsenzroboter. Es gibt also verschiedene Präsenz- und Repräsentationsformen der Schülerinnen und Schüler selbst. In unserem Projekt schauen wir uns genauer an, was das mit dem Schülersein macht, wenn man auch damit umgehen muss, dass man in gewisser Weise im digitalen Raum stattfindet.
Redaktion: Ein wesentlicher Teil Ihrer Forschung konzentriert sich auch auf die physischen Telepräsenzroboter. Worin liegt der Unterschied, ob sich ein Kind per Videokonferenz zuschaltet, wie wir es aus der Corona-Zeit kennen, oder ob ein Roboter im Raum steht?
Lange: Der grundlegende Unterschied zur typischen Videokonferenz während der Corona-Zeit ist, dass damals oft die gesamte Klasse in einen digitalen Raum umgezogen ist. Die Avatare hingegen ersetzen oder „verteilen“ in der Regel nur ein einzelnes Kind, das meist aufgrund einer Langzeiterkrankung nicht vor Ort sein kann. Die Idee ist, diesen Kindern wieder Einblicke und eine gewisse Präsenz in ihrer Klasse zu ermöglichen.
Dieser Umstand verändert die Qualität der Interaktion, weil die Entität des Roboters von den Kindern deutlich anders aufgenommen und adressiert wird, als wenn man einfach einen Laptop hinstellen würde. Den würde man vielleicht einfach hochheben und woanders hinstellen. Den Telepräsenzroboter hingegen sprechen Mitschülerinnen und Mitschüler oft direkt an: „Mareike, darf ich dich jetzt hochheben?“ Das deutet darauf hin, dass man es hier mit einer anderen Form von Präsenz zu tun hat. Die Art, wie der Roboter adressiert, eingebunden und angesprochen wird, und wie man versucht, eine Art Fürsorge zu leisten, zeigt: Es ist natürlich nicht das Gleiche, als wenn das Kind da wäre, aber es ist eben auch nicht das Gleiche, als wenn man nur einen Laptop hinstellen würde.
Redaktion: Welche Möglichkeiten hat das Kind, das den Roboter von zu Hause aus steuert, um am Unterrichtsgeschehen teilzunehmen?
Lange: Das Kind sitzt zu Hause an einem digitalen Endgerät, meist einem Tablet, und kann damit den Kopf des Roboters drehen, den Oberkörper ausrichten sowie ins Geschehen hinein- oder hinauszoomen. Diese Geräte sind dezidiert für den unterrichtlichen Einsatz entwickelt. Das Kind kann sich melden, aber auch über eine Emoji-Funktion nonverbal kommunizieren – zum Beispiel signalisieren, dass es etwas nicht verstanden hat, dass es überlegt oder eine Pause braucht. Und natürlich kann es über das Mikrofon sprechen und alles hören, was im Klassenraum gesagt wird. Es hat also deutlich mehr Ausdrucksmöglichkeiten.
Redaktion: Ihr Projekt läuft noch, aber können Sie schon erste Tendenzen erkennen, wie sich der Unterricht durch die Anwesenheit eines solchen Roboter-Avatars verändert?
Lange: Es ist spannend zu sehen, dass immer die unausgesprochene Frage verhandelt wird: Was bedeutet es, „da zu sein“? Schule arbeitet klassischerweise mit binären Kategorien des “Daseins”: Ein Kind ist entweder anwesend oder abwesend. Wenn es da ist, gilt in der Regel das volle Anforderungsprofil. Mit einem Telepräsenzroboter hat man aber eher so etwas wie eine abgestufte Anwesenheit. Das Kind kann bestimmte Sachen mitmachen, andere aber natürlich nicht so gut. Im Klassenzimmer wird nun neu verhandelt, welche Anforderungen man an das Kind stellen kann, wer helfen darf und wie man mit Leistungsbewertung umgeht. Das macht tradierte Praktiken neu befragbar. Damit verbunden ist natürlich auch die Thematik der Krankheit: Wann ist das Kind in der Lage, dem Unterricht zu folgen? Welche Sonderregeln gelten? Diese Fragen nach der Einbindung in den Unterricht, nach den Möglichkeiten und Grenzen, schauen wir uns gerade genauer an.
Das Forschungsprojekt „Das verteilte Schülersein“
Im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekt „Verteiltes Schülersein“ wird untersucht, wie digitale Technologien die Präsenz und Repräsentation von Schülerinnen und Schülern im Unterricht verändern. Der Fokus der Untersuchung liegt dabei nicht nur auf physischen Telepräsenzrobotern, sondern umfasst auch andere digitale Erscheinungsformen wie Leistungsdatensätze auf Lernplattformen und gestaltbare Software-Avatare in Lernanwendungen. Die Forschung basiert auf der Methode der teilnehmenden Beobachtung. Dabei tauchen die Forschenden direkt in den Schulalltag ein, sitzen mit am Gruppentisch und beobachten die Interaktionen vor Ort, um die sozialen und emotionalen Facetten der Nutzung möglichst dicht und praxisnah zu beschreiben. Das Ziel des Projekts, das seit 2025 für eine Dauer von drei Jahren angelegt ist, ist es zu verstehen, wie sich die Interaktionen und Praktiken verändern, wenn Schülerinnen und Schüler auf diese unterschiedlichen Weisen im physischen und digitalen Raum präsent sind.
Redaktion: Wo liegen die Grenzen oder Risiken dieser Technologie im Unterrichtsalltag, beispielsweise bei Gruppenarbeiten?
Lange: Natürlich ist das Kind, das über den Roboter teilnimmt, auf Hilfestellungen angewiesen – dass Arbeitsblätter gehalten oder Texte vorgelesen werden. Man könnte das als technisches Manko sehen. Andererseits kann argumentiert werden, dass genau dies die soziale Integration steigert, weil sich die Mitschülerinnen und Mitschüler aktiv mit dem Kind auseinandersetzen und ihm helfen. Der Selling Point ist also gerade diese soziale Seite der Integration. Risiken sehe ich eher darin, dass es Kinder geben kann, die durch ihre Krankheit ohnehin eine schwere Zeit durchmachen und diese besondere Form der Teilnahme und das damit verbundene „Im-Zentrum-Stehen“ vielleicht gar nicht möchten. Es gibt aber auch viele Kinder, die es sehr begrüßen und dankbar annehmen, auf diese Weise Kontakt zu ihren Freunden zu haben, die sie vielleicht wegen ihres geschwächten Immunsystems nicht persönlich sehen können.
Redaktion: Wie reagieren Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschüler in der Praxis auf die Avatare?
Lange: Natürlich ist es anfangs ungewohnt. In der Grundschule ist die Einführung oft mit Faszination, großen Augen und vielleicht auch etwas Ablenkung verbunden. Meiner Erfahrung nach normalisiert sich das aber relativ schnell und es entwickeln sich Routinen. Die Schulen kooperieren oft mit Vereinen, etwa aus Elterninitiativen oder Krebshilfen, die diese Geräte verleihen. Diese Anbieter machen dann häufig sehr gute Einführungsveranstaltungen, bei denen nicht nur die Technik erklärt wird, sondern auch eine soziale Einführung stattfindet. Da wird mit den Kindern über die Krankheit gesprochen und inwiefern der Avatar eine Möglichkeit ist, trotzdem dabei zu sein. Probleme können manchmal noch bei der Akustik auftreten. Als Lehrkraft stellt man eine Frage und weiß bei ausbleibender Antwort nicht: Überlegt das Kind noch, ist es nicht mehr am Tablet oder ist die Frage bei der Übertragung verloren gegangen? Solche Situationen, in denen die Interaktion hakt, werden unserer Erfahrung nach aber sehr routiniert von den Lehrkräften und Mitschüler:innen abgefedert. Es zeigt sich da eine Art intuitive Nachsicht. So findet sich meist ein Modus, der besser funktioniert, als ich das vorher gedacht hätte.
Redaktion: Sie haben angedeutet, dass die Kinder eine fast fürsorgliche Beziehung zum Roboter aufbauen. Wie vollwertig ist diese Form der sozialen Teilhabe für die Mitschülerinnen und Mitschüler?
Lange: Ich würde sagen, es ist eine andersartige Teilhabe. Es ist spannend zu beobachten, wie in den Adressierungen gewechselt wird: Spricht man das Gerät mit dem Namen des Kindes an? Wir haben auch Schulen beobachtet, die für diese Zwischen-Entität des Avatars einen eigenen Namen hatten. Es ist selbstverständlich nicht das Gleiche, als wenn das Kind wirklich da sitzt, aber es ist auch nicht so, als wäre da nur ein Objekt. Genau diese hybride “Zwischen-Entität“ interessiert uns. Ein sehr berührender Bericht, der die starke soziale und emotionale Verknüpfung verdeutlicht, kam von einer Schule, an der ein Kind, das lange per Avatar teilgenommen hatte, tragischerweise an seiner Krebserkrankung verstarb. In dem Verabschiedungsprozess der Klasse spielte dieser Avatar – nun nicht mehr mit dem Kind verbunden – eine große Rolle, um Abschied zu nehmen und das Loslassen zu lernen. Solche Berichte deuten darauf hin, dass über den Avatar eine starke emotionale Verbindung vollzogen wird.
Redaktion: Wie wird der Datenschutz bei diesen Geräten gehandhabt?
Lange: Das ist natürlich ein Riesenthema, das die Hersteller ganz oben auf der Agenda haben. Die Geräte sind formaljuristisch für den Einsatz in Schulen zugelassen. Das wird dadurch realisiert, dass sichergestellt wird, dass nichts gespeichert wird und die Übertragung verschlüsselt über europäische Server läuft. Die Datenschutzgrundverordnung wird also berücksichtigt. Trotzdem müssen je nach Bundesland natürlich die Klasse und die anderen Eltern gefragt werden, ob sie mit dem Einsatz des Roboters einverstanden sind. Die Fördervereine leisten hier oft gute Aufklärungsarbeit und nehmen Bedenken sehr ernst. Mein Eindruck ist, dass sie mit guten Argumenten überzeugen können, sodass am Ende niemand Sorge hat, dass Daten abgegriffen werden. Diese Firmen finanzieren sich über die Hardware und haben kein Interesse daran, Daten zu vermarkten.
Redaktion: Welchen Rat würden Sie Schulleitungen und Lehrkräften geben, die über die Anschaffung eines solchen Geräts nachdenken?
Lange: Die erste Frage sollte sein: Möchte das Kind das auch und kann es sich das gut vorstellen? Die zweite Frage ist dann, wie man an so ein Gerät kommt und es finanziert. Hier gibt es, je nach Fall, verschiedene Fördervereine, die sich auf das Verleihen spezialisiert haben. Oft ist das auch ein dankbares Thema für die Lokalpresse, und es findet sich ein lokaler Sponsor. Es gibt also verschiedene Wege, an ein Gerät zu kommen. Die Hersteller bieten zudem Videoanleitungen und Tutorials an, in denen die Nutzung erklärt wird. Und wenn eine Schule Interesse an einer wissenschaftlichen Begleitung hat, sind wir von der Universität Siegen offen für Kooperationen.
Redaktion: Herr Professor Lange, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Zur Person
Prof. Dr. Jochen Lange ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Didaktik des Sachunterrichts an der Universität Siegen. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die ethnographische Unterrichts- und Kindheitsforschung sowie die Auseinandersetzung mit Digitalisierung, Materialität und Medialität von Schule.
- Deutscher Ethikrat. (2023). Mensch und Maschine – Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz. Stellungnahme.
- No Isolation. (o. J.). Der Telepräsenzroboter AV1.
- Stiftung Deutsche KinderKrebshilfe. (o. J.). Avatare im Klassenzimmer.
- Universität Siegen. (o. J.). Beschreibung des Forschungsprojekts „Das verteilte Schülersein“.
- Turner, A., Zillner, C., Rockenbauer, G., & Pletschko, T. (2024). „Mit meinem Avatar bleibe ich trotz Krankheit Teil der Klasse!“ Einsatz von Telepräsenzrobotern für Schüler:innen mit chronischen Erkrankungen. Zeitschrift für Inklusion, 19(3), 67–81.