Digitale Tools können Lehrkräfte beim adaptiven Unterrichten unterstützen: Lernstände erfassen, Unterricht flexibel anpassen und Lernprozesse gezielt steuern. Aktuelle Forschung zeigt: Wenn Lehrkräfte adaptive Prinzipien konsequent nutzen, fördern sie das Fachwissen und die Selbstwirksamkeit ihrer Schülerinnen und Schüler.
Schülerinnen und Schüler bringen nach wie vor sehr unterschiedliche Voraussetzungen in das Klassenzimmer mit. Diese Unterschiede können sich auf verschiedenen Ebenen zeigen, etwa in Kognition, Motivation oder Verhalten. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, gilt adaptiver Unterricht als besonders vielversprechender Ansatz. Er zeichnet sich dadurch aus, dass Materialien, Aufgaben und Instruktionen gezielt an die individuellen Bedürfnisse der Lernenden angepasst werden.
Eine zentrale Voraussetzung ist dabei eine möglichst objektive und regelmäßige Einschätzung des aktuellen Lernstands, zum Beispiel durch kurze Tests. Solche Einschätzungen werden als formatives Assessment bezeichnet. Auf dieser Grundlage können Lehrpersonen gezielt Anpassungen vornehmen:
- Makroadaptionen sind statische Anpassungen, die bereits in der Unterrichtsplanung erfolgen, beispielsweise durch die Bereitstellung von Zusatzmaterialien für leistungsschwächere Lernende oder durch komplexere Transferaufgaben für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler.
- Mikroadaptionen sind dynamische Anpassungen, die direkt im Unterricht stattfinden, etwa wenn Lehrpersonen erkennen, dass eine Gruppe Unterstützung benötigt, und daraufhin gezielt Hilfestellungen oder Feedback geben.
Adaptiver Unterricht umfasst somit drei zentrale Komponenten:
- Formatives Assessment zur regelmäßigen Erfassung des Lernstands,
- Makroadaptionen in der Planung,
- Mikroadaptionen im Unterrichtsverlauf.
Digitale Medien als Unterstützung
Digitale Tools können adaptive Prozesse erheblich erleichtern. Formative Assessments lassen sich beispielsweise als Online-Quiz durchführen, deren Ergebnisse sofort verfügbar sind. Auch Gruppenarbeiten können digital organisiert werden, und Lernplattformen ermöglichen es, Feedback oder Zusatzmaterialien automatisch bereitzustellen, sobald Lernende sie benötigen. Auf diese Weise unterstützen digitale Medien die Umsetzung von adaptivem Unterricht, ohne selbst zwingend adaptiv sein zu müssen.
Wie wirksam ist digital-gestützter adaptiver Unterricht?
Ob adaptiver Unterricht tatsächlich zu besseren Lernergebnissen führt, war bislang kaum durch groß angelegte Studien belegt. Ein Forschungsteam der Universität Tübingen hat diese Frage nun systematisch untersucht.
In Zusammenarbeit mit sechs Schulen in Baden-Württemberg wurden zwölf Unterrichtseinheiten in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik, Gemeinschaftskunde, Geografie und Ethik entwickelt. Diese Einheiten integrierten formative Assessments sowie Anpassungen auf Makro- und Mikroebene. Digitale Tools wurden gezielt eingesetzt, um die Umsetzung zu erleichtern.
Die Einheiten wurden von Lehrpersonen in ihren Klassen unterrichtet und mit 656 Schülerinnen und Schülern der 7. bis 12. Klassenstufe evaluiert. Parallelklassen, die denselben Stoff regulär behandelten, dienten als Kontrollgruppe. Die Wirksamkeit wurde in einem Pre-Post-Delayed-Test-Design überprüft: Vor Beginn der Einheit wurde das Vorwissen erfasst, anschließend folgten ein Posttest und vier Wochen später ein Delayed-Test, um nachhaltiges Lernen zu prüfen.
Die Ergebnisse zeigen:
- Zu Beginn bestanden keine Unterschiede zwischen den Gruppen.
- Im Posttest zeigten die Lernenden des adaptiven Unterrichts tendenziell höhere Leistungen, der Unterschied war jedoch noch nicht signifikant.
- Im Delayed-Test, vier Wochen später, erzielten die Schülerinnen und Schüler im adaptiven Unterricht signifikant höhere Lernleistungen als die im regulären Unterricht.
Eine ergänzende Analyse verdeutlichte, dass der Vorteil adaptiven Unterrichts besonders deutlich wird, wenn das Antwortformat der Testaufgaben berücksichtigt wird. In Einheiten, deren Wissenstests neben geschlossenen auch offene Items enthielten, erzielten die Lernenden der adaptiven Bedingung nicht nur im Delayed-, sondern bereits im Posttest signifikant bessere Leistungen. Dies deutet darauf hin, dass adaptiver Unterricht tiefgreifenderes Wissen fördert, das sich vor allem in anspruchsvolleren, offenen Testformaten zeigt.
Wann wirkt Adaptivität besonders stark?
Interessanterweise hing der Lernerfolg weniger von der technischen Ausstattung der Schulen ab, sondern vielmehr vom tatsächlichen Grad der Adaptivität. Je häufiger Lehrpersonen formative Assessments durchführten und darauf aufbauend Anpassungen vornahmen, desto stärker verbesserten sich die Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler.
Auch zwischen den Fächern zeigten sich Unterschiede: Besonders in Sprachfächern wie Deutsch und Englisch war der Effekt adaptiven Unterrichts ausgeprägt – und das, obwohl Lehrpersonen die Gestaltung dort als besonders anspruchsvoll empfanden. Formative Assessments lassen sich in Mathematik oft einfacher umsetzen als beispielsweise bei einer Gedichtinterpretation. Dass gerade diese anspruchsvollen Fächer die größten Lerneffekte zeigten, unterstreicht den Wert des Ansatzes, auch wenn die Entwicklung adaptiver Materialien aufwendiger ist.
Motivationale und metakognitive Unterschiede konnten dagegen nicht festgestellt werden. Ein hoher Grad an adaptiven Elementen förderte jedoch die Selbstwirksamkeit der Lernenden im Umgang mit digitalen Medien zum Lernen. So zeigte sich nicht nur ein positiver Effekt auf das Fachwissen, sondern auch auf die Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler.
Implikationen für Schulen
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass digital-gestützter adaptiver Unterricht nachhaltiges Lernen fördern kann – unabhängig von Fach, Schulform oder Klassenstufe. Entscheidend ist dabei weniger die technische Ausstattung, sondern vor allem die pädagogische Umsetzung. Adaptiver Unterricht gelingt, wenn Lehrpersonen diagnostische Informationen gezielt nutzen, um Lernprozesse bedarfsgerecht zu steuern.
Der gezielte Einsatz digitaler Tools zur Unterstützung diagnostischer und adaptiver Prozesse entlastet Lehrpersonen und eröffnet neue Gestaltungsspielräume: Formative Tests lassen sich schneller durchführen, Ergebnisse werden unmittelbar sichtbar, und Anpassungen können direkt in den Unterricht einfließen. Die Technik übernimmt dabei keine Hauptrolle, sondern dient als Werkzeug, das fundierte pädagogische Entscheidungen erleichtert.
Bemerkenswert ist, dass in der Studie alle adaptiven Unterrichtseinheiten mit kostenlosen, frei verfügbaren Tools (OER) umgesetzt wurden – von Quizformaten bis zu digitalen Gruppenarbeitsplattformen. So konnten Lehrpersonen ihre Einheiten flexibel gestalten, unabhängig von Schulbudgets oder technischer Infrastruktur. Alle entwickelten Unterrichtseinheiten stehen zudem als offene Beispiele auf der ILIAS-Plattform zur Verfügung.
Fazit
Über den Lernerfolg entscheidet die konsequente Umsetzung adaptiver Prinzipien: Wenn Lehrpersonen regelmäßig diagnostizieren, flexibel anpassen und digitale Hilfsmittel gezielt einsetzen, profitieren die Schülerinnen und Schüler langfristig – unabhängig davon, wie digital die Schule ausgestattet ist.
Leonie Sibley ist Assistenzprofessorin für Unterrichtsforschung mit dem Schwerpunkt digitale Lernumgebungen am Zentrum Bildung und Digitaler Wandel der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie untersucht, wie adaptives Lehren und Lernen mit digitalen Medien im Klassenzimmer gestaltet werden kann, um den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden, und kombiniert dafür quantitative und qualitative Forschungsmethoden.
Andreas Lachner ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Lehren und Lernen mit digitalen Medien sowie Co-Director des Tübingen Center for Digital Education. Er untersucht, wie digitale Bildungstechnologien auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse so eingesetzt werden können, dass sie Unterricht und Lernen sinnvoll unterstützen und zugleich mehr Chancengerechtigkeit ermöglichen.
- Sibley, L., Fabian, A., Plicht, C., Pagano, L., Ehrhardt, N., Wellert, L., Bohl, T., & Lachner, A. (2025). Adaptive teaching with technology enhances lasting learning. Learning and Instruction, 99, 102141.
- Sibley, L., & Lachner, A. (2023). Adaptiver Unterricht: Wie er funktioniert und was digitale Medien leisten können. Campus Schulmanagement.
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