Demokratie lernen heißt Alternativen erwägen

Wie Erwägungsorientierung demokratische Urteilskraft im Unterricht stärkt

Juliette Guttmann

Lesezeit: 5 Minuten
Mehrere Kinder sitzen auf einer Wiese vor Schule © pexels norma mortenson

Der Beutelsbacher Konsens schützt vor Indoktrination und verpflichtet zur Kontroversität. Doch wie verhindern Schulen, dass Positionen gegen Kritik abgeschottet werden? Erwägungsorientierung bietet einen systematischen Ansatz: Sie macht Alternativen sichtbar, hält Begründungen prüfbar und stärkt demokratische Urteilskraft im Unterricht.

 


 

Demokratiebildung als doppelte Schutzaufgabe 

„Der Beutelsbacher Konsens bleibt grundlegend für politische Bildung – aber er muss erweitert werden“, sagt Professorin Bettina Blanck von der PH Ludwigsburg. Der Kern: Schülerinnen und Schüler dürfen nicht indoktriniert werden, sondern sollen sich selbst eine Meinung bilden. Doch auch die Gefahr der Kritikimmunisierung müsse stärker in den Blick rücken. Wer an einer Position festhält, ohne sie angesichts neuer Argumente zu korrigieren, blockiert demokratisches Lernen. 

Blanck verweist auf Thomas Kuhn: Je länger Forschende in einem Paradigma arbeiten, desto stärker neigen sie dazu, Kritik abzuwehren. „Das gilt auch für Schule und Gesellschaft. Demokratiebildung muss betonen, dass Kritikfähigkeit zwei Seiten hat – das Fragwürdig-machen anderer Positionen und das Fragwürdig-halten eigener.“ 

Der Beutelsbacher Konsens


Der Beutelsbacher Konsens geht auf eine Tagung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Jahr 1976 zurück. Er beschreibt zentrale Leitprinzipien politischer Bildung in pluralistischen Demokratien und gilt bis heute als grundlegende Orientierung. 

Er umfasst drei Prinzipien: 

1. Überwältigungsverbot: Lehrkräfte dürfen Lernende nicht im Sinne bestimmter politischer Positionen indoktrinieren. Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, sich ein eigenständiges Urteil zu bilden. 

2. Kontroversitätsgebot: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers diskutiert wird, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen. Unterschiedliche Positionen sind darzustellen. 

3. Schülerorientierung: Lernende sollen politische Situationen und eigene Interessen analysieren können und Wege erkennen, demokratisch Einfluss zu nehmen. 

Der Konsens ist kein Gesetz, sondern eine fachliche Selbstverpflichtung politischer Bildnerinnen und Bildner. 

Neutralität als Missverständnis: Rolle und Verantwortung von Lehrkräften 

Im Zusammenhang mit dem Beutelsbacher Konsens wird immer wieder die Frage gestellt, welche Rolle Lehrkräfte im politischen Unterricht einnehmen sollen. Dabei steht insbesondere zur Debatte, wie sie sich positionieren dürfen und welche Verantwortung ihnen zukommt. „Er verlangt keine Neutralität der Lehrkräfte“, betont Blanck. Neutralität sei weder möglich noch wünschenswert. Lehrkräfte hätten vielmehr eine dreifache Verantwortung: 

Erstens sind sie der demokratischen Grundordnung verpflichtet. Das bedeutet, dass sie eingreifen müssen, wenn Diskriminierungen oder Rechtsverletzungen stattfinden. Schweigen wäre hier kein Ausdruck von Zurückhaltung, sondern ein Versäumnis. 

Zweitens übernehmen Lehrkräfte unweigerlich eine Vorbildfunktion. Wer möchte, dass Schülerinnen und Schüler lernen, ihre Positionen zu begründen, Kritik anzunehmen und offen für andere Perspektiven zu bleiben, muss diese Haltung selbst verkörpern. Blanck fasst dies unter dem Begriff „distanzfähiges Engagement“ zusammen: Lehrkräfte sollen ihre Position vertreten, aber zugleich die Bereitschaft zeigen, sie zu überdenken, wenn überzeugendere Argumente vorliegen. 

Drittens prägen Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler immer, ob bewusst oder unbewusst. „Beeinflussen“ lasse sich nicht vermeiden. Entscheidend sei daher, ob diese Einflussnahme Lernende in einen bloßen „Gehorsamsmodus“ drängt oder ob sie im „Entscheidungsmodus“ gestärkt werden, also in die Lage versetzt, Alternativen zu erkennen, abzuwägen und eigene Urteile zu bilden. „Distanzfähiges Engagement heißt, sich engagiert für eine Position einzusetzen – aber zugleich bereit zu sein, sie zu korrigieren, wenn bessere Argumente vorliegen“, fasst Blanck zusammen. 

Erwägungsorientierung als didaktisches Konzept 

Mit ihrem Konzept des erwägungsorientierten Denkens liefert Blanck eine methodische Erweiterung des Beutelsbacher Konsenses. Es basiert auf drei miteinander verbundenen Elementen: 

  1. Erwägungs-Geltungsbedingung: Eine Position ist nur dann stark, wenn sie sich gegenüber Alternativen begründen lässt. „Alternativlosigkeit ist die schwächste aller Begründungen.“ Damit werden scheinbar unumstößliche Wahrheiten überprüfbar und Kritik bleibt möglich. 

  2. Wissen um Nicht-Wissen: In vielen Situationen können Alternativen nicht vollständig erfasst werden. Dieses Eingeständnis schafft Raum für Toleranz und verhindert, dass eine Position vorschnell verabsolutiert wird. 

  3. Verbesserungsengagement: Wer akzeptiert, dass es immer neue Alternativen geben kann, bleibt offen für Korrekturen. Damit wird Kritikimmunisierung vermieden, ohne in Beliebigkeit zu verfallen. 

So entsteht eine Haltung, die überzeugt, ohne zu indoktrinieren. Eine Haltung, die sowohl Standfestigkeit als auch Offenheit verbindet. 

Methoden der Erwägungsorientierung im Unterricht 

Damit erwägungsorientiertes Denken nicht abstrakt bleibt, braucht es konkrete Methoden. Blanck nennt mehrere Ansätze, die sich je nach Alter und Lernvoraussetzungen einsetzen lassen: 

  • Frageketten eröffnen neue Perspektiven: „Könnte es auch anders sein?“ Ausgehend von der eigenen Sichtweise wird Schritt für Schritt erweitert: Wie sehe ich das? Wie könnte ich es noch sehen? Wie sehen es andere – anwesende, abwesende oder noch nicht berücksichtigte Perspektiven? Wie gehe ich und wie gehen wir damit um, wenn wir nicht wissen, ob wir alle relevanten Perspektiven berücksichtigt haben, aber dennoch eine Lösung brauchen? 

  • Begriffsarbeit klärt, worüber eigentlich gesprochen wird. So kann etwa das Wort „Fehler“ ganz unterschiedlich verstanden werden: Was für die einen ein Fehler ist, ist für andere keiner. (s. Blanck 2025). Solche Klärungen verhindern Missverständnisse und öffnen neue Zugänge. 

  • Pyramidendiskussionen verbinden Einzelarbeit, Partnerarbeit, Gruppenarbeit und Plenum. Im Zentrum steht nicht die sofortige Festlegung auf eine Lösung, sondern das gemeinsame Erweitern des Erwägungshorizonts. 

  • Thesen–Kritik–Replik-Methode stärkt die Fähigkeit, Kritik nicht nur auszuhalten, sondern produktiv zu nutzen. Kritik wird als Anstoß zur Weiterentwicklung erlebt – nicht als persönlicher Angriff. 

Diese Methoden fördern eine Kultur, in der Fehler und Irrtümer nicht beschämend sind, sondern Ausgangspunkte für vertiefendes Lernen und bessere Begründungen. 

Positionskorrektur als Teil demokratischer Urteilskraft 

Der öffentliche Umgang mit Positionswechseln ist häufig von Skepsis geprägt. „In unserer Gesellschaft gilt das Ändern einer Position oft als Umfallen“, so Blanck. „Dabei kann es eine Stärke sein, sich aufgrund einer verbesserten Erwägungs- und Begründungslage zu korrigieren.” Ein Umdenken könne Ausdruck intellektueller Offenheit und einer verbesserten Argumentationslage sein. 

Im Unterricht zeigt sich das besonders deutlich: Wenn eine Schülerin zu einem einfachen Stromkreislauf mit einer Glühbirne etwa die Zweistoff-Hypothese entwickelt, dass die Glühbirne leuchtet, weil in ihr zwei Stoffe zusammengeführt und gemischt werden, so ist dies zwar falsch, aber logisch nachvollziehbar. Sie hat ein komplexes Denkmuster entwickelt, das nun durch neue Erkenntnisse – die zum Beispiel durch den Bau einer Reihenschaltung angestoßen werden könnten – weiterentwickelt werden kann. So wird das Korrigieren eines Irrtums – von einem „Fehler“ würde Blanck hier auf keinen Fall sprechen – zur selbstverständlichen Etappe im Lernprozess. 

Evidenzorientierung gegen Extremismus 

Auch der Umgang mit Evidenz spielt eine wichtige Rolle. „Gerade in den Sozialwissenschaften gibt es konkurrierende Theorien. Wichtig ist, dass Schülerinnen* und Schüler lernen, mit widersprüchlicher Evidenz umzugehen und offen zu bleiben für Korrekturen.“ Damit grenzt sich wissenschaftliches Denken klar von fundamentalistischen Haltungen ab, die Kritik ausschließen. 

Evidenzorientierung bedeutet für Blanck nicht, endgültige Wahrheiten zu liefern. Vielmehr geht es um eine reflektierte Anwendung von Theorien, die Begründungen durch das Angeben erwogener Alternativen nachvollziehbar und dadurch aber auch offen für Verbesserungen hält, wenn noch nicht bedachte Alternativen eingebracht werden. 

Erwägungsorientierung in Lehrkräftebildung und Curriculum verankern 

Damit erwägungsorientiertes Denken Wirkung entfalten kann, muss es systematisch in die Lehrkräftebildung und die schulische Praxis integriert werden. Blanck nennt drei zentrale Hebel: 

  • Fragen und Nicht-Wissen einbeziehen: Unterricht sollte nicht nur Antworten vermitteln, sondern Raum für offene Fragen schaffen. 

  • Übernahme vs. Erwägen trennen: Lehrkräfte müssen deutlich machen, welche Inhalte übernommen werden müssen (z. B. mathematische Grundregeln) und wo Alternativen zu erwägen sind (z. B. gesellschaftliche Modelle). Dabei macht es bezüglich dessen, was übernommen werden muss oder soll, einen Unterschied, inwiefern dies nicht nur explizit gemacht wird, sondern vielleicht auch angedeutet werden kann, weshalb diese Übernahme sinnvoll ist, vielleicht sogar, welche zu erwägenden Alternativen hierzu bedacht, aber verworfen wurden. 

  • Korrigieren würdigen: Schulen brauchen eine Kultur, die das Weiterentwickeln von Positionen als Lernfortschritt begreift und nicht als Schwäche.  

So lässt sich verhindern, dass Diskussionen ins Beliebige abgleiten. Zugleich wird der Kern demokratischer Bildung gestärkt: die Fähigkeit, Positionen zu entwickeln, zu begründen und offen zu halten. 

*Üblicherweise nutzt Prof. Dr. Bettina Blanck eine gendersensible Schreibweise. Da dies von Seiten der Herausgebenden in diesem Rahmen nicht vorgesehen ist, folgt sie hier der Verlagsvorgabe.

  • Blanck, B. (2012). Besondere Erwägungsmethoden und erwägungsorientierte Seminarberichte als Ergebnis erwägungsorientierten forschenden Studierens und Lehrens. In: Dies.: B. Blanck , Vielfaltsbewusste Pädagogik und Denken in Möglichkeiten – Theoretische Grundlagen und Handlungsperspektiven (S. 233–325). Lucius & Lucius. 

  • Blanck, B. (2024). Auch Konsens ist nicht alternativlos! Frag-würdig machen und Frag-würdighalten als Grundorientierung politischer Bildung und demokratieförderlicher Bildungsgänge. In A. Becher, E. Gläser & N. Kallweit (Hrsg.), Politische Bildung im Sachunterricht (S. 60–68). Klinkhardt. 

  • Blanck, B., & Vocilka, A. (2023). Diversität als Perspektivität und Kontroversität beim Philosophieren mit Schüler*innen am Beispiel „Weihnachtszeit“. In S. May-Krämer, K. Michalik & A. Nießeler (Hrsg.), Philosophieren im Sachunterricht. Potentiale und Perspektiven für Forschung, Lehre und Unterricht (S. 95–107). Klinkhardt. 

  • Blanck, B. (2025). Wer bestimmt eigentlich, was ein »Fehler« ist? – Drittklässler*innen im kollektiven Fachgespräch mit
    einer Dozentin über »Fehler«. widerstreit sachunterricht 30
  • Kuhn, T. S. (1978). Die Entstehung des Neuen. Studien zur Struktur der Wissenschaftsgeschichte. Suhrkamp. 

  • Mill, J. St. (2020). On liberty. Reclam Ausgabe deutsch/englisch. (Original erschienen 1859) 
  • Rieber, V., Vocilka, A., Albers, M., & Gaubitz, S. & Blanck, B. (2024). Working on concepts as an element of communication and starting point for research-based learning in highereducation. In A. Böhmer, G. Schwab & I. Isso (Hrsg.), Digital teaching and learning in higher education (S. 15–32). transcript. 

  • Rochnia, M., Schellenbach-Zell, J., Steckel, J., & Radisch, F. (2022). Eine Taxonomie der Evidenzorientierung im Bildungsbereich – was, wozu, wo und wie? PFLB – PraxisForschungLehrerinnenBildung. Zeitschrift für Schul- und Professionsentwicklung, 4(1), 190–201. https://doi.org/10.11576/pflb-5894  

  • Schmidt, C. (2013). Erwägungsorientierte Pyramidendiskussion – eine Methode für die Auswertung qualitativer Interviews im Team. In B. Friebertshäuser & S. Seichter (Hrsg.), Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung (S. 176–188). Beltz Juventa. 

  • Watzlawick, P., Beavin, J. H., & Jackson, D. D. (1974). Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien (5. Aufl.). Hans Huber.