Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bringen Geschichte in den Unterricht. Doch ihre Berichte bergen auch Risiken: Überwältigung, Fehlkonzepte und ein zu starkes Vertrauen in einzelne Geschichten. Dr. Christiane Bertram und Dr. Lisa Zachrich erforschen an der Universität Tübingen, wie Lernende und Lehrkräfte das volle Potenzial dieser Lernszenarien ausschöpfen können.
- Welche Rolle spielt der Geschichtsunterricht für die Demokratiebildung?
- Welche Kompetenzen braucht es dafür?
- Welche Bedeutung haben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Unterricht?
- Was verstehen Sie unter einem "Aura-Erlebnis" und wie wirkt sich dies auf das Lernen aus?
- Welche Chancen und Risiken ergeben sich durch Videoberichte?
- Wie kann Quellenarbeit auch im digitalen Zeitalter genutzt werden?
Redaktion: Frau Dr. Bertram, welche Rolle spielt ein reflektierter und kritischer Geschichtsunterricht, um demokratische Werte und historisches Bewusstsein zu bewahren?
Dr. Christiane Bertram: Die Aufgabe, demokratische Werte zu vermitteln, betrifft die gesamte Schule und sollte als Querschnittsthema verstanden werden. Das betont auch die Ständige Wissenschaftliche Kommission in ihren Empfehlungen zur Demokratiebildung von 2025. Dennoch spielen der Geschichts- und Politikunterricht eine besondere Rolle.
Der Geschichtsunterricht ist aus zwei Gründen wichtig: Erstens lernen die Schülerinnen und Schüler historische Hintergründe und Zusammenhänge kennen, die nötig sind, um öffentliche Narrative – etwa zum Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland – zu verstehen und zu hinterfragen. Zweitens vermittelt er, wie historische Erkenntnisse entstehen: dass es Unterschiede zwischen Quellen und Darstellungen gibt und dass mehrere Quellen und Darstellungen verglichen und kritisch geprüft werden müssen. So trägt der Geschichtsunterricht zur Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins bei und übernimmt angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen eine besondere Verantwortung.
Dr. Lisa Zachrich: Die im Geschichtsunterricht zentralen Kompetenzen orientieren sich am Regelkreis historischen Denkens (siehe Infobox, Anm. der Red.) Dieser beginnt mit einer Frage und endet mit einer Erkenntnis, die zu weiteren Fragen führen kann. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, historische Fragestellungen zu entwickeln (Fragekompetenz), Quellen und Darstellungen auszuwerten (Methodenkompetenz) und zu erkennen, welche Lehren aus der Vergangenheit für das heutige Leben gezogen werden können (Orientierungskompetenz). Grundlage des historischen Denkprozesses ist die Sachkompetenz, die historische Sachverhalte, Konzepte und Begriffe umfasst und sich mit jedem neuen Durchgang durch den Denkprozess – an unterschiedlichen Themen – zunehmend vertieft und ausdifferenziert.
Der Regelkreis historischen Denkens
Historisches Denken verläuft nicht linear, sondern in einem dynamischen Regelkreis, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft. Ausgangspunkt ist die Fragekompetenz: Aus aktuellen Interessen oder Problemen entstehen gezielte Fragen an die Geschichte. Um diese zu beantworten, kommt die Methodenkompetenz ins Spiel – Quellen und Darstellungen werden recherchiert, analysiert und kritisch eingeordnet. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse erweitern die Sachkompetenz, also das Verständnis für historische Zusammenhänge, Entwicklungen und Strukturen. Den Abschluss bildet die Orientierungskompetenz: Historisches Wissen wird auf die Gegenwart bezogen, um Urteile zu fällen und Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren. So entstehen neue Perspektiven – und oft auch neue Fragen, die den Regelkreis erneut in Gang setzen.
Redaktion: Jahrzehntelang haben vor allem Zeitzeuginnen und Zeitzeugen jungen Menschen Geschichte, insbesondere die Schrecken des Nationalsozialismus vor Augen geführt. Ihre Forschung beschäftigt sich intensiv mit dem Einsatz von Zeitzeugenberichten. Welche Bedeutung kommt diesen im Unterricht zu?
Bertram: Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen eröffnen einen lebendigen, authentischen Zugang zur Geschichte und können Schülerinnen und Schüler motivieren. In der Holocaust Education helfen sie, die abstrakten Zahlen der NS-Verbrechen greifbar zu machen, indem sie den Opfern Namen und Gesichter geben und aus der Unmenschlichkeit eine Botschaft der Menschlichkeit ableiten, wie Margot Friedländer, die kürzlich mit 103 Jahren verstorben ist, betont hat. Auch bei anderen Themen der Zeitgeschichte, etwa der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands, erleichtern sie das Verständnis von Ereignissen und Strukturen.
Redaktion: Wie beeinflussen Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Unterricht das Geschichtsverständnis?
Bertram: Am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung untersuchen wir die Wirksamkeit von Befragungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. In einer randomisierten Studie zeigte sich, dass Schülerinnen und Schüler den Live-Unterricht mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zwar als motivierend empfanden und selbst der Überzeugung waren, methodisch und inhaltlich viel gelernt zu haben, doch schnitten sie statistisch signifikant in den Kompetenztests schlechter ab als die Lernenden, die mit Video- oder Textformaten gearbeitet hatten. Zusammenfassen ließe sich der Befund unter dem Motto: „more fun, less learned“.
In einer zweiten Studie konnten wir zeigen, dass eine höhere Involviertheit bei Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dazu führt, dass die Perspektivität der Berichte weniger gut verstanden wird. Die Berichte motivieren also, bergen aber das Risiko von Fehlkonzepten, da Lernende den Geschichten stark vertrauen und eine einzelne Geschichte als umfassend ansehen. Eine sorgfältige Vor- und Nachbereitung im Unterricht ist entscheidend, um diese Risiken zu verringern.
Zachrich: Eine gute Möglichkeit ist der Einsatz mehrerer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen oder der Vergleich unterschiedlicher Berichte. In einer randomisiert kontrollierten Studie zeigte sich, dass der Unterricht mit zwei Zeitzeuginnen oder Zeitzeugen aus Ost- und Westdeutschland zur Transformationszeit nach 1989/1990 das Risiko, eine Perspektive als alleinige Wahrheit zu sehen, deutlich verringerte. Lehrkräfte können den Besuch einer Zeitzeugin oder eines Zeitzeugen auch mit videografierten oder verschriftlichten Berichten vergleichen, um Multiperspektivität zu betonen und Fehlkonzepten vorzubeugen.
Redaktion: Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind oft hochemotional, für einige Lernende vielleicht auch überfordernd. Welche Rolle spielen Emotionen beim historischen Lernen?
Zachrich: Emotionen sind wichtig, weil Geschichte auch bedeutet zu verstehen, was Vergangenes mit heute und dem eigenen Leben zu tun hat. Problematisch wird es jedoch, wenn Inhalte stark emotionalisieren – etwa ein Vortrag über Gewalt und Unrecht – ohne dass die Erfahrungen mit den Schülerinnen und Schülern nachbereitet werden. Dann kann starke emotionale Beteiligung das Lernen behindern.
Redaktion: Frau Zachrich, in Ihrer Dissertation haben Sie das sogenannte "Aura-Erlebnis" bei Schülerinnen und Schülern während der Begegnung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erforscht. Könnten Sie erläutern, was dieses Erlebnis umfasst und welche Auswirkungen es auf das Lernen hat?
Zachrich: Das Aura-Erlebnis beschreibt das Zusammenspiel von kognitiver, emotionaler und physischer Involviertheit von Lernenden bei Berichten von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. In einem konzeptionellen Modell haben wir diese Bereiche in Facetten ausdifferenziert, etwa „voll und ganz bei der Sache sein“ (kognitiv), „bewegt sein“ (emotional) oder körperlich reagieren (physisch). Unsere Studien zeigen, dass diese Involviertheit Unterschiede in kritischer Distanz, Leistung und Motivation der Lernenden bei Live- versus videografierten Berichten erklären kann.
Mit einem standardisierten Messinstrument lässt sich das Aura-Erlebnis auch in großen Stichproben erfassen. Es zeigt, dass besonders starke kognitive und emotionale Involviertheit bei Live-Zeitzeuginnen und -Zeitzeugen dazu führt, dass Lernende deren Berichte weniger kritisch betrachten. Auf Basis des “Aura”-Instruments haben wir einen Reflexionsbogen entwickelt, der die Nachbereitung von Gesprächen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen unterstützt. Dieser steht Lehrkräften über das Generationenportal des Landesbildungsservers Baden-Württemberg zum Download zur Verfügung und wird auch vom Koordinierenden Zeitzeugenbüro Berlin genutzt.
Redaktion: Für immer mehr Ereignisse gibt es heute keine Zeitzeugen mehr. Daher werden zunehmend Videoeinspieler verwendet. Wie wirken Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in solchen Videos?
Bertram: Videografierte Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ermöglichen, persönliche Geschichten dauerhaft zu nutzen. Die Shoah Foundation hat beispielsweise Tausende Videos von Überlebenden aufgenommen und stellt sie zur Verfügung. Bei der Arbeit mit solchen Materialien muss eine Auswahl getroffen werden, idealerweise kuratiert von Expertinnen und Experten, die der historischen Wahrheit verpflichtet sind. So werden die Videos aufbereitet, interpretiert und kontextualisiert.
Wenn Videos stark verkürzt oder gezielt geframed werden, können Zuschauerinnen und Zuschauer manipuliert werden. In einer Studie zeigte sich, dass allein der Kontext – etwa ob ein Video als Original oder rekonstruiert präsentiert wird – die emotionale Involviertheit der Lernenden beeinflusst, obwohl das Video identisch war. Deshalb ist es besonders wichtig, die Schülerinnen und Schüler auf diese Effekte vorzubereiten.
Redaktion: Mit Blick auf die zunehmende gezielte Desinformation und Manipulation von Videos sind dies keine guten Nachrichten. Welche Kompetenzen sollten Lehrkräfte diesbezüglich gezielt vermitteln?
Bertram: Lehrkräfte sollten die empirischen Befunde kennen und die Lernenden befähigen, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – ob live oder als Video – kritisch und reflektiert zu nutzen. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bieten die Chance, Grundsätzliches über das Fach Geschichte und über die Funktionsweise von Medien zu vermitteln. Am Hector-Institut arbeiten wir häufig mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der deutsch-deutschen Geschichte. Auf dem „Generationenportal“ des Landesbildungsservers Baden-Württemberg stehen 20-minütige Videos und fertig ausgearbeitete Unterrichtseinheiten zur Verfügung, inklusive des von uns entwickelten Reflexionsbogens.
Aktuell bieten wir gemeinsam mit dem Kultusministerium Baden-Württemberg die Wanderausstellung „Generationen im Gespräch“ an. Hier werden Videoinstallationen in Volkshochschulen gezeigt und mit, für den Unterricht aufbereiteten Videos, in Klassen vor Ort gearbeitet, um die deutsch-deutsche Geschichte und die Transformationszeit nach 1989/1990 historisch einzuordnen. Empathie und Wissen über historische Zusammenhänge sind dabei zentrale Mittel, um Desinformation und Manipulation entgegenzuwirken.
Redaktion: Im Gegensatz zu anderen Fächern steht im Geschichtsunterricht mit der Methodik der Quellenarbeit ein facheigenes Instrument zur kritischen Rezeption medialer Inhalte zur Verfügung. Wie kann dieses Potenzial besonders im digitalen Zeitalter genutzt werden?
Zachrich: Auch der Geschichtsunterricht muss mit der Zeit gehen. Sam Wineburg hat Anfang der 1990erJahre Techniken entwickelt, wie Historikerinnen und Historiker arbeiten und wie Schülerinnen und Schüler lernen sollten. Inzwischen überträgt er diese Methoden auf den Umgang mit medialen Inhalten und das Erkennen von Fake News. Die Techniken umfassen Sourcing (Autorin, Entstehungszeit und Zweck einer Quelle beachten), Corroboration (Quellen vergleichen, Übereinstimmungen und Widersprüche erkennen), Contextualization (Einordnung in die Entstehungszeit) und Close Reading (genaue Analyse von Sprache und Wortwahl). Diese Methoden lassen sich auch auf mediale Darstellungen und KI-generierte Inhalte übertragen.
Der Geschichtsunterricht vermittelt so eine zentrale Fähigkeit: kritisch mit Informationen umzugehen und Manipulationen zu erkennen. Auch wenn Schülerinnen und Schüler nicht bei jedem TikTok-Beitrag alle Techniken bewusst anwenden, sollen sie die begrenzte Aussagekraft von Videos erkennen. Quellenkritik ist damit ein wichtiges Mittel, um Fake News aufzudecken und die Demokratie zu schützen.
Dr. Christiane Bertram ist Akademische Rätin am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Sie forscht an der Schnittstelle der Fachdidaktik Geschichte und der Empirischen Bildungsforschung. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Oral History-Studien zur deutsch-deutschen Geschichte, auf der Wirksamkeit von Zeitzeug:innen und auf der Erfassung der Kompetenzen historischen Denkens.
Dr. Lisa Zachrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Lernen mit Zeitzeug:innen, Professionalisierung von Lehrkräften im Bereich der antisemitismuskritischen Bildung und Educational Effectiveness. Sie ist am Hector-Institut Direktorin für Studium und Lehre.
- Bertram, C. (2017). Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie (Reihe Geschichtsunterricht erforschen). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.
- Bertram, C. (2023). Was wirkt? Ein Forschungsprogramm zur Wirksamkeit von Zeitzeug*innen im Geschichtsunterricht. In M. Waldis, M. Nitsche & M. Hubacher, Geschichtsdidaktisch intervenieren. (S. 24-45). (Reihe Geschichtsdidaktik heute). Bern: hep-Verlag. https://www.hep-verlag.ch/geschichtsdiaktisch-intervenieren-doi
- Totter, K., Wagner, W., Bertram, C. & Trautwein, U. (2025). Effects of Working With Multiple Eyewitnesses in History Lessons on Competencies, Knowledge, and Motivation: A Cluster Randomized Controlled Field Trial. Journal of Educational Psychology. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/edu0000996
- Zachrich, L., Wagner, W., Bertram, C. & Trautwein, U. (2024). Really? It depends! How authentic learning material affects involvement and learning with personal stories of the past. Learning & Instruction 92.
- Zachrich, L. (2022). Empirische Bildungsforschung trifft Geschichtsdidaktik: Eine Untersuchung der Lernprozesse im Lernarrangement mit Zeitzeug:innenberichten. Dissertation Uni Tübingen. https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/133894/Dissertation_Zachrich_Ver%c3%b6ffentlichung.pdf?sequence=1&isAllowed=y
©
pexels shvets production