Bildungsgerechtigkeit: Impulse aus Schulen für Schulen

Das Projekt “Unlock the Future“ sammelt erfolgreiche Praxisbeispiele und macht sie für andere Schulen nutzbar

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 6 Minuten
Vier Grundschulkinder sitzen an einem gelben Tisch im Klassenzimmer und malen konzentriert mit Buntstiften. © pexels artem podrez

Redaktion: Was war der Ausgangspunkt für das Projekt „Unlock the Future“? Welche konkreten Herausforderungen im Bildungssystem wollten Sie adressieren?

Prof. Sabine Doff: Eine der drängendsten Fragen, mit der Schulen täglich ringen, ist: Wie lassen sich knapper werdende Ressourcen fair und gerecht verteilen? Auf der politischen Ebene gibt es dafür bislang keine tragfähige Strategie, sodass jede Schule diese schwierigen Entscheidungen immer wieder neu treffen muss. Genau hier setzt „Unlock the Future“ an: Wir wollten erstens konzeptionelle Klarheit zum Thema Bildungsgerechtigkeit schaffen, zweitens Best-Practice-Beispiele aus Schulen identifizieren und als übertragbare Bausteine aufbereiten, und drittens damit Schulen entlasten. Ein viertes Anliegen hat sich im Prozess ergeben: sichtbar zu machen, welche großartige Arbeit Schulen bereits leisten, wer diese Arbeit trägt und für wen. Unser Blick auf das Bildungssystem ist oft defizitorientiert. Wir wollten zeigen, wie engagiert und kreativ Schulen heute schon für mehr Gerechtigkeit sorgen, und das haben wir in Interviews, einer Ausstellung und einer digitalen Präsenz festgehalten.

Unlock the Future

Das Projekt „Unlock the Future“ erforscht, wie Schulen in Bremen und Bremerhaven Bildung gerechter gestalten. Im Mittelpunkt stehen konkrete Maßnahmen, die zugrunde liegenden Einstellungen sowie Impulse für die Bildungspolitik. Zwölf Schulen wurden in fünf Phasen intensiv begleitet, von der Planung über die Umsetzung bis zur Auswertung und Weitergabe der Ergebnisse. Wie die beteiligten Schulen Bildungsgerechtigkeit herstellen, wurde in einer Wanderausstellung sichtbar gemacht. Das Projekt verbindet wissenschaftliche Forschung mit visuellen Porträts und regt so den Dialog über gerechtere Bildung anhand greifbarer Beispiele aus der Schulpraxis an.

Redaktion: Bevor wir tiefer einsteigen: Was verstehen Sie eigentlich unter Bildungsgerechtigkeit?

Doff: In der Bildungswissenschaft ist klar definiert, dass es drei zentrale Konzepte von Gerechtigkeit gibt: Verteilungs-, Schwellen- und Anerkennungsgerechtigkeit. Im öffentlichen Diskurs werden diese aber häufig durcheinandergebracht. Politik orientiert sich meist an Verteilungsgerechtigkeit, also alle Kinder und Jugendlichen bekommen die gleichen Mittel und Möglichkeiten, zum Beispiel die gleiche Ausstattung oder Lernzeit. Das ist vergleichsweise einfach umzusetzen und wird deshalb gern als Standard gesetzt. 

In unserem Projekt konnte ich jedoch beobachten, wie wichtig Schwellengerechtigkeit ist, also dafür zu sorgen, dass alle Kinder eine bestimmte Schwelle erreichen können, etwa die Mindeststandards am Ende von Klasse 4 oder einen Schulabschluss. Ein Ergebnis der Studie ist, dass wir diesen Shift von Verteilungs- hin zu Schwellengerechtigkeit viel konsequenter befördern sollten. 

Und schließlich spielt Anerkennungsgerechtigkeit eine große Rolle: Die Mehrzahl der beteiligten Lehrkräfte und des pädagogischen Personals verstehen diese Haltung als Kern ihres Berufs: jedes Kind in seiner Individualität wahrzunehmen und diese zu fördern. Doch systemisch ist dieses Prinzip kaum abgesichert. Hier entstehen große Konflikte. Lehrkräfte wollen Anerkennungsgerechtigkeit leben, stoßen aber auf ein System, das eher auf Verteilung setzt.

Redaktion: Warum klaffen Anspruch und Wirklichkeit im Bildungssystem noch immer so weit auseinander?

Doff: Schulen wissen meist genau, was sie unter Bildungsgerechtigkeit verstehen und wie sie diese umsetzen, in der Regel eine Mischung aus Verteilungs-, Schwellen- und Anerkennungsgerechtigkeit. Die Politik benennt das Thema auf Makro-Ebene ebenfalls klar. Das Problem entsteht jedoch dazwischen: Hier bleibt die Umsetzung in den Strukturen oft stecken. Darum brauchen wir Hebel, die das Erfahrungswissen der Schulen so aufbereiten, dass es systemisch wirksam wird. Schulen sollen nicht jedes Mal bei null anfangen, sondern voneinander lernen können: „Ah, Schule X macht es so, das passt auch zu uns, das übernehmen und adaptieren wir.“ Nur so können sich solche Ansätze wirklich im Bildungssystem entfalten.

Redaktion: Wie sieht Bildungsgerechtigkeit konkret an den von Ihnen untersuchten Schulen aus? Welche Best Practices können anderen Schulen als Vorbild dienen?

Doff: Wir haben aus dem Projekt zwölf Best-Practice-Prototypen aus verschiedenen Schulen erarbeitet, die jeweils ein besonders prägnantes Merkmal von Bildungsgerechtigkeit herausstellen. Besonders beeindruckt hat mich eine Berufsschule in Bremen, die Kontinuität als zentrales Prinzip lebt: Jede Schülerin und jeder Schüler hat über die gesamte Ausbildungszeit hinweg ein festes Tandem aus pädagogischen Fachkräften als Ansprechpartner. Diese Personen begleiten fachlich und praktisch, helfen bei betrieblichen Fragen, Fehlzeiten oder familiären Problemen und schaffen so eine verlässliche Unterstützung, die es den Jugendlichen ermöglicht, ihre Ausbildung erfolgreich zu absolvieren. Aus dieser Kontinuität heraus entwickelte die Schule ein Leitbild, das Eigenverantwortung in den Mittelpunkt stellt, und startete darauf aufbauend einen umfassenden Schulentwicklungsprozess. 

Aber Bildungsgerechtigkeit zeigt sich nicht nur in persönlichen Begleitungen: Schon die Gestaltung von Räumen kann einen großen Unterschied machen. Schön gestaltete Lernumgebungen vermitteln Wertschätzung und motivieren die Kinder. In einer Oberschule in Bremerhaven wiederum wird Bildungsgerechtigkeit durch Praxisnähe umgesetzt: Schülerinnen und Schüler wissen von Anfang an, wofür sie lernen, absolvieren regelmäßige Praktika und bauen enge Netzwerke zu Betrieben auf, die ihnen auch langfristig berufliche Perspektiven eröffnen. Solche Best Practices lassen sich evaluieren, dokumentieren und als Bausteine auf ndere Schulen übertragen, um Wirkung auf breiterer Ebene zu entfalten.

Redaktion: Welche Voraussetzungen braucht es, damit solche Best Practices von anderen Schulen adaptiert werden können?

Doff: Derzeit bereiten wir eine Auswahl von Prototypen so auf, dass eine Übertragung auf andere Schulen möglich erscheint. Aktuell werden drei bis vier solcher Modelle erarbeitet, mit dem Ziel zu testen, wie andere Schulen diese Blaupausen übernehmen können. Dabei schauen wir, was Schulen brauchen, um die Konzepte tatsächlich nutzen und anpassen zu können. Außerdem haben wir eine Förderallianz mit lokalen Trägern gegründet, die finanzielle Mittel bereitstellt, um diesen Prozess praktisch zu erproben. So könnte sich etwa Schule A einen erprobten Prototyp zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit auswählen, ihn am besten gemeinsam mit einer Tandemschule adaptieren und implementieren sowie innerhalb einer begrenzten Projektlaufzeit evaluieren und weiterentwickeln. Die Governance-Struktur in der im Entstehen begriffenen Förderallianz steht derzeit im Einzelnen noch nicht fest, wichtig ist uns dabei jedoch, dass die beteiligten Schulen selbst bestimmen können, welcher Prototyp für sie am besten geeignet ist und gleichzeitig Partner suchen, um das Netzwerk über die zwölf beteiligten Schulen hinaus zu erweitern.

Redaktion: Ihre Studie betont zudem die Bedeutung evidenzbasierter Steuerung auf Schulebene und die Nutzung von Daten für die eigene Weiterentwicklung. Wie können Schulen diese Daten sinnvoll einsetzen, und welche Rolle spielen dabei Leistungsvergleiche wie PISA?

Doff: Wir sollten Leistungsvergleichsstudien wie PISA nicht als Kritik an Schulen wahrnehmen, sondern als Frühwarnsysteme sehen. Sie zeigen, wo und wobei Kinder welche Art an Unterstützung brauchen, um ihr Potenzial voll entfalten zu können. In Bremen erreichen viele Viertklässlerinnen und Viertklässler die Mindeststandards in Lesen, Schreiben und Rechnen nicht. Das liegt nicht an den Lehrkräften, sondern an fehlenden Förderangeboten. Andere Städte wie Hamburg machen es vor: Ein verpflichtendes Vorschuljahr mit gezielter Sprachförderung verbessert beispielsweise nachweislich die Ergebnisse. Damit solche Daten wirken, müssen Schulen sie interpretieren können und Unterstützung durch spezialisierte Institute, wie in Bremen beispielsweise das Institut für Qualitätsentwicklung im Land Bremen, (IQHB) erhalten. Dafür wiederum brauchen wir eine bessere Dialogkultur und feste Formate, in denen Lehrkräfte, Verwaltung und Politik regelhaft miteinander sprechen.

Redaktion: Was braucht es von politischer Seite, um schulische Lösungen wirksam zu fördern und langfristig mitzutragen?

Doff: Ich bin überzeugt, dass schon eine kleine Gruppe von vier bis fünf Schulen, die einen Modellversuch startet – zum Beispiel zum Thema Bildungsgerechtigkeit in Praxisnetzwerken – eine spürbare Wirkung entfalten kann. Wenn wir dafür gezielt Mittel einsetzen, lassen sich solche Ansätze erproben und sichtbar machen. Das erleichtert es wiederum, die Politik ins Boot zu holen und Programme wie das Startchancen-Projekt für eine dauerhafte Finanzierung zu nutzen. 

Denn klar ist: Aus den regulären Bildungsetats werden in den nächsten Jahren keine zusätzlichen Ressourcen kommen, also braucht es alternative Wege. Wichtig dabei ist, die Politik aktiv mitzunehmen statt gegen sie zu arbeiten. Politik, Schulen und Wissenschaft haben unterschiedliche Logiken und Zwänge. Nachhaltig wird es erst dann, wenn man diese Unterschiede akzeptiert und Synergien schafft.

Redaktion: Im Projekt spielt der künstlerische Aspekt eine zentrale Rolle: Schülerinnen und Schüler entwarfen mithilfe von KI sowohl ihre Vorstellung einer bildungsgerechten Schule als auch Selbstporträts von sich in zwanzig Jahren. Welche Impulse stoßen Sie damit im öffentlichen Diskurs an?

Doff: In unserer Ausstellung arbeiten wir mit zwei sehr unterschiedlichen Bildformaten, die sowohl in den Schulen als auch beim Publikum viel ausgelöst haben: fotografische Porträts in Kombination mit KI-generierten Visualisierungen. Besonders empowernd war, dass die Schülerinnen und Schüler die Porträtfotos, die in der Ausstellung gezeigt werden, selbst aufnahmen. So wurde das Medium Bild zu einem Instrument, mit dem sie zeigen konnten, wer an ihrer Schule bereits großartige Arbeit leistet – und für wen.  

Der zweite Ansatz war stärker zukunftsorientiert. Die Kinder entwickelten KI-generierte Bilder von sich selbst in 20 Jahren, etwa als Pilotin, Tierärztin oder in anderen Berufen. Das gab den Kindern ein Gefühl von Eigenwirksamkeit und Sichtbarkeit, das weit über typische Schulprojekte hinausgeht. Gerade für diejenigen, die zu Hause keine entsprechenden Rollenvorbilder haben, war das extrem motivierend und inspirierend. Mittels KI konnten sie außerdem ihre Vorstellung einer gerechten Schule sichtbar machen. Die Ergebnisse waren überraschend reflektiert und kreisten weniger um Fantasie-Schulen mit Kinos oder Popcornautomaten, als um sehr clevere Ideen wie Ordnung und Struktur, Nachhaltigkeit, Bewegung, Natur, Freiraum. Themen also, die in ihrer Generation eine große Rolle spielen.

Frau Professorin Doff, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Zur Person

Prof. Dr. phil. Sabine Doff ist Professorin für Fremdsprachendidaktik Englisch an der Universität Bremen. Sie forscht zur Geschichte des Fremdsprachenlernens, zum inklusiven Sprachunterricht und zur Lehrerbildung. Zudem hat sie das Projekt „Unlock the Future“ initiiert, das Bildungsgerechtigkeit erforscht und sichtbar macht.