Lernen findet nicht nur in der Schule statt. Welche Orte dafür über das Schulgebäude hinaus geeignet sind, hängt von den individuellen Bedürfnissen und Lernstrategien der Schülerinnen und Schüler ab. Fest steht: Der heimische Schreibtisch ist nicht die einzige Option, denn auch Cafés, Bibliotheken oder Museen können wertvolle Lernräume bieten und subjektives Wohlbefinden fördern.
Warum verbringen Schülerinnen und Schüler ihre Nachmittage im Essensbereich von Ikea? Diese Frage stellte Belen Zevallos, Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der School of Technology and Architecture der SRH University Heidelberg, in einem Gespräch über Schularchitektur. Eine wissenschaftliche Antwort darauf hat sie (noch) nicht, doch einiges liegt nahe: große Tische im Essbereich, niedrige Tische mit Sesseln, dazu Steckdosen und stabiles WLAN. Für viele Jugendliche scheint das eine Lernumgebung zu sein, in der sie nach der Schule gemeinsam Referate vorbereiten oder sich in Themen vertiefen können. Und damit stellt sich die größere Frage: Welche pädagogischen Potenziale bieten diese selbstgewählten Lernorte und wie können Schulen sie aktiv in ihre Arbeit einbeziehen?
Orte wie Cafés, Museen, Bibliotheken, aber auch virtuelle Lernräume wie Online-Plattformen zählen zu den außerschulischen, non-formalen Lernorten (vgl. Johnson et al. 2022). Diese Lernräume liegen außerhalb formaler Bildungseinrichtungen und ermöglichen Lernen und Wissenserwerb auf selbstgesteuerte Weise. Im Gegensatz zu Klassenzimmern bieten sie der und dem Einzelnen die Freiheit, sich an Lernaktivitäten zu beteiligen, die von persönlichen Interessen, Neugier und eigenständiger Erkundung geprägt sind.
Formales Lernen findet geplant und strukturiert innerhalb von Bildungseinrichtungen wie Schulen, Berufsschulen oder Universitäten statt. Es folgt einem festen Lehrplan und führt zu anerkannten Abschlüssen und Qualifikationen. Typische Beispiele sind Unterricht, Prüfungen oder Praktika, die Teil des offiziellen Curriculums sind.
Non-formales Lernen ist ebenfalls geplant und zielgerichtet, erfolgt jedoch außerhalb des formalen Bildungssystems und führt nicht unbedingt zu offiziellen Abschlüssen. Dazu zählen Aktivitäten wie AGs, Workshops, Musik- oder Sportkurse, Nachhilfe, Angebote von Jugendorganisationen oder auch Lerngruppen, die sich regelmäßig im Café treffen, um gemeinsam Aufgaben zu lösen oder Referate vorzubereiten.
Informelles Lernen geschieht beiläufig im Alltag und wird oft nicht bewusst als Lernen wahrgenommen. Es erweitert Fähigkeiten, Wissen oder Haltungen durch alltägliche Erfahrungen und Interaktionen. Beispiele sind das Ausprobieren neuer Dinge beim Kochen, Lernen über YouTube-Tutorials oder Gespräche mit Freundinnen und Freunden.
Hinweis: In der englischsprachigen Literatur wird häufig von „informal learning environments“ oder „informal learning spaces“ gesprochen, um Lernorte außerhalb der Schule zu beschrieben, die bewusst zum Lernen (non-formales Lernen) genutzt werden, wie Cafés, Bibliotheken, Jugendclubs.
Was zeichnet diese Lernorte aus? Der Soziologe Ray Oldenburg (1989) prägte Ende der 1980er-Jahre den Begriff des „Third Place“, also eines dritten Orts neben dem Zuhause (First Place) und Arbeit oder Schule (Second Place). Third Places sind niedrigschwellige Räume wie Cafés oder Bibliotheken, die Begegnung, Austausch und Gemeinschaft ermöglichen. Aus diesem Ansatz lässt sich ableiten, warum Schülerinnen und Schüler nachmittags nicht immer am heimischen Schreibtisch sitzen, sondern Orte suchen, an denen sie in entspannter Atmosphäre allein oder gemeinsam arbeiten können. Third Places schaffen eine informelle, entspannte und oft spielerische Atmosphäre, die dem „zweiten Zuhause"-Gefühl nahekommt und Austausch und gegenseitige Unterstützung fördert.
Doch nicht jede Schülerin oder jeder Schüler möchte jederzeit kollaborativ lernen. Hier hilft die Person–Environment-Fit-Theorie aus der Psychologie: Sie besagt, dass Zufriedenheit, Motivation und Leistung steigen, wenn die Umgebung zu den individuellen Bedürfnissen passt. Im Umkehrschluss kann eine schlechte Passung zwischen Person und Umgebung zu Stress, Demotivation, Unzufriedenheit und geringerer Leistung führen (Edwards, 2007). Übertragen auf Lernorte heißt das: Wer Ruhe und Konzentration sucht, findet sie eher in einer Bibliothek, während Cafés oder Jugendzentren Räume für gemeinsames Lernen und soziale Interaktion bieten (vgl. Geister et al., 2025).
Ein weiterer Aspekt non-formalen Lernens ist das sogenannte „free-choice learning“: Lernende entscheiden selbst, welche Themen sie vertiefen, in welcher Reihenfolge sie Informationen aufnehmen und wie stark sie Neugier oder Unterhaltung folgen. Diese Freiheit fördert die selbstbestimmte Gestaltung von Lernprozessen und verdeutlicht die Bedeutung außerschulischer Lernorte (vgl. LERN, 2023). Gleichzeitig zeigen Studien, dass non-formale Lernsettings Motivation und Interesse steigern, zentrale soziale Kompetenzen wie Kommunikations-, Organisations- und Teamfähigkeit fördern und Eigenschaften wie Beharrlichkeit und Resilienz unterstützen (vgl. Johnson et al., 2022).
Außerschulische Lernorte gewinnen für Kinder und Jugendliche zunehmend an Bedeutung. Das Positionspapier des Leibniz-Forschungsnetzwerks Bildungspotenziale (LERN, 2023) zeigt, wie Museen, Maker Spaces oder ähnliche Einrichtungen den Unterricht bereichern können: mit erlebnisorientierten Formaten, die gemeinsames, konstruktives Lernen fördern und zugleich Neugier für Themen wie Klimawandel oder Künstliche Intelligenz wecken.
Für den schulischen Bereich gibt es allerdings bislang nur wenige Untersuchungen zu Lernorten außerhalb des Unterrichts.
Im Hochschulbereich wurden solche Räume bereits umfassender analysiert. Empirische Studien zeigen hier, dass Lernräume außerhalb des Unterrichts einen wichtigen Beitrag zum Wohlbefinden und Lernerfolg leisten. So untersuchte Geister et al. (2025) in einer Online-Befragung von 932 Studierenden aus Österreich, Deutschland, Italien und der Türkei, wie die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit solcher Räume das psychische Wohlbefinden über soziale Integration beeinflusst. Lernräume außerhalb des Unterrichts bieten Möglichkeiten für Austausch, stärken das Zugehörigkeitsgefühl und fördern damit soziale Integration, was das Wohlbefinden verbessert. Besonders Studierende mit persönlichen Herausforderungen profitieren von gut zugänglichen Lernräumen: Einschränkungen führen zu deutlich geringerer sozialer Integration, während eine gute Verfügbarkeit diese Unterschiede erheblich verringert.
Ähnliche Ergebnisse liefert ein systematisches Review von Liu & Xu (2023). Demnach fördern Lernorte außerhalb des Unterrichts kollaboratives Arbeiten, selbstgesteuertes Lernen und soziale Interaktion. Soziale Aktivitäten steigern Motivation und Engagement, unterstützen den Erwerb zentraler Kompetenzen wie Kommunikation und Teamfähigkeit und verbessern die Identifikation mit der Lerngemeinschaft. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die räumliche Gestaltung.
Zentrale Kriterien für die Nutzung von Lernräumen sind Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Ausstattung (vgl. Geister, 2025). Lernräume lassen sich nach privaten/öffentlichen und individuellen/kollektiven Zonen gliedern: Ruhige Rückzugsorte eignen sich für konzentriertes Einzelstudium, offene Bereiche fördern kreatives Miteinander und digitale Kollaboration. Studien zeigen, dass die Präferenzen der Lernenden eng mit den jeweiligen Aktivitäten verknüpft sind und Faktoren wie Komfort, Nähe, Zugänglichkeit und Atmosphäre die Nutzung entscheidend beeinflussen (vgl. Harrop & Turpin, 2013). Lernende wählen ihre Räume nach diesen Kriterien und wechseln je nach Bedarf zwischen sozialen und ruhigen Zonen; bereits kleine Anpassungen der physischen Gestaltung, etwa die Umstellung von Tischen, können die Nutzung deutlich erhöhen (Valtonen et al., 2021).
Wu et al. (2021) ergänzen diese Erkenntnisse um konkrete Gestaltungsempfehlungen: Lernräume sollten gut erreichbar und nahe an Unterrichtsräumen liegen, flexible Möblierung bieten, eine angenehme Atmosphäre mit guter Beleuchtung, Akustik und Stromversorgung haben, Rückzugsmöglichkeiten für konzentriertes Arbeiten bereitstellen und soziale Interaktionsmöglichkeiten fördern.
Gleichzeitig stehen im ländlichen Bereich immer weniger Lernräume offen zur Verfügung, und selbst in Städten mit hoher Dichte möglicher Orte können eingeschränkte Zugangszeiten oder Kosten in Cafés Hürden darstellen. Bermans (2020) kritisiert deshalb, dass Lernorte außerhalb des Unterrichts häufig idealisiert und als frei zugänglich dargestellt werden, während soziale und institutionelle Kontexte oft ausgeblendet bleiben. Tatsächlich kann die Zugänglichkeit von Lernorten Exklusion begünstigen: In der Studie von Geister et al. (2025) erlebten Studierende, die sich nicht mit den dominanten Normen identifizieren oder eingeschränkten Zugang zu gemeinsamen Räumen hatten, soziale und akademische Benachteiligung, was ihr emotionales Wohlbefinden negativ beeinflusste.
Ähnlich fragt das LERN-Positionspapier (2023), wie Jugendliche aus bildungsfernen Milieus, verschiedenen sozialen Kontexten oder mit Migrationshintergrund erreicht werden können. Niedrigschwellige Zugänge, mehrsprachige Angebote oder digitale Medien bieten hier besondere Chancen, Inklusion zu fördern.
Die Forschung zeigt: Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, flexible Gestaltung und soziale Einbettung von Lernräumen sind entscheidend für Wohlbefinden, Motivation und Lernerfolg. Für Schulen eröffnet das die Chance, über das Klassenzimmer hinauszudenken und gezielt mit Orten wie Museen, Jugendzentren oder Cafés zu kooperieren. Auch Belen Zevallos verweist auf Gemeinden, in denen Schulen bewusst das Quartier als Lernraum nutzen. Statt eigene Räume vorzuhalten, greifen sie auf bestehende Orte wie Lesecafés, Bibliotheken oder Parks zurück und eröffnen so flexible Lernumgebungen mitten im Alltag der Jugendlichen.
Auch die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft (2017) fordert, Schulen stärker im Quartier zu verorten und Kooperationen mit öffentlichen Einrichtungen auszubauen. Das LERN-Positionspapier betont zudem die Notwendigkeit, schulisches und außerschulisches Lernen enger zu verzahnen, etwa durch die Zusammenarbeit von Lehrkräften mit museumspädagogischem Personal oder durch mobile und digitale Formate.
Fest steht: Lernen zwischen Schule und Zuhause, in sogenannten Third Places, bietet wertvolle Chancen - und Schulen können aktiv dazu beitragen, deren Potenzial durch Kooperationen und Öffnung mitzugestalten.
Berman, N. (2020). A critical examination of informal learning spaces. Higher Education Research & Development, 39(1), 127–140. https://doi.org/10.1080/07294360.2019.1670147
Edwards, J. R., & Shipp, A. J. (2007). The relationship between person-environment fit and outcomes: An integrative theoretical framework. In C. Ostroff & T. A. Judge (Eds.), Perspectives on organizational fit (pp. 209–258). Lawrence Erlbaum Associates Publishers.
Geister, S., Keser Aschenberger, F., Çetinkaya-Yıldız, E., & Apaydın, S. (2025). The role of informal learning spaces in promoting social integration and wellbeing in higher education. Frontiers in Education, 10, Article 1637874. https://doi.org/10.3389/feduc.2025.1637874
Harrop, D., & Turpin, B. (2013). A Study Exploring Learners’ Informal Learning Space Behaviors, Attitudes, and Preferences. New Review of Academic Librarianship, 19(1), 58–77. https://doi.org/10.1080/13614533.2013.740961
Johnson, M., and Majewska, D. (2022). Formal, non-formal, and informal learning: What are
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Leibniz-Forschungsnetzwerk Bildungspotenziale (LERN). (2023). Bildungspolitisches Forum 2023: Außerschulische und informelle Lernorte für Kinder und Jugendliche: Positionspapier. https://www.leibniz-bildung.de/wp-content/uploads/2021/07/BPF_Positionspapier_Gesamt_FINAL_20230920.pdf
Liu, Z., & Xu, W. (2023). Unveiling the power of social interactions: A systematic review of student experiences in informal learning space. Environment and Social Psychology, 9(1). https://doi.org/10.54517/esp.v9i1.1867
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Wu, X., Kou, Z., Oldfield, P., Heath, T., & Borsi, K. (2021). Informal Learning Spaces in Higher Education: Student Preferences and Activities. Buildings, 11(6), 252. https://doi.org/10.3390/buildings11060252
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