Wie selbstgesteuertes Lernen in der Grundschule gestärkt werden kann

Selbstgesteuertes Lernen steigert die intrinsische Motivation, weil es Autonomie und Kompetenzgefühl stärkt – zwei zentrale Treiber kindlicher Lernfreude

Lena Sterz

Lesezeit: 5 Minuten
Kinder sitzen gemeinsam an einem Tisch im Klassenzimmer und arbeiten an Aufgaben — Grundschulkinder beim selbstgesteuerten Lernen © pexels mikhail nilov

Auch in der Grundschule ist das Konzept des selbstgesteuerten Lernens schon hilfreich. Kinder können hier das bewusste Planen, Beobachten und Bewerten des Lernens erlernen. Im Interview spricht Professor Klaus Konrad, Professor für Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, über die systematische Förderung dieser Fähigkeit und erklärt, welche konkreten Strategien Lehrkräfte im Alltag unterstützen können.

Redaktion: Wie definieren Sie selbstgesteuertes Lernen und was ist dafür gerade im Grundschulkontext wichtig, wo Kinder grundlegende Lern- und Selbstregulationsfähigkeiten erst entwickeln?

Prof. Klaus Konrad: Selbstgesteuertes Lernen bedeutet, dass Kinder ihren Lernprozess zunehmend selbst planen, steuern und reflektieren. Sie übernehmen also Verantwortung für ihr Lernen - mit allem, was dazugehört: Motivation, Durchhaltevermögen, Selbstkontrolle und Reflexion über eigene Lernwege. Es geht nicht darum, die Kinder allein zu lassen, sondern sie schrittweise von der Fremdsteuerung zu lösen.

Gerade in der Grundschule ist das entscheidend, weil dort die Basis gelegt wird. Viele Lehrkräfte lassen ihren Schülerinnen und Schülern bewusst Freiräume, und das ist gut so. Der Kern liegt in der Balance: Wie viel Selbstständigkeit traue ich den Kindern zu, ohne sie zu überfordern? Wie kann ich sie ermutigen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen?

Unterschiede: Selbstgesteuertes und selbstreguliertes Lernen

Im Deutschen werden die Begriffe selbstgesteuertes und selbstreguliertes Lernen häufig gleichgesetzt, obwohl sie unterschiedliche theoretische Wurzeln haben.
Das liegt unter anderem daran, dass unterschiedliche englische Konzepte („self-directed learning“ und „self-regulated learning“) häufig unpräzise übersetzt werden. Dadurch entsteht der Eindruck, die Begriffe meinten dasselbe – was fachlich nicht korrekt ist.
 

  • Selbstgesteuertes Lernen ist der übergeordnete, weiter gefasste Begriff. Er ist sozial-kognitiv und sozial-konstruktivistisch begründet (u. a. nach der Lerntheorie Albert Banduras) und bezieht immer das Verhältnis zwischen Lernenden und ihrer Umwelt ein. Das heißt, Lernende steuern nicht nur ihre Gedanken, Motivation und Emotionen, sondern beziehen aktiv die Umgebung ein: Sie wählen Lernmaterial aus, suchen Feedback und passen ihr Lernen an soziale und zeitliche Rahmenbedingungen an. Gleichzeitig wird Wissen oft gemeinsam mit anderen aufgebaut, sodass die Interaktion mit Lehrkräften oder Mitlernenden eine wichtige Rolle spielt.
  • Selbstreguliertes Lernen ist ein Teilaspekt der Selbststeuerung. Es bezieht sich ausschließlich auf interne Prozesse der Person, also auf kognitive, metakognitive, motivationale und emotionale Regulation während des Lernens. 

Redaktion: Wie können Lehrkräfte diesen Übergang vom gelenkten zum selbstgesteuerten Lernen konkret gestalten?

Konrad: Das gelingt über gezielte Differenzierung und über Strukturen, die Sicherheit geben. Kinder lernen auf sehr unterschiedlichen Niveaus. Manche benötigen klare Anleitung und persönliche Unterstützung, andere können bereits frei arbeiten und eigene Lösungswege finden. Für die Primarstufe eignen sich vor allem Methoden, die klar, visuell und ritualisiert sind.

Redaktion: Sie haben ein Buch zur Förderung des selbstgesteuerten Lernens geschrieben. Welche konkreten Förderstrategien eignen sich für die Primarstufe, und wie lassen sie sich im Alltag integrieren?

Konrad: Am wirksamsten sind Methoden, die Kinder aktiv in den Lernprozess einbinden. Dazu gehören einfache Routinen zur Selbststeuerung, visualisierte Lernziele und Feedbacksysteme. Besonders bewährt hat sich die Kombination aus Beobachtung, kurzer Reflexion und symbolischer Rückmeldung – etwa durch kleine Checkkarten oder visuelle Anker wie „Erfolgsthermometer“. Auch Strategien wie Lautes Denken, Zielvereinbarungen, Visualisierung von Zielen und Reflexionsphasen können schon in der Grundschule eingeführt werden.

Strategien zur Förderung des selbstgesteuerten Lernens

  1. Lautes Denken: Die Lehrkraft demonstriert die Vorgehensweise bei einer Aufgabe und spricht jeden Denkschritt laut aus: „Zuerst lese ich die Aufgabe ganz durch. Dann markiere ich die Schlüsselwörter …“. Kinder lernen so, Denkprozesse bewusst nachzuvollziehen.
  2. Zielvereinbarung und Planung: Kinder wählen aus differenzierten Wochenplänen Aufgaben aus oder formulieren – mit Unterstützung – realistische Tagesziele, etwa: „Heute schaffe ich drei Sternchenaufgaben in Mathe.”
     
  3. Reflexionsphasen: Am Ende einer Lernphase kurz innehalten: Was hat gut geklappt? Was war schwierig? Zentral ist die Frage: Wie habe ich gelernt? (Nicht: Was habe ich gelernt?) – unterstützt etwa durch Ampelkarten (Grün = alles klar, Rot = ich brauche Hilfe).
  4. Visualisierung von Strategien: Plakate im Klassenzimmer, die Lernschritte abbilden, helfen Kindern, Strategien zu verinnerlichen. Zum Beispiel ein Vier-Schritte-Plan zur Textzusammenfassung oder „Mein Weg zur Lösung“.

Diese Strategien schaffen Transparenz. Kinder begreifen: Lernen ist ein Prozess, den man selbst beeinflussen kann.

Redaktion: Sie betonen die Bedeutung von Gewohnheiten für den Lernerfolg. Welche positiven Routinen können Lehrkräfte früh etablieren, um Selbststeuerung und Durchhaltevermögen zu fördern?

Konrad: Routinen sind das Fundament des selbstgesteuerten Lernens. Sie geben Sicherheit und entlasten das Arbeitsgedächtnis – so bleibt mehr Kapazität für den eigentlichen Lerninhalt. Ein paar einfache, aber wirkungsvolle Routinen sind erstens feste Übergangsrituale: kurze, klare Rituale zwischen den Fächern oder vor der Freiarbeit (zum Beispiel Aufräumen, Atmen, Stifte sortieren, kurze Stilleübung). Sie signalisieren: Jetzt beginnt eine neue Phase. Zweitens: gemeinsames Arbeiten mit einem sichtbaren Zeitrahmen (Eieruhr, Sanduhr, digitale Uhr), zum Beispiel 15 Minuten. Das stärkt Fokus und Durchhaltevermögen. Drittens:  Aufräum- und Vorbereitungsroutine, wenn am Ende einer Stunde alles für den nächsten Tag vorbereitet wird. Das schafft Struktur und Selbstwirksamkeit. Und viertens eine „Wie hole ich mir Hilfe“-Routine: Klare Regeln, wann, wie und bei wem um Unterstützung gebeten werden darf – etwa Lehrkraft, Partner, Hilfekarte. Das verhindert vorschnelles Aufgeben. Diese festen Abläufe wirken Wunder, weil sie Automatismen entstehen lassen, auf die Kinder in stressigen Momenten zurückgreifen können.

Redaktion: Im Kapitel über (meta-)kognitive Kompetenzen sprechen Sie über Methoden wie das Lerntagebuch. Welche eignen sich in der Grundschule besonders gut?

Konrad: Tatsächlich ist ein klassisches Lerntagebuch für jüngere Kinder oft zu komplex. Gut funktionieren visuelle, klar strukturierte Varianten: Erstens ein   Lern-Steckbrief wie ein Mini-Tagebuch: Statt langer Texte gibt es kurze, übersichtliche Formulare am Ende einer Woche oder Einheit. Zweitens können Antworten auf typische Fragen, zum Beispiel „Das habe ich gelernt“ gezeichnet oder geschrieben werden, genauso wie „Das war einfach/schwer“, „So habe ich gelernt“. Das kann aufgelistet werden, und dann müssen die Kinder ankreuzen: Ich habe geübt / mit jemandem gesprochen / einen Plan gemacht. Drittens und ganz simpel die Zwei-Farben-Markierung: Kinder markieren in ihrem Arbeitsblatt grün, was sie verstanden haben, und rot, wo sie Hilfe brauchen. Viertens können  Reflexionskarten mit Fragen wie „Was war mein Ziel?“, „Welche Strategie habe ich benutzt?“, „Was mache ich beim nächsten Mal anders?“ helfen. In Partnerarbeit können diese Karten Gesprächsanlässe schaffen und Reflexion anregen.

Redaktion: Eine aktuelle Studie aus Mainz und Zürich belegt, dass Selbstregulation bereits in der ersten Klasse gezielt gefördert werden kann. Wie bewerten Sie diese Erkenntnisse?

Konrad: Die Studie „Teaching Self-Regulation“ ist in der Tat bemerkenswert. Mehr als 500 Erstklässlerinnen und Erstklässler nahmen daran teil. Nach nur einer dreistündigen Lehrerfortbildung und einer kurzen Unterrichtseinheit zeigten die Kinder signifikante Verbesserungen ihrer Selbstregulationsfähigkeit. Bemerkenswert ist, dass dies ohne großen Zeitaufwand in den normalen Unterricht integriert wurde. Basis war die MCII-Strategie, das steht für Mental Contrasting with Implementation Intentions. Die Kinder lernten, sich Hindernisse auf dem Weg zu einem Ziel vorzustellen (Mental Contrasting) und daraus konkrete „Wenn-dann-Pläne“ zu formulieren (Implementation Intentions). Mithilfe der Bilderbuchfigur „HÜ, der Hürdenüberspringer“ wurde die abstrakte Strategie kindgerecht vermittelt. Diese Ergebnisse bestätigen, wie wirksam frühe Selbstregulationsförderung sein kann – und das schon mit spielerischen, leicht umsetzbaren Methoden.

Redaktion: In Grundschulklassen zeigen Kinder oft sehr unterschiedliche Motivation und Konzentrationsfähigkeit. Wie lässt sich damit umgehen?

Konrad: Diese Heterogenität ist das tägliche Kernthema in Grundschulen, und sie ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen. Um die Motivation zu fördern und gleichzeitig zu differenzieren, kann man Basis- und Wahlaufgaben kombinieren. Alle bearbeiten eine Kernaufgabe, motivierte Kinder erhalten zusätzlich Forscheraufträge oder offene Fragen. Kleine Erfolgserlebnisse, zum Beispiel sichtbare Fortschrittsanzeigen, steigern die Anstrengungsbereitschaft.
 

Um die Konzentration zu unterstützen, können flexible Lernorte helfen, individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen: Manche Kinder arbeiten konzentrierter in der Leseecke, andere lieber im Austausch. Bewegungspausen aktivieren das Gehirn und erhöhen die Aufmerksamkeit. Ebenso wichtig sind „Flow-Zeiten“, also Phasen, in denen Kinder länger an einer Aufgabe bleiben dürfen, wenn sie konzentriert sind.

Redaktion: Welchen zentralen Tipp möchten Sie Grundschullehrkräften mitgeben, die selbstgesteuertes Lernen schrittweise in ihren Unterricht integrieren wollen

Konrad: Beginnen Sie klein, aber regelmäßig. Selbststeuerung entsteht durch Gewohnheit. Eine einzige metakognitive Routine nach jeder Lernphase, etwa eine kurze Reflexionsphase oder ein vereinfachter Lern-Steckbrief, kann schon viel bewirken.
 

Ein Lern-Steckbrief für eine zweite Klasse könnte so aussehen: „Was habe ich heute gelernt?“ – „Was war schwierig?“ – „So habe ich gelernt: allein / mit Partner / mit Spielen“. Diese Reflexion dauert nur drei Minuten, bringt aber viel Klarheit über Lernstrategien. Langfristig geht es nicht um zusätzliche Programme, sondern um eine Haltung: Kindern Vertrauen schenken, sie begleiten und ihnen Werkzeuge geben, mit denen sie selbst ihr Lernen gestalten können.

Redaktion: Herr Professor Konrad, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Porträt Prof. Klaus A. Konrad
Zur Person

Klaus Konrad ist Professor für Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Lern- und Motivations- bzw. Willenspsychologie. Aktuell forscht er zum Handeln und der Lernförderung unter besonderer Berücksichtigung der Selbstregulation.