"Bildung ist Teamarbeit" – Wie Wissenschaft und Praxis Schulleitungen evidenzbasiert stärken

Ein Interview über wirksame Schulführung, evidenzbasierte Entwicklung und Kooperationen im Bildungsbereich

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 5 Minuten
Zwei Lehrerinnen arbeiten gemeinsam an einer Unterrichtsvorbereitung © pexels Arina Krasnikova

Redaktion: Herr Professor Trautwein, Herr Haaf, Herr Professor Riecke-Baulecke, was braucht Schule heute und was braucht sie morgen?

Prof. Dr. Ulrich Trautwein: Schule heute braucht Klarheit im Ziel und Flexibilität in der Umsetzung. Wir stehen vor enormen Herausforderungen – Leistungsprobleme bei der Schülerschaft, soziale Ungleichheit, Digitalisierung, Fachkräftemangel, zunehmende Heterogenität, um nur einige zu nennen. Die Schule von morgen muss stärker eine lernende Organisation sein: offen für Wandel, in der Lage, sich auf Basis von Daten und Erfahrungen weiterzuentwickeln – und getragen von Menschen, die Verantwortung übernehmen. Evidenzbasierung und kollektive Professionalität werden dabei zentral.  

Marco Haaf: Aus meiner Sicht als früherer Schulleiter braucht Schule heute vor allem Orientierung und Vertrauen – in ihre eigene Wirksamkeit, in ihre Teams und in Veränderungsprozesse. Die Herausforderungen sind komplex und erfordern kein „Mehr des Alten", sondern ein bewusstes Innehalten und mutiges Neudenken. Als Geschäftsführer der aim sehe ich täglich, wie wichtig professionell gestaltete Lern- und Entwicklungsräume für Führungspersonen sind – sei es durch Qualifizierungsformate oder Reflexionsangebote. Morgen braucht Schule noch mehr Netzwerkorientierung: Führung bedeutet dann nicht nur Steuerung, sondern auch Verbindung – zwischen Professionen, Ebenen und Perspektiven. Bildung ist Teamarbeit, und das muss sich auch strukturell widerspiegeln.  

 Prof. Dr. Riecke-Baulecke: Lehrkräfte und Schulleitungen leisten Außergewöhnliches – angesichts tiefgreifender Veränderungen in den letzten 10 bis 15 Jahren. Deutschland ist Migrationsland Nr. 1 geworden, was frühe Sprachförderung zur Schlüsselaufgabe macht. Gleichzeitig stehen offene Gesellschaften unter Druck, ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen – durch exzellente Bildung, individuelle Förderung und die gezielte Unterstützung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler. Künstliche Intelligenz bietet neue Chancen für personalisiertes Lernen, erfordert aber auch kritische Medienkompetenz und bewusste Offline-Zeiten. Zentrale Aufgabe der Schule bleibt: Demokratiefähigkeit fördern – durch Meinungsbildung, Dialogfähigkeit und Selbstwirksamkeit. 

Redaktion: Welche Rolle spielen Schulleitungen für die Qualität und Weiterentwicklung von Schule, gerade in Zeiten von Wandel und Krisen?

Haaf: Schulleitungen sind heute mehr denn je systemrelevant – nicht nur administrativ, sondern pädagogisch und strategisch. Als Schulleiter habe ich erlebt, wie entscheidend klare Führung, gemeinsames Lernen im Kollegium und ein wertschätzender Umgang in Krisenzeiten sind. Heute, mit Blick auf unsere Arbeit bei der aim, sehe ich, wie wichtig es ist, Führung als lernbare Kompetenz zu begreifen.  
Gerade im Wandel braucht es Führungskräfte, die mutig und reflektiert gestalten, die Entscheidungen auf Basis von Daten und Erfahrung treffen – und die ihre Schulen in eine konstruktive Zukunft führen, ohne sich selbst zu verlieren.

Riecke-Baulecke: Schulleitungen sind zentrale Führungskräfte, von deren Wirken der Bildungserfolg maßgeblich abhängt. Gute Führung schafft Zielklarheit durch Beteiligung – von Lehrkräften, Lernenden und Eltern. Sie rückt den Unterricht in den Mittelpunkt, analysiert Lernprozesse mit Daten und Beobachtungen und fördert gezielt die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Erfolgreiche Schulleitungen handeln umsetzungsstark und evaluieren Ergebnisse konsequent. 

Masterstudiengang "Schulmanagement und Leadership"

Von der digitalen Transformation über datenbasierte Schulentwicklung bis hin zu Kommunikations- und Führungsstrategien vermittelt der Masterstudiengang "Schulmanagement und Leadership" die notwendigen Werkzeuge, um Schulen als lebendige und zukunftsorientierte Lernorte zu gestalten. Der berufsbegleitende Weiterbildungsstudiengang wird vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen in Kooperation mit der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim), dem Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW) und dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) angeboten.

Redaktion: Wissenschaft produziert Erkenntnisse, aber wie kann Bildungsforschung konkret zur Lösung von Praxisproblemen beitragen, gerade im Bereich Leadership?

Trautwein: Ein zentraler Beitrag der Forschung liegt darin, Komplexität zu reduzieren – und gleichzeitig Handlungssicherheit zu erhöhen. Wenn wir zum Beispiel wissen, wie sich Führung auf Unterrichtsqualität auswirkt oder welche Bedingungen kollegiale Zusammenarbeit fördern, können wir Qualifizierungsangebote gezielt ausrichten. Es geht uns darum, Brücken zwischen Theorie und Praxis zu bauen – nicht als Einbahnstraße, sondern im Dialog. Das setzen wir sowohl im Weiterbildungsmaster als auch mit dem Online-Magazin schulmanagement um – mit unterschiedlichen Formaten, aber dem gemeinsamen Ziel: evidenzorientierte Schul- und Bildungsentwicklung voranzubringen.

Riecke-Baulecke: In der Pädagogik gibt es viele Meinungen – entscheidend ist jedoch, was nachweislich wirkt. Wie in der Medizin braucht auch Bildung wissenschaftliche Fundierung, denn es geht um das Wohl von Kindern.

Redaktion: Welche Rolle spielt die Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxispartnern wie der aim, dem ZSL und dem IBBW für die Qualität des Studiengangs „Schulmanagement und Leadership“?

Trautwein: Diese Zusammenarbeit ist ein Schlüssel zum Erfolg. Die aim bringt große Expertise in der didaktischen Umsetzung berufsbegleitender Formate mit, das ZSL und das IBBW garantieren Nähe zur schulischen Realität in Baden-Württemberg. Als wissenschaftliche Institution profitieren wir von diesen Perspektiven – und stellen gleichzeitig sicher, dass unsere Erkenntnisse in der Praxis ankommen.  

Haaf: Die Qualität des Studiengangs entsteht genau durch diese multiperspektivische Zusammenarbeit. Unsere Rolle als aim ist es, das Erfahrungswissen aus der Praxis und unsere Expertise in der didaktischen Umsetzung einzubringen. Wir kennen die Bedarfe der Führungskräfte, die Spannungsfelder zwischen Theorie und Alltag – und wir wissen, dass gute Weiterbildung lebensnah, dialogisch und anwendungsorientiert sein muss.  
Gemeinsam mit dem ZSL, dem IBBW und dem Hector-Institut gelingt es uns, einen Studiengang zu gestalten, der wissenschaftlich fundiert ist und zugleich die Realität in den Schulen ernst nimmt.  

Riecke-Baulecke: Nur gemeinsam sind wir stark. Wissenschaft dient der Erkenntnis, Bildungsverwaltung der Umsetzung im staatlichen Auftrag, und gemeinnützige Partner wie die aim bringen wertvolle Impulse ein. Wenn all das im Sinne guter Bildung zusammengefügt wird, entsteht große Wirkung.

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Redaktion: Wenn Sie in fünf Jahren auf die Bildungslandschaft blicken könnten: Was wäre wünschenswert – und was realistisch?

Trautwein: Ein zukunftsfähiges Bildungswesen braucht Schulen, die stärker voneinander lernen, Führung, die systematisch professionalisiert ist und evidenzbasierte Ansätze, die selbstverständlich zum Handwerkszeug gehören. Realistisch? Das hängt von unserem Mut zur Veränderung ab – und davon, wie gut es uns gelingt, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren. Wissenschaft allein wird Schule nicht verändern. Aber ohne Wissenschaft wird Veränderung kaum gelingen.  

Haaf: Wünschenswert wäre eine Bildungslandschaft, in der Führung systematisch gefördert wird – und zwar nicht erst, wenn jemand eine Schule übernimmt, sondern bereits in der Phase der Berufseingangs- und Weiterentwicklung. Ich wünsche mir Schulen als Orte lernender Gemeinschaften, in denen Leitung nicht isoliert, sondern integriert gedacht wird. Realistisch ist: Wenn wir jetzt konsequent in evidenzbasierte Qualifizierung, in Transferformate und in kooperative Strukturen investieren, können wir in fünf Jahren echte Fortschritte sehen. Veränderung braucht Zeit – aber auch Entschlossenheit.

Redaktion: Herr Professor Trautwein, Herr Haaf, Herr Professor Riecke-Baulecke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Ulrich Trautwein ist Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, geschäftsführender Direktor des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung, Co-Direktor des LEAD Graduate School & Research Network sowie Studiengangsleiter des Weiterbildungsstudiengangs „Schulmanagement und Leadership“ an der Universität Tübingen.

Zur Person

Marco Haaf ist Geschäftsführer der Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken gemeinnützige GmbH (aim) und Mit-Herausgeber des Online-Magazins schulmanagement. Die aim ist eine Weiterbildungseinrichtung mit den Schwerpunkten Sprachförderung, Unterstützung pädagogischer Qualität in Kindergärten und Schulen sowie Digitalisierung im pädagogischen Bereich.

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Riecke-Baulecke ist Präsident des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) in Baden-Württemberg. Zuvor hat er unter anderem das schleswig-holsteinische Institut für Qualitätsentwicklung aufgebaut und 15 Jahre lang geleitet. Von 2002 bis 2021 war er zudem Herausgeber der Zeitschriften schulmanagement und des Schulmanagement-Handbuchs.