Clearing Houses schlagen eine Brücke zwischen Bildungsforschung und schulischem Alltag. Sie bereiten empirische Studien verständlich auf, ordnen deren Aussagekraft ein und zeigen auf, welche Erkenntnisse für Unterricht und Schulentwicklung relevant sind. Der Beitrag stellt zentrale Clearing Houses vor und macht deutlich, welchen Mehrwert evidenzbasierte Angebote für eine nachhaltige Weiterentwicklung von Schule leisten können.
Lehrkräfte und Schulleitungen stehen gleichermaßen vor der Frage, wie Unterricht und Schule auf einer evidenzbasierten Grundlage weiterentwickelt werden können. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Bildungsforschung können dabei wertvolle Orientierung bieten – ihr Weg in die schulische Praxis ist jedoch nicht selbstverständlich. Noch vor wenigen Jahren war der Zugang zu Forschung für viele Akteurinnen und Akteure im Bildungssystem stark eingeschränkt. Wissenschaftliche Fachartikel waren häufig hinter Paywalls verborgen und zudem so stark theoretisch ausgerichtet, dass ihr praktischer Nutzen nur schwer erkennbar war.
Im Zuge der Open-Science-Bewegung hat sich der Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen deutlich verbessert. Dennoch bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Viele Studien sind komplex, setzen vertiefte methodische Kenntnisse voraus und formulieren ihre Implikationen für den Unterricht oft nur sehr knapp. Für Lehrkräfte und Schulleitungen, die im Schulalltag fundierte Entscheidungen treffen müssen, ist es daher weiterhin schwierig, relevante Forschungsergebnisse effizient zu erschließen und einzuordnen.
Um diese Lücke zwischen Wissenschaft und Praxis zu schließen, haben Forschungseinrichtungen und Landesinstitute in den vergangenen Jahren sogenannte Clearing Houses aufgebaut. Diese Plattformen sammeln evidenzbasierte Erkenntnisse aus der Bildungsforschung, bereiten sie verständlich auf, bewerten ihre Qualität und stellen sie gezielt für die schulische Praxis bereit. Dabei geht es nicht nur darum, Studien zusammenzufassen, sondern zentrale Ergebnisse einzuordnen, ihre Aussagekraft kritisch zu reflektieren und ihre Bedeutung für Unterricht, Schulentwicklung und Fortbildung herauszuarbeiten. Häufig stützen sich Clearing Houses auf Forschungssynthesen wie Meta-Analysen oder systematische Reviews, in denen viele Einzelstudien gebündelt werden und die damit besonders belastbare Aussagen ermöglichen.
1. Clearing House Unterricht: Das Clearing House Unterricht der Technischen Universität München ist ein etabliertes Angebot zur evidenzbasierten Aufbereitung von Forschungsergebnissen für die schulische Praxis. Der Fokus liegt auf wirksamem Unterricht in den MINT-Fächern sowie auf Kompetenzen des 21. Jahrhunderts.
- Anbieter: Clearing House Unterricht, Technische Universität München
Thematischer Schwerpunkt: effektiver Unterricht in den MINT-Fächern, Kompetenzen des 21. Jahrhunderts
Methode: Erstellung von Kurzreviews auf Grundlage von Meta-Analysen; verständliche Aufbereitung, methodische Einordnung und praxisbezogene Schlussfolgerungen
Zentrales Format: evidenzbasierte Kurzreviews mit klaren Fazits für die Unterrichtspraxis
- Beispielprojekt: Kurzreview zum besseren Verständnis von MINT-Texten, das aufzeigt, welche sprachlichen Anpassungen nachweislich das Textverständnis verbessern
Weitere Angebote: Erklärvideos, Podcasts, Glossar sowie Fort- und Weiterbildungsangebote über die Clearing House Academy
2. Die Plattform „duo – digital und offen“ der Universität Tübingen setzt einen thematischen Schwerpunkt auf Digitalisierung sowie auf das Lehren und Lernen mit und über digitale Medien. Sie richtet sich insbesondere an Lehrkräfte, Schulleitungen sowie an Akteurinnen und Akteure der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung.
- Anbieter: duo – digital und offen, Universität Tübingen
Zielgruppe: Lehrkräfte, Schulleitungen sowie Personen in der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung
Thematischer Schwerpunkt: Digitalisierung in Schule und Unterricht; Lehren und Lernen mit und über digitale Medien
Methode: Erstellung evidenzbasierter Kompaktberichte auf Grundlage von Meta-Analysen oder systematischen Reviews
Zentrales Format: Kompaktberichte, die Forschungsergebnisse verständlich zusammenfassen, deren Bedeutung für den Unterricht erläutern, die Studienqualität bewerten und auf weiterführende Materialien oder Praxisbeispiele verweisen
- Beispielprojekt: Kompaktbericht zum Thema Gamification, der aufzeigt, unter welchen Bedingungen spielerische Elemente im Unterricht lernwirksam sind
Weitere Angebote: evidenzbasierte Unterrichtskonzepte, Erklärvideos, FAQ-Formate sowie Fortbildungsangebote
3. Das Clearing House KONTEXT Grundschule des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation verfolgt einen bewusst ko-konstruktiven Ansatz, bei dem wissenschaftliche Evidenz gemeinsam mit der schulischen Praxis aufbereitet wird. Ziel ist es, forschungsbasiertes Wissen passgenau für die Grundschule nutzbar zu machen.
- Anbieter: Clearing House KONTEXT Grundschule, Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation
Zielgruppe: Lehrkräfte der Grundschule
Thematischer Schwerpunkt: Förderung von Kindern im unteren Leistungsbereich; Einsatz digitaler Werkzeuge im Unterricht
Methode: ko-konstruktive Entwicklung evidenzbasierter InfoTEXTE durch Wissenschaftler*innen und Lehrkräfte
Zentrales Format: InfoTEXTE, die wissenschaftliche Erkenntnisse zu aktuellen Fragestellungen bündeln und bedarfsgerecht für die Grundschulpraxis aufbereiten
- Beispielprojekt: InfoTEXT zum Thema Growth Mindset, der zeigt, wie ein konstruktiver Umgang mit Lernschwierigkeiten im Schulalltag unterstützt werden kann
4. Der Forschungsmonitor Schule ist eine weitere zentrale Plattform zur evidenzbasierten Aufbereitung von Bildungsforschung. Im Fokus stehen hier insbesondere einzelne empirische Primärstudien, deren Aussagekraft und Relevanz für die schulische Praxis systematisch eingeordnet werden.
- Anbieter: Forschungsmonitor Schule, Kooperationsprojekt der Landesinstitute aus Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen
Thematischer Schwerpunkt: breites Themenspektrum schulischer Praxis, unter anderem datengestützte Schulentwicklung, Heterogenität und Unterrichtsqualität
Methode: Rezensionen von Primärstudien (einzelne empirische Untersuchungen)
Zentrales Format: Studienrezensionen, die Forschungsergebnisse zusammenfassen, die Aussagekraft der Studien kritisch beleuchten und ihre Relevanz für die schulische Praxis herausarbeiten
- Beispielprojekt: Rezension zur Binnendifferenzierung im Mathematikunterricht aus dem Bereich der Unterrichtsqualität
Fazit
Clearing Houses bieten Lehrkräften, Schulleitungen, Fortbildenden und bildungspolitischen Akteurinnen und Akteuren einen wichtigen Zugang zu evidenzbasiertem Wissen. Sie sind ein zentraler Baustein auf dem Weg zu einer informierten und reflektierten Weiterentwicklung von Unterricht und Schule. Gleichzeitig sind sie nur ein Teil eines größeren Transferprozesses. Damit wissenschaftliche Erkenntnisse nachhaltig in der schulischen Praxis wirksam werden können, braucht es neben gut aufbereiteten Informationen auch zeitliche Ressourcen, professionelle Unterstützungsstrukturen und eine Wissenschaftskommunikation, die die Bedingungen schulischer Praxis konsequent mitdenkt.
Dr. Thérése F. Eder erforscht psychologische Lernprozesse, insbesondere wie Feedback und individuelle Lernenden-Merkmale personalisiertes Lernen beeinflussen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in Schulen, mit dem Ziel, Bildungsgerechtigkeit zu fördern und soziale Ungleichheiten zu verringern.
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