Das barrierefreie Schulbuch – so könnte inklusives Lernen in Zukunft aussehen

Digitale und inklusive Schulbücher – Prototypen zeigen neue Wege für barrierefreies Lernen

Sarah Kringe

Lesezeit: 5 Minuten
Schulbuch liegt mit geöffneten Seiten auf einem Tisch.
© pexels, yankrukov

Ein rein digitales Schulbuch soll Unterricht barrierefreier und individueller machen und Lehrkräfte entlasten. Ein europäisches Forschungsteam hat dafür Leitlinien entwickelt und daraus konkrete Prototypen gebaut. Doch der Weg in die Praxis ist noch offen: Es mangelt an groß angelegter Erprobung und struktureller Unterstützung.

Jeder hat das Recht auf Bildung – so steht es in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Daraus ergibt sich der Auftrag an Politik und Staat, allen Lernenden einen Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Auch denen, die einen besonderen Förderbedarf haben. Inklusive Schulbücher leisten genau das: Sie ermöglichen differenziertes, barrierefreies Unterrichten aller Lernenden ohne oder mit den unterschiedlichsten Förderbedarfen.

Schulbuchentwicklung: eine Blackbox? 

„Schon die Entstehung von Schulbüchern ist häufig eine Blackbox“, sagt Dr. Hannah Lathan von der Universität Vechta. Sie forscht zur Geographiedidaktik, hat für einen Schulbuchverlag gearbeitet und selbst Schulbücher verfasst .

In Deutschland laufen Print- und Digitalausgaben von Schulbüchern nebeneinander her, und Schulen entscheiden sich häufig für eine der beiden Versionen. Leidtragende sind Lernende und Lehrende gleichermaßen.

Wie kann ein Schulbuch die Heterogenität der Gesellschaft abbilden? 

Dass es besser geht, hat vor einigen Monaten ein europäisches Forschungsteam um das Luxemburger Centre pour le développement des compétences relatives à la vue(CDV) gezeigt und ein digitales inklusives Schulbuch entwickelt. Das Ziel: Inklusion im Unterricht für Lernende mit jedweder Form von Förderbedarf verbessern. Gleichzeitig wollte man inklusives Unterrichten für Lehrkräfte einfacher gestalten und dadurch mehr Teilhabe im Unterricht ermöglichen. 

„Wir wollten die Heterogenität in der Gesellschaft abbilden“, sagt Hannah Lathan, die Teil der internationalen Projektgruppe war. Dabei sei man bemüht gewesen, alle Kinder, auch diejenigen, die an speziellen Förderzentren unterrichtet werden, zu adressieren. „Alle Kinder haben ein Recht auf qualitativ hochwertige Bildung an einer Regelschule“, so Lathan. Letzteres wiederum ist nur möglich, wenn das Unterrichtsmaterial für eben diese Lernenden auch zugänglich ist.

Aber nicht nur die Lernenden hatte die Forschung im Blick, sondern auch die Lehrpersonen. Zieldifferenziertes Unterrichten stellt die Lehrkraft vor organisatorische Herausforderungen, individuelle Lehrpläne für jedes einzelne Kind sind selten die Regel. „Da kann es für die Lehrkraft eine enorme Hilfe sein, wenn er oder sie sich mit den bereitgestellten Materialien und unter Nutzung von KI einen Stundenplan oder Aufgaben nach dem Baukastenprinzip passgenau und zielgruppengerecht zusammenstellen kann“, sagt Hannah Lathan. 

Ein internationales, transdisziplinäres Team 

Das Erasmus+-Projekt, an dem neben dem Luxemburger CDV auch die Universität Hamburg, die Technische Universität Graz, die Universität Münster, die Freie Universität Bozen und die Universität Vechta teilnahmen, wurde von der Europäischen Union mit 250. 000 Euro gefördert. 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiteten von Beginn an transdisziplinär. Das Team umfasste sonderpädagogische Fachkräfte mit dem Schwerpunkt Sehbeeinträchtigung, Fachleute für Inklusionsdidaktik, Instruktionsdesign mit technischer Expertise und nicht zuletzt Didaktikerinnen und Didaktik für Mathematik und Geographie.  

Grundlage der Forschung bildete eine systematische Literaturanalyse von knapp 90 Schulbüchern aus Deutschland, Österreich, Luxemburg und Italien sowie die Erfahrungen aus der Forschungspraxis der einzelnen Teammitglieder. Mit diesen Daten konnten die Forschenden vier Prototypen des inklusiven Schulbuchs entwickeln und zusätzlich neue Leitlinien für barrierefreie eBooks etablieren.

„Uns war wichtig, dass das Schulbuch ‚digital born‘, also von Anfang an digital gedacht ist und nicht einfach nur eine Übertragung von analogen Inhalten darstellt“, erklärt Hannah Lathan.   

In einem digitalen Schulbuch kann ein Text mehr sein als ein normaler Text. Er kann auf Knopfdruck in Abschnitte gegliedert oder Begriffen zugeordnet werden. Das digitale inklusive Schulbuch geht noch einen Schritt weiter: Hier könnte der Text vorgelesen oder in einfacher Sprache ausgegeben werden. Auch Ausdrucke in Braille-Schrift wären möglich.

Leitlinien für inklusive digitale Schulbücher

  • Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken („Born Accessible“), nicht nachträglich ergänzen
  • Gleiche Lernziele, unterschiedliche Zugänge ermöglichen, durch verschiedene Darstellungs-, Interaktions- und Ausdrucksformen
  • Klare, konsistente Struktur schaffen, die Orientierung gibt und kognitive Belastung reduziert
  • Adaptive Lernwege unterstützen, damit Lernende entsprechend ihren Bedürfnissen und Voraussetzungen arbeiten können
  • Vielfältige Repräsentationen nutzen (z. B. Text, Bild, Audio, Video, Interaktion)
  • Multimodale Zugänglichkeit: Alle nicht-textlichen Inhalte (Bilder, Videos, interaktive Elemente) benötigen gleichwertige Alternativen (Alt-Texte, Transkripte, Audiodeskription oder strukturierte Ersatzdarstellungen).
  • Aktives, verstehensorientiertes Lernen durch Interaktivität, Feedback, Reflexion und Kooperation fördern
  • Sprachlich zugänglich gestalten, etwa durch sprachsensible Formulierungen, Hilfen und Angebote in Einfacher Sprache
  • Diversität sichtbar und wertschätzend darstellen sowie stereotype Darstellungen vermeiden
  • Technische Barrierefreiheit nach WCAG-Standards (Web Content Accessibility Guidelines) sicherstellen, inklusive Tastaturbedienbarkeit und Unterstützung assistiverTechnologien
  • Visuelle WCAG-Anforderungen: Kontraste müssen ausreichend sein; Farbe darf nie alleinige Information tragen, sondern muss durch Form, Text oder Muster ergänzt werden. Skalierbarkeit und Lesbarkeit müssen bis in hohe Zoomstufen gewährleistet sein.
  • Interdisziplinär entwickeln und kontinuierlich testen, unter Einbezug von Didaktik, Inklusion,Technik und Nutzerinnen und Nutzern

Welche Fächer sind besonders geeignet? 

Besonders gut eignen sich laut Hannah Lathan jedoch Fächer, die medienintensiv sind. Das Forscherteam hat sich daher auf Mathematik und Geographie festgelegt. Geographische Inhalte wie Wüsten, Klimazonen, Gebirge – das alles wird im Unterricht über Materialien, Schaubilder oder Karten vermittelt und ist daher prädestiniert für das digitale inklusive Schulbuch. „Wir wollen, dass auch Kinder mit Förderbedarfen dafür eine Passion entwickeln können“, sagt Hannah Lathan.

Die vier Prototypen sind anwendbar für alle Schulformen der Sekundarstufe I. So gibt es immer verschiedene Möglichkeiten, sich mit einem Inhalt auseinander zu setzen. Als Lückentext oder in der Zuordnung von Fachbegriffen beispielsweise. Auch vorgelesen werden können einzelne Abschnitte, was eine Lernbegleitung entlasten würde. Im Design der einzelnen Übungen und Unterrichtseinheiten können Lernende verschiedene Schriftarten und -größen einstellen, Texte in einfacher Sprache oder die 3D-Objektsimulation eines ausbrechenden Vulkans ansehen. Lösungen können getippt, mündlich oder frei Hand eingegeben werden.

Die Lehrkräfte-Version dagegen beinhaltet Hinweise zum Unterrichten und didaktisch-methodische Unterstützung zum Aufbau einer Unterrichtsstunde mit dem vorliegenden Material unter Nutzung verschiedener Möglichkeiten.

Ich wünsche mir aber sehr, dass wir Bildungsmedienverlage für das Projekt gewinnen könnten, um es beispielsweise einmal für eine Jahrgangsstufe aufzubereiten.

Hannah Lathan, Universität Vechta

Müssen wir Schulbücher neu denken? 

„Für diese Art von Unterricht müssen Schulbücher generell ganz neu gedacht werden“, antwortet Hannah Lathan auf die Frage, wohin sich die Prototypen und inklusives Unterrichten entwickeln könnten. Der nächste Schritt in diese Richtung wäre zweifellos eine breit angelegte Längsschnittstudie. Die Wissenschaftlerin wünscht sich, eine ganze Unterrichtsreihe in der Praxis beobachten und auswerten zu können. Wie kommen die Prototypen in der Praxis an? Wo müssen Nachschärfungen und Anpassungen vorgenommen werden? Können Lernende und Lehrkräfte gleichermaßen die Möglichkeiten in der Unterrichtspraxis ausschöpfen? Gerade die Einschätzung durch die Lehrkräfte sollte in den weiteren Prozess einfließen, sagt Hannah Lathan. 

„Momentan liegt es leider noch an einzelnen Forschenden, Anknüpfungspunkte an unsere Arbeit zu definieren oder sie in der Praxis zu erproben“, sagt Hannah Lathan bedauernd. Für eine breitere Untersuchung müsste ein Bildungsmedienverlag gefunden werden, der das Projekt aufgreift und die Möglichkeiten dazu schafft.

Aber auch auf wissenschaftlicher Ebene ist das Projekt noch lange nicht abgeschlossen. Gerade durch die fortschreitende Entwicklung Künstlicher Intelligenz eröffnen sich neue Möglichkeiten, beispielsweise Begleitung Lernender auf dem Lösungsweg oder die Konzeption von Aufgaben für eine Lernzielkontrolle.

Auch wenn das inklusive Schulbuch in Deutschland bislang nicht breit in der Praxis erprobt ist und KI-Anwendungen noch nicht systematisch integriert sind, zeigt das Projekt, wie Unterrichtsmaterialien künftig barriereärmer, adaptiver und stärker an heterogene Lerngruppen angepasst entwickelt werden könnten.

Zur Person

Hannah Lathan ist Postdoktorandin in der Didaktik der Geographie an der Universität Vechta. Sie forscht zu geographiedidaktischen Bildungsmedien und war Teil des internationalen Teams für die Entwicklung des „Schulbuch für Alle”.

  • Brnić, M., Degenhardt, S., Edelsbrunner, S., Erdel, T., Greefrath, G., Kargl, B., Lathan, H., Macchia, V., Mönter, L., Schön, S., Schütt, M.-L., Torri, S., Wetzel, M., & Ebner, M. (2025). Ein digitales Schulbuch für alle: Barrierefrei und interaktiv von der Idee bis zur Nutzung. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.18301620 
  • Digital Education Material (DEM) Projekt. (2025). Analyse von digitalen Schulbüchern auf Barrierefreiheit im Rahmen des Projekts DEM: Rohdaten. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.18346856 
  • Digital Education Material (DEM) Projekt. (2025). Kriterienkatalog für die Analyse digitaler Schulbücher: Barrierefreiheit, Didaktik, Technik, Design. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.18347064