PISA 2025: Auch die Leistungsspitze schrumpft – wie können Schulen gegensteuern?

Immer weniger Schülerinnen und Schüler erreichen die höchsten Kompetenzstufen. Was können Schulen tun, damit Begabungen nicht ungenutzt bleiben?

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 5 Minuten
Ein Mädchen beobachtet begeistert ein naturwissenschaftliches Experiment.
© pexels, thirdman

Deutschland hat nicht nur ein Problem mit Leistungsschwäche. Auch der Anteil besonders leistungsstarker Schülerinnen und Schüler geht zurück.  Bildungsforscherin Ann-Kathrin Jaggy erklärt, warum Begabung allein nicht genügt, welche Rolle guter Unterricht spielt und wie Schulen Potenziale besser erkennen und fördern können.

Redaktion: PISA 2025 zeigt deutlich: Auch der Anteil besonders leistungsstarker Schülerinnen und Schüler nimmt ab. Lässt sich dieser Befund als Hinweis darauf deuten, dass Deutschland Potenziale nicht ausreichend fördert? 

Dr. Ann-Kathrin Jaggy: PISA ist zunächst eine Bestandsaufnahme. Wir können daraus nicht kausal ableiten, warum sich Leistungen verändern. Zu sagen, PISA beweise eine unzureichende Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler, wäre deshalb zu stark. Die Ergebnisse sind aber ein ernstzunehmendes Indiz: Wir haben nicht nur Schwierigkeiten am unteren Ende der Leistungsverteilung, auch an der Spitze gibt es keine erfreuliche Entwicklung.

Für mich ist vor allem der längerfristige Befund entscheidend. Seit vielen Jahren gelingt es uns nicht, die Leistungsspitze systematisch zu verbreitern. Potenzial wird nicht automatisch zu Leistung. Schulen müssen dieses erkennen und Lerngelegenheiten schaffen, die anspruchsvoll genug sind, damit es sich entwickeln kann.

Potenzial übersetzt sich nicht von selbst in Leistung.

Dr. Ann-Kathrin Jaggy, Universität Tübingen

Redaktion: Braucht Deutschland eine stärkere Strategie zur Begabtenförderung?

Jaggy: Mehr tun kann man sicherlich. Einerseits gibt es noch einiges an Forschungsbedarf, um Begabtenförderung besser zu verstehen. Gleichzeitig gibt es aber auch bereits einiges an Wissen, wie Begabtenförderung gelingen kann und es fehlt nicht grundsätzlich an Konzepten. 

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat bereits 2015 festgehalten, dass leistungsstarke und potenziell besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer individuellen Leistungsfähigkeit bestmöglich gefördert werden sollen, und es gibt gute Ansätze für die Praxis.

Der Orientierungsrahmen Begabtenförderung in Baden-Württemberg bündelt wissenschaftliche Erkenntnisse und übersetzt sie in konkrete Handlungsfelder. Mit „Leistung macht Schule“ wurden zudem wissenschaftlich fundierte Konzepte entwickelt und erprobt. Die größere Herausforderung ist, dieses Wissen in die Breite zu bringen. Vom wissenschaftlichen Konzept bis zur verlässlichen Umsetzung im Klassenzimmer ist es ein weiter Weg.

Redaktion: Welche Faktoren sind aus der Forschung entscheidend dafür, dass Schülerinnen und Schüler ihr Leistungspotenzial ausschöpfen können? 

Jaggy: Potenzial übersetzt sich nicht von selbst in Leistung. Entscheidend ist die Passung zwischen Lernangebot und Lernstand. Auch leistungsstarke Schülerinnen und Schüler brauchen kognitive Aktivierung, gutes Feedback und Aufgaben, bei denen sie tatsächlich etwas Neues lernen.

Daneben spielen Motivation, Anstrengungsbereitschaft und Selbstregulation eine wichtige Rolle. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, sich anspruchsvollen Problemen zu stellen, bei Schwierigkeiten dranzubleiben und ihren Lernprozess zunehmend selbst zu steuern.

Perspektivisch kann auch KI dabei helfen, Ressourcen besser zu nutzen, etwa indem Aufgaben stärker differenziert oder Rückmeldungen schneller bereitgestellt werden. Aber auch hier gilt: Technologie ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob sie dazu beiträgt, bessere Lerngelegenheiten zu schaffen.

Redaktion: Wie muss Unterricht gestaltet sein, damit leistungsstarke Schülerinnen und Schüler kognitiv herausgefordert werden? 

Jaggy: Der wichtigste Grundsatz lautet: nicht mehr vom Gleichen. Sinnvoll sind Aufgaben, die Transfer verlangen, unterschiedliche Lösungswege zulassen oder mit unbekannten Problemen konfrontieren. Schülerinnen und Schüler können Lösungsstrategien vergleichen, eigene Hypothesen entwickeln oder selbst Fragestellungen formulieren.

Daneben gibt es eine Reihe gut etablierter Fördermöglichkeiten: Enrichment, forschendes Lernen, Wettbewerbe oder Drehtürmodelle, bei denen Schülerinnen und Schüler zeitweise an anderen, anspruchsvolleren Projekten arbeiten.

Wichtig ist aus meiner Sicht aber, dass Begabtenförderung nicht nur außerhalb des regulären Unterrichts stattfindet. Die kognitive Herausforderung muss bereits im normalen Unterricht beginnen. Es geht um eine Kombination: guten adaptiven Unterricht für alle und zusätzliche, gezielte Angebote dort, wo sie sinnvoll sind.

Enrichment 

Beim Enrichment bekommen besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zusätzliche Lernangebote, die über den regulären Unterricht hinausgehen. Dazu gehören etwa Forschungsprojekte, Wettbewerbe oder anspruchsvollere Aufgaben. Ziel ist nicht, mehr Stoff zu vermitteln, sondern neue Denk- und Lernmöglichkeiten zu eröffnen. 

Redaktion: Hochbegabte und besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler werden häufig als kleine Gruppe betrachtet. Warum ist Begabtenförderung dennoch eine Aufgabe des gesamten Bildungssystems?

Jaggy: Weil Begabtenförderung mehr ist als die Förderung einer kleinen Gruppe bereits diagnostizierter Hochbegabter. Potenziale können verborgen bleiben. Nicht jedes besonders leistungsfähige Kind zeigt sein Potenzial jederzeit in schulischen Leistungen.

Das gilt beispielsweise für Kinder, deren Motivation nachgelassen hat, aber auch für Schülerinnen und Schüler, deren Eltern weniger Möglichkeiten haben, zusätzliche Förderung außerhalb der Schule zu organisieren. Deshalb ist Begabtenförderung auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Und viele Maßnahmen, über die wir in der Begabtenförderung sprechen, kommen ohnehin allen zugute: bessere Diagnostik, anspruchsvollere Aufgaben, differenzierter Unterricht, gutes Feedback und mehr Möglichkeiten zum selbstständigen Denken. In diesem Sinne ist Begabtenförderung kein Spezialthema für wenige, sondern Teil des grundsätzlichen Auftrags von Schule.

Redaktion: Welche Kompetenzen brauchen Lehrkräfte dafür? 

Jaggy: Am Anfang steht die Diagnostik: Ich muss zunächst erkennen, wo ein Schüler oder eine Schülerin steht, bevor ich sinnvoll fördern kann.

Lehrkräfte müssen einschätzen können, was bereits sicher beherrscht wird, wo Schwierigkeiten bestehen und wo möglicherweise mehr Potenzial vorhanden ist, als die aktuell gezeigte Leistung vermuten lässt. Das erfordert nicht ständig große Testverfahren. Gute diagnostische Aufgaben, Beobachtungen und kurze Lernstandserhebungen können bereits viel leisten.

Aber Diagnostik allein reicht nicht. Der zweite Schritt ist immer die didaktische Reaktion. Lehrkräfte brauchen deshalb ein Repertoire für differenzierten Unterricht: unterschiedliche Anspruchsniveaus, offene Aufgaben, flexible Gruppierungen, Vertiefungsmöglichkeiten, Enrichment und gegebenenfalls auch die Möglichkeit, Inhalte schneller zu durchlaufen.

KI eröffnet hier interessante Möglichkeiten, muss aber pädagogisch gut eingesetzt werden. Sie darf den anspruchsvollen Denkprozess nicht übernehmen, den Schülerinnen und Schüler eigentlich selbst leisten sollen. Lehrkräfte brauchen deshalb künftig auch eine entsprechende KI-didaktische Kompetenz: Wann unterstützt KI Lernen und wann nimmt sie den Lernenden genau das Denken ab, das wir fördern wollen?

Redaktion: Begabtenförderung gehört nicht zur klassischen Lehrkräfteausbildung. Wie können Lehrkräfte sich dieses Wissen dennoch aneignen? 

Jaggy: Hier gibt es tatsächlich eine strukturelle Lücke. Heterogenität ist inzwischen ein wichtiges Thema in der Lehrkräftebildung, die obere Seite der Leistungsverteilung spielt dabei aber häufig eine geringere Rolle.

Begabungs- und Potenzialförderung sollte deshalb stärker ins reguläre Lehramtsstudium gehören: Wie erkenne ich Potenziale? Wie hängen Begabung und Leistung zusammen? Und wie kann ich Lernangebote entsprechend gestalten?

Für bereits berufstätige Lehrkräfte brauchen wir gute Weiterbildungsangebote. Am Hector-Institut gibt es beispielsweise das berufsbegleitende Zertifikatsstudium „Begabtenförderung und Potenzialentwicklung“. Gleichzeitig muss nicht jede Lehrkraft Spezialistin oder Spezialist für Begabtenförderung werden. Schulen können Expertise im Kollegium aufbauen und dafür sorgen, dass dieses Wissen geteilt und gemeinsam weiterentwickelt wird. Entscheidend ist, dass es nicht beim Engagement Einzelner bleibt.

Zertifikatsstudium Begabtenförderung  

Wie lassen sich besondere Begabungen erkennen und fördern? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Zertifikatsstudium „Begabtenförderung und Potenzialentwicklung“ am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen. Im Mittelpunkt stehen Begabungsdiagnostik, Fördermöglichkeiten und die Begleitung besonders begabter Schülerinnen und Schüler. Das berufsbegleitende Studium dauert zwei Jahre und umfasst 15 ECTS-Punkte. 

Redaktion: Andere Bildungssysteme erreichen teilweise höhere Anteile an Spitzenleistungen. Was machen diese Länder anders?

Jaggy: Bei internationalen Vergleichen muss man vorsichtig sein. PISA zeigt zwar, dass andere Bildungssysteme teilweise deutlich mehr Schülerinnen und Schüler zu sehr hohen Leistungen führen. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass eine einzelne Maßnahme dafür verantwortlich ist oder sich eins zu eins auf Deutschland übertragen ließe.

Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ein Punkt ist die Frage nach Fokus und Tiefe: Wir müssen nicht immer mehr Stoff behandeln, manchmal wäre es besser, zentrale Inhalte stärker zu vertiefen. Anspruchsvolles Denken, Transfer und Problemlösen brauchen Zeit.

Ein zweiter Punkt ist stärkerer adaptiver Unterricht, der sich nicht dauerhaft an einem gedachten Durchschnitt ausrichten darf. Er muss Schülerinnen und Schüler mit Schwierigkeiten gezielt unterstützen und zugleich diejenigen systematisch herausfordern, die bereits weiter sind.

Die entscheidende Frage ist deshalb weniger, ob wir neue Konzepte brauchen. Wir müssen vorhandenes Wissen zuverlässiger im Schulalltag ankommen lassen.

Redaktion: Frau Doktor Jaggy, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Porträt Dr. Ann-Kathrin Jaggy
Zur Person

Ann-Kathrin Jaggy ist Postdoktorandin im Forschungsbereich Potenzialentwicklung und Hochbegabung am Hector-Institut für empirische Bildungsforschung. Sie ist Teil der wissenschaftlichen Begleitung des Hector Seminars, einem extracurricularen Enrichment-Programm zur Förderung besonders begabter und hochbegabter Kinder in Baden-Württemberg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Untersuchung der Talententwicklung und des Zusammenspiels von Kreativität, Persönlichkeit, Motivation und Intelligenz.