Gender & Bildung: Wie Kitas und Schulen Geschlechterbilder prägen und verändern können

Wie Vorbilder, Sprache und Unterricht dazu beitragen können, Rollenbilder zu verändern

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 4 Minuten
Gruppe von Kindern, die, geschminkt mit bunter Gesichtsfarbe im Gras liegen.
© pexels, rdne

Welche Fähigkeiten Kinder entwickeln und welche Wege sie später einschlagen, hängt nicht nur von ihren Interessen ab. Vorstellungen darüber, was als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gilt, prägen früh Selbstbilder, Lernverhalten und Bildungsentscheidungen. Kitas und Schulen können sie verstärken – oder Kindern und Jugendlichen mehr Möglichkeiten eröffnen.

Auf einen Blick: Wo Schulen ansetzen können

Geschlechterstereotype wirken bereits im frühen Kindesalter und beeinflussen Selbstbilder, Interessen und Bildungsentscheidungen. Entscheidend sind weniger Einzelaktionen als strukturelle Veränderungen – etwa vielfältige Rollenbilder in MINT-Fächern, diversitätssensible Schulbücher und Unterrichtsmaterialien, geschlechtergerechte Sprache und Lehrkräftefortbildungen sowie verbindliche Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt und Diskriminierung. 

Früh gelernt: Wie prägen Kitas Geschlechterbilder? 

Bereits im Kindergartenalter entwickeln Kinder Vorstellungen davon, was Mädchen und Jungen „können“ oder „sollen“. Diese Bilder entstehen durch Erfahrungen mit Spielmaterialien, Sprache und dem Verhalten von Erwachsenen. Wenn Mädchen häufiger für Fürsorge und Anpassung gelobt werden, Jungen dagegen eher für Mut, Durchsetzungskraft oder technisches Interesse, entstehen früh unterschiedliche Selbstbilder. 

Kitas können diesen Mechanismen entgegenwirken, indem sie Räume und Materialien bewusst gestalten: Welche Bücher stehen bereit? Wer wird zum Bauen, Forschen oder Trösten ermutigt? Welche Rollen übernehmen Kinder im Spiel? Geschlechtersensible Pädagogik bedeutet dabei nicht, Puppen oder Autos zu verbieten. Es geht darum, Interessen nicht vorschnell als „männlich“ oder „weiblich“ einzuordnen und allen Kindern vielfältige Erfahrungen zu ermöglichen. 

Wer kommt vor? Welche Bilder Schule vermittelt 

Schule vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch Vorstellungen darüber, welche Lebensweisen und Erfahrungen als selbstverständlich gelten. Unterrichtsmaterialien, Sprache und Beispiele prägen, ob Kinder und Jugendliche sich wiederfinden und welche gesellschaftlichen Gruppen sichtbar werden. 

Eine diversitätssensible Schule berücksichtigt unterschiedliche Familienformen, sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten nicht als Sonderthemen, sondern als Teil gesellschaftlicher Realität. Entscheidend ist dabei, Vielfalt nicht nur punktuell zu thematisieren, sondern sie im Schulalltag selbstverständlich mitzudenken. 

Das gilt auch für Sprache und Unterrichtsmaterialien: Forschung zeigt, dass Repräsentation beeinflusst, wie Kinder und Jugendliche sich selbst und andere wahrnehmen. Eine Schule, in der unterschiedliche Lebensrealitäten vorkommen und in der geschlechtergerechte Sprache ihren Platz hat, eröffnet mehr Identifikationsmöglichkeiten und stärkt Zugehörigkeit. 

Jungen und Männlichkeit: Warum Bildung neue Vorbilder braucht

Geschlechterbilder bestimmen nicht nur, wer sichtbar wird, sondern auch, welche Möglichkeiten Kinder und Jugendliche für sich selbst sehen. Vorstellungen von Männlichkeit entstehen dabei früh und werden im Laufe des Lebens durch Familie, Schule, Freundeskreise und digitale Medien geprägt. Sie beeinflussen, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen als „typisch männlich“ gelten. 

Digitale Angebote der sogenannten Manosphere verstärken dabei bestimmte traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit. Sie können dort attraktiv werden, wo Jugendliche nach Orientierung, Anerkennung und Zugehörigkeit suchen. 

Schulen sollten Jungen deshalb nicht als Problemgruppe betrachten, sondern Räume für vielfältige Männlichkeiten schaffen. Dazu gehören Medienbildung, die digitale Männerbilder kritisch analysiert, Gespräche über Rollen und Erwartungen sowie Vorbilder, die zeigen, dass Männlichkeit auch mit Fürsorge, Empathie und Kooperation verbunden sein kann. 

Mathe, Sprache, MINT: Wie Erwartungen Leistungen prägen 

Geschlechterunterschiede in Mathematik und Naturwissenschaften entstehen nicht durch unterschiedliche Begabungen, sondern durch soziale Erwartungen und Selbstbilder. Bereits Kinder lernen, dass Mathematik eher als „Jungenfach“ und Sprache eher als „Mädchenfach“ gilt. 

Besonders problematisch ist das sogenannte Brilliance-Stereotyp: Die Vorstellung, dass man für Mathematik oder Naturwissenschaften ein angeborenes Talent brauche. Während Jungen häufiger als begabt wahrgenommen werden, werden Mädchen eher mit Fleiß und Genauigkeit verbunden. Das beeinflusst, wie Kinder sich selbst einschätzen und welche Wege sie später wählen. 

Wie Lehrkräfte gegensteuern können:

Literaturunterricht: Welche Geschichten gehören in die Schule?

Literatur prägt, welche Erfahrungen sichtbar werden und welche Perspektiven als relevant gelten. Gerade in der Jugendphase bieten Geschichten Räume, um Identität, Beziehungen und gesellschaftliche Normen zu reflektieren. 

Der schulische Literaturkanon ist weiterhin männlich geprägt. Ein vielfältiger Literaturunterricht bedeutet nicht, klassische Werke zu ersetzen, sondern den Blick zu erweitern: durch unterschiedliche Autorinnen und Autoren, queere und postmigrantische Perspektiven und Texte, die verschiedene Lebensrealitäten sichtbar machen. 

Eine sichere Schule: Schutz vor Diskriminierung und sexualisierter Gewalt 

Schule ist nicht nur ein Lernort, sondern ein sozialer Raum, in dem Kinder und Jugendliche Beziehungen gestalten, Grenzen erfahren und Konflikte austragen. Damit sie sicher sein kann, braucht es eine Kultur des Respekts, in der Diskriminierung nicht normalisiert wird und Hilfe erreichbar ist. 

Besonders der Schutz vor sexualisierter Gewalt gehört zu den zentralen Aufgaben von Schulen. Die SPEAK!-Studie zeigt, wie verbreitet sexualisierte Grenzverletzungen unter Jugendlichen sind: Rund die Hälfte der befragten 14- bis 16-Jährigen berichtete von Erfahrungen mit nicht-körperlicher sexualisierter Gewalt. Besonders betroffen sind Mädchen und junge Frauen. Auch queere Jugendliche und andere vulnerable Gruppen erleben häufiger Unsicherheiten und Grenzverletzungen. 

Geschlechtersensible Bildung heißt: Möglichkeiten erweitern 

Geschlechterbilder beeinflussen, was Kinder und Jugendliche sich zutrauen, welche Interessen sie entwickeln und welche Wege sie einschlagen. Sie sind jedoch nicht unveränderlich. Kitas und Schulen können dazu beitragen, dass aus Erwartungen keine Begrenzungen werden, indem sie genauer hinschauen, eigene Muster reflektieren und Lernumgebungen schaffen, in denen vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten sichtbar werden.