Schule ist für viele Jugendliche ein zentraler Lebensort – und zugleich ein Ort, an dem besonders queere Jugendliche häufig mit Abwertung konfrontiert werden. Der Sozialpsychologe Dr. Ulrich Klocke erklärt, wie Schulstrukturen, Lehrkräfte und gesellschaftliche Entwicklungen den Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt beeinflussen und welche Ansätze nachweislich helfen.
Redaktion: Herr Dr. Klocke, wenn wir auf die Situation queerer Jugendlicher an Schulen heute schauen: Was hat sich in den letzten Jahren aus Ihrer Sicht verändert und wo stehen wir gerade?
Dr. Ulrich Klocke: Leider gibt es meines Wissens keine fundierten, repräsentativen Wiederholungsbefragungen, mit denen sich verlässlich sagen ließe, wie sich die Einstellungen von Lehrkräften oder Schülerinnen und Schülern in den vergangenen Jahren verändert haben. Hinweise liefern allerdings die europaweiten Befragungen der EU-Grundrechteagentur (FRA). Sie zeigen, dass queere Themen 2023 häufiger an Schulen behandelt wurden als noch 2019. Auch jüngere Befragte berichten deutlich öfter, dass das Thema in ihrer Schulzeit präsent war, als ältere.
Aus meinem persönlichen Umfeld höre ich zugleich, dass das Klima in den vergangenen Jahren rauer geworden ist. Menschen aus queeren Bildungsprojekten berichten häufiger von offener Queerfeindlichkeit und davon, dass sie sich stärker schützen müssen. Das sind allerdings persönliche Eindrücke, keine statistisch belegten Befunde.
Queere Jugendliche in Zahlen
Rund 9 Prozent der 14- bis 25-Jährigen in Deutschland fühlen sich (auch) zum gleichen Geschlecht hingezogen (BzGA, 2022). International geben etwa 6 Prozent der 16- bis 24-Jährigen an, trans* oder nicht weiblich beziehungsweise männlich zu sein (IPSOS, 2023). Queere Jugendliche sind zugleich deutlich häufiger psychisch belastet: Studien zeigen erhöhte Raten von Depressionen, Angststörungen und eine zwei- bis vierfach höhere Suizidalität im Vergleich zu heterosexuellen cis Jugendlichen, auch infolge häufiger Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen.
Cis-Jugendliche sind junge Menschen, deren geschlechtliche Identität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde.
Klocke: Ich kann hier nur vorsichtig spekulieren. Wir wissen, dass Einstellungen gegenüber queeren Menschen häufig mit anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zusammenhängen. Gleichzeitig beobachten wir einen gesellschaftlichen Rechtsruck. Zwar richten sich rechte und rechtsextreme Positionen vor allem gegen Geflüchtete sowie andere Menschen mit Migationsgeschichte, dochauch Gender- und Queer-Themen spielen dabei eine wichtige Rolle. Es liegt daher nahe, dass sich diese Entwicklung auch auf den Umgang mit queeren Menschen auswirkt.
Hinzu kommt der Einfluss sozialer Medien. Wer sich in Echokammern bewegt, in denen queerfeindliche Narrative verbreitet werden, übernimmt solche Haltungen möglicherweise eher – selbst dann, wenn ihm das Thema zuvor weitgehend gleichgültig war.
Problematisch ist , wenn queere Themen ausschließlich im Zusammenhang mit Sexualität behandelt werden und nicht als Teil von Identität und Lebensrealität.
Dr. Ulrich Klocke
Redaktion: Wenn Schulen über Diskriminierung sprechen, denken viele zunächst an offene Angriffe oder Mobbing. Welche Formen von Diskriminierung gegenüber queeren Schülerinnen und Schülern werden im Alltag häufig unterschätzt oder gar nicht erkannt?
Klocke: Was häufig übersehen wird, ist zunächst die Unsichtbarkeit queerer Lebensweisen. Wenn queere Themen im Unterricht gar nicht vorkommen oder Trans- und Intergeschlechtlichkeit nicht berücksichtigt werden, vermittelt das die Botschaft, dass diese Lebensrealitäten nicht dazugehören. Das zeigt sich auch in einer starken Binarisierung des Schulalltags: Sprache, Gruppeneinteilungen, Toiletten oder Umkleiden, die ausschließlich zwischen Jungen und Mädchen unterscheiden.
Unterschätzt wird außerdem die Wirkung von queerfeindlichen Begriffen, die oft gar nicht gezielt gegen queere Jugendliche gerichtet sind, sondern als beiläufige Beschimpfungen verwendet werden. Auch wenn sie nicht diskriminierend gemeint sind, können sie negative Folgen haben. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen dem häufigen Erleben solcher Äußerungen und der psychischen Gesundheit sowie den schulischen Leistungen queerer Jugendlicher.
Problematisch ist auch, wenn queere Themen ausschließlich im Zusammenhang mit Sexualität behandelt werden, etwa nur im Rahmen der Sexualerziehung und nicht als Teil von Identität und Lebensrealität. Trans- und Intergeschlechtlichkeit werden zudem teilweise noch in einer Weise dargestellt, die eher pathologisiert, etwa durch veraltete Unterrichtsmaterialien im Biologieunterricht.
Klocke: Ja, es gibt einzelne Studien, auch wenn die Datenlage noch nicht ideal ist. Eine repräsentative Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt beispielsweise, dass 45 Prozent der lesbischen, schwulen, bisexuellen und anderen nicht heterosexuellen Jugendlichen an Schulen negative Bezeichnungen mit sexuellem Bezug wahrnehmen, während das bei heterosexuellen Jugendlichen nur 17 Prozent sind.
Ältere Studien zeigen außerdem, wie verbreitet queerfeindliche Schimpfwörter im Schulalltag sind. In einer Berliner Untersuchung aus dem Jahr 2011 haben beispielsweise 83 Prozent der Jungen aus den sechsten Klassen nach Angaben von jeweils zwei anderen Personen aus ihrer Klasse im vergangenen Schuljahr mindestens einmal „schwul“ oder ähnliche Begriffe als Schimpfwort verwendet. Bei „Lesbe“ lag der Wert bei 54 Prozent.
Aktuelle Befragungen queerer Menschen, die zwar nicht repräsentativ sind, zeigen, dass Schule weiterhin ein besonders problematischer Ort sein kann. In einer 2025 veröffentlichten Befragung aus Nordrhein-Westfalen wurde der Bereich Schule von queeren Personen am häufigsten als Ort negativer Erfahrungen genannt, häufiger als etwa Familie, Arbeitswelt, Freizeit oder öffentliche Einrichtungen. Umso wichtiger ist das Schulklima, schließlich verbringen junge Menschen dort einen Großteil ihres Alltags.
Redaktion: Welche Faktoren beeinflussen nach Ihrer Forschung am stärksten, ob eine Schule ein queerfreundliches oder eher diskriminierendes Klima entwickelt?
Klocke: Es gibt nicht den einen entscheidenden Faktor. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel vieler Maßnahmen. Die Forschung zeigt: Wenn Schulen wirksam gegen Queerfeindlichkeit und Vorurteile vorgehen wollen, braucht es einen ganzheitlichen Ansatz.
Ganz zentral ist die Haltung der Schulleitung: Sie muss das Thema sichtbar unterstützen und klar machen, dass Queerfeindlichkeit an der Schule nicht akzeptiert wird. Dazu gehören inklusive Leitbilder und Richtlinien, eine Berücksichtigung queerer Themen im Unterricht und ein gemeinsames Vorgehen des pädagogischen Personals gegen Diskriminierung.
Ein weiterer Punkt ist die Sichtbarkeit. Dazu gehört etwa, ob sich Lehrkräfte offen als queer zeigen können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Das kann für Schülerinnen und Schüler ein wichtiges Signal sein: Queere Menschen gehören selbstverständlich zur Schulgemeinschaft.
Auch die Gestaltung der Schule spielt eine Rolle, etwa die Frage, wie stark Räume binär organisiert sind, zum Beispiel Toiletten oder Umkleiden, aber auch, ob durch Plakate, Materialien oder andere sichtbare Zeichen vermittelt wird, dass queere Lebensweisen dazugehören. Studien zeigen zudem positive Effekte durch Unterstützungsgruppen wie Queer-AGs oder „Gender and Sexuality Alliances“. Hilfreich sind außerdem feste Ansprechpersonen an Schulen, die das Thema koordinieren und Qualifizierungen anstoßen.
Klocke: Lehrkräfte sind eine wichtige Stellschraube, auch wenn sie allein natürlich keine Wunder bewirken können. Entscheidend ist zunächst, dass sie signalisieren: Queerfeindliche Äußerungen und Diskriminierung werden nicht akzeptiert. Gerade für queere Jugendliche kann es einen großen Unterschied machen, ob sie erleben, dass eine Lehrkraft hinter ihnen steht.
Gleichzeitig sollte die Verantwortung nicht allein auf einzelnen engagierten Lehrkräften liegen. Es braucht eine Schulkultur, in der das Thema Diskriminierung insgesamt ernst genommen wird und alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich einzelne Lehrkräfte überfordert fühlen. Wichtig ist deshalb, zunächst klar zu zeigen, dass ein Verhalten nicht in Ordnung ist, und sich bei Bedarf Unterstützung zu holen, etwa bei Beratungsstellen oder spezialisierten Projekten. Niemand muss von Anfang an alle Antworten kennen.
Redaktion: Wenn wir nun von Problemen zu Lösungen kommen: Welche Ansätze zeigen nachweislich Wirkung?
Klocke: Ein gut belegter Ansatz sind queere Bildungsprojekte, bei denen Jugendliche mit queeren Menschen ins Gespräch kommen. Eine methodisch sehr hochwertige Studie aus Frankreich mit mehr als 10.000 Schülerinnen und Schülern hat gezeigt, dass solche Projekte positive Effekte auf Einstellungen haben. Dahinter steht die sogenannte Intergruppenkontakt-Hypothese: Der Kontakt zu einzelnen Mitgliedern einer Gruppe kann Vorurteile gegenüber der gesamten Gruppe reduzieren.
Wenn direkter Kontakt nicht möglich ist, kann auch indirekter Kontakt wirken. Das kann zum Beispiel über Geschichten, Filme oder Serien geschehen, in denen queere Menschen vorkommen. Die Forschung zu sogenannter Entertainment Education zeigt, dass solche Darstellungen Einstellungen verändern können. Besonders wirksam ist es, wenn queere Themen dabei nicht im Mittelpunkt stehen, sondern selbstverständlich Teil einer Geschichte sind. Serien wie Sex Education zeigen beispielsweise queere Figuren und Themen als selbstverständlichen Teil einer größeren Erzählung über Beziehungen, Freundschaft und Erwachsenwerden. Solche Darstellungen können dazu beitragen, dass queere Lebensweisen weniger als etwas Fremdes oder Besonderes wahrgenommen werden.
Redaktion: Was können Lehrkräfte darüber hinaus konkret im Schulalltag tun, um Akzeptanz zu fördern?
Klocke: Lehrkräfte können an Erfahrungen von Ablehnung anknüpfen, die Jugendliche selbst gemacht haben und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Diskriminierungserfahrungen sichtbar machen. Das kann Empathie fördern.
Ein weiterer wichtiger Ansatz ist die Reflexion von Geschlechternormen: Was wird Jungen und Mädchen gesellschaftlich zugeschrieben? Welche Einschränkungen entstehen dadurch? Ebenso wichtig ist es, bei queerfeindlichen Äußerungen klar zu intervenieren und zu signalisieren: Dieses Verhalten wird nicht akzeptiert.
Entscheidend ist, dass Lehrkräfte dafür in Aus- und Fortbildungen nicht nur Wissen vermittelt bekommen, sondern konkrete Handlungsmöglichkeiten entwickeln. Fallbeispiele, Übungen und Rollenspiele können helfen, mehr Sicherheit im Umgang mit Situationen wie queerfeindlichen Sprüchen oder einem Coming-out im Klassenraum zu gewinnen.
Redaktion: Wie wichtig sind Sichtbarkeit und Sprache, etwa Pronomen, oder queere Themen im Unterricht für das Wohlbefinden von queeren Jugendlichen?
Klocke: Sichtbarkeit und Anerkennung können einen großen Unterschied machen. Es gibt Studien, die zeigen, dass trans Jugendliche sich psychisch besser fühlen und seltener suizidale Gedanken haben, wenn ihr selbst gewählter Name und ihre Pronomen in ihrem Umfeld respektiert und verwendet werden. Gerade in Schulen ist das ein wichtiger Punkt. Manche Lehrkräfte haben die Sorge, dass sie Jugendliche durch die Verwendung eines Wunschnamens oder eines bestimmten Pronomens in eine Richtung lenken könnten. Aber es geht zunächst einmal darum, die Selbstbezeichnung der Jugendlichen zu respektieren und ihnen zu signalisieren: Du wirst wahrgenommen und ernst genommen.
Auch die Thematisierung queerer Lebensweisen im Unterricht kann einen Unterschied machen. Eine Studie aus den USA zeigt beispielsweise, dass Schulen mit queer-inklusiver Sexualerziehung geringere Suizidalität unter queeren Jugendlichen aufwiesen. Das zeigt, dass die Frage, ob queere Jugendliche im Unterricht vorkommen und berücksichtigt werden, relevant ist.
Sprache beeinflusst zudem, welche Menschen wir mitdenken. Wichtig ist dabei weniger, eine bestimmte Version geschlechtergerechter Sprache vorzuschreiben, sondern respektvoll zu kommunizieren und möglichst viele Menschen mitzuberücksichtigen.
Redaktion: Nicht alle Lehrkräfte sehen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als ihr Thema. Wie kann man sie dafür sensibilisieren und zur Auseinandersetzung bewegen?
Klocke: Unsere Studien zeigen, dass Lehrkräfte sich stärker engagieren, wenn die Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Dazu gehört etwa, dass inklusive Materialien leicht zugänglich sind und sie nicht lange danach suchen müssen. Auch Fortbildungen spielen eine wichtige Rolle, ebenso wie eigene Kontakte zu queeren Menschen und vor allem das Gefühl, in konkreten Situationen handlungsfähig zu sein.
Viele Lehrkräfte wollen angemessen reagieren, wissen aber nicht immer genau, wie. Deshalb ist es wichtig, sie in der Aus- und Fortbildung mit konkreten Situationen vertraut zu machen und ihnen Handlungssicherheit zu geben. Ich würde das auch als Teil von Professionalität verstehen: Lehrkräfte sind nicht nur Expertinnen und Experten für ihr Fach, sondern tragen Verantwortung für das soziale Klima an ihrer Schule. Gerade weil Schule eine Zwangsinstitution ist, der sich niemand entziehen kann, haben Lehrkräfte hier eine besondere Verantwortung.
Empfehlungen für diskriminierungssensible pädagogische Materialien
- Bildungsserver Berlin-Brandenburg: Bildung zur Akzeptanz von Vielfalt (Diversity)
- Fachstelle für Gleichstellung Stadt Zürich: Kinder- und Jugendmedien mit vielfältigen Geschlechterrollen.
- GEW, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Lesbisch, schwul, trans, hetero ... Lebensweisen als Thema für die Schule.
- Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt e.V.: LESEIDEEN für Teens* von 8 bis 15 Jahren
- Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Hamburg: Literaturliste Sexuelle Vielfalt
- Darstellung von Vielfalt in Schulbüchern: Aber uns gibt es doch!
Klocke: Gerade bei schulischen Maßnahmen wissen wir noch zu wenig darüber, was langfristig wirkt. Viele Studien zeigen zwar Zusammenhänge, sind aber querschnittlich angelegt. Wir brauchen mehr Längsschnittstudien und mehr experimentelle Untersuchungen, etwa Feldexperimente, um besser beurteilen zu können, welche Maßnahmen tatsächlich Veränderungen bewirken. Dafür braucht es auch entsprechende Forschungsförderung – nicht nur, um zu dokumentieren, wie groß das Problem ist, sondern auch, um herauszufinden, was wirksam dagegen hilft.
- FRA - European Union Agency for Fundamental Rights. (2024). LGBTIQ equality at a crossroads – Progress and challenges: EU LGTBIQ Survey III. https://doi.org/10.2811/56975310.2811/920578
- Klocke, U. (2012). Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen: Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und deren Einflussvariablen.
- Klocke, U., Gnielka, F., Peschel, J. & Reichel, R. (2018, September). „Spast! Schwuchtel! Kanake!“ Gruppenbezogene Beleidigungen unter Jugendlichen: Verbreitung und Einflussfaktoren. Paper presented at the 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Frankfurt am Main. Verfügbar unter https://www.psychologie.hu-berlin.de/de/mitarbeiter/57490/KlockePeschel2017
- Scharmanski, S., Breuer, J., & Hessling, A. (2022). Sexuelle Orientierung junger Menschen in Deutschland. Jugendsexualität 9. Welle. BZgA-Faktenblatt. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). https://doi.org/10.17623/BZgA_SRH:fb_JUS9_sexu_Orientierung