Kinder lernen früh, was als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gilt. Doch diese Vorstellungen sind nicht festgeschrieben. Prof. Jan Lenhart erklärt, wie Geschlechterbilder entstehen, welchen Einfluss Kitas darauf haben und wie pädagogische Fachkräfte Kindern mehr Möglichkeiten eröffnen können.
Redaktion: Herr Professor Lenhart, wann beginnen Kinder eigentlich, die Welt in ‚typisch männlich‘ und ‚typisch weiblich‘ einzuteilen und wie entstehen diese Vorstellungen?
Prof. Jan Lenhart: Kinder entwickeln diese Vorstellungen schrittweise. Ab etwa zwei Jahren können sie zwischen Mädchen und Jungen unterscheiden und beginnen, ihr Umfeld genau zu beobachten: Wer trägt welche Kleidung? Wer übt welchen Beruf aus? Aus solchen Erfahrungen entstehen nach und nach geschlechtsbezogene Assoziationen.
Wenn Kinder in die Kita kommen, bringen sie also meist bereits erste Geschlechterbilder mit. Gleichzeitig ist die Kita eine wichtige Phase, in der sich diese Vorstellungen weiterentwickeln. Im Vorschulalter sind sie häufig besonders eindeutig: Farben, Spielzeug oder Tätigkeiten werden dann oft klar einem Geschlecht zugeordnet. Im Grundschulalter werden diese Zuschreibungen meist wieder flexibler.
Wichtig ist: Solche Vorstellungen bestimmen das Verhalten nicht automatisch. Ein Mädchen kann glauben, dass etwas nur „für Jungen“ ist, und trotzdem selbst Freude daran haben.
Redaktion: Wenn Kinder solche Kategorien so früh entwickeln: Kann man Geschlechterstereotype überhaupt verhindern?
Lenhart: Stereotype zu entwickeln, lässt sich nicht vollständig verhindern. Das ist ein ganz normaler psychischer Prozess, nicht nur beim Thema Geschlecht, sondern bei vielen Kategorien. Unser Gehirn ordnet Erfahrungen und sucht nach Mustern.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Stereotype entstehen, sondern welche Inhalte sie bekommen und wie wir damit umgehen. Manche Vorstellungen entstehen eher automatisch durch unsere Erfahrungen – sogenannte implizite Stereotype. Gleichzeitig können wir bewusst reflektieren, ob diese Annahmen stimmen und ob sie unser Handeln bestimmen sollten.
Deshalb halte ich es für unrealistisch, eine komplett geschlechtsneutrale Umgebung schaffen zu wollen. Geschlecht ist in unserer Gesellschaft eine sehr präsente Kategorie. Wichtiger ist, Kindern vielfältige Erfahrungen zu ermöglichen und bestehende Zuschreibungen aufzubrechen.
Redaktion: Welche Rolle spielt die Kita dabei, welche Vorstellungen Kinder über Geschlecht entwickeln?
Lenhart: Die Kita ist ein zentraler Lernort. Je mehr Zeit Kinder dort verbringen, desto prägender werden die Erfahrungen, die sie dort machen. Sie beobachten, welche Bücher vorgelesen werden, welche Materialien und Spiele angeboten werden, wie Fachkräfte reagieren und welche Rollen Erwachsene und andere Kinder einnehmen. All das vermittelt Botschaften darüber, was als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gilt.
Gleichzeitig bietet die Kita die Chance, solche Vorstellungen zu erweitern und Kindern andere Erfahrungen zu ermöglichen.
Redaktion: Was können Kitas konkret tun, damit Spielangebote vielfältiger und weniger geschlechtsbezogen werden?
Lenhart: Es geht vor allem darum, Vielfalt sichtbar zu machen. Es müssen nicht alle Materialien geschlechtsneutral sein, entscheidend ist, dass Kinder unterschiedliche Möglichkeiten vorfinden. Also zum Beispiel nicht nur blaue Bausteine, sondern Bausteine in verschiedenen Farben. Denn auch Farben und andere Gestaltungselemente senden Geschlechtsinformationen aus.
Studien zeigen: Wenn ein Spielzeug als „für Jungs“ oder „für Mädchen“ bezeichnet wird, beeinflusst das, wofür sich Kinder interessieren. Gleichzeitig können solche Zuschreibungen abgeschwächt werden. Eine Studie mit dem Titel Pink Gives Girls Permission hat etwa gezeigt, dass ein "für Jungs” bezeichnetes Spielzeug weniger stark als ausschließlich männlich wahrgenommen wurde, wenn es pink war. Es geht also nicht darum, Pink abzuschaffen. Das Problem ist nicht die Farbe selbst, sondern wenn Farben oder Materialien Kindern signalisieren: Das ist für dich – oder eben nicht.
Deshalb sollten Kitas ihre Räume und Materialien regelmäßig reflektieren: Welche Bücher und Spielmaterialien nutzen wir? Welche Möglichkeiten bieten wir Kindern? Gibt es bestimmte Bereiche oder Angebote, die durch ihre Gestaltung schon bestimmte Kinder ansprechen oder ausschließen? Oft reichen kleine Veränderungen, um mehr Zugänge zu schaffen.
Wichtig ist auch die Reflexion im Team: Welche Erwartungen haben wir selbst? Welche Materialien nutzen wir? Und wie reagieren wir, wenn Kinder sagen: „Das dürfen nur Jungs?” Dann geht es darum, ins Gespräch zu kommen: Warum eigentlich? Was interessiert dich? Was macht dir Spaß?
Redaktion: Neben Spielmaterialien prägen auch Geschichten und Bilder die Vorstellungen von Kindern. Sie forschen dazu, wie Bücher und Erzählungen wirken. Was zeigen Ihre Studien?
Lenhart: Geschichten sind für Kinder wichtige Lernkontexte, ähnlich wie das echte Leben. Gerade jüngere Kinder können noch nicht so klar zwischen Realität und Fantasie unterscheiden wie Erwachsene. Wenn sie immer wieder sehen: Der Vater geht arbeiten, die Mutter kocht, putzt und kümmert sich um die Kinder, dann nehmen sie diese Rollenverteilung zunächst als etwas Normales wahr.
Wenn Kinder ständig erleben, dass bestimmte Verhaltensweisen mit einem Geschlecht verbunden sind, übernehmen sie diese Zusammenhänge auch in ihre Vorstellungen. Deshalb ist Vielfalt so wichtig: Wenn Kinder unterschiedliche Beispiele sehen, wird der Zusammenhang zwischen Geschlecht und bestimmten Fähigkeiten oder Tätigkeiten schwächer.
Trotzdem sollte man Geschichten nicht nur danach bewerten, ob sie auf einer Dimension problematisch sind. Schneewittchen etwa vermittelt aus Geschlechterperspektive ein sehr traditionelles Bild, kann aber gleichzeitig viele Anknüpfungspunkte bieten, um über Wünsche, Wissen und falsche Überzeugungen zu sprechen. Es geht deshalb nicht darum, Bücher oder Geschichten einfach auszusortieren, sondern um Vielfalt und einen bewussten Umgang damit.
Man muss sich fragen: Welche Geschichten lesen wir? Welche Bilder vermitteln sie? Und welche Ergänzungen brauchen Kinder, damit sie unterschiedliche Möglichkeiten kennenlernen?
Redaktion: Auch pädagogische Fachkräfte beeinflussen durch Sprache, Erwartungen und Reaktionen, welche Möglichkeiten Kinder wahrnehmen. Worauf können sie im Alltag achten?
Lenhart: Der wichtigste Punkt ist zunächst die eigene Reflexion: Welche Geschlechtervorstellungen und Erwartungen habe ich selbst? Denn nur wenn ich mir meiner eigenen „Geschlechterbrille“ bewusst bin, kann ich erkennen, ob sie mein Verhalten gegenüber Kindern beeinflusst.
Ein guter Ansatz ist, den Fokus weg vom Geschlecht und hin zu den Interessen des Kindes zu legen: Was interessiert dich? Was macht dir Spaß? Kinder sind von sich aus neugierig und motiviert.Diese Offenheit sollte man stärken, statt sie durch Erwartungen einzuschränken.
Gerade im Alltag lohnt sich die Selbstreflexion: Würde ich ein Mädchen dafür loben, wie liebevoll es eine Puppe versorgt, aber bei einem Jungen dieselbe Situation anders bewerten? Oder würde ich ein Kind unbewusst in eine bestimmte Richtung lenken, weil es nicht zu meinen Vorstellungen von Mädchen oder Jungen passt?
Wenn wir Geschlecht ständig zum Ausgangspunkt machen, kann es sehr verhaltensbestimmend werden. In der frühen Kindheit sollte es deshalb weniger darum gehen, wer etwas „typischerweise“ macht, sondern darum, Kindern vielfältige Erfahrungen zu ermöglichen und ihre Interessen zu fördern.
Lenhart: Fachkräfte in der Kita haben die Möglichkeit, die Gruppe und den Umgang der Kinder miteinander aktiv mitzugestalten. Sie können Situationen nutzen, in denen Geschlechtervorstellungen sichtbar werden, und neue Erfahrungen ermöglichen.
Wenn ein Kind zum Beispiel sagt: „Das darfst du nicht machen, du bist doch ein Junge“, kann man genau dort ansetzen und ins Gespräch gehen: Warum eigentlich? Jeder darf ausprobieren, was ihn interessiert. Das ist ein längerer Prozess, aber genau dadurch entsteht eine Kultur, in der bestimmte Dinge selbstverständlich werden.
Die Kita hat dabei einen besonderen Gestaltungsspielraum, weil sie nicht nur einzelne Kinder begleitet, sondern eine ganze Gruppe prägt. Sie kann Kindern, die zu Hause eher traditionelle Vorstellungen kennenlernen, eine Alternative anbieten und gleichzeitig Kindern, die bereits andere Erfahrungen machen, einen Raum geben, in dem diese selbstverständlich sind.
Deshalb sollten sich Einrichtungen fragen: Welche Haltung wollen wir in unserer Kita leben? Es geht darum, eine Umgebung zu schaffen, in der Kinder ihren Interessen folgen können, unabhängig davon, ob diese als typisch für Jungen oder Mädchen gelten.
Redaktion: Oft wird gefordert, dass es mehr Männer in Kitas braucht. Welche Bedeutung haben männliche Fachkräfte im Kita-Alltag und wo liegen die Grenzen dieses Ansatzes?
Lenhart: Rollenmodelle können sehr wirksam sein. Aus der Forschung wissen wir zum Beispiel, dass Kinder und Jugendliche Vorbilder brauchen, um sich bestimmte Wege und Möglichkeiten überhaupt vorstellen zu können. Das zeigt sich etwa bei Frauen in traditionell männlich geprägten Berufen: Wenn sie Mathematikerinnen oder Ingenieurinnen als Vorbilder sehen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie solche Wege auch für sich in Betracht ziehen.
Es liegt nahe, dass solche Prozesse auch bei Jungen eine Rolle spielen. Ein männlicher Erzieher kann zeigen: Die Arbeit mit Kindern ist auch für Männer eine Möglichkeit, und es ist selbstverständlich, diesen Beruf auszuüben.
Gleichzeitig darf man Rollenmodelle nicht isoliert betrachten. Kinder orientieren sich nicht nur daran, wer etwas tut, sondern auch daran, welchen gesellschaftlichen Wert diese Tätigkeit hat. Wenn ein Beruf wenig Anerkennung oder eine geringere Bezahlung erfährt, macht allein ein männliches Vorbild ihn nicht automatisch attraktiver.
Deshalb ist es wichtig, beides zusammenzudenken: Männliche Fachkräfte können Geschlechterbilder erweitern und neue Möglichkeiten sichtbar machen. Gleichzeitig müssen wir auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachten, etwa die Anerkennung und Bezahlung sozialer Berufe.
Redaktion: Sie haben untersucht, welchen Einfluss gendergerechte Sprache auf die Vorstellungen von Kindern hat. Was können pädagogische Fachkräfte daraus für ihren Alltag mitnehmen?
Lenhart: Die einfachste Schlussfolgerung ist: Gendern Sie! Sprache macht einen Unterschied. Das generische Maskulinum führt nachweislich dazu, dass Menschen eher an Männer denken. Wenn wir also von „Ärzten“, „Polizisten“ oder „Professoren“ sprechen, entstehen häufig männlich geprägte Vorstellungen.
Eine einfache Möglichkeit, die von vielen heutzutage gar nicht mehr als Gendern angesehen wird, ist die Beidnennung: also „Polizistinnen und Polizisten“ oder „Erzieherinnen und Erzieher“. Das kostet wenig Aufwand, lässt sich leicht in den Sprachgebrauch übernehmen und zeigt Kindern, dass diese Berufe nicht nur einem Geschlecht offenstehen.
Gerade in der Kita ist das relevant, weil Sprache ständig vermittelt, wer gemeint ist und wer sichtbar wird. Gleichzeitig muss man differenzieren: Die Forschung zum generischen Maskulinum ist sehr umfangreich und zeigt klare Effekte auf Vorstellungen und Bilder im Kopf. Bei den unterschiedlichen Formen geschlechtersensibler Sprache gibt es noch weniger Forschung, etwa dazu, wie sie sich auf Lesenlernen oder Sprachverständnis auswirken. Deshalb sollte man die Diskussion differenziert führen. Aber dass Sprache Vorstellungen beeinflusst, ist wissenschaftlich sehr gut belegt.
Gendersensible Pädagogik ist kein zusätzliches Projekt, sondern Teil guter pädagogischer Arbeit.
Prof. Jan Lenhart, Universität Bamberg
Redaktion: Gendersensible Pädagogik wird manchmal als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen. Wie kann sie stärker als Teil einer guten individuellen Förderung verstanden werden?
Lenhart: Zunächst muss man sehen, wie anspruchsvoll der Kita-Alltag bereits ist. Fachkräfte begleiten Sprachentwicklung, Integration, mathematische Frühförderung und viele weitere Themen. Deshalb halte ich wenig davon, ihnen einfach noch weitere Aufgaben aufzutragen. Wichtiger ist zu zeigen, welchen Nutzen gendersensible Pädagogik hat.
Sie sollte nicht als Zusatzprogramm verstanden werden, sondern als Teil des alltäglichen Umgangs: Welche Möglichkeiten geben wir Kindern? Welche Erwartungen haben wir? Welche Materialien nutzen wir? Vieles lässt sich ohne großen zusätzlichen Aufwand integrieren.
Dabei geht es nicht darum, alles perfekt zu machen. Entscheidend ist, dass Teams reflektieren, welche Kultur sie schaffen möchten, Dinge ausprobieren und auch mit Fehlern umgehen können. Dafür braucht es eine gute Verankerung in Ausbildung und Studium, aber auch den Freiraum für Einrichtungen, eigene passende Lösungen zu entwickeln.
Eine Studie von Lars Burghardt zur geschlechtsbezogenen Selbstwirksamkeit von Kita-Fachkräften zeigt, dass Gendern im Vergleich zu anderen Themen oft weiter hinten auf der Prioritätenliste steht. Das ist angesichts der vielen Anforderungen verständlich. Umso wichtiger ist es, deutlich zu machen: Gendersensible Pädagogik ist kein zusätzliches Projekt, sondern Teil guter pädagogischer Arbeit.
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