Personalmangel in der frühen Bildung: Kita-Leitung als professionelle Führungsaufgabe stärken und sichern

Katja Grenner über notwendige Trägerstrukturen, qualifiziertes Personal und warum fachliche Standards nicht weiter abgesenkt werden dürfen

Michael Klitzsch

Lesezeit: 6 Minuten
© Pexels, Nikita Nikitin

Der ideale Tag mit voller Personalbesetzung ist in deutschen Kitas eine Illusion. Doch wie gelingt gute frühe Bildung in Einrichtungen, die mit strengen Vorgaben und realen Herausforderungen umgehen müssen? Katja Grenner, Pädagogische Geschäftsleiterin beim Träger Kindergärten City, spricht über die Rolle der Leitungsebene, Qualitätsverluste durch sinkende Personalstandards und erläutert, warum Träger klare Managementstrukturen etablieren müssen.

Das Entscheidende auf einen Blick

Im Interview definiert Katja Grenner Leadership und professionelles Management als Kern der Qualitätssicherung in der frühen Bildung. Träger müssen Kita-Leitungen als zentrale Führungskräfte etablieren und strukturell entlasten. Von der Politik fordert Grenner primär, aktiv in die Qualifikation und Qualität des Personals zu investieren und die Leitungsposition als professionelle Führungsaufgabe strukturell anzuerkennen. 

Redaktion: Frau Grenner, Kita-Teams arbeiten heute häufig über längere Zeit in Unterbesetzung, Fachkräfte fallen aus. Wie gewährleisten Träger unter diesen schwierigen Realbedingungen noch eine verlässliche pädagogische Qualität?

Katja Grenner: Das Ausfallen von Fachkräften ist tatsächlich ein großes Thema, da die Personalschlüssel knapp kalkuliert sind. In diesen Schlüsseln sind zwar Ausfallzeiten eingepreist, diese decken jedoch die tatsächlichen Fehlzeiten, insbesondere durch Krankmeldungen, nicht ab. Ein Träger muss die Arbeit unter Realbedingungen planen; den idealen Tag mit voller Besetzung gibt es kaum. Das erfordert eine professionelle und qualitätsfähige Trägerorganisation. Das bedeutet, man benötigt Managementprozesse, eine gute Ablauf- und Aufbauorganisation, klare Zuständigkeiten sowie Mitarbeitende, die sich professionell um die pädagogische Qualität kümmern. Für gute Träger gehört zur Qualitätssicherung auch, nah an den Kitas zu agieren und ein genaues Wissen über die Abläufe vor Ort zu haben.

Redaktion: Sie betonen die Nähe zur Praxis. Welche Rolle spielt dabei die Kita-Leitung und wie unterstützen Sie diese?

Grenner: Die Kita-Leitung ist die absolute Schlüsselposition für jede Art von Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung. Es ist die herausforderndste Führungsposition, die ein Träger zu besetzen hat. Wir unterstützen sie schnell und unkompliziert in Personalfragen sowie durch unsere Fachberatung, organisieren Coaching, Supervision und kollegiale Beratung. Leitungen müssen von routinemäßigen Verwaltungsaufgaben entlastet werden, auch durch entsprechende Digitalisierung in den Servicebereichen.

Die Leitung ihrerseits muss ausgeprägte Führungskompetenzen aufweisen, die Arbeitsplanung täglich neu an die Personalsituation anpassen und Prioritäten setzen. Sie muss ein diverses Kollegium so strukturieren, dass unabhängig von privaten Sympathien die sachliche Aufgabenwahrnehmung im Fokus steht: Bildung, Betreuung und Erziehung in guter Qualität.
 

Kindergärten City

Der Eigenbetrieb Kindergärten City agiert als einer von fünf staatlichen Kita-Trägern des Landes Berlin. Die Organisation betreibt rund 58 Kindertagesstätten in den zentralen Berliner Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Etwa 1.600 Beschäftigte betreuen und fördern dort täglich rund 7.000 Kinder. Inhaltlich fokussieren sich die Einrichtungen primär auf alltagsintegrierte Sprachförderung sowie die aktive Umsetzung von Partizipation und Kinderrechten im Betreuungsalltag. 

Redaktion: Können Sie noch etwas genauer schildern, wie die Unterstützung der Leitungsebene konkret aussieht?

Grenner: Wir setzen systematisch Instrumente der Personalentwicklung ein und analysieren die individuellen Stärken und Grenzen der Mitarbeitenden. Strukturell betreuen bei uns Bereichsleitungen jeweils zehn Kitas. Wichtig ist uns dabei das Modell der Leitungstandems, damit Führungskräfte vor Ort ein direktes Gegenüber haben. Jede Leitung führt monatlich ein Begleitungsgespräch mit ihrer Bereichsleitung. Dort prüfen wir, ob Ziele erreicht werden, analysieren Schwierigkeiten und entwickeln alternative Lösungswege, was eine erfahrungsfreundliche Fehlerkultur voraussetzt. 

Viermal im Jahr veranstalten wir große Führungstreffen. Dort bearbeiten wir komplexe Alltagsthemen wie: Generationenkonflikte im Team, unterschiedliche pädagogische Haltungen, den Umgang mit rassistischen Tendenzen oder die Integration von Familien aus anderen Kulturkreisen, deren Familienstrukturen stark von hiesigen Konzepten abweichen. Ziel ist eine professionelle und themenorientierte Organisation der Kommunikation.

Redaktion: Wie stellen Sie als Träger sicher, dass qualitative Vorgaben an allen Standorten verlässlich umgesetzt werden?

Grenner: Fast jedes Bundesland gibt ein eigenes, staatliches Bildungsprogramm vor. Ein Träger muss diese allgemeinen Vorgaben auf seine spezifische Organisation übertragen und eine eigene Rahmenkonzeption entwickeln. Es reicht nicht aus, den Einrichtungen lediglich die offiziellen Texte der Ministerien zur Verfügung zu stellen oder diese wörtlich zu wiederholen. Die trägerspezifische Konzeption muss den Kitas stattdessen klare inhaltliche Leitlinien vorgeben und gleichzeitig ausreichend Freiraum für die individuelle Entwicklung der Standorte lassen. Wir müssen dabei die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Kitas berücksichtigen und auch Räume für besonders innovative Konzepte schaffen. Um die Umsetzung dieser Leitlinien zu gewährleisten, etablieren wir systematische Qualitätsentwicklungsprozesse.

Redaktion: Wie sehen diese aus?

Grenner: Externe Evaluationen bilden dafür oft den Startpunkt, da die Anwesenheit externer Beobachter den Fokus unmittelbar auf die pädagogische Qualität lenkt und Teams ihre Betriebsabläufe bewusster wahrnehmen. Eine Evaluation ist jedoch immer nur so gut wie das, was der Träger anschließend aus den Ergebnissen ableitet. Es ist die Aufgabe des Trägers, die gewonnenen Informationen systematisch auszuwerten und Handlungsaufträge für die Führungsebene zu definieren. Dabei benötigen die Teams vor Ort einen geschützten Rahmen, um die Ergebnisse zu reflektieren. Eine Evaluation, die ausschließlich positive Rückmeldungen gibt und keine Schwierigkeiten benennt, ist wertlos. Es geht darum, vorhandene Stärken aufzuzeigen und Wertschätzung zu vermitteln, aber ebenso ehrlich und präzise zu definieren, welche konkreten Entwicklungsziele in den nächsten zwei Jahren bis zur nächsten Überprüfung erarbeitet werden müssen. Voraussetzung dafür ist, dass das angewandte Evaluationsverfahren selbst anerkannten qualitativen Standards entspricht.

Redaktion: Angesichts des Fachkräftemangels arbeiten in vielen Einrichtungen multiprofessionelle Teams mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen. Wie verteilen Sie die Rollen, damit die Qualität im Alltag gesichert bleib?

Grenner: Wir beschäftigen Fachkräfte, Quereinsteigende, Sozialassistentinnen und -assistenten sowie Mitarbeitende in berufsbegleitender Ausbildung. Es gilt, diese Menschen individuell zu betrachten und stärkenorientiert einzusetzen. Bestimmte Aufgaben, wie die Verantwortung für Beobachtungen, Entwicklungsgespräche oder spezifische Aufsichtspflichten, dürfen ausschließlich von ausgebildeten Fachkräften übernommen werden. Aufgaben im pflegerischen Bereich oder die Begleitung von Mahlzeiten können hingegen auch Mitarbeitende ohne Fachkraftabschluss sehr kompetent ausführen. Die personelle Eignung für die Arbeit mit Kindern ist für mich ein zentrales Kriterium. Daher durchlaufen alle Bewerberinnen und Bewerber, auch jene aus unseren Kooperationsschulen, ein striktes Auswahlverfahren.

Redaktion: Zur Arbeit in Kitas gehört neben der eigentlichen Betreuungszeit auch Vorbereitung, Abstimmung und Reflexion. Bleibt dafür überhaupt Zeit, wenn der Personaldruck so hoch ist?

Grenner: Die mittelbare pädagogische Arbeit, also die Vor- und Nachbereitungszeit, ist in der Rahmenvereinbarung mit dem Land verankert. Die Kita-Leitung ist verpflichtet, diese Stunden im Dienstplan zu sichern. Wir stellen an den Standorten entsprechende Arbeitsräume und technische Ausstattung zur Verfügung. Wir akzeptieren es nicht, wenn diese Zeiten zugunsten der direkten Betreuung gestrichen werden; sie haben die exakt gleiche Relevanz für die pädagogische Qualität. Fachkräfte benötigen eine professionelle Ebene der Zusammenarbeit unter Erwachsenen. Diese Zeiten abseits der direkten Arbeit mit den Kindern sind zwingend erforderlich, um Bildungsangebote zu konzipieren, den Tagesablauf strukturell zu planen oder im Team kindliche Entwicklungsverzögerungen fachlich zu analysieren, bevor entsprechende Elterngespräche geführt werden.

Wir verfügen über hervorragendes Fachwissen und detaillierte Bildungsprogramme, doch in der Praxis entspricht das Qualifikationsniveau in der Breite diesen Vorgaben oft nicht.

Katja Grenner
Pädagogische Geschäftsleiterin - Kindergärten City

Redaktion: Wo sehen Sie die größten Zielkonflikte zwischen fachlichen Ansprüchen, gesetzlichen Vorgaben und der tatsächlichen Personalsituation?

Grenner: Das primäre Problem ist die angespannte Personalsituation. Wenn sich in einem Team ein großer Teil der Mitarbeitenden krankmeldet, ist der reguläre Betrieb kaum aufrechtzuerhalten. Ein weiterer tiefgreifender Konflikt besteht darin, dass wir in einem semiprofessionellen Feld arbeiten. Wir verfügen über hervorragendes Fachwissen und detaillierte Bildungsprogramme, doch in der Praxis entspricht das Qualifikationsniveau in der Breite diesen Vorgaben oft nicht. Wir haben exzellente Fachkräfte, aber auch Personal, dem grundlegende Kompetenzen fehlen. Zudem beobachten wir im Ausbildungssystem Entwicklungen, bei denen Hochschulabsolventen theoretisches Wissen mitbringen, jedoch über unzureichende praktische Handlungskompetenzen verfügen. Statt die fachlichen Standards kontinuierlich zu senken, müssen wir die Qualität des Personals in den Fokus rücken und die Leitungsposition als professionelle Führungsaufgabe anerkennen.

Redaktion: Lassen Sie uns abschließend auf den Übergang in die Schule schauen: Auf welche Vorläuferkompetenzen konzentrieren sich Ihre Kitas mit den vorhandenen Ressourcen?

Grenner: Die maßgeblichen Bereiche sind die sprachliche und die sozial-emotionale Entwicklung. Sprache bildet die grundlegende Voraussetzung für die Teilhabe am weiteren Bildungsweg. Wir stellen zunehmend fest, dass Sprachkompetenzen im Elternhaus sinken. Oft beherrschen Familien weder Deutsch noch ihre Herkunftssprache in ausreichendem Maß. Ebenso beobachten wir einen Rückgang der elterlichen Erziehungskompetenzen, wodurch Kindern oft essentielle Strukturen und Aufmerksamkeitsspannen fehlen. Daher müssen Kinder in der Kita lernen, ihre Emotionen zu regulieren, Perspektiven anderer einzunehmen, Rückschläge zu verarbeiten und Konflikte konstruktiv zu lösen. Dieser Sozialisationsprozess beginnt am ersten Tag. Zudem bin ich der Überzeugung, dass wir einen curricularen Rahmen benötigen, um Kinder im letzten Jahr vor dem Übergang noch einmal strukturiert und fokussiert auf die schulischen Anforderungen vorzubereiten.

Redaktion: Frau Grenner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Katja Grenner ist Pädagogische Geschäftsleiterin bei Kindergärten City, einem Eigenbetrieb des Landes Berlin. In dieser Führungsposition verantwortet sie die systematische Qualitätsentwicklung und die inhaltliche Ausrichtung der pädagogischen Arbeit für den Träger. Ihr fachlicher Fokus liegt dabei auf der Personalentwicklung und der strukturellen Stärkung von Kita-Leitungen.