Prof. Dr. Thomas Moser, Forscher am Nationalen Zentrum für Kindergartenforschung (FILIORUM) der Universität Stavanger, spricht beim Nationalen Forum Frühe Bildung über skandinavische Qualitätssteuerung in der frühen Bildung. Im Interview erklärt er, wie Norwegen Kita-Qualität sichert, das kindliche Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellt und soziale Exklusion gesetzlich sanktioniert.
Das Entscheidende auf einen Blick
Norwegen verzichtet in der frühen Bildung weitgehend auf standardisierte Lerntests und definiert Qualität primär über pädagogische Interaktionsprozesse: Das sozial-emotionale Wohlbefinden der Kinder steht im Mittelpunkt. Ein zentraler Unterschied zur deutschen Praxis ist die juristische Nulltoleranz gegenüber Mobbing, die eine Handlungspflicht des Personals auslöst. Die Qualitätsentwicklung wird jedoch zunehmend durch den Fachkräftemangel und sinkende Absolventenzahlen in den pädagogischen Studiengängen limitiert.
Redaktion: Herr Prof. Moser, wenn in Deutschland über Kita-Qualität diskutiert wird, lautet die zentrale Forderung oft: Wir brauchen bundesweit verbindliche Standards und eine bessere Überprüfbarkeit der Qualität. Wie nähert sich Norwegen diesem Thema – und welche Rolle spielen standardisierte Messverfahren oder staatliche Inspektionen im dortigen Kita-Alltag?
Prof. Dr. Thomas Moser: Standardisierte Messungen werden im norwegischen Kindergartenbereich oft traditionell relativ kritisch gesehen, dennoch werden sie auch zunehmend pragmatisch genutzt. Der bisherige Widerstand kommt primär aus akademischen Kreisen der Pädagogik. Sie kritisieren, dass etablierte Messverfahren methodisch nicht zum nordischen Bildungsverständnis passen: Diese Instrumente fokussieren oft auf kognitive Leistungen und messbare Schulvorbereitung, während in Norwegen das Wohlbefinden und die Partizipation des Kindes im Zentrum stehen.
In der Forschungspraxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Wenn wir standardisierte Beobachtungsbögen anwenden – Instrumente, die den Kita-Alltag und die Raumausstattung anhand konkreter Checklisten quantitativ bewerten –, reagiert das pädagogische Personal vor Ort oft positiv. Für die Fachkräfte liefern diese Instrumente handfeste Rückmeldungen für ihre tägliche Arbeit.
Es gibt in Norwegen keine stark standardisierten, indikatorgestützten Inspektionssysteme wie in einigen anderen Ländern; die Kommunen prüfen eher den Rahmen, statt Testergebnisse abzufragen. Die Kommunen nehmen dabei eine Doppelrolle ein: Ihnen gehört etwa die Hälfte der Kitas. Gleichzeitig kontrollieren sie die andere Hälfte, die private Träger leiten, und finanzieren diese mit. Der norwegische Staat lenkt das System primär über die Ausbildung des Personals: Das Gesetz schreibt aktuell vor, dass mindestens 40 Prozent als qualifizierte Kindergarten-Fachkräfte arbeiten müssen. Die Politik strebt an, diese Quote auf 60 Prozent Bachelor-Absolventen zu erhöhen. Norwegen vertraut darauf, dass die ausgebildeten Fachkräfte im Alltag mit ausreichender professioneller Qualität handeln.
Paradigmenkonflikt in der Frühpädagogik
Die empirische Messung von Kita-Qualität basiert international auf unterschiedlichen Bildungsverständnissen. Leistungsorientierte Systeme, insbesondere im angloamerikanischen Raum, fokussieren auf "School Readiness" und operationalisieren Qualität über die systematische Förderung kognitiver Vorläuferfertigkeiten. Das in Norwegen gesetzlich verankerte Modell lehnt diese frühe Verschulung ab und begreift die frühe Kindheit als eigenständige Lebensphase. Das Kindergartengesetz definiert das sozio-emotionale Wohlbefinden (trivsel) im Sinne von emotionaler Sicherheit und sozialer Zugehörigkeit und die soziale Partizipation als primäre Rechte des Kindes. Folglich verzichtet der norwegische Rahmenplan auf standardisierte Lernziele für Kinder und formuliert ausschließlich qualitative Handlungsvorgaben für das pädagogische Personal.
Redaktion: Die Grundlage der norwegischen Kita-Praxis bildet der nationale Rahmenplan. Dieses staatliche Curriculum ist, im Gegensatz zu den föderalen Bildungsplänen in Deutschland, landesweit für alle Einrichtungen juristisch bindend. Wie definiert dieses Dokument die Kita-Qualität inhaltlich?
Moser: Norwegen orientiert sich stark an der Kinderzentriertheit. Der Rahmenplan baut auf dem Wohlbefinden, dem Lernen und dem Spielen der Kinder auf. Es gibt keine messbaren Lernziele, die auf das Niveau des einzelnen Kindes konkretisiert sind. Es wird lediglich definiert, was die Kinder erfahren sollen und wie das Personal ihnen begegnen muss. Das ist verbindlich und lässt sich überprüfen. Interessanterweise zeigte unser erstes großes Messprojekt, dass die Qualität durchschnittlich ist. Zwar bewerten die Skalen den relationalen Support, also die Beziehungsarbeit, sehr gut, der "Instructional Support", also die kognitive Anregung, fällt jedoch schwächer aus. Das resultiert aus der ethischen Haltung, dass der Kindergarten keine Vorbereitung auf die Schule ist. Die Frage lautet in Norwegen eher: Ist die Schule bereit für die Kinder?
Der Stellenwert der norwegischen Elternperspektive
Norwegen erfasst nicht nur, wie Kinder sich fühlen, sondern fragt auch systematisch ab, wie Eltern die Kitas erleben. Das zuständige Direktorat lädt jährlich alle Familien im Land ein, digital und standardisiert zu antworten. Die Eltern bewerten dabei auf einer Skala von eins bis fünf, was die Kitas leisten. Der Wert eins heißt: "Ich lehne komplett ab, wie die Kita arbeitet." Der Wert fünf heißt: "Ich stimme vollkommen zu." Der Staat fragt konkret ab, wie sicher ein Kind spielt, wie transparent das Personal kommuniziert und wie stark Kitas die Familien im Alltag einbinden. Weil das Land flächendeckend alle Eltern einbezieht, liefern die Daten empirisch valide Fakten. Die Zahlen belegen konstant: Eltern vergeben im landesweiten Schnitt fast immer Werte von 4,5 oder mehr.
Redaktion: Das kindliche Wohlbefinden spielt in Norwegen also eine zentrale Rolle. Wie operationalisieren Sie dieses Konstrukt in Ihren Studien konkret und valide?
Moser: Kollegen aus Trondheim haben ein Instrument entwickelt, das strukturierte Gespräche mit Kindern schon im Alter von drei Jahren ermöglicht. Ein Pädagoge oder eine Pädagogin führt das Gespräch einzeln mit dem Kind durch. Die Kinder nutzen ein Tablet und bewerten vorgegebene Aussagen über vierstufige Skalen mit entsprechenden Smileys. Wenn ein Kind unsicher wird, brechen wir sofort ab. Normalerweise lieben die Kinder diese Gespräche. Das Instrument ist psychometrisch abgesichert und funktioniert überraschend gut. Es spiegelt den zentralen norwegischen Ansatz wider: Die Stimmen der Kinder müssen gehört werden, und Partizipation beziehungsweise Mitwirkung fließt stark in die Definition guter Praxis ein.
Sobald Fachkräfte feststellen, dass ein Kind systematisch ausgeschlossen oder gehänselt wird, greift die juristische Handlungspflicht. Wegsehen gilt als unprofessionell und gesetzeswidrig.
Prof. Dr. Thomas Moser
Redaktion: Ein weiteres wichtiges Feld in norwegischen Kitas ist die Prävention von Mobbing in der frühen Kindheit. Norwegen hat dies juristisch verankert: Das Kindergartengesetz schreibt eine strikte Nulltoleranz-Politik fest und verpflichtet das pädagogische Personal bei jedem Verdacht auf soziale Ausgrenzung zu sofortigem Handeln. Wie setzen die Kitas diese weitreichenden gesetzlichen Vorgaben konkret in ihrer täglichen pädagogischen Praxis um?
Moser: Die Umsetzung in die Praxis erfordert zunächst ein spezifisches Beobachtungsverständnis. Wir definieren Mobbing in diesem Alter nicht als zielgerichtete, aggressive Handlung. Es manifestiert sich primär als systematische soziale Exklusion. Das geschieht, wenn ein Kind wiederholt abgewiesen wird oder permanent nur die marginalsten Funktionen in einem Spiel übernehmen darf. Die pädagogische Praxis steht hier vor einer vielschichtigen Abwägung: Einerseits hat jedes Kind das Recht auf Teilhabe am Spiel. Andererseits haben spielende Kinder das Recht, ihr Spielgeschehen zu schützen – etwa wenn ein hinzukommendes Kind die motorischen oder sprachlichen Voraussetzungen für den Spielverlauf noch nicht erfüllt.
Die Vorgaben zwingen das Personal, genau diese Dynamiken zu analysieren. Sobald Fachkräfte feststellen, dass ein Kind systematisch ausgeschlossen oder gehänselt wird, greift die juristische Handlungspflicht. Wegsehen gilt als unprofessionell und gesetzeswidrig. Um Kitas bei der Bewältigung dieser Konflikte zu befähigen, greifen systemische Netzwerke: Melden Kommunen oder Träger gehäufte Probleme, intervenieren Einrichtungen wie unser Forschungszentrum. Wir stellen dann umgehend Instrumente, Online-Ressourcen sowie universitäre Mikrokurse zur gezielten Personal- und Kompetenzentwicklung bereit.
Reinhören: Podcast: Mobbing wirksam begegnen
Redaktion: Der Übergang von der Kita in die Grundschule ist entscheidend für Bildungsgerechtigkeit. Wie sichert Norwegen ihn ab?
Moser: Das norwegische System schließt selektive Mechanismen an diesem Punkt konsequent aus: Es werden keine Schuleingangstests durchgeführt und es gibt kein Sitzenbleiben. Jedes Kind besitzt das uneingeschränkte Recht, die nächstgelegene Regelschule zu besuchen. Wir setzen auf eine weitgehende Inklusion mit nur relativ wenigen separaten Angeboten. Die Schulen inkludieren standardmäßig fast alle Kinder. Das fordert die personellen und finanziellen Ressourcen enorm heraus. Dennoch stehen die Kommunen in der rechtlichen Pflicht, auch Kindern mit spezifischem Förderbedarf gleichwertige Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu garantieren.
Um den Übergang strukturell abzusichern, verpflichtet der Staat jede Gemeinde, ein lokales Transitionsmodell zu erarbeiten. Eine zentrale Funktion übernimmt dabei die Schulfreizeitordnung (SFO). In der Praxis wechseln die Kinder oft vier Wochen vor dem ersten Unterrichtstag von der Kita in die SFO. Diese Vorlaufzeit dient explizit nicht der kognitiven Schulvorbereitung. Stattdessen strukturieren körperliche Bewegung, Spiel und Freizeit den Tag. Die kommunale Verwaltung trägt die Verantwortung für die Koordination dieses Dreigestirn aus Kindergarten, Schule und SFO, sodass das Übergangsmodell den geographischen und infrastrukturellen Gegebenheiten vor Ort entspricht.
Redaktion: Auch skandinavische Länder verzeichnen zunehmend einen Fachkräftemangel in der frühen Bildung. Sie werten aktuell umfassende Registerdaten zu diesem Thema aus. Welche empirischen Erkenntnisse zur Personalbindung und Weiterbildung zeigen sich in Norwegen, und wie reagiert das System darauf?
Moser: Wir analysieren derzeit historische Registerdaten von 1945 bis 2023. Dieser Datensatz umfasst über 300.000 Personen, die im norwegischen Kindergartensektor gearbeitet haben. Erste Auswertungen zeigen: Der Lohn ist zwar bescheiden, sichert aber die Existenz – ein Berufsanfänger bei der Polizei, ebenfalls mit einer Bachelor-Ausbildung verdient beispielsweise weniger. Aktuell kompensiert das System den Personalmangel primär durch Ausnahmeregelungen. Diese greifen, wenn eine Einrichtung die gesetzliche Quote von 40 Prozent Bachelor-Absolventen nicht erfüllt. Die Prognosen fallen jedoch kritisch aus: Die Bewerberzahlen für die entsprechenden Studienplätze haben sich halbiert, und zeitgleich erreichen große Jahrgänge das Pensionsalter.
Ein weiteres strukturelles Problem besteht darin, dass Weiterbildungsmaßnahmen Fachkräfte oft aus dem Kita-Beruf herausführen. Absolventinnen und Absolventen qualifizieren sich beispielsweise für den Schuldienst oder absolvieren Masterstudiengänge im Bereich Kinderschutz und verlassen den Sektor der frühen Bildung. Die Regierung verfügt nun über belastbare, evidenzbasierte Fakten und steht in der Pflicht zu handeln, da die aktuelle Entwicklung dem formulierten politischen Ziel von 60 Prozent qualifizierten Kindergarten-Lehrkräften entgegenläuft.
Redaktion: Sie beraten norwegische Regierungsausschüsse. Wie setzt die norwegische Politik aktuelle empirische Befunde der Bildungsforschung in verbindliche Richtlinien für die Kita-Praxis um?
Moser: Das norwegische Bildungsministerium arbeitet stark evidenz- und wissensorientiert. Es unterhält eigene Einheiten, die kontinuierlich den aktuellen Forschungsstand systematisch auswerten und in politische Beschlussprozesse einspeisen. Ein zentrales Instrument sind dabei heterogen zusammengesetzte Expertengruppen. Diese Gremien verfassen sogenannte NOU-Berichte (Norwegische öffentliche Analysen). Diese Analysen bündeln die wissenschaftliche Evidenz und bilden die direkte Vorlage für Meldungen an das Parlament, über die dort politisch abgestimmt wird. Insgesamt existiert in der norwegischen Bildungsverwaltung eine fundamentale Offenheit für empirische Daten, gepaart mit einem klaren Wertebewusstsein bezüglich der kindlichen Entwicklung. Das führt zu einer Steuerung, die deutlich weniger durch reinen Leistungsdruck geprägt ist, als es beispielsweise in Deutschland der Fall ist.
Redaktion: Welche Ansätze zur Qualitätsentwicklung der Kitas in Norwegen lassen sich methodisch valide auf das föderale deutsche System übertragen, und wo liegen die Grenzen eines solchen Transfers?
Moser: Das ist nicht so einfach. Die Basis des norwegischen Modells bildet eine massive staatliche Finanzierung: Norwegen investiert über zwei Prozent seines sehr hohen Bruttonationalprodukts in diesen Sektor. Diese Ressourcen ermöglichen Betreuungsschlüssel von eins zu drei bei den unter Dreijährigen und eins zu sechs bei den älteren Kindern. Sie finanzieren zudem den Rechtsanspruch auf einen Vollzeitplatz ab dem ersten Lebensjahr, was gleichzeitig eine zentrale Maßnahme der Gleichstellungspolitik darstellt, um beiden Elternteilen Vollzeitarbeit zu ermöglichen. Ohne diese ökonomische Basis greifen “strukturelle Kopien” natürlich nicht.
Was sich jedoch übertragen lässt, ist das zugrundeliegende Paradigma. Norwegen betrachtet das Kind als Bürger mit eigenen Rechten. Wir fokussieren die pädagogische Arbeit weniger auf eine frühe kognitive Wissensvermittlung, sondern priorisieren die sozio-emotionale und relationale Entwicklung. Unsere empirischen Daten zeigen zwar, dass eine strukturierte, lernorientierte Pädagogik sich ebenfalls positiv auf diese Bereiche auswirken kann. Die unabdingbare Basis qualitativ hochwertiger Kita-Arbeit bleiben jedoch das Wohlbefinden und die aktive Partizipation der Kinder im Alltag.
Norwegen vs. Deutschland: Das geben beide Länder für frühe Bildung aus
Die Strukturdifferenzen zwischen dem norwegischen und dem deutschen Kita-System spiegeln sich deutlich in den gesamtwirtschaftlichen Bildungsausgaben wider. Laut aggregierten OECD-Daten („Bildung auf einen Blick“, ECEC-Indikatoren, Referenzzeitraum 2020–2022) investiert Norwegen gut 2 % seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die frühkindliche Bildung, Deutschland liegt bei etwa 1,1 %. Dieser Abstand zeigt sich auch bei den jährlichen Ausgaben pro Kind: Norwegen wendet schätzungsweise über 18.000 US-Dollar auf, Deutschland rund 13.000 US-Dollar. Dieses strukturell hohe Investitionsniveau spiegelt sich in Norwegen in einer hohen Versorgungsdichte wider: Es existiert ein gesetzlicher Anspruch auf einen Kita-Platz ab etwa dem ersten Lebensjahr, wobei die Plätze in der Praxis überwiegend ganztägig angeboten werden. Zudem stützt die Finanzierung administrative Vorgaben, die in der Praxis Betreuungsrelationen von etwa 1:3 (bei unter Dreijährigen) und 1:6 (bei über Dreijährigen) ermöglichen.
Thomas Moser ist Professor für Forschung zur frühen Kindheit (Early Childhood Education Research) am Norwegian Centre for Learning Environment and Behavioural Research in Education der Universität Stavanger, Norwegen. Er arbeitet eng mit dem universitären Zentrum für Kindergartenforschung FILIORUM zusammen, das als nationales Forschungszentrum für die frühe Bildung fungiert. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der empirischen Analyse von Bildungsqualität in Kindergärten, dem kindlichen Wohlbefinden, der Prävention von Mobbing sowie Fragen der Inklusion im frühkindlichen Bereich. Moser ist in zahlreiche nationale und internationale Forschungsprojekte eingebunden und war in verschiedenen vom Bildungsministerium eingesetzten Expertengruppen und öffentlichen Kommissionen vertreten, die die norwegische Regierung bei der evidenzbasierten Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildungspolitik beraten.