Jungen fallen im deutschen Bildungssystem systematisch zurück – und der Abstand zu Mädchen wächst mit dem Alter. Das zeigt der ifo-Chancenmonitor 2026. Besonders betroffen sind Jungen aus bildungsfernen Haushalten. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Befunde zusammen und zeigt, welche evidenzbasierten Maßnahmen Schulen konkret ergreifen können.
Auf einen Blick: Die entscheidenden Fakten
Der Gender Gap im deutschen Bildungssystem ist messbar und wächst mit dem Alter: Während 43,5 Prozent der Mädchen ein Gymnasium besuchen, sind es bei Jungen nur 36,9 Prozent – bei bildungsfernen Haushalten beträgt der Nachteil der Jungen 24 Prozentpunkte. Kontrollierte Studien zeigen, dass gezielte Leseförderung, Selbstregulationstraining und Mentoring wirken. Für alle drei gibt es evaluierte Programme, die Schulen heute einführen können.
Der Chancenmonitor misst Bildungschancen anhand des Gymnasialbesuchs – also des Anteils der 10- bis 18-Jährigen, die zum Erhebungszeitpunkt ein Gymnasium besuchen, das Abitur haben oder studieren. Das ist ein Näherungswert, kein perfektes Maß. Aber er ist gut belegt und korreliert eng mit späteren Einkommens- und Lebenschancen.
Im Gesamtdurchschnitt besuchen 43,5 Prozent der Mädchen ein Gymnasium, aber nur 36,9 Prozent der Jungen. Hinter dieser Zahl steckt ein Muster, das sich je nach Herkunft und Alter stark verändert.
Bei Jungen aus bildungsfernen Haushalten ist der Rückstand besonders ausgeprägt: Bei Eltern ohne Abitur beträgt der Nachteil der Jungen 24 Prozentpunkte. Bei akademisch gebildeten Eltern schrumpft er auf 5,4 Prozentpunkte.
Das zweite Muster betrifft das Alter. Mit 10 bis 12 Jahren beträgt der Gymnasialabstand 4,4 Prozentpunkte. Mit 16 bis 18 Jahren sind es bereits 9,6 Prozentpunkte. Der Gap entsteht nicht auf einen Schlag, er wächst im Laufe der Schulzeit. Ein wesentlicher Grund: Mädchen besuchen das Gymnasium über die Schuljahre stabil, Jungen gehen in der Oberstufe häufiger ab. Dieser Abgang allein erklärt mehr als die Hälfte des Anstiegs.
Das Bild eines strukturellen, nicht zufälligen Rückstands der Jungen wird durch weitere Daten gestützt. 65 Prozent der Förderschüler sind Jungen, 9,2 Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss gegenüber 6,2 Prozent der Mädchen. Im Lesen liegen Jungen am Ende der 4. Klasse um das Äquivalent eines Drittel-Schuljahres zurück, ein Rückstand, der seit 2001 konstant belegt und seitdem nicht kleiner geworden ist (McElvany et al., 2023).
Der Chancenmonitor leitet sechs Handlungsempfehlungen speziell für den Gender Gap ab.
1. Lesen fördern – früh und jungensensibel
Der Leserückstand der Jungen ist seit 2001 konstant und hat sich in 20 Jahren nicht verringert (McElvany et al., 2023). Da Lesekompetenz die Grundlage für Lernen in allen Fächern ist, wirkt sich dieser Rückstand auf die gesamte Bildungslaufbahn aus.
Schulen sollten Leseförderung spätestens in Klasse 3 einführen, bevor der „Leseknick" in der Pubertät einsetzt. Entscheidend ist das Material: Klassenbibliotheken mit Sachbüchern, Comics und genrespezifischen Reihen erreichen Jungen nachweislich besser als klassische Schullektüre. Selbstbestimmte Lesezeiten und Themenwahl mit Bezug zur Lebenswelt der Jungen erhöhen die Motivation zusätzlich (Van Der Sande et al., 2023). Im Vorschulalter sind konsequente Sprachstandserhebungen mit anschließender Förderung ein weiterer belegter Ansatz.
2. Selbstregulation gezielt stärken
Jungen weisen im Durchschnitt schwächere Selbstorganisation und geringere Impulskontrolle auf. Zwei kontrollierte Studien, die der Chancenmonitor selbst anführt, belegen die Wirksamkeit gezielter Förderung: Ein kanadisches Programm direkt für verhaltensauffällige Jungen zeigte Effekte bis ins Erwachsenenalter (Algan et al., 2022); ein Schweizer Programm zur sozioemotionalen Kompetenzförderung führte langfristig zu mehr Gymnasialempfehlungen (Sorrenti et al., 2025). Die Leopoldina empfiehlt, Selbstregulationsförderung zur Leitperspektive des deutschen Bildungssystems zu machen, konkret durch Programme auf Basis kognitiver Verhaltenstherapie und Achtsamkeitsansätzen (Leopoldina, 2024).
Für Schulen bedeutet das eine strukturelle Verankerung statt gelegentlicher Zusatzangebote. Ansätze wie das Erarbeiten von Stoppregeln und Problemlöseschritten in Rollenspielen lassen sich direkt in den Unterricht einbauen. Unterrichtshospitationen mit Fokus auf Selbstregulationsmomente oder entsprechende Inhalte an pädagogischen Tagen sind konkrete Einstiegspunkte für Schulleitungen. Ausreichend Bewegung in den Pausen hat zudem nachgewiesene Effekte auf Impulsivität.
3. Benotungspraxis und Übergangsempfehlungen reflektieren
Jungen erhalten bei vergleichbaren Testergebnissen schlechtere Noten, weil schulische Benotung auch Verhalten wie Ordnung und Selbstdisziplin einbezieht, in dem Mädchen im Durchschnitt besser abschneiden (Cornwell et al., 2013; Kuhl & Hannover, 2012). Jungen erhalten außerdem nachweislich seltener eine Gymnasialempfehlung bei gleichen Testleistungen (Wößmann et al., 2026).
Die Empfehlung lautet nicht, Noten pauschal zu korrigieren, sondern die Bewertungspraxis im Kollegium transparent zu machen. Gemeinsame Kalibrierungsrunden mit anonymisierten Schülerarbeiten machen implizite Muster sichtbar. Standardisierte Leistungstests beim Übergang können als Gegencheck zur subjektiven Beurteilung dienen.
4. Mentoring anbieten
Zwei gut belegte deutsche Programme: Beim Programm “Rock Your Life!” verdoppelte Mentoring die Chance auf einen Berufsausbildungsplatz für stark benachteiligte Jugendliche (Resnjanskij et al., 2024). “Balu und Du” erhöhte die Gymnasialwahrscheinlichkeit bei Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Status um 11 Prozentpunkte, noch fünf Jahre nach dem Schulwechsel nachweisbar (Falk et al., 2026).
Beide Programme sind evaluiert, bundesweit verfügbar und können curricular verankert werden. Wichtig: Mentoring wirkt vor allem bei Kontinuität über mindestens ein Jahr. Einmalige Formate zeigen deutlich schwächere Effekte.
Mentoring-Programme im Überblick
“Rock Your Life!” wurde 2008 von Studierenden der Zeppelin Universität in Friedrichshafen gegründet und wird heute von der gemeinnützigen ROCK YOUR LIFE! gGmbH mit Sitz in München getragen. Das Programm richtet sich an Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren und bietet ein kostenloses 1:1-Mentoring durch Studierende über mindestens ein Jahr. Es ist an über 25 deutschen Hochschulstandorten aktiv – darunter Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt – und seit 2022 zusätzlich über eine Online-Plattform verfügbar. Die wissenschaftliche Wirksamkeit belegt eine kontrollierte ifo-Studie an 19 Schulen. Weitere Informationen unter rockyourlife.de.
“Balu und Du” wurde 2001 gemeinsam von der Universität Osnabrück und dem Caritasverband Köln als Modellprojekt initiiert. Träger ist heute der Balu und Du e.V. mit Geschäftsstelle in Köln. Das Programm richtet sich an Grundschulkinder der Klassen 1 bis 4 aus sozial benachteiligten Familien, die ein Jahr lang einmal wöchentlich kostenlos von einem jungen Erwachsenen zwischen 17 und 30 Jahren begleitet werden. Aktuell sind über 1.200 Tandems an mehr als 150 Standorten in Deutschland und Österreich aktiv. Schulen können das Programm in vielen Bundesländern curricular verankern, etwa als Projektkurs oder Seminarfach. Weitere Informationen unter balu-und-du.de.
5. Mehr männliche Fachkräfte als Rollenvorbilder
Derzeit sind nur 6 Prozent des pädagogischen Personals in Kindergärten männlich, in Grundschulen knapp 13 Prozent (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2025, zitiert nach Wößmann et al., 2026). Die Forschung zur direkten Leistungswirkung ist uneinheitlich (Dee, 2005; Helbig, 2010). Das Argument des Chancenmonitors zielt daher auf Rollenvorbilder, nicht auf direkte Leistungssteigerung.
Schulleitungen können gezielt für männliche Bewerber werben und Formate wie den Boys' Day nutzen. Unabhängig von der Personalzusammensetzung gilt: Die Qualität der Lehrer-Schüler-Beziehung ist einer der stärksten Einflussfaktoren auf Motivation und Leistung und lässt sich heute ohne zusätzliche Ressourcen gezielt stärken.
6. Eltern einbinden
Bildungsaspirationen formen sich nicht nur in der Schule. Jungen fallen besonders dann zurück, wenn auch im familiären Umfeld Bildung wenig Priorität hat. Gemeinsames Vorlesen ist eine der am besten belegten familiären Fördermaßnahmen, mit besonders deutlichen Effekten bei Jungen (Price & Kalil, 2019; Kalb & van Ours, 2014).
Schulen können Elternabende nutzen, um konkrete Leseempfehlungen mitzugeben und Bildungserwartungen für Söhne explizit zu thematisieren. Für bildungsferne Familien eignen sich niedrigschwellige Formate wie Lesenächte oder Lesepaten-Programme.
Weiterlesen: Wie Elternbeteiligung den Schulerfolg steigern kann
Das Zurückbleiben der Jungen im Bildungssystem ist ein messbares, strukturelles Problem, das Kinder aller sozialen Schichten betrifft, mit besonders großen Auswirkungen bei Kindern aus bildungsfernen Haushalten. Die Forschung zeigt, welche Maßnahmen wirken: frühe jungensensible Leseförderung, gezielte Selbstregulationsprogramme, Mentoring für Benachteiligte und eine transparente Reflexion der Bewertungspraxis. Diese Maßnahmen schließen sich mit der weiteren Förderung von Mädchen nicht aus, sie ergänzen sie.
- Algan, Y. et al. (2022). The Impact of Childhood Social Skills and Self-Control Training on Economic and Noneconomic Outcomes. American Economic Review, 112(8), 2553–2579. DOI
- Cornwell, C., Mustard, D. B. & Van Parys, J. (2013). Noncognitive Skills and the Gender Disparities in Test Scores and Teacher Assessments. Journal of Human Resources, 48(1), 236–264. DOI
- Dahrendorf, R. (1965). Bildung ist Bürgerrecht: Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik. Nannen-Verlag, Hamburg.
- Dee, T. S. (2005). A Teacher Like Me: Does Race, Ethnicity, or Gender Matter? American Economic Review, 95(2), 158–165. DOI
- Falk, A., Kosse, F. & Pinger, P. (2026). Mentoring and Schooling Decisions: Causal Evidence. Journal of Political Economy, 134(1), 366–396. DOI
- Goldin, C. (2014). A Grand Gender Convergence: Its Last Chapter. American Economic Review, 104(4), 1091–1119. DOI
- Goldin, C. (2024). Nobel Lecture: An Evolving Economic Force. American Economic Review, 114(6), 1515–1539. DOI
- Helbig, M. (2010). Sind Lehrerinnen für den geringeren Schulerfolg von Jungen verantwortlich? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 62, 93–111. DOI: 10.1007/s11577-010-0095-0
- Kalb, G. & van Ours, J. C. (2014). Reading to Young Children: A Head-Start in Life? Economics of Education Review, 40, 1–24. DOI
- Kuhl, P. & Hannover, B. (2012). Differenzielle Benotungen von Mädchen und Jungen. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 44(3), 153–162. DOI
- Lavy, V. & Megalokonomou, R. (2024). The Short- and the Long-Run Impact of Gender-Biased Teachers. American Economic Journal: Applied Economics, 16(2), 176–218. DOI
- Leopoldina (2024). Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Stellungnahme
- McElvany, N. et al. (Hrsg.) (2023). IGLU 2021: Lesekompetenz von Grundschulkindern im internationalen Vergleich. Waxmann, Münster.
- Price, J. & Kalil, A. (2019). The Effect of Mother-Child Reading Time on Children's Reading Skills. Child Development, 90(6), e688–e702. DOI
- Resnjanskij, S. et al. (2024). Can Mentoring Alleviate Family Disadvantage in Adolescence? Journal of Political Economy, 132(3), 1013–1062. DOI
- Sorrenti, G. et al. (2025). The Causal Impact of Socio-Emotional Skills Training on Educational Success. Review of Economic Studies, 92(1), 506–552. DOI
- Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2025). Internationale Bildungsindikatoren im Ländervergleich. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.
- Statistisches Bundesamt (2026). Statistik der allgemeinbildenden Schulen. Destatis, Wiesbaden.
- Van Der Sande, L. et al. (2023). Effectiveness of Interventions that Foster Reading Motivation: a Meta-analysis. Educational Psychology Review, 35, 1–38. DOI
- Winters, M. A. et al. (2013). The Effect of Same-Gender Teacher Assignment on Student Achievement. Economics of Education Review, 34, 69–75. DOI
- Wößmann, L., Freundl, V., Pfaehler, F., Schoner, F. & Tsaberiaba, O. (2026). Der Chancenmonitor von ifo und „Ein Herz für Kinder". ifo Schnelldienst digital 5/2026. PDF