Jungen für das Lesen begeistern: Forschungserkenntnisse für die Praxis

Schulen können die Lesemotivation durch Vielfalt und passgenaue Angebote aktiv unterstützen

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 5 Minuten
Ein Junge liest konzentriert ein Buch am Fenster einer hellen Schulbibliothek.
© pexels rdne

Professorin Brendel-Kepser: Lesen ist unser Schlüssel zur Welt. Es öffnet Zugänge zu Wissen, fördert Selbstvergewisserung und Weltverstehen. Es zeigt, wie scheinbar Fremdes im Text mit dem eigenen Leben in Verbindung stehen kann, regt zum Austausch an und ist zugleich individuell wie sozial. Lesen stärkt Empathie, Kritikfähigkeit und kulturelle Teilhabe – und ist deshalb unverzichtbar.

Brendel-Kepser: Die Leseforschung bietet verschiedene Erklärungen für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Lesekompetenz. Aus neurobiologischer Sicht werden sie mit zeitlich versetzter Hirnreifung begründet. Soziokulturelle Ansätze hingegen sehen Lesen als weiblich konnotierte Praxis und verweisen auf eine mangelnde Passung zwischen schulischer Lesekultur und den Interessen vieler Jungen. Diese erleben Lesen oft als fremdbestimmt, wenig sinnlich und sozial wenig anerkannt – besonders, wenn männliche Lesevorbilder fehlen und Lesen im Umfeld als „unmännlich“ gilt. 

Gleichzeitig darf Geschlecht nicht als alleinige Ursache gelten. Leseschwächen treten häufiger im Zusammenspiel mit Faktoren wie sozialem Status, Migrationshintergrund oder Schulform auf. Zudem kann der sogenannte Stereotyp Threat dazu führen, dass Jungen – aus Angst, dem Klischee zu entsprechen – tatsächlich schlechter abschneiden. Umgekehrt zeigt sich: Haben Jungen eine hohe Lesemotivation und ein positives Selbstkonzept, lesen sie ebenso gut wie Mädchen.

Brendel-Kepser: Digitale Spiele, YouTube und soziale Netzwerke prägen das Aufwachsen in der mediatisierten Kindheit und Jugend. Sie bieten mit ihren schnellen, interaktiven Formaten passgenaue Gratifikationen für Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse – und setzen damit andere Maßstäbe für Aufmerksamkeit und Tempo als das vertiefte Lesen. Vor allem bei Jungen führt dies häufig dazu, dass Lesen in der mittleren Kindheit und Jugend durch audiovisuelle Medien verdrängt wird. Verstärkt wird dieser Trend durch Peergroups, in denen Lesen wenig präsent ist – besonders in bildungsfernen Milieus. Umso wichtiger ist es, neben der schulischen Leseförderung auch Lesemotivation, lesekulturelle Kompetenzen und ein stabiles Leseselbstkonzept gezielt zu stärken. 

Brendel-Kepser: Effektive Leseförderung ist individuell und orientiert sich an den spezifischen Problemen der Schülerinnen und Schüler. Eine ausführliche Diagnostik bildet die Basis für evidenzbasierte Maßnahmen. Basale Lesefähigkeiten können etwa durch Lautlesetandems verbessert werden, die Lesegeschwindigkeit und Automatisierung fördern. Das Konzept „Wir werden Textdetektive“ trainiert verschiedene Lesestrategien, um die Texterschließung zu stärken. Schwieriger messbar sind die Förderung der Lesemotivation und ein positives Leseselbstkonzept. Das Projekt „Eigenständiges Lesen“ fördert lesekulturelle Kompetenzen, insbesondere die Fähigkeit, passenden Lesestoff selbst zu finden und auszuwählen.

Brendel-Kepser: Obwohl der Literaturkanon männlich geprägt ist, erreichen viele dieser Texte Jungen nicht – sie wirken lebensfern, hochliterarisch und wenig relevant. Für eine wirksame Leseförderung sollte daher die populäre Jugendkultur stärker einbezogen werden: Serienliteratur, Comics, Mangas, transmediales Erzählen und Medienverbünde schaffen Anschluss an jugendliche Lebenswelten und können als Türöffner zum Lesen wirken. Auch Sachbücher mit attraktiven Text-Bild-Kombinationen und Themenvielfalt sprechen unterschiedliche Interessen an. Zusätzlich bieten interaktive Formate wie Gamebooks, Rätsel- oder Escape-Bücher neue Zugänge, indem sie Jugendliche aktiv in den Verlauf der Geschichte einbinden.

Brendel-Kepser: Einige Leseempfehlungen eignen sich direkt für den Unterricht, andere für freie Lesezeiten oder als Anregung für die Freizeit. Die Rezensionen der Expertinnen und Experten bieten detaillierte Hinweise zu Genre, Thema, Textschwierigkeit, Gestaltung und Medienbezug sowie didaktische Anknüpfungspunkte. Das Kriterienraster unterstützt Lehrkräfte dabei, die Passung von Text und Lesenden zu prüfen. Zusätzlich profitieren Schulen von unseren Beratungs- und Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte.

Brendel-Kepser: Lesemotivation entsteht selten durch verpflichtende Schullektüren, doch die Schule trägt eine zentrale Verantwortung: Sie muss vielfältige, ansprechende Lesestoffe bieten und den kompetenten Umgang damit fördern – besonders weil viele Kinder außerhalb der Schule wenig Kontakt zu Büchern haben. 

Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche verschiedene Leseformen und Genres kennenlernen, um eigene Vorlieben und Lesegenuss zu entwickeln. Positive Leseerfahrungen im Alltag – in Familie, Peergroup und Freizeit – sind entscheidend. Niedrigschwellige, selbstbestimmte Leseorte wie Leseclubs, Bibliotheken, Buchhandlungen oder andere Einrichtungen der Jugendhilfe bieten dafür ideale Rahmenbedingungen. Dort wird Lesen als sozialer und sinnstiftender Prozess erlebt, der Begeisterung weckt und weiterträgt.

Zur Person

Ina Brendel-Kepser ist Professorin für Neuere deutsche Literatur und Literaturdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Leseförderung, literarische Sozialisation sowie Social Reading und Writing. Sie verantwortet das Transferprojekt boys & books.