Wer Sprache fördert, fördert Zukunft: Wie Sprachförderung ab der Kita gelingt

Frühe, kontinuierliche und alltagsnahe Sprachförderung verbessert Sprachkompetenzen deutlich und stärkt damit langfristig Bildungschancen

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 7 Minuten
Zwei Mädchen spielen und sprechen miteinander – Sprache schafft Verständnis und Teilhabe.
© pexels, eren li

Sprache ist eine zentrale Voraussetzung für Bildungserfolg. Wer sprachliche Hürden hat, kann Unterrichtsinhalte oft nur eingeschränkt verstehen und sich weniger aktiv beteiligen. Evaluationen des Mannheimer Zentrums für Empirische Mehrsprachigkeitsforschung (MAZEM) zeigen: Systematische Sprachförderprogramme in Kita und Grundschule führen zu klaren Kompetenzzuwächsen. Entscheidend sind ein früher Beginn, Kontinuität sowie alltagsintegrierte und individuell ausgerichtete Förderung.

Redaktion: Frau Feigenbaum, Frau Patzek, Sie untersuchen am Mannheimer Zentrum für Empirische Mehrsprachigkeitsforschung Sprachförderprogramme. Warum ist Sprache aus Ihrer Sicht eine so zentrale Voraussetzung für Bildungserfolg?

Dr. Teresa Patzek: Sprache ist im Grunde die Basis für alles Lernen. Wenn das Sprachverständnis nicht ausreicht, können Schülerinnen und Schüler Unterrichtsinhalten nur schwer folgen und sie entsprechend auch nicht gut verarbeiten. 

Gleichzeitig ist Sprache das wichtigste Mittel, um sich im Unterricht überhaupt einzubringen, also Fragen zu stellen, mitzudiskutieren oder die eigene Meinung zu äußern. Sie ist damit nicht nur Voraussetzung für Verstehen, sondern auch für die aktive Teilhabe am Unterrichtsgeschehen. Und diese beiden Aspekte wirken weit über die Schule hinaus. Sie legen den Grundstein für spätere Bildungs- und Berufswege.  

Redaktion: Welche Folgen können sprachliche Defizite für Kinder im Kita- und Schulalltag haben? 

Antonia Feigenbaum: Sprachliche Defizite haben im Kita- und Schulalltag verschiedene, oft langfristige Folgen. Wenn Inhalte aufgrund sprachlicher Barrieren nicht verstanden werden, entstehen zunächst kleine Wissenslücken, die sich im Verlauf der Schulzeit häufig vergrößern. Diese lassen sich später nur noch schwer aufholen und wirken sich damit auch langfristig auf Bildungswege und Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus. 

Hinzu kommen psychologische Effekte: Wenn Kinder dauerhaft erleben, dass sie nicht mitkommen oder bestimmte Aufgaben nicht bewältigen können, kann das ihr Selbstwertgefühl deutlich beeinträchtigen und auch die Lernmotivation senken. 

Nicht zuletzt spielt auch der soziale Aspekt eine Rolle. Wenn Kinder sich sprachlich nicht gut ausdrücken können, erschwert das die Kommunikation und Interaktion mit Gleichaltrigen. Das kann dazu führen, dass sie sich weniger beteiligen oder im schlimmsten Fall sozial ausgegrenzt werden. Das wirkt nicht nur in der Schule, sondern über den gesamten Lebensverlauf hinweg: Werden sprachliche Fähigkeiten im frühen Kindesalter nicht ausreichend aufgebaut, ist das später nur schwer aufzuholen. Die Folgen können sich dann bis ins Erwachsenenleben hineinziehen. 

Redaktion: Was zeichnet wirksame Sprachförderung aus? 

Patzek: Wirksame Sprachförderung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es nicht das eine Standardrezept gibt. Entscheidend ist vielmehr, dass sie an den jeweiligen Bedarf vor Ort und an die individuellen Voraussetzungen der Kinder angepasst wird – also der Blick auf das einzelne Kind und die konsequente Abkehr von starren, frontalen Förderprogrammen. Wichtig ist, jedes Kind im Blick zu behalten und passgenau zu unterstützen. 

Ein zentraler Faktor ist dabei die Kontinuität: Der sprachliche Input sollte möglichst regelmäßig und über einen längeren Zeitraum erfolgen. Ebenso entscheidend ist die Menge der Förderung: Je häufiger und intensiver Kinder sprachlichen Input und echte Interaktionsgelegenheiten bekommen, desto stärker profitieren sie sprachlich. In der Praxis findet Förderung jedoch oft nur wenige Male pro Woche statt – der tatsächliche Bedarf wäre deutlich höher. Ideal wäre eine tägliche Begleitung, auch wenn das organisatorisch nicht immer umsetzbar ist. 

Sehr wichtig ist außerdem die soziale Beziehung zur Förderperson. Eine stabile, wertschätzende Beziehung schafft Sicherheit und Vertrauen. Gerade Übergänge – etwa vom Kindergarten in die Grundschule – sind für Kinder besonders herausfordernd, und eine vertraute Bezugsperson kann hier viel auffangen. Wenn Kinder sich gesehen fühlen, Fortschritte wahrnehmen und in einer sicheren Beziehung lernen, entsteht häufig eine positive Dynamik: Sie werden motivierter, trauen sich mehr zu und entwickeln dadurch auch ihre sprachlichen Fähigkeiten weiter. 

Feigenbaum: Wichtig ist außerdem – gerade bei den Kindern, die häufig Ziel unserer Projekte sind –, dass Mehrsprachigkeit mitgedacht wird. Das heißt: Nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die Herkunftssprachen sollten berücksichtigt, anerkannt und wertgeschätzt werden. Das ist auch für die Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstvertrauen der Kinder entscheidend. 

Ebenso zentral ist die Rückkopplung zur Praxis: Erkenntnisse aus Forschung und Evaluation sollten regelmäßig an Schulen und pädagogische Fachkräfte zurückgespielt werden, damit sie direkt in die Förderung einfließen können. 

Redaktion: Sie haben die Wirksamkeit zweier Sprachförderprogramme im Elementar- und Primarbereich untersucht. Beginnen wir mit dem Kita-Programm: Welche zentralen Ergebnisse zeigt die Evaluation von „Kinder sprachlich begleiten“?

Patzek: Unsere Ergebnisse zeigen eine klare positive Entwicklung der Kinder. Besonders im Bereich der Grammatik ist eine schnelle und deutliche Annäherung an die Normwerte standardisierter Tests zu beobachten, teilweise erreichen die Kinder sogar Werte im oberen Normbereich. Auch im Wortschatz zeigt sich eine positive Entwicklung, allerdings etwas langsamer, insbesondere beim expressiven Wortschatz, also dem aktiven Gebrauch von Sprache. 

Über die rein sprachlichen Bereiche hinaus entwickeln sich die Kinder auch im Bereich der metalinguistischen Bewusstheit positiv – also in der Fähigkeit, Sprache bewusst zu reflektieren und über sprachliche Strukturen nachzudenken. Ebenso zeigen sich Fortschritte im Lesen, in der Lesegenauigkeit und in der Lesegeschwindigkeit. 

Darüber hinaus sehen wir auch positive Effekte im sozio-emotionalen und motivationalen Bereich. Insgesamt deutet die Evaluation damit auf eine breite und stabile Wirkung der Förderung hin. 

Kinder sprachlich begleiten 

“Kinder sprachlich begleiten” ist ein Projekt von MAZEM in Zusammenarbeit mit der Akademie für Innovative Bildung und Management gGmbH (aim) am Übergang vom Kindergarten in die Grundschule mit dem Ziel, Kindern mit sprachlichen Förderbedarfen diesen Wechsel zu erleichtern. Die Förderung beginnt im letzten Kindergartenjahr und setzt sich bis zum Ende der zweiten Grundschulklasse fort. Ein zentrales Element ist dabei die kontinuierliche Bezugsperson, die die Kinder über den gesamten Zeitraum begleitet und so nicht nur sprachlich unterstützt, sondern auch am Übergang zwischen pädagogischen Kontexten vermittelt. 

Die Evaluation des Projekts, das in den Schuljahren 2019/2020 und 2020/2021 pilotiert wurde und 2021/2022  in die Modellprojektphase ging, wurde wissenschaftlich begleitet. Dabei wurden Daten zur sprachlichen Entwicklung erhoben, unter anderem zu Wortschatz, Grammatik, metalinguistischen Fähigkeiten sowie zu Lesefertigkeiten. Ergänzend wurden auch sozio-emotionale und motivationale Aspekte betrachtet. Die wissenschaftliche Begleitung läuft 2026 aus; an einigen Schulen wird das Programm unter dem Namen „Sprache am Übergang“ weitergeführt. 

Redaktion: Kommen wir zum Grundschulprogramm: Wie sehen die Ergebnisse der Wirksamkeitsstudie für „Sprache fürs Leben“ aus? 

Feigenbaum: In der Wirksamkeitsstudie haben wir mit einer Kontrollgruppe gearbeitet. Anders als bei „Kinder sprachlich begleiten“, das sich an Normwerten orientiert, steht hier der direkte Vergleich zwischen geförderten und nicht geförderten Schülerinnen und Schülern im Mittelpunkt. Ziel ist dabei nicht, dass sich beide Gruppen vollständig gleichen, sondern dass sich die geförderten Kinder über die Zeit an die Kontrollgruppe annähern. 

Untersucht wurden dabei insbesondere der Wortschatz – sowohl rezeptiv als auch expressiv –, das Grammatikverständnis, mathematische Basiskompetenzen sowie motivational-affektive Aspekte wie Lernmotivation und soziale Integration. Die bisherigen Ergebnisse zeigen vor allem im rezeptiven Wortschatz eine deutliche Annäherung an die Kontrollgruppe. Auch im Grammatikverständnis sind positive Entwicklungen sichtbar. 

Im Bereich der mathematischen Basiskompetenzen verläuft die Entwicklung beider Gruppen sehr ähnlich, also ohne größere Unterschiede zwischen geförderten und nicht geförderten Kindern. Dies wertenwir als Hinweis, dass die Förderung tatsächlich spezifisch im sprachlichen Bereich wirkt, während andere Fähigkeiten parallel verlaufen.

Sprache fürs Leben

Das Programm Sprache fürs Leben ist ein Sprachförderangebot der aim (Akademie für innovative Bildung und Management) für Grundschulkinder der 1.- 4. Klasse mit Sprachförderbedarf. Die Förderung erfolgt in einer Kombination aus  alltagsintegrierter und additiver Förderung. Konkret bedeutet das, dass die Kinder in Kleingruppen oder im Teamteaching, also indem die Förderkraft direkt im Unterricht mitarbeitet, individuell unterstützt und bei der Aufgabenbewältigung begleitet werden. Die Auswahl der Kinder basiert grundsätzlich auf einer subjektiven Einschätzung der Lehrkräfte beziehungsweise der pädagogischen Fachkräfte vor Ort. Die wissenschaftliche Wirksamkeitsstudie untersucht seit 2021 die sprachliche, schulische und sozial-affektive Entwicklung der Kinder.  

Redaktion: Was hat Sie bei den Ergebnissen besonders überrascht? 

Feigenbaum: Besonders überrascht hat uns vor allem, dass die Lehrkräfte die Kinder treffsicher für die Förderung auswählen. Sie treffen diese Entscheidung ja ohne standardisierte Tests, sondern auf Basis ihrer pädagogischen Erfahrung – und die Daten zeigen sehr deutlich, dass diese Einschätzungen sehr genau sind. Denn die Unterschiede der geförderten Kinder zeigen sich erwartungsgemäß im sprachlichen Bereich, nicht aber etwa im mathematischen, was die Passgenauigkeit der Auswahl bestätigt. 

Sehr positiv war auch die starke Entwicklung, insbesondere im grammatischen Bereich,  hin zu einer deutlichen Annäherung an die Normwerte beziehungsweise an die Kontrollgruppe. In einzelnen Fällen sehen wir sogar Entwicklungen in den oberen Normbereich hinein, das war in dieser Form nicht zwingend zu erwarten.  

Patzek: Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bedeutung der subjektfokussierten Förderung. Die Kombination aus Kleingruppenarbeit, alltagsintegrierter Förderung und einer konstanten Bezugsperson wird von allen Beteiligten sehr positiv bewertet. Das zeigen auch die begleitenden Interviews mit Lehrkräften, Sprachförderkräften, Schulleitungen und teilweise auch mit den Kindern selbst. Besonders im Projekt „Kinder sprachlich begleiten“ wird dabei deutlich, dass Kinder über den längeren Zeitraum hinweg nicht nur sprachlich, sondern auch im Selbstvertrauen deutlich zulegen. Viele Förderkräfte berichten, dass die Kinder vor allem in Kleingruppen sichtbar aufblühen, sich mehr zutrauen und sich im Verlauf zunehmend auch im Klassenkontext sicherer bewegen. 

Redaktion: Welche Vorteile zeigt die frühe Förderung im Vergleich zu später beginnender Förderung in der Grundschule?

Patzek: Man weiß aus der Forschung, dass sprachliche und kognitive Entwicklung eng miteinander verbunden sind. Deshalb ist ein früher Förderbeginn besonders wichtig. Das bestätigen auch unsere Daten deutlich. 

Bei „Kinder sprachlich begleiten“, wo die Förderung bereits im Kindergarten beginnt, sehen wir zunächst einen deutlich steileren Anstieg – insbesondere beim rezeptiven Wortschatz. Diese Kinder entwickeln sich im frühen Verlauf schneller als jene, die erst in Klasse 1 in der Grundschule starten. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass Kontinuität entscheidend ist. Da das Programm mit Ende der zweiten Klasse ausläuft, während „Sprache fürs Leben“ über die gesamte Grundschulzeit fortgeführt wird, nähern sich die Gruppen in späteren Erhebungen wieder an. Das deutet darauf hin, dass frühe Förderung zwar einen wichtigen Vorsprung schafft, dieser ohne durchgängige Begleitung jedoch nicht stabil bleibt. 

Redaktion: Was bedeuten die Ergebnisse für Schulen und Bildungspolitik?

Patzek: Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass Sprachförderung ein zentraler Bestandteil im Bildungssystem bleibt. Wichtig ist außerdem: Institutionelle und externe Angebote sollten nicht gegeneinanderstehen, sondern können gut zusammenwirken. Viele Schulen zeigen bereits, dass verschiedene Programme sinnvoll vernetzt werden und sich ergänzen. 

Auch die Integration in den Schulalltag spielt eine große Rolle. Anfangs gab es teilweise Vorbehalte gegenüber zusätzlichen Förderkräften im Unterricht, in der Praxis zeigt sich jedoch ein klarer Mehrwert, nicht nur für die geförderten Kinder, sondern für die gesamte Lerngruppe. 

Voraussetzung dafür ist eine gute Abstimmung und flexible, bedarfsorientierte Umsetzung. Dann lassen sich Sprachförderprogramme gut in den Schulalltag integrieren und auch über Projektlaufzeiten hinaus weiterführen. 

Redaktion: Frau Patzek, Frau Feigenbaum, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Portrait Antonia Feigenbaum
Zur Person

Antonia Feigenbaum studierte Sprachwissenschaft an der Universität Mannheim und der University of Tampere (Finnland) und promoviert derzeit im Bereich Psycholinguistik. Seit 2021 leitet sie in der MAZEM gGmbH die Datenerhebung und  -auswertung im Projekt „Wirksamkeitsstudie Sprache fürs Leben“ und führt seit 2026 zudem Fort- und Weiterbildungen für pädagogische Fachkräfte im Bereich Sprache durch. 

Portrait Teresa Patzek
Zur Person

Dr. Teresa Patzek studierte Sprachwissenschaft an der Universität Konstanz und der University of North Carolina at Chapel Hill. Von 2014 bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im BMBF-geförderten Projekt „MEG-SKoRe – Sprachliche und kognitive Ressourcen der Mehrsprachigkeit im Englischerwerb in der Grundschule“. Seit 2021 leitet sie in der MAZEM gGmbH die Datenerhebung und -auswertung zur Evaluation des Sprachförderkonzepts im Projekt „Kinder sprachlich begleiten“. 

  • MAZEM. (2026). Zwischenbericht 2026 zum Projekt: Wirksamkeitsstudie Sprache fürs Leben.

  • MAZEM. (2026). Zwischenbericht 2026 zum Projekt Wissenschaftliche Begleitung – Kinder sprachlich begleiten.