Zu männlich, zu weiß: Impulse für mehr Vielfalt im Deutschunterricht

Warum der schulische Literaturkanon dringend diverser werden muss – und was Politik, Verlage und Lehrkräfte dafür tun können

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 8 Minuten
Bibliothek mit hohen Holzregalen voller Bücher.
© pexels dajana blakcori

Prof. Dr. Juliane Dube: Leider kaum. In unserer Studie haben wir Deutschbücher der Klassen fünf bis zehn, 535 Ausgaben der Lektürehilfen Königs Erläuterungen und NRW-Abituraufgaben (2007–2022) auf die Sichtbarkeit von Autorinnen untersucht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Der Anteil weiblicher Autor:innen liegt meist unter 30 Prozent. In Königs Erläuterungen stammen nur vier Prozent der Werke von Frauen – und rechnet man Mehrfachnennungen sowie wenig verbreitete fremdsprachige Werke heraus, bleiben gerade einmal 16 Titel (3 Prozent). Auch in den Abituraufgaben aus NRW stammen nur rund 12 Prozent der Prüfungslektüren von Frauen – zwischen 2010 und 2018 war in den Grundkursklausuren sogar kein einziger Text einer Autorin vertreten.

Besonders deutlich wird das Missverhältnis bei der Betrachtung der Gattungen: Während Autorinnen häufiger in als weniger anspruchsvoll geltenden epischen Texten und Jugendbüchern vertreten sind, bleiben sie im Bereich Dramatik und Lyrik stark unterrepräsentiert – hier liegt der Anteil oft unter 25 Prozent.

Dube: Die Leitlinien der KMK fordern zwar explizit eine stärkere Sichtbarkeit von Frauen in Unterrichtsmaterialien sowie eine kritische Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, doch in der schulischen Lektürepraxis spiegelt sich dieses Anliegen bislang kaum wider. Die Kanonstrukturen bleiben erstaunlich stabil. Wenn Autorinnen überhaupt erscheinen, dann meist mit nur einem Werk, während männliche Autoren mit mehreren Texten vertreten sind. Zwar gibt es erste Fortschritte – etwa durch neue Pflichtlektüren wie Werke von Erpenbeck, Zeh, Keun, Gümüşay oder Geldmacher. Doch diese neuen Einzelbeispiele dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg zu einem ausgewogenen, diverseren Kanon noch weit ist. Entscheidend ist, dass jetzt nicht erneut das Phänomen „die eine“ einsetzt – also die symbolische Sichtbarmachung einzelner Frauen, während die strukturelle Schieflage fortbesteht.

Ein diverser Kanon erfordert mehr: Autorinnen und marginalisierte Stimmen müssen dauerhaft und gleichberechtigt vertreten sein, sie müssen umfassend in den schulischen Literaturkanon integriert werden.

Dube: Die Gründe dafür sind vielfältig und oft struktureller Natur. Schulbuchverlage verweisen oft auf das „vermeintliche Interesse“ der Lehrkräfte an Klassikern, formale Vorgaben der Länder sowie wirtschaftliche Überlegungen, etwa die Kosten neuer Lizenzen. Allerdings greift insbesondere das Kostenargument in vielen Fällen zu kurz: Zahlreiche Werke von Schriftstellerinnen wie Ricarda Huch, Hedwig Dohm oder Karoline von Günderrode sind längst gemeinfrei.

Auch nennen die Lehrpläne meist nur Gattungen oder Themen, keine konkreten Autor:innen – es gäbe also durchaus Spielräume für eine vielfältigere Auswahl. Dass diese kaum genutzt werden, liegt oft an systemischer Trägheit: Lehrkräfte greifen auf vertrautes Material zurück. Dabei wird übersehen, dass es zahlreiche literarisch herausragende Autorinnen gibt. Die Anthologie Prosaische Passionen (2022), herausgegeben von Sandra Kegel, versammelt auf über 900 Seiten Prosatexte von Autorinnen aus 25 Weltsprachen. Auch die Lyrik-Anthologie Lautstärke ist weiblich (2017) von Clara Nielsen und Nora Gomringer zeigt die kreative und performative Kraft von über 50 Poetry-Slammerinnen. Auch Autorinnen wie Annie Ernaux, Judith Hermann, Terézia Mora oder Marion Poschmann zeigen, dass weibliches Schreiben heute höchste literarische Anerkennung erfährt.

Dube: Literaturunterricht ist mehr als Wissensvermittlung, er fördert soziales Lernen, Persönlichkeitsentwicklung und ästhetisches Urteilsvermögen. Besonders in der Adoleszenz wird das Lesen zu einem Medium der Selbstvergewisserung: Jugendliche reflektieren über Identität, Rollenbilder und gesellschaftliche Normen. Psychologische Studien zeigen, dass fiktionale Texte nicht nur kognitive, sondern auch emotionale und soziale Kompetenzen stärken. In der Psychotherapie wird Literatur deshalb zum Beispiel gezielt genutzt, um Empathie, Selbstregulation und moralisches Urteilen zu fördern – auch Kinder können durch literarische Figuren alternative Handlungen und Werte erkunden.

Dube: Trotz träger Strukturen haben Lehrkräfte reale Spielräume, den Literaturunterricht diverser zu gestalten, etwa durch gezielte Recherche jenseits des Kanons und ergänzende Materialien. Doch das ist zeitaufwendig und im Schulalltag kaum leistbar. Es braucht kollegiale Kooperation: eine gemeinsame Verständigung auf diversitätssensible Lektüren und gegenseitige Unterstützung bei Auswahl und Materialentwicklung. Ich selbst arbeite in meinen Seminaren mit paritätisch ausgewählten Texten – gleich viele Autor:innen, auch mit migrantischen Perspektiven. Das verändert nicht nur die Inhalte, sondern auch die Gesprächskultur über Literatur.

Trotz bestehender Handlungsspielräume sehe ich die Hauptverantwortung nicht bei den Lehrkräften, sondern gleichermaßen bei Bildungspolitik und Verlagen. Eine vielfältigere Textauswahl darf nicht vom individuellen Engagement Einzelner abhängen, sondern muss strukturell unterstützt und ermöglicht werden. Hierzu braucht es politische Rahmenbedingungen: klare curriculare Vorgaben und die Kontrolle dieser, gezielte finanzielle Förderung und Fortbildungsangebote. Gleichzeitig sind Verlage gefordert, ihre Programme systematisch zu überarbeiten, neue literarische Stimmen einzubeziehen, geeignete Materialien bereitzustellen und ihre Auswahlpraxis transparent sowie diversitätssensibel zu gestalten. Nur wenn beide Ebenen zusammenwirken, wird Vielfalt im Unterricht nicht als Zusatz, sondern als selbstverständlicher Bestandteil literarischer Bildung erfahrbar – mit Anerkennung, Teilhabe und Perspektivwechsel für alle Schüler:innen.

Dube: Die Auswahl fällt mir nicht leicht – es gibt so viele beeindruckende weibliche Stimmen, die den Literaturunterricht bereichern. Besonders beeindruckt haben mich Autorinnen wie Jenny Erpenbeck, Elfriede Jelinek, Herta Müller oder Katerina Poladjan, deren Texte durch stilistische Präzision und dichte Sprachbilder komplexe Themen wie Erinnerung, Körper, Gewalt oder Fremdheit eindrucksvoll verhandeln.

Aber auch Caroline Wahl und Sarah Jäger beeindrucken durch lebensnahe Erzählweisen, starke Figuren und einen präzisen Blick auf gesellschaftliche Brüche und alltägliche Ungleichheiten. Ihre Texte bieten Jugendlichen zahlreiche Anknüpfungspunkte, ohne didaktisch zu werden – sie erzählen von Familienkonflikten, Klassenzugehörigkeit und Selbstbehauptung auf eine Weise, die authentisch wirkt und zugleich literarisch überzeugt.

Wichtig sind mir zudem queere und postmigrantische Perspektiven, etwa bei Olga Grjasnowa und Kübra Gümüşay. Beide thematisieren Identität, Sprache und Zugehörigkeit sensibel und jenseits von Stereotypen. Besonders Grjasnowas queere Figuren sind literarisch eigenständig und im Unterricht äußerst wertvoll.

Historisch beeindruckt mich Louise Aston, die im 19. Jahrhundert mutig über politische und geschlechtliche Selbstbestimmung schrieb und dafür gesellschaftlich marginalisiert wurde.

In der Lyrik wären Ilse Aichinger, Rose Ausländer, Sarah Kirsch, Nora Gomringer und Julia Engelmann zu nennen, ihre Gedichte bieten emotionale Zugänge und sprachliche Tiefe.

Gerade solche sprachlich wie thematisch anspruchsvollen Texte verdienen mehr Raum im Literaturunterricht. 

Zur Person

Prof. Dr. Juliane Dube ist Professorin für Germanistische Literatur- und Mediendidaktik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im literarischen und sozialen Lernen mit diversitätssensibler Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Medien sowie der Entwicklung und Förderung von Lesekompetenz und -motivation in inklusiven Lernumgebungen.