Redaktion: Herr Prof. Tholen, Sie forschen seit vielen Jahren zu Männlichkeitsbildern in Literatur und Gesellschaft. Was ist für Sie der zentrale Erkenntnisgewinn?
Prof. Toni Tholen: Ausgangspunkt war für mich Anfang der 1990er Jahre die Auseinandersetzung mit feministischer Theorie. Dabei habe ich die Kritik am Patriarchat als grundsätzlich berechtigt verstanden, zugleich aber auch ihre Verallgemeinerungen gegenüber „dem Mann“ kritisch hinterfragt. Daraus entstand mein Interesse an einem langfristigen Geschlechterdialog und an männlicher Selbstreflexion.
Im Zentrum stand für mich zunehmend die Frage, wie Männlichkeit historisch und kulturell geprägt ist und wie sich dominante Muster männlicher Herrschaft sichtbar machen und auch verändern lassen. Die Literatur war und ist dabei ein zentraler Zugang, weil sie solche Muster nicht nur beschreibt, sondern in Figuren, Konflikten und Erzählformen erfahrbar macht.
Zentrale Einsicht aus diesem Prozess ist, dass es für diese Auseinandersetzung langen Atem braucht, dass sie nur kollektiv gelingen kann und dass sie immer wieder auf Widerstände stößt. Gerade deshalb hat sich die Männlichkeitsforschung als wichtiges Feld etabliert, um diese Strukturen überhaupt differenziert analysieren und kritisieren zu können.
Redaktion: Welche Perspektiven und Analyseebenen sind für das Verständnis von Männlichkeit aus Ihrer Sicht zentral?
Tholen: Für das Verständnis von Männlichkeit ist entscheidend, dass verschiedene Ebenen zusammenwirken: soziale Normen, kulturelle Deutungen, Körpererfahrungen sowie emotionale und psychische Spannungen. Besonders in literarischen Texten lässt sich beobachten, wie diese Ebenen miteinander verschränkt sind. Geschlechternormen und epochale Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit werden auf der Ebene individueller Existenzweisen und Lebensabschnitte von Protagonistinnen und Protagonisten verkörpert, problematisiert oder auch überschritten. Literatur kann die dadurch entstehenden Spannungen und Widersprüche zwischen äußeren Zwängen und subjektiven Befindlichkeiten in ausgezeichneter Weise sichtbar machen. Entsprechend ist die Analyse von Männlichkeit grundsätzlich interdisziplinär angelegt und verbindet Literaturwissenschaft mit Soziologie, Sozialisationstheorie und Geschlechterforschung sowie psychologischen, philosophischen und wissenshistorischen Perspektiven. Nur so lässt sich die Komplexität von Männlichkeit angemessen erfassen.
Redaktion: Wie entstehen Männlichkeitsvorstellungen bei Kindern und Jugendlichen und welche Rolle spielen Familie, Schule, Peers und Medien?
Tholen: Männlichkeitsvorstellungen entstehen vor allem in Familie, in Bildungs- und Freizeitinstitutionen wie Kita, Schule, Sport, Ausbildung und Kultur, aber auch stark über Peers und Medien. Sie bilden sich im Zusammenspiel von gesellschaftlichen Geschlechternormen und individuellen Vorstellungen, Wünschen und Formen des Begehrens. Diese Normen erzeugen Anpassungsdruck auf die Identitätsentwicklung, die gerade in der Adoleszenz oft mit Unsicherheit, Ambivalenz und einem starken Bedürfnis nach Anerkennung verbunden ist, sowohl in der Gruppe als auch im Blick auf ein eigenes „Anderssein“.
Dabei ist diese Unsicherheit nicht auf das Jugendalter begrenzt: Geschlechtliche Identität bleibt grundsätzlich ein lebenslanger, nie abgeschlossener Prozess. Vor dem Hintergrund weiterhin stark normativer und heteronormativer Vorstellungen von Männlichkeit fehlen häufig Spielräume für eine flexible, auch kreative Auseinandersetzung mit dem eigenen Männlichkeitsbild.
Redaktion: Was macht Angebote der „Manosphere“ für Jugendliche attraktiv – gerade dann, wenn sie Erfolg, Kontrolle, Körperoptimierung und Dominanz versprechen?
Tholen: Angebote der Manosphere sprechen insbesondere männliche Jugendliche an, weil sie eine scheinbar klare Orientierung in einer Phase anbieten, die oft von Unsicherheit geprägt ist. Sie versprechen eine dominante männliche Positionierung durch Stärke, Autonomie, Selbstdisziplin, körperliche Unverletzbarkeit und sexuelle Attraktivität.
Dabei greifen sie typische adoleszente Größenfantasien auf und verbinden sie mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit als Herrschaft und Überlegenheit. Auch eine bei vielen Jugendlichen vorhandene Affinität zu Risiko und Grenzüberschreitung kann dadurch verstärkt werden.
Problematisch ist, dass solche Angebote komplexe soziale Anforderungen und Unsicherheiten vereinfachen und in ein rigides Weltbild überführen. Sie öffnen damit das Tor zur Flucht aus den realen sozialisatorischen Anforderungen liberal-demokratischer Gesellschaften und können im Extremfall auch Gewaltfantasien oder -handlungen begünstigen.
Manosphere
Die Manosphere ist ein Sammelbegriff für Online-Foren, Influencer und digitale Gemeinschaften, die traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit propagieren. Zentral ist dabei häufig die Annahme, Männer würden gesellschaftlich benachteiligt und Feminismus oder Gleichstellung seien dafür verantwortlich. Neben Selbstoptimierungs- und Lifestyle-Inhalten finden sich auch antifeministische und frauenfeindliche Botschaften. Die Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen der Nutzung entsprechender Inhalte und veränderten Einstellungen gegenüber Geschlechterrollen. Die Manospherewird dabei als Raum diskutiert, der sexistische Rollenbilder verbreiten und bei jungen Männern Radikalisierungsprozesse begünstigen kann.
Redaktion: Welche Rolle spielt Schule, wenn Männlichkeitsbilder nicht nur übernommen, sondern auch reflektiert werden sollen?
Tholen: Schulen sind zentrale Sozialisationsräume, in denen Geschlecht und Männlichkeit täglich hergestellt und verhandelt werden. Kinder und Jugendliche bringen ihre Prägungen und Vorstellungen mit und leben sie im Unterricht, auf dem Schulhof und in schulischen Kontexten auch aus.
Der Unterricht bietet zugleich die Chance, dieses meist unbewusste „doing gender“ und damit auch die alltägliche Einübung in männliche Muster von Wettbewerb und Dominanz reflexiv zu machen. Schule ist außerdem ein Ort, an dem unterschiedliche kulturelle Hintergründe und Geschlechterbilder aufeinandertreffen und dadurch überhaupt erst sichtbar, austauschbar und besprechbarwerden. Wichtig ist daher, Schule als kulturellen und diskursiven Raum der Vielfalt von Geschlecht zu verstehen – und damit auch als Ort, an dem verschiedene Männlichkeiten miteinander in Kontakt kommen.
Doing Gender
Die Idee des Doing Gender geht auf die soziologische Geschlechterforschung der 1970er und 1980er Jahre zurück. Geschlecht wird dabei nicht als feste Eigenschaft von Personen verstanden, sondern als Ergebnis sozialer Interaktionen. Es wird im Alltag immer wieder „hergestellt“ und bestätigt – etwa durch Sprache, Körperhaltung, Kleidung oder Rollenverhalten. Menschen orientieren sich dabei auch an gesellschaftlichen Erwartungen. Geschlecht wird damit als fortlaufende soziale Praxis verstanden, die bestätigt, angepasst oder infrage gestellt wird.
Redaktion: Welche Rolle spielen literarische Texte und Unterrichtsmaterialien, wenn Männlichkeitsbilder im Deutschunterricht reflektiert werden sollen?
Tholen: Literarische und kulturelle Männlichkeitsdarstellungen finden sich heute zunehmend auch in digitalen Formaten; das klassische Buch verliert dabei insgesamt an Bedeutung, ebenso wie die Rezeption anspruchsvoller Literatur.
Gerade deshalb wäre es wichtig, wieder stärker differenzierte literarische Texte zu Männlichkeit zu lesen. Sie können – unabhängig vom Medium – eine Gegenperspektive zu den einflussreichen digitalen Männerbildern bieten, insbesondere zu Angeboten der Manosphere, die oft auf schnelle, unreflektierte Aneignung setzen.
Literarisch-narrative Darstellungen eröffnen einen wichtigen Reflexionsraum über Herrschaft, Gewalt und Geschlechterungleichheit. Sie machen nicht nur patriarchale Männlichkeitsbilder sichtbar, sondern zeigen auch deren Brüche und Alternativen. Dabei wird deutlich, dass auch Männer selbst unter den Normen patriarchaler Sozialisation leiden können.
Besonders gut lässt sich das an Familien- und insbesondere Vater-Sohn-Erzählungen zeigen. Ein epochaler Vergleich verdeutlicht hier einen Wandel: Während in der Literatur der Moderne häufig autoritäre, distanzierte Vaterfiguren dominieren – etwa bei Franz Kafka –, finden sich in der Gegenwart zunehmend differenziertere und fürsorglichere Formen von Vaterschaft.
Viele aktuelle Texte thematisieren das durch autoritäre Väter erfahrene Leid der Söhne und verarbeiten es literarisch. Daraus entsteht häufig eine Transformation von Männlichkeit, wenn Söhne selbst Väter werden und Väterlichkeit neu denken – im Sinne einer „caring masculinity“. Gut sichtbar wird das bei Autorinnen und Autoren wie Christian Baron, Édouard Louis, Fikri Anıl Altıntaş (Im Morgen wächst ein Birnbaum), Christian Dittloff (Prägung - Nachdenken über Männlichkeit) und Paul Brodowsky (Väter), die Männlichkeit auch intersektional im Kontext von Klasse und sozialer wie kultureller Herkunft betrachten.
Für den epochalen Vergleich sind auch Filme wie Das weiße Band (Michael Haneke), In die Sonne schauen (Mascha Schilinski) und Rose (Markus Schleinzer) einschlägig, weil sie patriarchale Strukturen und Gewaltformen im familialen und gesellschaft-historischen Kontext eindrucksvoll wahrnehmbar machen.
Redaktion: Welche Verantwortung haben Eltern und Schule, wenn Jugendliche mit rigiden Männlichkeitsbildern in Kontakt kommen?
Tholen: Die Debatte muss geführt werden, weil die Manosphere bereits spürbar Einfluss auf Vorstellungen und Einstellungen junger Männer hat. Die beobachtbare Drift der Generation Z hin zu traditionelleren Männlichkeitsbildern ist dafür ein Hinweis. Eltern und Schule sind daher gefordert, Männlichkeit deutlich stärker als bisher zu thematisieren.
Eltern können ein gleichberechtigtes Geschlechterverständnis vor allem dadurch fördern, dass sie Partnerschaft und Familie entsprechend vorleben und Care-Arbeit teilen. Väter sollten sich ihren Kindern zudem emotional zuwenden, ihnen zuhören und Söhne nicht primär auf die „ernsten Spiele des Wettbewerbs“, wie es Pierre Bourdieu formuliert hat, hin orientieren – also auf jene sozialen Felder, in denen Status, Konkurrenz und Durchsetzung dominieren und männliche Anerkennung traditionell hergestellt wird. Dafür müssen Väter jedoch eigene patriarchale Prägungen reflektieren; viele reagieren hier noch mit Abwehr, wodurch auch eigene Verletzungen häufig unthematisiert bleiben.
In der Schule sollte Männlichkeit an konkreten Unterrichtsgegenständen bearbeitet werden: über Geschlechterwissen, historische Entwicklungslinien und die analytische Auseinandersetzung mit aktuellen Beispielen. Entscheidend ist die vertiefte, sachbezogene Erarbeitung – eine Moralisierung hilft wenig, während eine genaue Analyse patriarchaler Strukturen eher dazu beitragen kann, dass auch Jungen die sie prägenden Zwänge erkennen.
Redaktion: Wie kann ein gendersensibler Umgang mit Männlichkeit im Unterricht konkret aussehen, ohne in Stereotype oder Vereinfachungen zu verfallen?
Tholen: Im Deutsch- bzw. Literaturunterricht wäre es wichtig, von der Primarstufe an Texte zu lesen, die Männlichkeit und Geschlecht nicht stereotyp, sondern differenziert darstellen. Männlichkeit sollte dabei als etwas Veränderliches sichtbar werden, nicht als festes, starres Bild.
Geeignete Literatur zu Männlichkeit, Familie und Geschlechterrollen im Unterricht
Diese Textauswahl eignet sich zur Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Identität, Familie, sozialer Herkunft und Männlichkeitsbildern in unterschiedlichen Altersstufen. Besonders im Fokus stehen Themen wie Fürsorge („caring masculinity“), Abhängigkeiten in Familienstrukturen,soziale Unterschiede sowie alternative Geschlechterkonzepte
Primarstufe / frühe Sekundarstufe I
Diese Texte eignen sich für einen niedrigschwelligen Zugang zu Fragen von Identität, Emotionen, Freundschaft und Rollenbildern:
Sharon Creech – Der beste Hund der Welt
Francesca Cavallo – Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs
Jenny Robson – Tommy Mütze
Klaus Kordon – Piratensohn
Arne Rautenberg – Gedichte
Friedrich Ani – Meine total wahren und überhaupt nicht peinlichen Memoiren mit genau elfeinhalb
Sekundarstufe II (weiterführende Schule)
Diese Werke eignen sich für eine vertiefte Analyse von Identität, Männlichkeit, Klasse, Körperlichkeit und sozialer Realität:
Linus Giese – Ich bin Linus
Marlene Streeruwitz – Kreuzungen
Annie Ernaux – Der Platz
Karl Ove Knausgård – Sterben
Christian Baron – Ein Mann seiner Klasse
Fikri Anıl Altıntaş – Im Morgen wächst ein Birnbaum
Bov Bjerg – Serpentinen
Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter
Zentral ist, dass männliche Figuren Ambivalenzen, Widersprüche und innere Reibungen zeigen, die im Unterricht aufgegriffen und reflektiert werden können. Ergänzend sollten auch queere Literatur sowie Texte aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten gelesen werden, in denen Männlichkeit jeweils anders erzählt und verortet ist. Sinnvoll ist zudem eine intersektionale Perspektive, die Männlichkeit etwa im Zusammenhang mit Klasse, Alter oder Körper betrachtet.
Entscheidend ist letztlich die Haltung der Lehrkräfte: Sie müssen Offenheit und Komplexitätsbewusstsein fördern und selbst vorleben. Dafür braucht es allerdings deutlich mehr Aufmerksamkeit in der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung, da Männlichkeit bisher ein eher vernachlässigtes Thema der Professionalisierung ist.
Toni Tholen ist Professor am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterforschung, insbesondere Männlichkeitsforschung, Literaturtheorie sowie Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Seit 2023 leitet er in Kooperation mit dem Literaturhaus St. Jakobi Hildesheim die Reihe „Gespräche über Männlichkeit“, die auch als Podcast veröffentlicht wird. Außerdem ist er Ko-Organisator des Arbeitskreises für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung AIM Gender.