Warum Männlichkeitsbilder ein Bildungsthema sind

Dr. Denis Ribeaud erklärt, wie restriktive Geschlechternormen mit Bildungschancen und Gewalt zusammenhängen und wo Schule präventiv ansetzen kann

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 4 Minuten
Drei Jungen stehen nebeneinander vor einer Mauer und blicken in die Kamera.
© pexels cottonbro

Junge Männer mit geringeren Bildungschancen vertreten besonders häufig restriktive Vorstellungen von Geschlecht und Gleichstellung. Der Sozialwissenschaftler Dr. Denis Ribeaud ordnet ein, wie soziale Lage, fehlende Perspektiven und digitale Einflüsse zusammenwirken können und welche Aufgaben sich daraus für Bildung, Prävention und pädagogische Ausbildung ergeben.

Redaktion: Herr Dr. Ribeaud, Ihre Studie mit Daten aus der Schweiz zeigt: Besonders junge Männer vertreten zunehmend restriktiv-dominante Vorstellungen von Männlichkeit. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz könnten dazu beitragen?

Dr. Denis Ribeaud: Vorweg: Unsere Studie basiert auf einer einmaligen Querschnitterhebung. Sie liefert eine Momentaufnahme und erlaubt keine belastbaren Aussagen über längerfristige Trends. Ob beispielsweise vor zehn Jahren weniger junge Männer „echte Männlichkeit“ als bedroht empfanden, liegt zwar nahe, wissen wir aber nicht.

Auffällig ist aber, wo sich restriktiv-dominante Männlichkeitsvorstellungen verdichten: bei jungen Männern mit wenig Bildung, geringem Status und begrenzten Perspektiven. Unter den 18- bis 24-Jährigen mit Berufslehre gehört fast die Hälfte zur Hochrisikogruppe, gegenüber 20 Prozent in der männlichen Gesamtbevölkerung.

Das deutet auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren hin: Wo das traditionelle Versprechen von Anerkennung und Status allein aufgrund des Mannseins nicht mehr trägt und zugleich Bildungserfolge junger Männer zurückgehen, kann eine rigide, überhöhte Männlichkeit als Kompensation attraktiv werden. Hinzu kommen vermutlich digitale Einflüsse – Stichwort „Manosphere“ – möglicherweise in Zusammenspiel mit Tendenzen zu sozialer Isolation.

Redaktion: Sie sprechen vom Faktor M als zentralem Konzept Ihrer Studie. Was genau misst dieser Faktor?

Ribeaud: Der Faktor M beschreibt, wie stark jemand eine binär-hierarchische Geschlechterordnung verinnerlicht, also eine Vorstellung, in der Männlichkeit als überlegen gilt, zugleich aber als bedroht wahrgenommen wird und in der Dominanz sowie Abgrenzung als legitim erscheinen.

Wir haben dafür neun etablierte Skalen erhoben – von Gefühlen bedrohter Männlichkeit und gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen über Antiegalitarismus, Sexismus und Misogynie bis hin zu Queerfeindlichkeit. Dabei zeigte sich, dass diese Einstellungen eng zusammenhängen und sich statistisch zu einem gemeinsamen Faktor bündeln lassen. Sie bilden also verschiedene Facetten eines zusammenhängenden Einstellungsmusters, das wir als Faktor M bezeichnen.

Relevant ist das, weil diese Haltungen nicht zufällig nebeneinander auftreten, sondern ein konsistentes Muster bilden. Zudem erweist sich der Faktor M als aussagekräftiger Risikofaktor für Gewalt in der Erziehung und in der Partnerschaft. Damit wird er zu einem wichtigen Ansatzpunkt für Prävention.

Redaktion: Besonders auffällig ist der Gender Gap unter den jungen Erwachsenen. Was sagt das über die aktuelle Entwicklung von Geschlechtervorstellungen aus?

Ribeaud: Über alle untersuchten Skalen hinweg vertreten Männer restriktivere Geschlechtervorstellungen als Frauen – am stärksten die 18- bis 24-Jährigen. Bei jungen Frauen zeigt sich das Gegenbild: Sie sind offener eingestellt als ältere Frauen. Je jünger die Befragten, desto größer der „Gender Gap“. Junge Männer und Frauen scheinen sich in ihren Geschlechtervorstellungen zunehmend auseinanderzuentwickeln.

Ob die hohen Faktor-M-Werte der jüngsten Männergruppe einen Alterseffekt oder ein Generationenmuster widerspiegeln, lässt sich mit Querschnittsdaten nicht abschließend klären. Ein Alterseffekt spielt vermutlich mit, erklärt das Muster aber nicht vollständig: Der deutliche Bruch zwischen der jüngsten und der nächstälteren Männergruppe spricht auch für eine generationenspezifische Entwicklung, vermutlich im Zusammenspiel von Sozialisation und digitalem Umfeld.

Bildungs- und Chancengerechtigkeit […] sind immer auch Gleichstellungsförderung und Gewaltprävention.

Dr. Denis Ribeaud, Universität Zürich 

Redaktion: Ihre Studie in der Schweiz zeigt auch Unterschiede nach sozialer Herkunft, Bildung und Herkunftsregion. Welche Rolle spielen diese Faktoren? 

Ribeaud: Wir finden deutliche Unterschiede sowohl nach sozialer Herkunft als auch nach der Herkunftsregion des Vaters: Der Anteil mit hohen Faktor-M-Werten reicht von 13 Prozent bei Wurzeln in Nordwesteuropa bis zu 50 Prozent bei Wurzeln in Ex-Jugoslawien. 

Das lässt sich jedoch nicht monokausal mit „Kultur“ erklären. Wahrscheinlicher ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: die Weitergabe von Geschlechternormen über Generationen hinweg, Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen sowie rigide Männlichkeitsideale als Bewältigungsstrategie unter prekären Bedingungen.

Bildung spielt dabei eine wichtige Rolle: Ein höherer Bildungsgrad geht in allen Herkunftsgruppen mit niedrigeren Faktor-M-Werten einher, erklärt die Unterschiede aber nur teilweise. Bildung wirkt dabei vermutlich auf zwei Ebenen: Sie fördert Reflexion, kritisches Denken und den Kontakt mit Vielfalt. Gleichzeitig eröffnet sie reale Perspektiven und Identitätsangebote über zugeschriebene Merkmale wie Geschlecht hinaus und senkt damit möglicherweise den Bedarf an kompensatorischer Männlichkeit. Für die Prävention bedeutet das: Bildungs- und Chancengerechtigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und sozialer Zusammenhalt sind immer auch Gleichstellungsförderung und Gewaltprävention.

Prävention sollte Jungen und Männer als Mitgestaltende ansprechen, nicht unter Generalverdacht stellen.

Dr. Denis Ribeaud, Universität Zürich

Redaktion: Was müsste sich in Schulen und Prävention ändern, damit Themen wie Beziehungskompetenz, Gleichstellung und Geschlechterbilder systematisch vermittelt werden?

Ribeaud: Unsere Studie ist eine Bestandsaufnahme, keine Evaluationsstudie. Konkrete Lehrmittel zu empfehlen, wäre deshalb nicht durch unsere Daten gedeckt. Die Befunde stützen aber klar die Stoßrichtung: Wir müssen weg von einzelnen, vom Engagement bestimmter Schulleitungen oder Lehrpersonen abhängigen Angeboten hin zu systematischen und verbindlichen Ansätzen.

Genderkompetenz und Grundlagenwissen zu Geschlechtsidentität sollten stärker in die Ausbildung an Pädagogischen Hochschulen einfließen. Zudem braucht es Rahmenkonzepte mit Minimalstandards, die Lehrpersonen unterstützen, ohne sie zusätzlich zu belasten. Gerade in der Berufsbildung, wo wir besonders hohe Faktor-M-Werte finden, sind geschlechterreflektierte Module zu Identität, Beziehungen und Konfliktlösung sinnvoll.

Solche Angebote sollten nicht moralisierend oder ideologisch wirken, sondern lebenspraktisch relevant sein. Da die Auseinandersetzung mit Manosphere-Inhalten möglicherweise bereits mit zehn bis zwölf Jahren beginnt, braucht es zudem früh eine „Manfluencer-Literacy“: die Fähigkeit, solche Quellen kritisch einzuordnen.

Entscheidend ist die Haltung: Nicht Jungen und Männer sind das Problem, sondern bestimmte Normen und Männlichkeitsbilder. Prävention sollte Jungen und Männer deshalb als Mitgestaltende ansprechen und nicht unter Generalverdacht stellen.

Redaktion: Welche Fragen bleiben nach dieser ersten Studie offen?

Ribeaud: Der zweite, für Ende 2026 geplante Teilbericht wird sich mit dem Zusammenhang von Medienkonsum, insbesondere Manosphere-Inhalten, und Faktor M sowie mit weiteren Bereichen wie Freizeitverhalten, psychischer Gesundheit, Substanzkonsum, sozialen Netzwerken und politischen Einstellungen befassen.

Gleichzeitig sind der Studie klare Grenzen gesetzt: Als einmalige Querschnittserhebung kann sie Alters- und Generationeneffekte nicht voneinander trennen. Zudem wurden nur Erwachsene ab 18 Jahren befragt, die Adoleszenz, in der sich Männlichkeitsbilder zunehmend verfestigen, bleibt damit ausgeblendet.

Daraus ergeben sich wichtige Forschungsdesiderate: ein regelmäßiges Monitoring, eine Panelstudie mit Jugendlichen ab etwa zwölf Jahren sowie ein besseres Verständnis der digitalen Dimension, insbesondere der Wirkung von Manosphere- und KI-generierten Inhalten auf Männlichkeitsbilder. Gerade diese letzte Frage erscheint besonders dringlich.

Redaktion: Herr Doktor Ribeaud wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Manosphere  

Die Manosphere bezeichnet Online-Communities und Influencer-Netzwerke, die traditionelle, oft hierarchische Vorstellungen von Männlichkeit verbreiten und Gleichstellung oder Feminismus häufig als Bedrohung darstellen.

Portrait Dr. Denis Ribeaud
Zur Person

Dr. Denis Ribeaud ist Senior Research Associate an der Universität Zürich und forscht seit vielen Jahren zu Gewalt, Entwicklungsverläufen und Risikofaktoren bei Kindern und Jugendlichen. Er leitet verschiedene Projekte zu Gewalterfahrungen und deren gesellschaftlichen Zusammenhängen.

  • Ribeaud, D., Buzzi, A.-L., & Theunert, M. (2026). Männlichkeit im Wandel: Einstellungen, Lebensformen, Sexualität, Partnerschaft und Gewalt. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung in der Schweiz. Zürich: Jacobs Center 
    for Productive Youth Development, Universität Zürich. https://doi.org/10.5167/uzh-434406