Wie gelingt sexuelle Bildung für mehr Vielfalt in der Schule?

Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß über diversitätssensible Pädagogik, Lehrkräfteausbildung und Verantwortung im Unterricht

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 7 Minuten
Mit Kreide gemaltes Herz in Regenbogenfarben
© pexels, katierainbow

Wie lässt sich Sexuelle Bildung in der Schule so gestalten, dass unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar werden? Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß plädiert für einen Unterricht, der Vielfalt nicht als Zusatzthema behandelt, sondern als selbstverständlichen Teil von Bildung begreift und damit den Blick auf Sexualität grundsätzlich erweitert.

Redaktion: Herr Prof. Voß, was sind aus Ihrer Sicht die grundlegenden Prinzipien einer diversitätssensiblen Sexuellen Bildung in der Schule? 

Prof. Heinz-Jürgen Voß: Sexuelle Bildung muss an den konkreten Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ansetzen. Das heißt, keine Perspektive, ob hetero, lesbisch, schwul, trans oder andere Lebensrealitäten, darf ausgeklammert werden; vielmehr müssen unterschiedliche Erfahrungen ernst genommen und in pädagogische Angebote integriert werden. Nur so entsteht überhaupteine Sexualpädagogik, die für Kinder und Jugendliche wirklich relevant ist.

Wenn Vielfalts-Perspektiven im Unterricht kaum vorkommen, fehlt Jugendlichen ein wichtiger Bezugspunkt für die Einordnung ihrer eigenen Erfahrungen und Fragen. Gerade weil sich viele junge Menschen selbst im LGBTQIA+-Spektrum verorten oder entsprechende Fragen mitbringen, sind diese Lebensrealitäten faktisch vorhanden und sollten im Bildungskontext entsprechend berücksichtigt werden.

Redaktion: Welche strukturellen Voraussetzungen braucht es, damit diese Ansprüche auch in der Praxis umgesetzt werden?

Voß: Während es im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, etwa nach SGB VIII, deutliche rechtliche Rahmungen gibt, die Themen wie geschlechtliche Vielfalt, Transidentität oder Intergeschlechtlichkeit auch im Sinne der Förderung von Selbstbestimmung adressieren, ist die Situation im Schulbereich weniger eindeutig geregelt. Dort wird häufig über allgemeine Bildungs- und Erziehungsaufträge, etwa die Persönlichkeitsentwicklung, argumentiert. In der Praxis führt das zu einer sehr unterschiedlichen Umsetzung.

Für die pädagogische Arbeit bedeutet das: Diversitätssensible Themen sollten grundsätzlich in der Sexualpädagogik verankert sein und dort auch konkret bearbeitet werden, etwa über sexuelleOrientierung, geschlechtliche Identität oder vielfältige Lebens- und Familienformen. Dafür eignen sich insbesondere biografische Zugänge, etwa über Filme, Literatur oder Formate wie die „Living Library“.

Entscheidend ist dabei, dass nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern die Lernenden aktiv einbezogen werden. Sexualpädagogik sollte dialogisch angelegt sein und die Heterogenität der Gruppe als Ressource verstehen. Viele dieser Themen sind Teil der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen, weshalb sie im Unterricht nicht künstlich erzeugt, sondern aufgegriffen werden sollten. Gerade darin liegt eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Umsetzung.

Sexuelle Bildung 

Der Begriff Sexuelle Bildung wird häufig sehr weit gefasst verwendet. Er umfasst zum einen die Sexualpädagogik in institutionellen Kontexten, etwa in Schulen, Kitas oder anderen pädagogischen Einrichtungen. Zum anderen findet Sexuelle Bildung auch außerhalb formaler Bildungseinrichtungen statt – in sogenannten informellen Lernräumen, etwa durch Internetrecherchen, den Konsum von Pornografie oder im Austausch mit Gleichaltrigen (Peers). 

Sexualpädagogik in der Schule stützt sich auf einen klar definierten, fachlich begleiteten Rahmen, in dem Inhalte gezielt, pädagogisch strukturiert und altersangemessen vermittelt werden. 

Redaktion: Ab welchem Alter sollten Themen wie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der pädagogischen Arbeit beginnen und wie sieht das altersangemessen aus?

Voß: Damit muss schon in der frühen Kindheit begonnen werden, also in Kita und Grundschule. Hier stehen zunächst grundlegende Themen im Vordergrund: der eigene Körper, Gefühle, Wahrnehmung und der Umgang mit anderen. Materialien wie die Kita-Boxen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung setzen genau hier an und unterstützen Kinder dabei, sich selbst und andere besser zu verstehen. Wichtig ist in dieser Phase auch ein positiver Körperbezug, also die Erfahrung, den eigenen Körper in seiner Unterschiedlichkeit anzunehmen und wertzuschätzen. Dazu gehört, Kindern Räume zu eröffnen, in denen sie unterschiedliche Rollen und Ausdrucksformen ausprobieren können, etwa beim Spielen, Verkleiden oder auch beim Ausprobieren von Dingen wie Nagellack, ohne vorschnelle geschlechtliche Zuschreibungen.

So wird früh erfahrbar, dass Vielfalt zum Alltag gehört und nicht normiert werden muss. Entscheidend ist dabei das Leitprinzip der Selbstbestimmung: Jeder Mensch hat ein Recht auf körperliche und persönliche Integrität sowie auf Entwicklung und Entfaltung. Vielfalt sollte daher nicht als Sonderthema behandelt werden, sondern als Ausgangspunkt pädagogischer Arbeit. Ich würde deshalb vermeiden, abstrakt über „sexuelle Vielfalt“ zu sprechen, sondern eher über konkrete Alltagssituationen und Erfahrungen zu arbeiten. In der Praxis ist Sexualpädagogik allerdings noch häufig zu normierend oder nicht konsequent partizipativ ausgerichtet. Wichtiger wäre, stärker mit der Gruppe zu arbeiten und Diversität als durchgehendes Prinzip mitzudenken.

Redaktion: Sexualkunde findet in der Schule meist punktuell in einzelnen Unterrichtseinheiten statt. Wie kann daraus eine kontinuierlichere und nachhaltigere Bildungsarbeit werden?

Voß: Grundsätzlich lassen sich Themen wie Familienformen, geschlechtliche Identitäten oder sexuelle Orientierungen aber in nahezu allen Fächern aufgreifen. Das kann im Mathematikunterricht über Aufgabenstellungen geschehen oder im Englischunterricht, indem unterschiedliche Lebensrealitäten und Beziehungen thematisiert werden – sowohl in klassischen als auch in weniger traditionellen Perspektiven. Selbst historische Inhalte bieten Anknüpfungspunkte, etwa bei Persönlichkeiten wie Wilhelm und Caroline von Humboldt, wenn unterschiedliche Beziehungskonstellationen aufgegriffen werden.

Auch in den Naturwissenschaften lassen sich Anknüpfungen finden, auch historisch, wie im Fall von Alan Turing, dessen wissenschaftliche Leistungen eng mit seiner Verfolgung aufgrund seiner Homosexualität verbunden sind. Solche Beispiele zeigen, wie sich Fachinhalte mit Fragen von Lebensrealität, Diskriminierung und Selbstbestimmung verbinden lassen.

Gleichzeitig muss man kritisch sehen, dass vorhandene Materialien Vielfalt oft noch stereotyp darstellen. Selbst wenn Diversität aufgegriffen wird, geschieht das häufig in eingeschränkten oder klischeehaften Bildern. Eine wirklich intersektionale Perspektive, etwa auf queere oder migrantische Lebensrealitäten in ihrer Normalität, fehlt häufig noch.

Insgesamt lässt sich sagen: Interdisziplinäre Sexuelle Bildung ist in allen Fächern möglich und sinnvoll, wird bisher aber nur punktuell umgesetzt. Sie kann Fachunterricht lebensweltlich öffnen und Vielfalt als selbstverständlichen Bestandteil gesellschaftlicher Realität sichtbar machen.

Redaktion: Welche „Best Practices“ oder Materialien haben sich für eine diversitätssensible Sexuelle Bildung in der Schule besonders bewährt?

Voß: Es gibt mittlerweile in vielen Bundesländern eine Reihe guter Materialien, die sich in der Praxis einsetzen lassen. In Sachsen-Anhalt etwa den „Medienkoffer Geschlechtervielfalt und Vielfalt der Familienformen“. Auch digitale Angebote wie die Plattform des Kompetenzzentrums „Geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe“ im Bereich „Vielfalt erfahrenswert“ stellen nach Altersgruppen aufbereitete Materialien, Texte und Podcasts zur Verfügung.

Daneben haben sich verschiedene Unterrichtsmaterialien und Schulbücher etabliert, etwa von Ursula Rosen „Sexualerziehung mit Generation Z“ und von Alexander Lotz “Vielfalt in Sexualität und Geschlecht”. Insgesamt würde ich sagen: Es mangelt weniger an Material als daran, dieses konsequent und reflektiert in der Praxis einzusetzen. Gleichzeitig braucht es weiterhin Weiterentwicklung, aber es ist bereits gutes Material vorhanden und es ist viel in Bewegung.

Redaktion: Welche Rolle spielen digitale Medien und KI in der sexuellen Bildung?

Voß: Digitale Medien sind früh und selbstverständlich Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Medienkompetenz muss daher kontinuierlich aufgebaut werden. Im Bereich sexueller Bildung bedeutet das: Jugendliche begegnen online sehr unterschiedlichen Inhalten, von informativen bis hin zu problematischen oder sexualisierten Darstellungen. Diese Inhalte müssen im Unterricht aufgegriffen und gemeinsam eingeordnet werden. Hinzu kommt, dass algorithmische Systeme und KI keine neutralen Informationsquellen sind. Sie verstärken häufig bestehende Muster und vereinfachen Darstellungen zunächst. 

Gleichzeitig nutzen Jugendliche diese Räume aktiv und tauschen sich untereinander aus. Dieser Peer-Austausch ist ein wichtiger Lernraum, den Schule nicht ersetzen, aber begleiten muss.Medienkompetenz und Sexuelle Bildung lassen sich deshalb nicht trennen. Aufgabe der Schule ist es, Orientierung zu geben und Einordnung zu ermöglichen.

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Redaktion: Welche Rolle spielen Lehrkräfte, Ausbildung und schulische Schutzkonzepte, damit Sexuelle Bildung nicht vom Engagement Einzelner abhängt?

Voß: Woran es aus meiner Sicht tatsächlich mangelt, ist eine systematische Verankerung der Themen im Lehramtsstudium. Sexualität, Körper und Geschlecht sind zentrale Themen, die Kinder und Jugendliche in die Schule mitbringen – entsprechend müssten sie auch im Studium von Anfang an ernsthaft behandelt werden. Dazu gehört auch, sehr konkret über Sexualität sprechen zu lernen, also nicht ausweichend oder verkürzt, sondern mit einer fachlich sicheren Sprache, die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt einschließt.

Stattdessen erleben wir häufig eine Art „Feuerwehrmentalität“: Die Themen werden erst dann aufgegriffen, wenn es konkrete Anlässe gibt, und dann über einzelne Fortbildungen bearbeitet. Das reicht aus meiner Sicht nicht aus. Wir brauchen eine konsequente Verankerung in Studium und Referendariat, sonst werden Lehrkräfte im Berufsalltag mit diesen Themen allein gelassen.

In der Praxis zeigt sich sehr deutlich, wie präsent diese Themen sind. Nach meinen Erfahrungen aus der Arbeit mit Referendarinnen und Referendaren werden viele Referendarinnen und Referendare bereits in den ersten Wochen an der Schule auf Sexualität angesprochen, weil sie als lebensweltlich nah, nahbar und ansprechbar wahrgenommen werden. Gleichzeitig berichten viele von eigenen Unsicherheiten im Umgang damit und werden auch eigene Betroffenheiten in den Schulungen deutlich. Genau deshalb braucht es eine solide Ausbildung, die auch Sprachfähigkeit und professionelle Haltung stärkt.

Zentral ist dabei die Fähigkeit, ansprechbar zu sein, auch für schwierige Themen wie sexualisierte Gewalt. Lehrkräfte müssen erkennen, wann sie selbst begleiten können und wann eine Weiterverweisung an Fachstellen notwendig ist. Das ist kein Scheitern, sondern professionelle Verweis- und Handlungskompetenz. Entscheidend ist, dass Kinder und Jugendliche verlässlich eine vertrauensvolle Ansprechperson haben.

Wichtig ist dabei auch, dass Schule als Organisation eine gemeinsame Einrichtungskultur und die Fachkräfte eine abgestimmte Haltung entwickeln, etwa im Rahmen von Schutzkonzepten. Es reicht nicht, wenn einzelne Lehrkräfte kompetent sind – es braucht eine institutionell getragene Verantwortung, die klare Strukturen für Umgang, Prävention und Intervention schafft. Aus meiner Sicht muss am Ende jede Lehrkraft erstansprechbar für Themen zu Sexualität und gerade sexuellen Übergriffen sein und professionell agieren können, da sich Kinder und Jugendliche die Person aussuchen, der sie vertrauen. Dafür müssen Lehrkräfte auch eigene Betroffenheiten bearbeitet und Wertvorstellungen reflektiert haben. 

Redaktion: Welche Rolle spielt diversitätssensible Sexuelle Bildung in der Prävention sexualisierter Gewalt – insbesondere mit Blick auf vulnerable Gruppen wie LGBTQIA+ Jugendliche? 

Voß: Minderheitenstress spielt hier eine zentrale Rolle. Diskriminierung kann dazu führen, dass Menschen eher Beziehungen eingehen, in denen Gewaltanteile toleriert werden, weil sie dort dennoch Zugehörigkeit erfahren. Studien zeigen zudem, dass sexualisierte Gewalt kein Randphänomen ist, sondern gesamtgesellschaftlich vorkommt, mit hohen Belastungsraten bei verschiedenen Gruppen.

Wichtig ist, Gewalt differenziert zu betrachten: Neben sexualisierter Gewalt spielen auch psychische und körperliche Gewalt eine Rolle, etwa bei trans Personen durch das Nichtanerkennen ihrer Identität. Diversitätssensible Sexuelle Bildung ist deshalb zentral für Prävention, weil sie unterschiedliche Erfahrungen sichtbar macht und ernst nimmt.

Redaktion: Warum ist Sexuelle Bildung auch politische Bildung und warum ist der Anspruch von Neutralität problematisch?

Voß: Sexuelle Bildung berührt grundlegende gesellschaftliche Fragen: Geht es um Selbstbestimmung und Vielfalt oder um die Orientierung an übergeordneten normativen Leitbildern? Schon die Auswahl von Themen ist nie neutral, sondern immer eine Entscheidung. Sexualpädagogik kann daher nicht außerhalb gesellschaftlicher Aushandlungen stehen. Sexuelle Bildung ist daher immer wertgebunden. Sie prägt mit, welche Vorstellungen von Identität, Beziehung und Menschlichkeit als gesellschaftlich legitim gelten. In diesem Sinne ist sie immer auch politische Bildung.

Redaktion: Herr Professor Voß, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Portrait Prof. Heinz-Juergen Voß
Zur Person

Heinz-Jürgen Voß ist Professor für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Förderung geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung, Prävention von sexualisierter Gewalt, Queer Theory und biologisch-medizinische Geschlechtertheorien.

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