Schulbücher gelten als neutrale Wissensquelle, doch sie prägen auch, was als „normal“ gilt. Prof. Riem Spielhaus und Katarzyna Jez zeigen: In Lehrplänen und Schulbüchern ist Vielfalt zwar sichtbar, wird aber häufig als Ausnahme markiert, während heteronormative Annahmen im Hintergrund wirken. Das hat Folgen für Orientierung, Selbstbild und Zugehörigkeitsgefühle von Jugendlichen und stellt Schulen, Lehrkräfte und Verlage in die Verantwortung.
Redaktion: Frau Prof. Spielhaus, Frau Jez, Sie untersuchen gesellschaftliche Normen über Geschlecht und Sexualität am Beispiel von Schulbüchern. Warum eignet sich die Schulbuchforschung, um solche Normen sichtbar zu machen?
Prof. Riem Spielhaus: Schulbücher sind dafür besonders interessant, weil sie zeigen, welches Wissen und welche Vorstellungen eine Gesellschaft an die nächste Generation weitergeben möchte.Schulbücher transportieren daher neben Fachwissen immer auch implizite Werte und Deutungen.
Auch wenn Themen wie Geschlecht oder Sexualität nicht ausdrücklich im Mittelpunkt stehen, werden bestimmte Normen trotzdem sichtbar: etwa in Familienbildern, in Rollenverteilungen in Familie und Öffentlichkeit oder darin, welche Personen überhaupt als relevante Stimmen oder Expertinnen und Experten vorkommen. So wird deutlich, welche Vorstellungen von Geschlecht, Familie und Zugehörigkeit als „normal“ mitgedacht werden.
Redaktion: Ihr Forschungsprojekt „Queeres Leben“ läuft noch bis Ende des Jahres. Was sind Ihre bisherigen Ergebnisse?
Katarzyna Jez: Zunächst haben wir uns die Lehr- und Bildungspläne der Bundesländer angesehen und gefragt, was dort zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt festgehalten ist. Anschließend haben wir untersucht, wie diese Vorgaben in Schulbüchern umgesetzt werden.
Ein zentrales Ergebnis ist, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den Lehrplänen eine geringe Rolle spielt. Von 17 untersuchten Lehrplänen für die Grundschule thematisieren fünf das Thema geschlechtliche Gleichstellung – meist sehr knapp, etwa in einem Satz zum Bildungsauftrag oder zu Kompetenzerwartungen. Konkrete Hinweise für die Unterrichtspraxis fehlen dagegen häufig.Gerade deshalb ist der Blick auf Schulbücher interessant: Hier gehen Verlage teilweise deutlich weiter, etwa in Darstellungen von Lebensweisen und Familienformen.
Spielhaus: Wir sehen hier ein doppeltes Muster: Einerseits werden unterschiedliche Familien- und Lebensformen durchaus sichtbar gemacht, andererseits bleibt eine heteronormative und zweigeschlechtliche Grundannahme bestehen. Ohne expliziten Fokus auf Vielfalt dominiert das Modell „Vater, Mutter, Kind“, während Geschlecht meist binär vorausgesetzt wird. Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit erscheinen dabei vielfach als Standard, besonders in Familiendarstellungen sowie in Aufgaben, die Beziehungen überwiegend in Mann-Frau-Bezügen formulieren.
Vielfalt erscheint dagegen als eigener Themenblock, etwa zu Homosexualität, Transgeschlechtlichkeit oder Diskriminierung. So wird Vielfalt separat behandelt, während eine implizite Norm im Hintergrund durchscheint. Dadurch entsteht ein „Normalfall“, während andere Lebensweisen fehlen, randständig bleiben oder erklärungsbedürftig wirken.
Jez: Normen werden dabei nicht nur durch Inhalte selbst vermittelt, sondern ebenso durch Auslassungen und deren sprachlich-visuelle Rahmung in Bildern, Aufgaben und Begrifflichkeiten, die eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung voraussetzen, ohne sie explizit zu benennen.
Das Projekt „Queeres Leben“
Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBFTR) geförderte Projekt „Queeres Leben“ untersucht, wie queere Vielfalt und gesellschaftliche Heteronormativität in Schulbüchern, Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien dargestellt werden. Ziel ist eine systematische Analyse von Bildungsmedien aus einer queer- und diversitätssensiblen Perspektive.
Untersucht wurden über 370 Lehrpläne der Sekundarstufe I (u. a. Politik/Gesellschaftslehre/Sozialkunde sowie Religion/Werteerziehung/Ethik) sowie ergänzend Lehrpläne für Deutsch in der Primarstufe und rund 600 Schulbücher aus verschiedenen Fächern und Zeiträumen. Zusätzlich wurden Fokusgruppen mit verschiedenen Akteursgruppen durchgeführt, um die Ergebnisse zu vertiefen.
Methodisch basiert das Projekt auf einer qualitativen und quantitativen Inhaltsanalyse. Die Auswertung erfolgte theorie- und materialgeleitet, unter anderem auf Grundlage der heterosexuellen Matrix nach Judith Butler.
Jez: Besonders deutlich wird das bei transgeschlechtlichen, intergeschlechtlichen und nicht-binären Personen, die in Familienkontexten nur sehr selten vorkommen. Zwar werden inzwischen häufiger homosexuelle Paare mit Kindern dargestellt, aber die Breite queerer Lebensrealitäten ist nur eingeschränkt sichtbar.
Spielhaus: Ein weiterer blinder Fleck ist Asexualität – sie kommt in Schulbüchern praktisch nicht vor. Sie vermitteln vielmehr die Annahme, dass alle Menschen im Laufe ihres Lebens romantische und sexuelle Beziehungen eingehen und irgendwann eine Familie gründen werden.
Ähnlich ist es bei der Darstellung von Singles. Diese werden in Schulbüchern teilweise als einsam oder unglücklich gezeigt. Damit transportieren die Materialien eine klare Wertung: Alleinsein erscheint als Defizit oder Übergangszustand. Manche Menschen würden dem widersprechen und sagen, dass sie als Single sehr wohl zufrieden leben. Auch hier entstehen Normen darüber, was als „gelungenes“ Leben gilt.
Spielhaus: Die implizite Favorisierung heterosexueller Beziehungen wirkt wie ein „Normalpfad“: Ausbildung, heterosexuelle Partnerschaft, Familie. Das wird selten ausdrücklich formuliert, aber als Selbstverständlichkeit mittransportiert.
Jugendliche, die davon abweichen, erscheinen dadurch eher als Ausnahme. Für diese Jugendlichen kann der Eindruck entstehen, dass sie ihre Lebensweise erst erklären, rechtfertigen oder gegen Widerstände behaupten müssen.
Ein Beispiel stellen Aufgabenstellungen dar, die Schülerinnen und Schüler eindeutig als Mädchen oder Jungen adressieren und zugleich voraussetzen, dass sie sich für das jeweils andere Geschlecht interessieren. So lautet eine Aufgabe etwa: „Nur für Mädchen: Welcher Männertyp beeindruckt dich?“ Das setzt sowohl eine binäre Geschlechterordnung als auch Heterosexualität voraus.
Jez: Wenn bestimmte Lebensrealitäten in Schulbüchern nicht vorkommen, kann der Eindruck entstehen, dass sie nicht zur gesellschaftlichen Normalität gehören. Dabei ist davon auszugehen, dass in jeder Klasse auch queere Jugendliche sitzen. Wenn sie in den Materialien nicht mitgedacht werden, verwehrt das Wiedererkennung. Bildungsmedien vermitteln damit nicht nur, was als „normal“ gilt, sondern auch, wer sichtbar ist, wer mitgemeint wird und wer unsichtbar bleibt.
Redaktion: Welche Rolle spielen Lehrkräfte bei der Vermittlung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt?
Spielhaus: Die aktuellen deutschen Bildungspläne sehen vor, dass Schülerinnen und Schüler auch in Fragen von Sexualität und Geschlecht begleitet werden, mit dem Ziel, Orientierung zu ermöglichen und ihre Entwicklung zu unterstützen.
Wie das im Unterricht konkret umgesetzt wird und wie Schulbücher dabei wirken, hängt stark von der jeweiligen schulischen Praxis ab. Inhalte können je nach Kontext unterschiedlich aufgegriffen werden, von kritischer Einordnung bis hin zur weitgehend unkommentierten Übernahme.
Jez: Zugleich zeigen unsere Gespräche auch, dass die Erwartungen der Jugendlichen sehr unterschiedlich sind. Während einige das Thema im Unterricht kaum wahrnehmen, wünschen sich andere ausdrücklich mehr Raum für die Auseinandersetzung mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Lehrkräfte bewegen sich damit in einem Feld sehr unterschiedlicher Wissensstände, Erfahrungen und Erwartungen. Gerade deshalb kommt ihnen eine wichtige Rolle dabei zu, Orientierung zu geben und Diskussionen sachlich zu begleiten.
Redaktion: Wie können Lehrkräfte konkret im Unterricht mit Schulbüchern und Darstellungen geschlechtlicher und sexueller Vielfalt umgehen und was hilft im Umgang mit problematischen Materialien?
Jez: Ein erster Schritt ist aus meiner Sicht die Selbstreflexion, etwa darüber, welche Rollen wir mit bestimmten Geschlechtern verbinden oder was wir als selbstverständlich ansehen. Darauf aufbauend können Schulbuchinhalte gezielt als Anlass für Diskussionen genutzt werden.
Spielhaus: Auch das beste Schulbuch macht noch keinen guten Unterricht – und umgekehrt kann eine engagierte Lehrkraft auch mit problematischen Materialien produktiv arbeiten. Schulbücher können Anlass sein, gemeinsam zu reflektieren. Dabei ist wichtig, unterschiedliche Lebensweisen sichtbar zu machen und Vielfalt in Familie, Beziehung und Identität aufzuzeigen.
Jez: Ein Beispiel ist das Thema Transition, das in einem Schulbuch über Detransition gerahmt wird. Dadurch kann der Eindruck entstehen, Transpersonen seien grundsätzlich unsicher oder würden ihre Entscheidung häufig bereuen. Das entspricht jedoch nicht dem Forschungsstand, der Detransition als vergleichsweise seltenes und meist durch äußere Belastungen beeinflusstes Phänomen beschreibt. Lehrkräfte können solche Darstellungen zum Anlass nehmen, mit Schülerinnen und Schülern zu diskutieren, welche Perspektiven sichtbar werden, welche fehlen und welche Bilder dadurch entstehen.
Redaktion: Viele Lehrkräfte fühlen sich bei der Vermittlung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt unsicher. Woran liegt diese Unsicherheit – und wo sehen Sie Ansatzpunkte für Unterstützung?
Jez: Ein Teil der Unsicherheit entsteht durch fehlende Ausbildung und unzureichende Materialien. Hier können Fortbildungen und externe Angebote unterstützen – etwa durch Landesinstitute oder Initiativen wie queere Bildung und SCHLAU (z.B. Nordrhein-Westfalen, Hessen, Schleswig-Holstein), die an Schulen gehen und sowohl informieren als auch Antidiskriminierungsarbeit leisten.
Spielhaus: Gleichzeitig spielt auch die Wahrnehmung eine Rolle. Manche Lehrkräfte halten sich bewusst zurück, weil sie das Thema als privat ansehen oder sie sich als Fachkraft nicht zuständig fühlen, teils auch aus Sorge, sich selbst angreifbar zu machen, unabhängig von der eigenen sexuellen Orientierung.
Ein weiterer Faktor ist die gesellschaftliche Kontroversität des Themas. Gerade in bestimmten Regionen oder Schulkontexten spielt die Frage eine Rolle, wie Eltern oder das Umfeld reagieren könnten. Damit bewegt sich das Thema im Spannungsfeld zwischen Bildungsauftrag, persönlicher Haltung und gesellschaftlichen Debatten.
Jez: Hinzu kommt, dass queersensible Inhalte in der Lehrkräftebildung oft nicht verpflichtend verankert sind. Dadurch fehlen vielen Lehrkräften grundlegende Vorkenntnisse und Sicherheit im Umgang mit dem Thema. Hier besteht struktureller Weiterentwicklungsbedarf.
Redaktion: Was zeichnet Unterrichtsmaterialien aus, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt besonders gelungen umsetzen?
Spielhaus: Oft steigen Schulbücher bei Themen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt direkt in kontroverse Debatten ein – das sehen wir kritisch. Didaktisch stellt sich die Frage, welches Vorwissen Schülerinnen und Schüler brauchen, um solche Inhalte einordnen zu können. Sinnvoll ist es daher, zuerst gesellschaftliche Grundlagen wie Menschenrechte in Bezug aufSelbstbestimmung und Zugehörigkeit sowie gesetzliche Grundlagen in Deutschland zu klären, bevor einzelne Themen vertieft werden.
Jez: Gute Unterrichtsmaterialien setzen genau an diesem Punkt an: Sie beginnen mit sachlicher, verständlicher Information. So entsteht Orientierung, ohne vorschnell zuzuspitzen.
Darauf aufbauend sollten Materialien gezielt Reflexionsräume eröffnen: etwa die Frage, wie gesellschaftliche Normen entstehen und wen Darstellungen einschließen oder ausschließen, ohne einzelne Lebensweisen als Ausnahme zu markieren.
Spielhaus: Queersensible Bildungsmedien behandeln queere Menschen und Themen nicht als Sonderfall, sondern als selbstverständlichen Teil gesellschaftlicher Vielfalt, ohne stereotype Zuschreibungen und mit diskriminierungskritischem Blick.
Redaktion: Welche Rolle spielen Schulbücher angesichts von Social Media heute überhaupt noch bei der Prägung der Weltsicht und sexuellen Aufklärung junger Menschen – und welche Konsequenzen hat das für die Rolle der Schule?
Spielhaus: In einer digitalen und teils stark polarisierten Informationslandschaft stellt sich umso mehr die Frage, wo Jugendliche verlässliche und sachliche Informationen finden. Schulbücher können dabei ein wichtiger Bezugspunkt sein.
Jez: Die Aufgabe der Schule, Wissen und Orientierung zu vermitteln, wird dadurch nicht kleiner, sondern eher wichtiger. Jugendliche beziehen Informationen heute aus sehr unterschiedlichen digitalen Quellen. Schule soll deshalb verlässliche, wissenschaftlich fundierte Inhalte bereitstellen und mit Medienkompetenz verbinden. So lernen Jugendliche, Informationen einzuordnen, Quellen kritisch zu prüfen und sich sicher in einer komplexen Informationslandschaft zu bewegen.
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Redaktion: Welche Rolle kann diversitätssensible sexuelle Bildung für Schutz, Selbstbestimmung und die Prävention sexualisierter Gewalt spielen – insbesondere für Gruppen, die häufiger Diskriminierung oder Ausgrenzung erfahren?
Spielhaus: Diversitätssensible sexuelle Bildung ist zentral für Schutz, Selbstbestimmung und die Prävention sexualisierter Gewalt – nicht nur für einzelne Gruppen, sondern für das gesellschaftliche Zusammenleben insgesamt. Es geht auch darum, wie Sicherheit gemeinsam hergestellt wird.
Diskriminierung oder Gewalt betrifft zwar immer zuerst die unmittelbar betroffene Person, wirkt aber darüber hinaus in das Umfeld hinein und beeinflusst das Sicherheitsgefühl und die Nutzung von Räumen. Deshalb braucht es Handlungskompetenzen für alle: Was kann ich tun, wenn ich etwas beobachte oder selbst betroffen bin? An wen kann ich mich wenden? Und wie gehe ich damit um, wenn eigenes Verhalten als diskriminierend wahrgenommen wird?
Voraussetzung dafür ist eine solide Grundlage aus sachlichen Informationen, etwa zu rechtlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Umgangsregeln. Darauf aufbauend können solche Themen reflektiert und auch kontrovers diskutiert werden, etwa die Frage nach weiteren Regelungen.
Spielhaus: Schulbücher können gesellschaftliche Vielfalt sichtbar machen, sie können aber nie alle Lebensrealitäten vollständig abbilden. Das ist eine grundsätzliche Grenze solcher Materialien: Auf einer einzelnen Seite und auch in einem ganzen Schulbuch muss immer ausgewählt werden.
Hinzu kommt, dass Schulbücher regelmäßig überarbeitet und neu aufgelegt werden. Deshalb geht es weniger darum, in einer Ausgabe möglichst alles abzudecken, sondern unterschiedliche Perspektiven über die Zeit hinweg stärker einzubeziehen. Dafür braucht es auch einen gewissen Mut zur Lücke – und die Bereitschaft, mit jeder neuen Auflage andere Aspekte gesellschaftlicher Vielfalt in den Blick zu nehmen.
- Hier steht die weiterführende Literatur