Mathe ohne Vorurteile: Wie Lehrkräfte Mädchen gezielt unterstützen können
Geschlechterrollen prägen früh Selbstbild und Leistung von Grundschülerinnen und Grundschülern. Lehrkräfte können aktiv gegensteuern
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Mädchen sind in Mathe oft erfolgreich – halten sich aber dennoch für weniger kompetent. Prof. Bettina Hannover erklärt im Interview, warum das so ist, welche Rolle Lehrkräfte dabei spielen und wie subtil Geschlechterstereotype im Unterricht wirken. Sie fordert mehr Reflexion, gezielte Unterstützung für Mädchen und eine stärkere Berücksichtigung von Mathe-Angst in der Lehrkräfteausbildung.
Redaktion: Eine aktuelle Studie der Université Paris Cité zeigt: Jungen und Mädchen starten mit ähnlichem Mathe-Niveau in die Schule – doch nach nur vier Monaten schneiden Jungen deutlich besser ab. Was sagen solche Befunde über die entscheidenden ersten Monate nach der Einschulung aus?
Prof. Bettina Hannover: Interessant an der Studie ist, dass sie eine Altersgruppe untersucht, in der biologische Entwicklungsfaktoren wie hormonelle oder neurologische Reifung kaum eine Rolle spielen. Die beobachteten Effekte deuten daher klar auf die Schule als prägende Sozialisationsinstanz hin. Bereits sehr junge Kinder kennen grundlegende Geschlechterstereotype – etwa wer mit Puppen oder Autos spielt – und orientieren sich früh daran. Mit dem Schuleintritt kommen nun fachspezifische Stereotype hinzu: Mathematik gilt als „Jungenfach“, Deutsch als „Mädchenfach“. Kinder übernehmen dieses Wissen und passen ihr schulisches Engagement entsprechend an, im Einklang mit den Erwartungen an ihr Geschlecht.
Redaktion: Warum gilt Mathematik überhaupt als "Jungenfach"?
Hannover: Mathematik ist stark mit dem sogenannten Brilliance-Stereotyp verbunden – also der Vorstellung, dass man für dieses Fach ein angeborenes Talent brauche, um wirklich gut zu sein. Dieser sogenannte Brilliance-Belief ist besonders in Mathematik und anderen Naturwissenschaften verbreitet. Gute Leistungen in diesen Bereichen werden seltener mit Fleiß oder Anstrengung erklärt, sondern vielmehr mit einer „besonderen Begabung“, die man entweder habe oder nicht. Dabei zeigt sich in der Forschung deutlich, dass dieses vermeintliche Talent häufiger Jungen zugeschrieben wird, während Mädchen eher als fleißig, gewissenhaft oder gut vorbereitet gelten.
Redaktion: Wie wirken sich diese Stereotype konkret im schulischen Kontext aus?
Hannover: Aus der Forschung weiß man, dass Lehrkräfte ihre eigenen Gender-Stereotype häufig – meist unbewusst – auf Kinder übertragen, was messbare Auswirkungen auf deren Motivation hat, besonders in Fächern, die als nicht zu ihrem Geschlecht passend gelten. Diese Einflüsse zeigen sich oft subtil: Lehrkräfte sind in ihrem Verhalten von den Erwartungen beeinflusst, die sie an ein Kind haben. Trauen sie einem Kind viel zu, geben sie ihm anspruchsvollere Aufgaben und mehr Zeit zum Antworten; bei geringen Erwartungen sind die Aufgaben leichter und die Geduld geringer. Kinder spüren diese Unterschiede im Verhalten und interpretieren sie als Hinweise auf ihre Fähigkeiten, was sich in ihrem Selbstkonzept eigener Fähigkeiten niederschlägt. Dieses Selbstkonzept beeinflusst wiederum das Verhalten des Kindes: Wer sich viel zutraut, bleibt motiviert und versucht es weiter, während ein geringes Selbstkonzept zu Unsicherheit und vorzeitigem Aufgeben führt. Gerade bei Mädchen wird die Entwicklung eines positiven Fähigkeitsselbstkonzepts in Mathematik und den Naturwissenschaften auf diese Weise oft untergraben – sie halten sich selbst seltener für „wirklich gut“ in Mathe, selbst wenn ihre Noten objektiv stark sind.
Redaktion: Viele Lehrkräfte sind heute selbst feministisch geprägt und bemühen sich um eine gendergerechte Haltung. Wie erklären Sie, dass solche Verzerrungen selbst bei reflektierten Pädagoginnen und Pädagogen bestehen bleiben?
Hannover: Ein wichtiger Punkt ist, dass viele Grundschullehrerinnen selbst eine negative Einstellung zu Mathematik haben und sich das Fach nicht zutrauen. Oft müssen sie an der Universität das Fach Mathematik studieren, um Grundschullehrkraft zu werden, obwohl sie es am liebsten abwählen würden. Selbst engagierte Lehrerinnen, die Geschlechterstereotype vermeiden wollen, strahlen oft Unsicherheit aus – und Kinder orientieren sich besonders an gleichgeschlechtlichen Vorbildern. Studien zeigen, dass Kinder vor allem Erwachsene des eigenen Geschlechts beobachten. Wenn nun die Mathelehrerin Angst vor Mathematik zeigt, interpretieren Schülerinnen das schnell als Zeichen, dass das Fach „nichts für Mädchen" ist.
Redaktion: Die Forschung betont Lehrkraft-Reflexion und -ausbildung als Schlüssel zur Reduzierung von Bias. Welche konkreten Elemente in der Lehrkräfteausbildung erachten Sie als besonders wirkungsvoll?
Hannover: In einer aktuellen Studie haben wir untersucht, inwiefern sich die Mathematikangst von Lehrkräften auf ihr Verhalten und die Angst der Schülerinnen und Schüler auswirkt. Dabei zeigte sich, dass Frauen bei eigener Angst oft sehr kontrollierend und autoritär auftreten, vermutlich um Kompetenz zu signalisieren – während Männer sich eher zurückziehen und die Kinder eigenständig arbeiten lassen. Solches kontrollierende Verhalten kann wiederum die Angst bei den Kindern verstärken. Das ist ein konkreter Ansatzpunkt für die Lehrkräfteausbildung: Es wäre wichtig, Lehrkräfte darin zu bestärken, ihre eigene Angst zu reflektieren und offen damit umzugehen, zum Beispiel durch Austausch mit Kolleginnen und Kollegen oder indem sie Kindern auch mal zeigen, dass sie selbst erst nachdenken müssen, ohne dass dies ihre Kompetenz infrage stellt.
Ein weiteres Problem ist, dass im Universitätsstudium wenig Raum für die Beschäftigung mit geschlechtersensiblem Unterrichten bleibt, obwohl wir wissen, dass Gender-Blindness – also das Ignorieren von Geschlechterunterschieden – nicht förderlich ist. Mädchen und Jungen bringen unterschiedliche Vorerfahrungen, Interessen und Fähigkeitsselbstkonzepte mit, denen wir in der Schule differentiell begegnen müssen. Das heißt, wir sollten gezielt fördern und Benachteiligungen kompensieren, statt alle einfach gleich zu behandeln.
Redaktion: Welche Methoden können Lehrkräfte im Unterricht einsetzen, um unbewussten Geschlechter-Erwartungshaltungen entgegenzuwirken?
Hannover: Es gibt viele Methoden, von Rollenbild-Interventionen bis zu genderneutralen Lernmaterialien. Entscheidend ist jedoch eine differenzierte Unterstützung: Zum Beispiel sollten Mädchen in Mathematik gezielt und häufig lernbezogenes Feedback erhalten – nicht bloß Lob, sondern konkrete Hinweise wie „Hier bist du schon einen Schritt weiter“ oder „Hier hast du das Prinzip richtig angewendet, aber einen kleinen Rechenfehler drin“. So werden negative selbstbezogene Gedanken verringert und Mädchen besser begleitet, gerade wenn sie sich selbst unsicher sind oder wichtige Vorerfahrungen fehlen.
Redaktion: Gibt es Formen des Unterrichts, die stereotype Wirkungsmuster besonders verstärken oder abschwächen?
Hannover: Wettbewerb verstärkt oft Benachteiligungen, das kennen wir alle aus dem Sportunterricht, wenn Mannschaften per Aufruf gebildet werden und stereotyp leistungsfähige Kinder bevorzugt werden. Ähnlich wirkt das in anderen Fächern, wo Wettbewerbsstrukturen Stereotype fördern. Lehrkräfte sollten vielmehr Kooperation fördern, zum Beispiel indem sie der Tendenz von Schülerinnen und Schülern gezielt entgegensteuern, bevorzugt mit Mitschülerinnen und Mitschülern des eigenen Geschlechts zusammenzuarbeiten. Eine Möglichkeit besteht darin, dass die Lehrkraft Arbeitsgruppen per Zufall bilden lässt – statt die Kinder selbst wählen zu lassen. Geschlechtergemischte Gruppen reduzieren Stereotype, da Jungen und Mädchen die Erfahrung machen, dass „die Mädchen" oder „die Jungen” „gar nicht so anders” oder „doof” sind, wie das Vorurteil besagt. Auch wenn es anfänglich Widerstand gibt, sollten Lehrkräfte immer wieder dafür sorgen, dass gemischte Geschlechterkooperationen entstehen, um solche Abgrenzungen und Vorurteile zu reduzieren.
Redaktion: Viele Mädchen halten sich in Mathematik oft für weniger kompetent, obwohl ihre Noten objektiv gut sind. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz, und wie ließe sich ihr Fähigkeitsselbstkonzept nachhaltig stärken?
Hannover: Es gibt spannende Befunde, die zeigen, dass Noten unser Fähigkeitsselbstkonzept beeinflussen – vor allem durch sogenannte internale Vergleiche. Dabei vergleichen Schülerinnen und Schüler ihre Leistungen in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel Mathematik und Naturwissenschaften mit Geistes- und Sprachfächern. Wenn sie in Sprachen stärker sind, neigen sie dazu, ihre Kompetenz in Mathematik und Naturwissenschaften zu unterschätzen. Dieser Mechanismus führt dazu, dass sie sich in Fächern, in denen sie eigentlich gut sind, wenig zutrauen, was sich negativ auf ihre Motivation auswirkt.
Lehrkräfte könnten deutlich mehr dafür tun, dass Schülerinnen und Schüler weniger von der Bewertung der Lehrkraft abhängig sind und stattdessen befähigt werden, sich selbst realistisch einzuschätzen.
Prof. Dr. Bettina Hannover
Redaktion: Wie können Lehrkräfte in solchen Situationen gezielt unterstützen?
Hannover: Fähigkeitsselbstkonzepte im Unterricht stärker zu thematisieren, wäre eine wirkungsvolle Maßnahme. Oft wird mit Kindern und Jugendlichen zu wenig auf der Metaebene darüber gesprochen, wie sie sich selbst als Lernende und Wissende wahrnehmen. Dabei ist genau das für selbstgesteuertes Lernen entscheidend: Ein realistisches Bild der eigenen Fähigkeiten ist nötig, um sich selbstgesteuert realistische Ziele zu setzen und Schwächen zu überwinden. Lehrkräfte könnten deutlich mehr dafür tun, dass Schülerinnen und Schüler weniger von der Bewertung der Lehrkraft abhängig sind und stattdessen befähigt werden, sich selbst realistisch einzuschätzen.
Damit lässt sich bereits in der ersten Klasse beginnen: Auch Grundschulkinder kann man mit Beispielen zum Nachdenken bringen: Was passiert, wenn ein Kind denkt, es könne etwas nicht? Macht das dann Spaß? So lassen sich früh Reflexionen darüber anregen, wie Gedanken über uns selbst unsere Emotionen und unser Verhalten beeinflussen – das kann man im Grundschulalltag gut vermitteln.
In späteren Jahren gehört dazu zudem, geschlechterspezifische Lernstrategien und ihre Auswirkungen bewusst zu reflektieren.
Redaktion: Können Sie das näher erläutern?
Hannover: Das eingangs erwähnte Fleiß-Stereotyp hat weitreichende Folgen: Eine aktuelle Studie zeigt, dass Mädchen durch die Übernahme dieses Stereotyps – also dem Bild, dass sie fleißig und immer gut vorbereitet sind – sogar Nachteile erleiden können. So gibt es etwa den Trend, für Prüfungen liebevoll gestaltete Lernzettel zu kreieren – kunstvolle, detailreiche Zusammenfassungen, deren Erstellung sehr viel Zeit kostet, die aber kaum das Lernen unterstützen. Effektives Lernen erfordert aktives Nachfragen, Reflexion und den Abgleich neuer Inhalte mit dem eigenen Vorwissen, was durch solche Lernzettel nicht unterstützt wird.
Das Beispiel zeigt, wie stark Stereotype auch schaden können, obwohl sie von Schülerinnen und Schülern akzeptiert und in ihr Selbstbild integriert werden. Daher ist es wichtig, dass Schule und Ausbildung bewusst machen, wie Geschlechtsstereotype das eigene Lernverhalten beeinflussen. Lehrkräfte sollten Kinder und Jugendliche dazu anregen, über solche Muster zu reflektieren und gleichzeitig effektive Lernstrategien vermitteln.
Redaktion: Nach den Sommerferien starten hunderttausende Kinder neu in die Grundschule. Was würden Sie Lehrkräften mit auf den Weg geben, damit sich der Gender-Gap in Mathe gar nicht erst festigt?
Hannover: Lehrkräfte müssen wieder stärker erkennen, dass das Thema Geschlechtergerechtigkeit nach wie vor relevant ist. In den letzten Jahren hat sich der Fokus stark auf Inklusion, das dritte Geschlecht und die Förderung von Kindern mit nicht deutscher Erstsprache verschoben. All diese Themen sind wichtig, aber dabei ist das Mädchen-Jungen-Thema aus dem Blick geraten. Viele Lehramtsstudierende halten Genderfragen für überholt und sehen keine Benachteiligung von Mädchen mehr. Dabei übersehen sie, dass Lernvoraussetzungen geschlechtsspezifisch ausgeprägt sind und kompensatorisch berücksichtigt werden müssen. Zwar sind Mädchen in der Schule oft erfolgreicher, doch sie schöpfen ihr Potenzial später im Berufsleben deutlich weniger aus. Das Bewusstsein für diese Benachteiligung muss wieder gestärkt werden – insbesondere bei jungen Lehrkräften und Studierenden.
Redaktion: Frau Professorin Hannover, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Zur Person
Prof. Dr. Bettina Hannover forscht an der Freien Universität Berlin zur Rolle des Selbst in schulischen Kontexten. Sie untersucht, wie kognitive, soziale und kulturelle Faktoren – etwa Geschlechterrollenstereotype oder kulturelle Selbstkonzepte – die Identitätsentwicklung, Lernmotivation und Interessen von Schülerinnen und Schülern beeinflussen. Weitere Schwerpunkte sind Lehrkraft-Schüler-Beziehungen, Diskriminierungserfahrungen und die professionelle Kompetenz von Lehrkräften.
- Martinot, P., Colnet, B., Breda, T., Sultan, J., Touitou, L., Huguet, P., Spelke, E., Dehaene-Lambertz, G., Bressoux, P., & Dehaene, S. (2025). Rapid emergence of a maths gender gap in first grade. Nature, 620(7973), 11 Juni 2025.
- Olczyk, M., Gentrup, S., Schneider, T., Volodina, A., Casoni Perinetti, V., Washbrook, E., Kwon, S. J., Waldfogel, J., ... & Waldfogel, J. (2023). Teacher judgements and gender achievement gaps in primary education in England, Germany, and the US. Social Science Research, 116, Article 102938, 1–17.