Canisius-Kolleg, Odenwaldschule, Königin-Luise-Gymnasium – drei Schulen, in denen Fälle sexualisierter Gewalt öffentlich wurden. Sie sind keine Einzelfälle, sondern verweisen auf strukturelle Problemlagen im System Schule. Wie verbreitet ist sexualisierte Gewalt im schulischen Alltag, wer ist betroffen, wer übt sie aus und wie gehen Schulen mit Vorfällen um?
Sexualisierte Gewalt im Kinder- und Jugendalter
Als staatliche Einrichtung tragen Schulen eine besondere Schutzverantwortung: Sie sind verpflichtet, das Recht auf Bildung zu gewährleisten. Daraus ergibt sich zugleich der Auftrag, ein gewaltfreies Aufwachsen im schulischen Kontext sicherzustellen. Doch diesem Schutzauftrag werden Schulen in der Praxis nicht immer gerecht.
Wie häufig sexualisierte Gewalt an Schulen vorkommt, lässt sich nur begrenzt beziffern, da es nur wenige spezifische Erhebungen für den Schulkontext gibt und amtliche Statistiken ausschließlich polizeilich erfasste Straftaten abbilden. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat 2025 eine Fallstudie vorgelegt, die auf 133 Berichten und Anhörungen Betroffener basiert. Die Kommission hatte Betroffene dazu aufgerufen, ihre Erfahrungen an Schulen vertraulich zu schildern. Die Studie ist nicht repräsentativ, legt jedoch strukturelle Muster offen. Die zugrunde liegenden Berichte stammen von Betroffenen, die überwiegend zwischen den 1970er- und späten 1980er-Jahren zur Schule gingen, und dokumentieren ein breites Spektrum sexualisierter Gewalt im schulischen Kontext von verbalen Grenzverletzungen bis hin zu Vergewaltigungen.
Begriffe sexualisierter Gewalt
Sexualisierte Gewalt: Der Begriff macht deutlich, dass bei Übergriffen vor allem Macht, Grenzverletzung und Gewalt im Zentrum stehen. Sexualität wird dabei genutzt, um Kontrolle, Demütigung oder Abhängigkeit auszuüben.
Sexueller Missbrauch: Beschreibt sexuelle Handlungen an Kindern oder Jugendlichen, denen diese aufgrund eines Macht- oder Abhängigkeitsverhältnisses nicht zustimmen können. Der Begriff wird zunehmend kritisch gesehen, weil er sprachlich missverständlich einen möglichen „richtigen Gebrauch“ implizieren könnte. Deshalb wird in Fachdebatten und Gesetzgebung verstärkt von „sexualisierter Gewalt gegen Kinder“ gesprochen.
Hands-on-Taten: Formen sexualisierter Gewalt mit direktem körperlichen Kontakt, etwa sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung.
Hands-off-Taten: Formen sexualisierter Gewalt ohne direkten Körperkontakt, etwa verbale sexuelle Belästigung, Exhibitionismus, digitale Übergriffe oder die Verbreitung sexualisierter Inhalte.
Strafrechtlich relevante Taten: Strafbar sind unterschiedliche Formen sexualisierter Gewalt, darunter sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, exhibitionistische Handlungen, sexualisierte Gewalt gegen Kinder, Jugendliche oder Schutzbefohlene sowie bestimmte digitale und bildbasierte Delikte. Die rechtlichen Regelungen finden sich vor allem in den §§ 174 ff., 176 ff., 177 und 184 ff. des Strafgesetzbuches.
Empirische Hinweise auf das Ausmaß im schulischen Umfeld liefert etwa die SPEAK!-Studie der Universität Marburg aus dem Jahr 2017. Befragt wurden 2.719 Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren an hessischen Schulen. Rund die Hälfte berichtete von Erfahrungen mit nicht-körperlicher sexualisierter Gewalt, darunter verbale sexuelle Übergriffe, digitale Belästigung oder exhibitionistische Handlungen. Mädchen waren deutlich häufiger betroffen als Jungen (55 gegenüber 40 Prozent), fast ein Drittel der Mädchen berichtete zusätzlich von sexueller Belästigung im digitalen Raum. Auch körperliche Übergriffe traten in der Studie deutlich häufiger auf, als es offizielle Zahlen vermuten lassen: Etwa ein Viertel der Jugendlichen gab entsprechende Erfahrungen an. Rund 30 Prozent der Mädchen berichteten von unerwünschten Berührungen, mehr als jede zehnte Befragte von sexuellen Handlungen unter Druck oder Zwang. Zudem liegen belastbare Hinweise vor, dass bestimmte Gruppen besonders vulnerabel sind, etwa Mädchen mit Behinderungen sowie Schülerinnen und Schüler an Förderschulen (vgl. Derr et al. 2017, Maschke & Stecher 2018).
Die im Rahmen des Verbundprojekts SchuLae im Jahr 2023 vorgestellten Ergebnisse einer Befragung von 1.660 Schülerinnen und Schülern (12–16 Jahre), 330 Lehrkräften und 30 Schulleitungen zeigen ebenfalls eine hohe Verbreitung sexualisierter Gewalterfahrungen im Jugendalter: Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler (51,9 Prozent) berichtete über entsprechende Erfahrungen im vergangenen Jahr, von verbalen Grenzverletzungen bis hin zu erzwungenen sexuellen Handlungen. Mädchen waren dabei deutlich häufiger betroffen als Jungen. Besonders häufig ereigneten sich die Vorfälle im schulischen Kontext (57 Prozent der Betroffenen). Als Tatverantwortliche wurden überwiegend männliche Personen genannt (68 Prozent), meist Mitschüler (50 Prozent), während schulisches Personal nur in etwa 2 Prozent der Fälle eine Rolle spielte.
Weitere belastbare Daten zu sexualisierter Gewalt beziehen sich bislang vor allem auf das Kinder- und Jugendalter insgesamt, nicht spezifisch auf den Schulkontext. Die Sonderauswertung der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (2026) zeigt, dass 64 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen mindestens eine Form sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt erlebt haben; knapp ein Drittel berichtet zudem von Übergriffen mit Körperkontakt. Besonders betroffen sind junge Frauen sowie homo- und bisexuelle Jugendliche.
Auch die Mannheimer Dunkelfeldstudie (2025) verweist auf ein hohes Ausmaß sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend. 12,7 Prozent der Befragten gaben entsprechende Erfahrungen an, hochgerechnet rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland. Frauen waren deutlich häufiger betroffen als Männer. Viele Betroffene berichteten zudem von wiederholten Übergriffen über mehrere Jahre hinweg.
Wer sind die Täterinnen und Täter?
Empirisch zeigt sich ein klares Muster: Die Täter sind überwiegend männlich und stammen häufig aus dem direkten sozialen Umfeld der Betroffenen. Forschungen aus der Genderperspektive zeigen, dass sexualisierte Gewalt besonders dort begünstigt wird, wo Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse bestehen – also auch in Schulen. Lehrkräfte oder ältere Jugendliche verfügen hier über Einfluss und Deutungsmacht, während Kinder und Jugendliche oft nur begrenzte Möglichkeiten haben, sich Unterstützung zu holen oder Grenzen wirksam zu schützen. Fehlen zudem Schutzstrukturen oder Ansprechpersonen, ist das Risiko besonders hoch (Pöter & Wazlawik 2018).
Die Fallarbeit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zeigt zudem, dass Täterstrategien von Lehrkräften sich über die Zeit verändert haben. Während früher häufiger mit Autorität und Einschüchterung gearbeitet wurde, berichten Betroffene aus jüngeren Jahrzehnten eher von subtilen Formen der Manipulation – etwa emotionaler Bindung, gezielter Ausnutzung persönlicher Krisen oder scheinbar romantischen Beziehungsangeboten. Besonders häufig werden Tatgelegenheiten in schwer kontrollierbaren Alltagssituationen beschrieben, etwa in Nebenräumen, auf Klassenfahrten oder im Sportunterricht.
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft sexuelle Gewalt unter Jugendlichen selbst. Daten der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (2026) sowie der SPEAK!-Studie (2018) zeigen, dass Übergriffe häufig im Peer-Kontext stattfinden. Während im Kindesalter vor allem Erwachsene als Hauptrisikogruppe für sexualisierte Gewalt gelten, verlagert sich dieses Risiko im Jugendalter deutlich auf gleichaltrige Jugendliche. Besonders betroffen sind weibliche Jugendliche, während die Tatpersonen mehrheitlich männlich sind und ebenfalls der gleichaltrigen Gruppe angehören. Viele Jugendliche sind dabei nicht nur Betroffene, sondern auch Zeuginnen, Zeugen oder Mitwissende. Rund 38 Prozent berichten, Situationen erlebt zu haben, in denen andere zu sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen wurden. Etwa ein Drittel der ersten Gewalterfahrungen geschieht in Anwesenheit weiterer Personen.
Mit erweiterten Ganztagsstrukturen ergibt sich ein weiteres Problem: der Kreis potenzieller Täter und Gelegenheitsräume für Übergriffe steigt, zumal hierfür verstärkt externe oder nicht pädagogisch ausgebildete Mitarbeitende eingesetzt werden.
Umgang an Schulen
Missbrauchsskandale im schulischen Kontext zeigen wiederholt strukturelle Schwächen im Umgang mit sexualisierter Gewalt und werfen die Frage auf, wie wirksam Schutzkonzepte tatsächlich implementiert sind. Die Fallstudien zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im schulischen Kontext verweisen auf genau solche institutionellen Defizite. Immer wieder berichten Betroffene von einem „Schweigen im System“: Hinweise auf Übergriffe waren mitunter in der Schulgemeinschaft bekannt, wurden jedoch nicht konsequent aufgegriffen. Als Gründe werden unter anderem Loyalitätskonflikte gegenüber der Institution, Unsicherheit im Umgang mit Verdachtsfällen oder die Vermeidung von Reputationsschäden genannt. Auch Schutzkonzepte und verbindliche Interventionsstrukturen erscheinen über lange Zeiträume hinweg unzureichend entwickelt oder nicht wirksam umgesetzt.
Zugleich zeigt die Studie, dass Betroffene häufig auf sich allein gestellt blieben. Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrkräfte oder Schulleitungen hatten teilweise Kenntnis von Vorfällen, griffen jedoch nicht ein oder boten keine ausreichende Unterstützung an. Nur in wenigen dokumentierten Fällen erhielten Betroffene aktive Hilfe durch Lehrkräfte oder andere schulische Bezugspersonen.
Die Mannheimer Dunkelfeldstudie ergänzt diese Befunde um die Perspektive der Betroffenen selbst. Viele sprechen aus Scham, Schuldgefühlen oder aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, zunächst mit niemandem über das Erlebte. Mehr als 37 Prozent der Betroffenen berichtete erstmals im Rahmen der Studie von den Übergriffen. Verstärkt werden kann dieses Schweigen durch gesellschaftliche Geschlechternormen, die beeinflussen, wie Übergriffe wahrgenommen und eingeordnet werden. Betroffene erleben mitunter, dass ihr Verhalten oder Auftreten stärker thematisiert wird als die Verantwortung der Tatperson. Solche Deutungsmuster können Scham und Selbstzweifel verstärken und dazu beitragen, dass Erfahrungen nicht benannt oder offengelegt werden. Auch Jungen und männliche Betroffene suchen häufig später Hilfe, weil traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit Offenheit über Verletzlichkeit erschweren.
Soziale und psychische Folgen sexualisierter Gewalt
Studien zeigen, dass sexualisierte Gewalt erhebliche Folgen für die schulische Entwicklung und Bildungschancen haben kann. Betroffene berichten häufig von Konzentrationsproblemen, Leistungsabfällen, Fehlzeiten oder Verhaltensauffälligkeiten, die im schulischen Alltag nicht selten missverstanden wurden. Die Fallstudie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs verweist darauf, dass dies teils zu Fehleinstufungen oder unterbrochenen Bildungswegen führte. Internationale Übersichtsarbeiten (Fry et al. 2018) bestätigen zudem einen Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend, schlechteren schulischen Leistungen und einem erhöhten Risiko für Schulabbrüche.
Die SPEAK!-Studie verweist außerdem auf psychosoziale Folgen für Betroffene, darunter ein geringeres Wohlbefinden, häufigere Mobbingerfahrungen und eine negativere Selbstwahrnehmung. Auch hier bestätigen Überblicksarbeiten langfristige psychische, soziale und gesundheitliche Folgen. Sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend geht unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Suchterkrankungen sowie mit körperlichen und dauerhaften Einschränkungen im Alltag einher. Auch soziale Folgen sind gut belegt, darunter instabilere Lebensverläufe, schlechtere Bildungs- und Erwerbschancen sowie ein erhöhtes Risiko erneuter Viktimisierung.
Insgesamt unterstreichen die Befunde die Bedeutung sexueller Bildung, verlässlicher Ansprechpersonen im Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen sowie wirksam umgesetzter Schutzkonzepte für Prävention und Intervention an Schulen.
- Bundeskriminalamt. (2025, 21. November). Bundeslagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024“. https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_Straftaten_gegen_Frauen2024.html
- Dinger, L., Schäfer-Pels, A., Scharmanski, S. Sexualisierte Gewalterfahrungen, Bystander-Perspektiven und Disclosure junger Menschen – Ergebnisse aus der 10. Welle der Jugendsexualitätsstudie. Bundesgesundheitsblatt (2026). https://doi.org/10.1007/s00103-026-04212-y
- Derr, R., Hartl, J., Mosser, P. et al. (2017): Kultur des Hinhörens. Sprechen über sexuelle Gewalt, Organisationsklima und Prävention in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe.
- Finkelhor, David (1984): Child Sexual Abuse: New Theory and Research. New York: MacMillan.
- Fry, D., Fang, X., Elliott, S., Casey, T., Zheng, X., Li, J., Florian, L., & McCluskey, G. (2018). The relationships between violence in childhood and educational outcomes: A global systematic review and meta-analysis. Child abuse & neglect, 75, 6–28. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2017.06.021
- Harald Dreßing, Andreas Hoell, Leonie Scharmann, Anja M. Simon, Ann-Christin Haag, Dieter Dölling, Andreas Meyer-Lindenberg, Joerg Fegert: Sexual Violence Against Children and Adolescents: A German Nationwide Representative Survey on Its Prevalence, Situational Context, and Consequences. Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 285–91. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0076
- Gulowski, R. & Oppelt, M. (2021). Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher. Expertise im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung, Expertise, 43). https://doi.org/10.17623/BZgA_SRH:exp_praevmissbrauch_jugendliche
- Geschichten, die zählen. https://www.geschichten-die-zaehlen.de
- Maschke, S. & Stecher, L. (2018): Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher. Erweiterungsstudie Förderschulen.
- Philipps-Universität Marburg/Justus-Liebig-Universität Gießen (Hrsg.) (2017): SePP - Sensibilisierende Prävention durch Partizipation. https://speak-studie.de/praeventionsprojekt-sepp.html
- Pöter, Jan/Wazlawik, Martin (2018): Pädagogische Einrichtungen sicher(er) machen. Risikobedingungen sexualisierter Gewalt und Konsequenzen für die Gestaltung von Prävention. In: Kindesmisshandlung und Vernachlässigung 21, S. 34–45.
- Thomas, P., Fauquert, B., Kacenelenbogen, N., Briganti, G., Kornreich, C., & Goderis, G. (2026). Long-term consequences of childhood sexual abuse: An umbrella review of diagnostic meta-analyses / Conséquences à long terme des abus sexuels subis dans l’enfance : une revue parapluie des méta-analyses. https://doi.org/10.1016/j.encep.2026.02.007
- Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (2025). Fallstudie: Sexualisierte Gewalt und Schule. https://www.aufarbeitungskommission.de/wp-content/uploads/Fallstudie-Sexualisierte-Gewalt-und-Schule_Aufarbeitungskommission_bf_web.pdf