Kinderfragen in der Kita als Ausgangspunkt für gute Bildung

Pädagogische Fachkräfte fördern Neugier, begleiten Denkprozesse und unterstützen Kinder beim gemeinsamen Forschen

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 4 Minuten
Zwei Kinder entdecken gemeinsam die Natur.
© pexels, stephentcandrews

Kinderfragen sind mehr als Ausdruck von Neugier: Sie zeigen, wie Kinder sich die Welt erschließen. Im Gespräch erklärt Prof. Alexander Scheidt, warum pädagogische Fachkräfte Warum-Fragen nicht vorschnell beantworten sollten, wie aus Fragen Forschungsprozesse entstehen und weshalb eine fragende Haltung die Grundlage von Bildung ist.

Redaktion: Herr Prof. Scheidt, Kinder stellen oft unermüdlich Warum-Fragen. Was verraten diese Fragen über das Denken von Kindern?

Prof. Alexander Scheidt: Wenn Kinder Fragen stellen, tun sie das aus Neugier, und genau diese Neugier ist von unschätzbarem Wert. Indem Kinder fragen, entwickeln sie grundlegende Theorien über die Welt und schärfen ihre Denkfähigkeiten.

Spannend ist, wann Kinder ihre berühmten Warum-Fragen stellen. Sie fragen vor allem dann, wenn sie eine Erklärung erwarten, die ihnen größere Zusammenhänge erschließt. Kinder haben ein Gespür dafür, wann etwas erklärungsbedürftig ist. Sie ahnen sogar, welche Art von Antwort ihre Neugier wirklich aufgreift, und wissen intuitiv, was eine gute Erklärung ausmacht.

Entscheidend ist der gemeinsame Denkprozess: Kinder sollen erleben, dass Fragen nicht nur beantwortet, sondern untersucht werden können.

Prof. Alexander Scheidt, Hochschule Bielefeld

Redaktion: Was bedeutet das für den Kita-Alltag? Wie können pädagogische Fachkräfte Warum-Fragen aufgreifen?

Scheidt: Dafür gibt es eine hilfreiche Schrittfolge, mit der pädagogische Fachkräfte Warum-Fragen begleiten können, auch dann, wenn sie die Antwort selbst nicht kennen.

Der erste Schritt ist, die Frage wirklich ernst zu nehmen und zu überlegen: Was genau fragt das Kind eigentlich? Was steckt hinter der Frage, in welchem Zusammenhang steht sie? Das kann man auch laut denkend tun: „Du fragst dich, warum die Wellen am Strand so schäumen, aber draußen auf dem See nicht. Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass Wellen durch den Wind entstehen.“ Indem wir unsere Gedanken teilen, geben wir dem Kind die Möglichkeit, die eigene Frage noch einmal zu überdenken, uns zu bestätigen oder zu korrigieren.

Der zweite Schritt ergibt sich oft daraus: Wir können häufig eigene Gedanken beitragen. Etwa: „Jetzt fällt mir auf: Wenn du sagst, die Wellen schäumen, stimmt das. Man kann aber auch sagen, die Wellen brechen. Sie stürzen sozusagen zusammen, wenn sie ans Ufer kommen.“ Auch hier warten wir wieder ab, was das Kind dazu sagt.

Der dritte Schritt ist der anspruchsvollste: Wir entwickeln gemeinsam Hypothesen. „Vielleicht werden die Wellen am Ufer so hoch, dass sie zusammenbrechen?“ Oder: „Vielleicht kippen sie, weil der Boden flacher wird?“ Beim Entwickeln von Hypothesen ist Kreativität gefragt. Wir dürfen verschiedene Möglichkeiten ausprobieren, solange sie plausibel sind – aber wir sollten sie nicht vorschnell als Wahrheit betrachten.

Im vierten Schritt können wir diese Vermutungen noch einmal kritisch prüfen. Dabei entsteht vielleicht sogar eine neue Idee: „Die Wellen stolpern über den Boden und kippen um!“ Und natürlich bleibt am Ende immer die Möglichkeit, gemeinsam mit den Kindern nachzuschlagen. Dieser Schritt sollte aber nicht am Anfang stehen. Entscheidend ist zunächst der gemeinsame Denkprozess: Kinder sollen erleben, dass Fragen nicht nur beantwortet, sondern untersucht werden können.

Pädagogische Fachkräfte sollten sich immer wieder bewusst machen: Kinder denken wissenschaftlich, und ihre Warum-Fragen sind ein Ausdruck dieses Denkens.

Prof. Alexander Scheidt, Hochschule Bielefeld

Redaktion: Was braucht es, damit diese Art des gemeinsamen Forschens im Kita-Alltag gelingen kann?

Scheidt: Pädagogische Fachkräfte sollten sich immer wieder bewusst machen: Kinder denken wissenschaftlich, und ihre Warum-Fragen sind ein Ausdruck dieses Denkens.

Wenn sie diese Fragen ernstnehmen und aufgreifen, bestärken sie Kinder in ihrer Neugier und ermöglichen, dass diese weiterwächst. Wichtig ist aber: Neugier entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht eine anregungsreiche Umgebung, interessante Gegenstände und spannende Projekte, die Kinder zum Fragen und Weiterdenken einladen.

Gleichzeitig muss man anerkennen, dass die Zeit in Kitas oft knapp ist. Eine einzelne Erzieherin oder ein einzelner Erzieher kann die strukturellen Defizite des deutschen Kita-Systems auch durch persönliche Bestleistung nicht kompensieren. Zeit – insbesondere Vorbereitungszeit – ist eine notwendige Voraussetzung, um gute und vertiefte Bildungsarbeit leisten zu können.

Redaktion: Welche sprachlichen Impulse oder Gesprächsstrategien helfen Kindern dabei, ihre eigenen Ideen weiterzuentwickeln?

Scheidt: Zunächst sind es die sprachlichen Signale, mit denen ich deutlich mache, dass ich selbst nachdenke. Das beginnt damit, dass ich emotional ausdrucksstark reagiere: „Oh!“, „Ah, das ist ja interessant!“, „Das ist ja spannend!“, „Ich frage mich, wie …“, „Ich wundere mich, dass …“. Mit solchen Sprachhandlungen teile ich meine kognitiven oder epistemischen Emotionen mit. Wenn ich mir meiner eigenen Denkbewegungen bewusst bin, kann ich diese auch bei den Kindern besser wahrnehmen.

Der zweite Punkt ist die Art und Weise, wie ich Fragen stelle. Dafür braucht es kognitive Empathie. Es ist besser, Fragen so zu formulieren, dass ich zeige: Ich suche selbst nach einer Antwort und habe sie nicht bereits im Kopf. Es reicht also nicht, nur offene Fragen zu stellen; auch die Haltung dahinter sollte offen sein und zum Mitdenken einladen.

Und drittens sollten wir in Gesprächen mit Kindern sichtbar machen, wo wir zustimmen, wo wir uns sicher sind, aber auch, wo wir skeptisch sind oder etwas kritisch sehen. Kinder verdienen kritische Gedanken, genauso, wie wir sie dazu einladen sollten, unsere Gedanken zu hinterfragen.

Epistemische Emotionen

Epistemische Emotionen sind Gefühle, die unser Denken und Lernen begleiten. Dazu gehören etwa Neugier, Staunen, Zweifel oder die Freude über eine neue Erkenntnis. Sie zeigen an, dass wir etwas verstehen, hinterfragen oder herausfinden möchten und spielen deshalb eine wichtige Rolle für Bildungsprozesse. 

Redaktion: Was sagt es über unser Bildungssystem aus, wenn Kinder in der Schule eher lernen, richtige Antworten zu geben, als eigene Fragen zu stellen?

Scheidt: Das ist vielleicht eines der zentralen Probleme unserer Vorstellung von Schule: dass wir sie noch immer zu wenig als Ort des Fragens, Forschens, der Neugier und des gemeinsamen Entwickelns von Ideen verstehen. Stattdessen herrscht häufig die Vorstellung vor, dass Wissen irgendwo vorhanden ist, von Expertinnen und Experten entwickelt wurde und anschließend nur noch didaktisch vermittelt werden muss.

Eigentlich wäre der umgekehrte Ansatz wichtig: mit der Unklarheit zu beginnen. Auch große wissenschaftliche Entdeckungen entstanden nicht dadurch, dass Menschen fertige Antworten übernommen haben, sondern indem sie Fragen gestellt, Vermutungen entwickelt und diese durch Beobachtung, Experimente, Nachdenken und den Austausch mit anderen überprüft haben.

Besonders nachhaltig wird Unterricht dann, wenn er Neugier und Problemlösefähigkeit stärkt und dazu führt, Theorien und Wissen zu entwickeln. Entscheidend ist, dass Lernende sich in diesem Prozess als wirksam erleben.

Redaktion: Herr Professor Scheidt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Portraitfoto Prof. Alexander Scheidt
Zur Person

Alexander Scheidt ist Professor im Fachbereich Sozialwesen an der Hochschule Bielefeld. Sein Lehrgebiet umfasst die Erziehungswissenschaften mit den Schwerpunkten Beratung, Qualitätsentwicklung und Organisation in kindheitspädagogischen Systemen.