Mit Freude unterrichten: Wie Begeisterung Lernprozesse stärkt und Burnout vorbeugt

Lehrbegeisterung und Reflexionsfähigkeit bestimmen die Unterrichtsqualität und stärken das Wohlbefinden der Lehrkräfte.

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 6 Minuten
© pexels, thirdman

Lehrkräfte, die mit hoher Unterrichtsbegeisterung in den Beruf starten, fördern nicht nur die kognitive Auseinandersetzung und Unterstützung ihrer Schülerinnen und Schüler, sondern profitieren selbst: Sie erleben mehr Stolz, Engagement und weniger Burnout. Hannah Kirschning erklärt, wie sich der Realitätsschock nach dem Lehramtsstudium vermeiden lässt und welche Kompetenzen dafür entscheidend sind.

Redaktion: Frau Kirschning, Sie konnten zeigen, dass Lehrbegeisterung und Reflexionsfähigkeit entscheidend für die Unterrichtsqualität sowie das Wohlbefinden von Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern sind. Lassen Sie uns diese beiden Kompetenzen zunächst genauer betrachten: Wie definiert die Forschung sie genau? 

Hannah Kirschning: In unserer Studie haben wir uns einschlägige Facetten der professionellen Kompetenz von angehenden Lehrkräften angesehen und dabei den Fokus auf ihre Überzeugungen, Motivation und Selbstregulation gelegt. Lehrbegeisterung – auch Unterrichtsenthusiasmus – ist eine motivationale Facette, die die Begeisterung für die Interaktion mit Schülerinnen und Schülern sowie das Ausmaß an Freude am Unterrichten, an der Wissensvermittlung und an der Begleitung von Lernprozessen fokussiert.

Reflexionsfähigkeit zählt zu den selbstregulativen Kompetenzen von Lehrkräften. Dabei geht es beispielsweise darum, die eigene Motivation oder effektive Unterrichtsstrategien im Hinblick auf persönliche Ziele zu steuern. In unserer Studie bezieht sich berufliche Reflexionsfähigkeit konkret auf die Reflexion des eigenen Unterrichts. 

Redaktion: Was bewirkt Lehrbegeisterung konkret im Unterrichtsalltag von Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern?  

Kirschning: Unterrichtsenthusiasmus wirkt motivierend und inspirierend auf die Schülerinnen und Schüler. Es wird angenommen, dass Lehrkräfte, die Freude am Unterrichten zeigen, eine anregende Lernumgebung schaffen, die positive Emotionen weckt und Interesse sowie Motivation bei den Lernenden fördert. Dieses Engagement der Schülerinnen und Schüler scheint wiederum auf das Wohlbefinden der Lehrkräfte zurückzuwirken. Enthusiastische Lehrkräfte neigen zudem eher dazu, sich und ihren Unterricht zu reflektieren, wodurch Inhalte verständlicher aufbereitet und Lernprozesse gezielter unterstützt werden.

Unsere Studie zeigt, dass Schülerinnen und Schüler den Unterricht von enthusiastischen Lehrkräften nach Einstieg in die Profession als besonders kognitiv anregend und unterstützend bei Verständnisschwierigkeiten wahrgenommen haben. Gleichzeitig profitieren Lehrkräfte selbst: Sie sind engagierter in ihrem beruflichen Wirken und zeigen geringere Anzeichen von Burnout, etwa weniger emotionale Erschöpfung oder Zweifel an der Berufsentscheidung. Unterrichtsenthusiasmus fördert somit sowohl Lernprozesse als auch das Wohlbefinden der Lehrkräfte. 

Redaktion: Und welche Rolle spielt die Reflexionsfähigkeit? 

Kirschning: Die Reflexionsfähigkeit von Lehrkräften dient der Steuerung und Aufrechterhaltung eines effektiven Arbeitsverhaltens. Dabei wird angenommen, dass die Reflexion des eigenen Erlebens und Handelns Motivation und Arbeitszufriedenheit steigert und ein adaptives sowie effektives Unterrichten unterstützt. Damit wird die Reflexion als zentrale Voraussetzung für die professionelle Entwicklung von Lehrkräften betont. Unsere Studie zeigt, dass Lehrkräfte, die über die Fähigkeiten zur intensiven Unterrichtsreflexion verfügen, später ein höheres Arbeitsengagement aufweisen. Dieses Engagement äußert sich in einer sorgfältigen Unterrichtsvorbereitung, einer Offenheit für neue Methoden und einer kontinuierlichen beruflichen Weiterbildung.

Redaktion: Viele junge Lehrkräfte starten hoch motiviert, erleben dann aber schnell Überforderung. Was kann helfen, die anfängliche Begeisterung langfristig zu erhalten? 

Kirschning: Die Forschung zu Entwicklungsverläufen von Unterrichtsenthusiasmus zeigt, dass Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst meist mit hoher Motivation starten, diese jedoch beim Eintritt in die Profession abnimmt und sich langfristig auf einem moderaten Niveau stabilisiert. Ziel sollte es daher sein, das anfängliche Niveau möglichst zu erhalten. Die Forschung zum langfristigen Erhalt von Unterrichtsenthusiasmus ist jedoch noch begrenzt. 

Einige Befunde deuten darauf hin, dass Lehrbegeisterung durch Reflexionsstrategien, Mentoring oder die Aufarbeitung von Praktikumserfahrungen mithilfe von Apps gesteigert werden kann. Diese Effekte traten allerdings nur bei enger Zusammenarbeit mit Mentorinnen und Mentoren auf, was die Bedeutung solcher Begleitung während des Vorbereitungsdienstes unterstreicht. Neuere Studien zeigen zudem, dass Selbstwirksamkeit ein zentraler Treiber erlebter Begeisterung sein könnte. 

Zur Förderung der Selbstwirksamkeit sind reflexive Elemente besonders hilfreich, vor allem in Kombination mit strukturiertem Mentoring, Coaching und Supervision, was in zukünftiger Forschung weiter untersucht werden sollte. Für angehende Lehrkräfte sind Interventionen, die auf eigene Erfolgserfahrungen abzielen, besonders wirksam. 

Redaktion: Sie betonen die Bedeutung von Reflexionsfähigkeit. Wie lässt sich diese Kompetenz gezielt fördern und erhalten?

Kirschning: Die Förderung einer reflektierten Auseinandersetzung mit der eigenen Lehrkraftpersönlichkeit und dem Unterrichten wurde neben Mentoring als eines von neun Schlüsselelementen wirksamer Induktionsprogramme identifiziert. Indem reflektiertes Unterrichten bereits ein zentraler Bestandteil der Lehrkräftebildung ist, werden angehende Lehrkräfte dazu ermutigt, ihre eigene Rolle sowie die Interaktionen mit Schülerinnen und Schülern kritisch zu hinterfragen. Diese reflexiven Praktiken sollten auch nach dem Einstieg in den Beruf fortgeführt werden. 

Empirische Studien zeigen, dass Lehrkräfte insbesondere jene Strategien umsetzen, die sie bewusst reflektiert und als wirksam erkannt haben. Das Wissen über kognitive und metakognitive Strategien ist bei angehenden Lehrkräften jedoch oft noch ausbaufähig und sollte daher evidenzbasiert in der Lehrkräftebildung vermittelt werden. So können beispielsweise Seminardiskussionen die Reflexionstiefe erhöhen, während Selbstbeobachtungsinstrumente wie standardisierte Tagebücher die Selbstregulation unterstützen. 

Darüber hinaus ist eine gute Integration in das schulische Umfeld sowie eine gezielte Anregung zur Reflexion durch strukturiertes Mentoring entscheidend. Eine enge Abstimmung zwischen regionalen Instituten der Lehrkräftebildung und Mentoringprogrammen ist notwendig, um die Qualität des Mentorings und dessen langfristige Wirkung zu sichern. 

Schlüsselelemente wirksamer Induktionsprogramme

Diese Elemente haben sich in Forschung und Praxis als besonders wirksam für die professionelle Entwicklung von Berufsanfängerinnen und -anfängern im Vorbereitungsdienst erwiesen:

  1. Mentoring: Kontinuierliche Begleitung durch erfahrene Lehrkräfte
  2. Reflexion: Regelmäßige Auswertung und Weiterentwicklung des Unterrichts
  3. Beobachtung: Strukturierte Unterrichtsbesuche mit Feedback
  4. Weiterbildung: Bedarfsorientierte Fortbildungsangebote
  5. Formative Bewertung: Entwicklungsorientiertes Feedback
  6. Schulleitung: Aktive Unterstützung und klare Rahmenbedingungen
  7. Schulkultur: Kollegiales, unterstützendes Umfeld
  8. Evaluation: Regelmäßige Überprüfung des Programms
  9. Vision: Gemeinsames pädagogisches Leitbild

Redaktion: Welche Rolle spielen Schulleitung und Kollegium dabei, wenn es darum geht, Lehrbegeisterung und Reflexion im Schulalltag zu verankern?

Kirschning: Die empirische Forschung zu den Zusammenhängen zwischen Unterrichtsenthusiasmus von Lehrkräften und Merkmalen außerhalb des Unterrichts, wie Schulleitung oder Kollegium, ist noch begrenzt. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass ein positives Schulklima und Autonomie den Enthusiasmus fördern und dass insbesondere kollegiale Unterstützung einen positiven Zusammenhang zeigt. 

Zudem scheint die soziale Eingebundenheit in das Kollegium für angehende Lehrkräfte die Entwicklung der Reflexionsfähigkeit zu unterstützen. Obwohl weiterer Forschungsbedarf besteht, legt die bisherige Befundlage nahe, dass der angeleitete konstruktive Austausch innerhalb eines Kollegiums oder zwischen Kollegien gefördert werden sollte. So kann Feedback genutzt werden, um unterrichtliches Handeln zu reflektieren und die professionelle Weiterentwicklung jeder Lehrkraft auch nach dem Berufseinstieg zu stärken. 

Begeisterung für den Unterricht kann weit mehr bewirken, als vielen Lehrkräften bewusst ist.

Hannah Kirschning

Redaktion: Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für die Lehramtsausbildung insgesamt? Sollten Hochschulen und Seminare emotional-reflexive Kompetenzen stärker in den Fokus rücken? Und wenn ja, wie? 

Kirschning: Der Fokus der Lehramtsausbildung liegt bislang vor allem auf dem Erwerb von Professionswissen, das, wie vielfach in der empirischen Bildungsforschung gezeigt, zentral für die Professionalisierung angehender Lehrkräfte ist und weiterhin im Mittelpunkt stehen sollte. Jüngere Forschung rückt jedoch zunehmend motivational-affektive Kompetenzen in den Vordergrund, etwa Selbstwirksamkeit, Unterrichtsenthusiasmus oder Selbstregulation.

Die Ergebnisse zur positiven Wirkung solcher Kompetenzen auf qualitativ hochwertige Lernprozesse und das Wohlbefinden von Lehrkräften sprechen deutlich für ihre Bedeutung. Insbesondere da Lernende Unterricht als kognitiv anregender und unterstützender wahrnehmen, eröffnet die evidenzbasierte Förderung motivational-affektiver Kompetenzen die Chance, Schülerinnen und Schüler gezielt in ihren Lernprozessen zu unterstützen. 

Umsetzungsmöglichkeiten könnten in einer stärkeren Integration pädagogisch-psychologischer Inhalte oder der Förderung kognitiven und metakognitiven Wissens während des Studiums und des Vorbereitungsdienstes liegen. Eine frühzeitige Förderung dieser Kompetenzen erscheint sinnvoll, da Studienergebnisse darauf hindeuten, dass Enthusiasmus bei erfahrenen Lehrkräften stabil bleibt und daher die Förderung langfristig besonders lohnend erscheint.

Redaktion: Was können einzelne Lehrkräfte selbst aus Ihrer Studie mitnehmen? Gibt es konkrete Ansätze oder Haltungen, die sie im eigenen Unterricht direkt umsetzen oder ausprobieren können?

Kirschning: Aus der Studie lässt sich ableiten, dass Freude am Unterrichten sowohl die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler als auch das eigene Wohlbefinden fördert. Begeisterung für den Unterricht kann somit weit mehr bewirken, als vielen Lehrkräften bewusst ist. 

Empirische Studien zeigen, dass Lehramtsstudierende in ihrer Studienwahl meist sehr sicher sind. Diese Studienwahlsicherheit basiert vor allem auf Berufsmotiven wie der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, dem gesellschaftlichen und fachlichen Interesse sowie der Freude an Wissensvermittlung. Da diese Motive auch mit Unterrichtsenthusiasmus zusammenhängen, kann es sinnvoll sein, sich im Schulalltag regelmäßig bewusst auf den Kern der eigenen Tätigkeit – das Unterrichten und die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern – zu besinnen und die eigene Freude daran wahrzunehmen. 

Reflexive Praktiken dieser Art scheinen den eigenen Enthusiasmus zu stärken. Eine bewusste Auseinandersetzung mit Selbstregulationsstrategien, die Handlungsplanung, Selbstbeobachtung, Performancekontrolle und Selbstreflexion umfassen, kann helfen, das eigene Unterrichtshandeln bewusster wahrzunehmen. Schon ein kurzer schriftlicher oder mündlicher Austausch mit Kolleginnen und Kollegen kann die Selbstbeobachtung fördern und neue Perspektiven auf das eigene Unterrichten eröffnen. 

Redaktion: Frau Kirschning, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Hannah Kirschning ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pädagogisch-Psychologische Lehr- und Lernforschung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind professionelle Kompetenz von (angehenden) Lehrkräften, Unterrichtsqualität und Beanspruchungserleben von Lehrkräften. 

 

  • Kirschning, H., Bernholt, A., Kauper, T., Möller, J., & Zimmermann, F. (2025). Navigate the start: Affective-motivational competence drives beginning teachers' instructional quality and occupational well-being. Teaching and Teacher Education, 168, 105217. https://doi.org/10.1016/j.tate.2025.105217