Als die Europa-Schule Kairo 2024 vor erheblichen Entwicklungsaufgaben stand, nutzte die Schule diese Situation als Ausgangspunkt für Veränderung. Schulleiter Ali Daccour beschreibt, wie durch geteilteVerantwortung, strukturelle Klärungen und eine konsequente Entwicklungsorientierung ein umfassender Schulentwicklungsprozess angestoßen wurde und welche Erkenntnisse sich daraus für die Praxis ableitenlassen.
Als ich am 1. August 2024 die Leitung der Europa-Schule Kairo übernahm, stand ich vor einer akuten Krisensituation. Die Europa-Schule Kairo zählt mit über 1.400 Schülerinnen und Schülern sowie rund 220 Mitarbeitenden zu den größten deutschen Auslandsschulen weltweit. Die vorangegangene Bund-Länder-Inspektion (BLI) hatte in mehreren Qualitätsbereichen deutlichen Entwicklungsbedarf festgestellt.
Gleichzeitig war die Organisation intern stark belastet: Das Verhältnis zwischen Schulleitung und Trägerverein war angespannt, im Kollegium bestanden langjährige Konfliktlinien, außerdem prägten wiederkehrende Disziplinprobleme den Schulalltag. Hinzu kam eine Personalstruktur, die in einzelnen Bereichen stärker durch gewachsene Loyalitäten als durch systematische Eignung geprägt war. Auch Elterninitiativen und eine eingeschränkte gemeinsame Steuerungsfähigkeit verstärkten die Gesamtsituation.
Vor diesem Hintergrund hätte die anstehende BLI als reine Prüfungssituation verstanden werden können. Ich entschied mich bewusst für einen anderen Ansatz.
Bund-Länder-Inspektion (BLI)
Die Bund-Länder-Inspektion (BLI) ist das zentrale Verfahren zur externen Qualitätssicherung deutscher Auslandsschulen. Sie wird gemeinsam von Bund und Ländern durchgeführt und von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) organisiert.
Im Rahmen mehrtägiger Schulbesuche werden Dokumente analysiert, Unterricht beobachtet und Gespräche mit allen schulischen Gruppen geführt. Grundlage ist ein verbindliches Qualitätsprofil.
Ziel der BLI ist sowohl Rechenschaft über Schulqualität als auch die Unterstützung von Schulentwicklungsprozessen. Die Ergebnisse fließen in einen Inspektionsbericht ein und sind Grundlage für das Gütesiegel „Exzellente Deutsche Auslandsschule“.
Forschung zur Schulentwicklung weist seit langem darauf hin, dass externe Evaluationen insbesondere dann wirksam werden, wenn sie als Entwicklungsimpuls verstanden und in schulische Lernprozesse übersetzt werden (vgl. Rolff 2013; Maag Merki 2016; Altrichter & Kemethofer 2015). Entscheidend ist daher nicht das Verfahren selbst, sondern die Deutung, die eine Schule ihm gibt.
Vor diesem Hintergrund wurde die BLI an der Europa-Schule Kairo konsequent als Schulentwicklungsprozess gerahmt und nicht als externe Kontrolle. Diese Perspektive erwies sich aus unserer Sicht als ein wichtigerSteuerungshebel. Die zentrale Botschaft lautete: Die Evaluation dient nicht in erster Linie der Bewertung von außen, sondern der gemeinsamen Weiterentwicklung der Schule.
Besondere Bedeutung gewann dieser Ansatz vor dem Hintergrund eines komplexen internationalen Umfelds. Deutsche Qualitätsstandards trafen auf ein international geprägtes Umfeld sowie auf lokale Bildungs- und Erwartungsstrukturen in Ägypten. Schulentwicklung bedeutete daher auch, unterschiedliche Systemlogiken produktiv miteinander zu verbinden.
Die Entwicklung einer Schule dieser Größenordnung kann nur begrenzt durch zentrale Steuerung erfolgen. Auf Grundlage eines „Distributed Leadership“-Ansatzes wurden gezielt erfahrene und fachlich anerkannte Lehrkräfte in zentrale Entwicklungsprozesse eingebunden. Diese erhielten nicht nur operative Aufgaben, sondern echte Entscheidungsspielräume innerhalb der BLI-Qualitätsbereiche. Damit verlagerte sich Verantwortung systematisch von der Schulleitung in tragfähige Teams. Die Vorbereitung der Akkreditierung wurde vom individuellen Steuerungsprojekt zu einem kollektiven Entwicklungsprozess.
Parallel dazu wurde gezielt in den Aufbau von Vertrauen investiert – gegenüber dem Trägerverein durch transparente Kommunikation und klare Zuständigkeiten, gegenüber Eltern durch regelmäßige und ehrliche Information sowie gegenüber der Schulaufsicht durch frühzeitige und proaktive Abstimmung.
Partizipative Formen der Schulführung
Shared Leadership (geteilte Führung) bezeichnet die gemeinsame Wahrnehmung von Führungsverantwortung durch mehrere Personen einer Schule. Führung basiert auf Zusammenarbeit, geteilter Entscheidungsfindung und gegenseitiger Einflussnahme. Der Ansatz kann die Beteiligung von Lehrkräften und Schulentwicklungsprozesse fördern.
Distributed Leadership (verteilte Führung) steht für die Verteilung von Verantwortlichkeiten und Entscheidungen auf mehrere Personen. Führungsaufgaben werden je nach Expertise und Kontext übernommen. Ziel ist die Nutzung kollektiver Kompetenzen zur Unterstützung von Schulentwicklung und organisationalem Lernen.
Neben kulturellen Veränderungen war eine strukturelle Neuordnung notwendig. Personalentscheidungen wurden konsequent an fachlicher Eignung, Transparenz und schulischer Bedarfslage ausgerichtet. Zuständigkeiten wurden neu definiert und Verantwortlichkeiten klar und verbindlich festgelegt.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt die arabische Abteilung, die zuvor nur begrenzt in zentrale Entwicklungsprozesse eingebunden war. Sie wurde systematisch in die Schulentwicklung integriert und institutionell gleichgestellt.
Auch im Bereich der Schulordnung wurde ein verbindlicher Rahmen geschaffen: klare Regeln, einheitliche Konsequenzen und ein präventives Unterstützungssystem, das Lehrkräfte entlastet und Schülerinnen und Schüler gezielt begleitet.
Ein weiterer zentraler Entwicklungsschritt betraf die Rolle der Schulleitung im Schulalltag. Durch erhöhte Präsenz, offene Gesprächsformate und direkte Zugänglichkeit wurde das Verhältnis zwischen Leitung, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern neu gestaltet. Führung wurde sichtbar, ansprechbar und kontinuierlich erlebbar.
Die beschriebenen Entwicklungsstränge – die strategische Rahmung, geteilte Führung, organisatorische Klärung sowie vertrauensbildende Maßnahmen – wirkten nicht isoliert, sondern standen in enger Wechselwirkung zueinander.
Die Bund-Länder-Inspektion im Mai 2026 bewertete die Europa-Schule Kairo in allen Qualitätsbereichen auf Exzellenzniveau. Damit bestätigte die Evaluation eine insgesamt positive Entwicklung der Schule.
Bemerkenswert erscheint dabei insbesondere der Entwicklungsprozess. Die erreichten Fortschritte wurden vor allem durch interne Veränderungsprozesse, die Beteiligung verschiedener Akteure und eine konsequente Ausrichtung auf gemeinsame Entwicklungsziele getragen.
Gleichzeitig lässt sich aus einer Einzelfallbetrachtung nicht ableiten, welcher Anteil einzelner Maßnahmen für das Gesamtergebnis ausschlaggebend war. Vielmehr ist davon auszugehen, dass das Zusammenwirken verschiedener Faktoren die positive Entwicklung begünstigt hat.
Aus den Erfahrungen des Entwicklungsprozesses lassen sich fünf praxisrelevante Schlussfolgerungen ableiten:
Externe Evaluationen müssen frühzeitig als Entwicklungsrahmen verstanden werden.
Führung entfaltet ihre größte Wirkung, wenn Verantwortung systematisch geteilt wird.
Vertrauen ist keine weiche Größe, sondern stellt eine zentrale Ressource organisatorischer Entwicklung dar.
Transparente und kompetenzorientierte Personalentscheidungen können die Akzeptanz von Veränderungsprozessen fördern.
Schulentwicklung ist ein kontinuierlicher Prozess und keine Reaktion auf Evaluationen.
Akkreditierungs- und Evaluationsverfahren entfalten ihre Wirkung nicht allein durch ihre formalen Anforderungen, sondern auch durch die Art und Weise, wie Schulen diese interpretieren und nutzen.
Sie können vor allem als Kontrollinstrument wahrgenommen werden. Ebenso können sie jedoch als Anlass für Reflexion, Lernen und Weiterentwicklung dienen.
Die Erfahrungen der Europa-Schule Kairo legen nahe, dass die zweite Perspektive erhebliches Potenzial besitzt. Entscheidend war dabei weniger das Verfahren selbst als die bewusste Entscheidung, Evaluation als gemeinsamen Lernprozess zu gestalten und Führung als Ermöglichung von Entwicklung zu verstehen.
So kann aus einem formalen Akkreditierungsverfahren ein nachhaltiger Impuls für Schulentwicklung entstehen.
Altrichter, H., & Kemethofer, D. (2015). School inspection and school improvement. School Effectiveness and School Improvement, 26(1), 32–56.
Maag Merki, K. (2016). Bildungsstandards und Schulentwicklung. In H. Altrichter & K. Maag Merki (Hrsg.), Handbuch Neue Steuerung im Schulsystem. Springer VS.
Rolff, H.-G. (2013). Schulentwicklung kompakt. Beltz.
Spillane, J. P. (2006). Distributed Leadership. Jossey-Bass.