Wie gelingt erfolgreiche Schulentwicklung, ohne bei Null zu beginnen? Nicole Stein, Dr. Alexandra Dehmel und Prof. Dr. Benjamin Fauth zeigen, wie Schulen wirksame Konzepte und „Gute Praxis“ identifizieren, an den eigenen Kontext anpassen und durch Kooperation, Datenorientierung und partizipative Prozesse nachhaltig im Schulalltag verankern können.
Was versteht man unter „Guter Praxis“?
Der Begriff „Gute Praxis“ ist im Bildungsbereich mittlerweile fest etabliert. Gemeint sind damit erprobte Ansätze, Konzepte oder Handlungsweisen, die sich im schulischen Alltag bewährt haben und bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. Es handelt sich in der Regel um systematisch reflektierte und dokumentierte Praxisformen, die nachvollziehbar zeigen, dass sie unter bestimmten Bedingungen wirksam sind. Wichtig ist dabei: Gute Praxis muss nicht zwingend aus einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt stammen. Sie kann ebenso aus Schulversuchen, Modellprojekten oder ausgezeichneten Schulen im Rahmen von Schulpreisen hervorgehen. Entscheidend ist weniger der Ursprung als vielmehr die Nachvollziehbarkeit und Begründbarkeit der zugrunde liegenden Vorgehensweise. Eine wissenschaftlich anschlussfähige Dokumentation gilt dabei als zentrales Qualitätsmerkmal.
Gute Praxis ist immer auch mehr als eine bloße „Best Practice“-Beschreibung: Sie stellt im jeweiligen Kontext der Schule eine Form von Innovation dar. Genau deshalb ist sie selten 1:1 auf andere Schulen übertragbar. Stattdessen erfordert sie eine Anpassung an lokale Bedingungen, Ressourcen und schulische Kulturen.
Nutzen für die Schulentwicklung: Warum „Gute Praxis“ relevant ist
Die Idee hinter „Guter Praxis“ lässt sich im Kern oft so zusammenfassen: Wenn etwas an einer Schule gut funktioniert, muss es nicht neu erfunden werden. Dieser Gedanke macht erfolgreiche Praxis zu einer wichtigen Inspirationsquelle für andere Schulen. Ein zentraler Vorteil liegt dabei in der Ressourceneffizienz. Die Anpassung bereits erprobter Konzepte kann deutlich weniger Aufwand erfordern als die vollständige Neuentwicklung eigener Lösungen. Dadurch entstehen Handlungsspielräume, die Schulen gezielt für die Weiterentwicklung ihrer eigenen Praxis nutzen können. Darüber hinaus fördert der Austausch über Gute Praxis die Kooperation und Vernetzung zwischen Schulen. Im Dialog mit Expertinnen und Experten und anderen Einrichtungen entstehen Synergien, die neue Impulse ermöglichen und Weiterentwicklungen unterstützen. Gute Praxis wirkt damit nicht nur als Vorbild, sondern auch als Ausgangspunkt für gemeinsame Lernprozesse im System Schule.
Dabei muss der Transfer nicht groß angelegt sein, um wirksam zu werden. Oft sind es gerade kleinere, gut gelingende Übertragungen einzelner Elemente, die nachhaltige Entwicklungsprozesse anstoßen. Solche schrittweisen Anpassungen können langfristig ebenso bedeutsam sein wie umfassende Reformen und führen nicht selten dazu, dass ursprünglich eng gefasste Ziele übertroffen werden.
Wie gelingt der Transfer „Guter Praxis” in Schulen?
Der Transfer Guter Praxis ist kein einfacher Übernahmeprozess, sondern erfordert Anpassungsleistungen. Erfolgreiche Umsetzung bedeutet immer, bestehende Ansätze an die spezifischen Bedingungen einer Schule anzupassen – organisatorisch, kulturell und personell. Dabei zeigt sich: Ob eine Innovation tatsächlich wirkt, hängt nicht von einem einzelnen Faktor ab, sondern vom Zusammenspiel mehrerer Ebenen.
Die zentralen Ebenen und Faktoren für Transfer
1. Die Innovation selbst: Passung und Anschlussfähigkeit:
Ob eine Gute Praxis erfolgreich übertragen werden kann, hängt wesentlich von ihren Eigenschaften ab. Besonders bedeutsam sind dabei:
ein klar erkennbarer Nutzen und nachweisbare Wirksamkeit im Schulalltag
Anschlussfähigkeit an bestehende Werte, Normen und pädagogische Überzeugungen
eine angemessene Komplexität, die weder über- noch unterfordert
eine möglichst risikoarme Erprobung und Umsetzung
die Möglichkeit zur Anpassung an unterschiedliche schulische Bedingungen
2. Die Lehrkräfte: Motivation und Aneignung als Schlüssel:
Zentral für das Gelingen des Transfers ist die Ebene der beteiligten Lehrkräfte. Entscheidend ist dabei nicht nur die Einführung einer Innovation, sondern deren individuelle Verarbeitung und Umsetzung im Unterricht beziehungsweise in der Schule:
wahrgenommene Relevanz der Innovation für die eigene Praxis
erlebtes Kompetenzerleben und Selbstwirksamkeit
Autonomie und Beteiligung an Entscheidungsprozessen
soziale Einbindung und Unterstützung im Kollegium
individuelle Aneignung und Anpassung der Innovation durch jede Lehrkraft
3. Die Einzelschule: Organisation und Kultur:
Die Schule als Organisation bildet den entscheidenden Rahmen für die Umsetzung und Verstetigung von Innovationen. Förderlich wirken insbesondere:
eine klare pädagogische Ausrichtung durch die Schulleitung
ein unterstützender und partizipativer Führungsstil
eine geteilte Vision schulischer Entwicklung
funktionierende Kommunikations- und Kooperationsstrukturen
eine grundsätzlich offene Haltung gegenüber Veränderung und Innovation
4. Das Bildungssystem: Rahmenbedingungen des Handelns:
Auch das übergeordnete System beeinflusst maßgeblich, ob und wie Guter Praxis-Transfer gelingt. Relevante Faktoren sind:
stabile personelle und finanzielle Ressourcen
bildungspolitische Zielsetzungen und Reformrahmen
funktionierende Schulnetzwerke und Kooperationen
ein qualifiziertes Angebot an Fort- und Weiterbildungen
Fördernde und hemmende Faktoren des Transfers
Über diese Ebenen hinweg lassen sich weitere Faktoren identifizieren, die den Transfer insgesamt begünstigen. Dazu zählen insbesondere funktionale Kommunikationsstrukturen, partizipative Entscheidungsprozesse, überzeugende Innovationsmerkmale sowie Synergien innerhalb professioneller Netzwerke.
Demgegenüber können bestimmte Bedingungen den Transfer erheblich erschweren. Dazu gehören insbesondere tief verankerte und selten hinterfragte Traditionen im Schulsystem, eine unzureichende Berücksichtigung von Implementationsprozessen, das Fehlen zentraler Akteure wie Change Agents, unzureichende Anreizstrukturen sowie eine mangelnde Unterstützung durch die Bildungsadministration.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Gute Praxis ein zentraler Ausgangspunkt für Schulentwicklung sein kann, sofern sie in entsprechende Entwicklungsprozesse eingebettet wird. Ein möglicher „Fahrplan“ für den Transfer und die Umsetzung Guter Praxis wird in der Schulentwicklungsforschung beschrieben und bietet Orientierung für eine schrittweise Einführung und Weiterentwicklung von Innovationen.
Gute Praxis in der Schulentwicklung: Vom Konzept zur Umsetzung
Auch gut geplante Veränderungsprozesse können Herausforderungen auf allen Ebenen der Schule mit sich bringen. Umso wichtiger ist es, sich an bewährten Vorgehensweisen wie dem PDCA-Zyklus (Plan–Do–Check–Act) oder Design-Thinking-Ansätzen zu orientieren. Sie unterstützen ein systematisches, iteratives Vorgehen, das Planung, Umsetzung, Überprüfung und Anpassung miteinander verbindet und sicherstellt, dass zentrale Schritte der Schulentwicklung nicht übersehen werden. Eine konsequente Dokumentation der Prozesse trägt zusätzlich dazu bei, Entwicklungsschritte nachvollziehbar zu machen, sie steuerbar zu halten und später auch besser transferieren zu können.
Am Anfang eines solchen Prozesses steht stets eine evidenzbasierte Auseinandersetzung mit der eigenen Ausgangssituation. Dazu gehört eine kritische Analyse der bestehenden Praxis ebenso wie die Klärung von Entwicklungsbedarfen, Potenzialen und möglichen Veränderungszielen. Ebenso wichtig ist es, die vorhandenen Stärken und Schwächen sowie die im Kollegium bestehenden Haltungen gegenüber Innovationen sichtbar zu machen und differenziert zu reflektieren. Auf dieser Grundlage können fundierte Entscheidungen darüber getroffen werden, welche Praxis weiterentwickelt, verändert oder gegebenenfalls auch aufgegeben werden soll. Unterstützt wird dieser Prozess durch die Zusammenarbeit mit internen und externen Expertinnen und Experten sowie durch den Austausch in Netzwerken, die neue Impulse geben und die gemeinsame Reflexion fördern.
Eine zentrale Rolle spielt darüber hinaus die Partizipation der beteiligten Akteurinnen und Akteure. Wenn Lehrkräfte und weitere Beteiligte aktiv in Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse eingebunden werden, steigt die Akzeptanz von Veränderungen deutlich, insbesondere dann, wenn klar wird, dass die spezifischen Bedingungen der Schule im Transferprozess berücksichtigt werden. Während der Umsetzung selbst sind kontinuierliche datengestützte Reflexion, regelmäßige Überprüfung und flexible Anpassung entscheidend, um frühzeitig steuernd eingreifen zu können und den Prozess lernorientiert zu gestalten. Ergänzt wird dies durch Strukturen kollegialer Unterstützung, die sicherstellen, dass Veränderungsprozesse nicht als individuelle Belastung, sondern als gemeinsamer Entwicklungsweg erlebt werden.
Am Ende eines solchen Entwicklungsprozesses stehen schließlich die Verstetigung und Weiterentwicklung der Innovation. Eine systematische Dokumentation der Vorgehensweisen und Ergebnisse bildet hierfür die Grundlage, da sie sowohl die interne Sicherung als auch die mögliche Übertragbarkeit auf andere Kontexte unterstützt. Insgesamt wird damit deutlich, dass Gute Praxis ihr Potenzial für Schulentwicklung nur dann entfalten kann, wenn sie in einen strukturierten, partizipativen und reflexiven Entwicklungsprozess eingebettet ist.
Fazit: Gelingende Schulentwicklung durch Gute Praxis
Gute Praxis kann Schulen als Anregung dienen und – angepasst an den jeweiligen Kontext – übertragen werden. Entscheidend für den Transfer sind ein systematisches, datengestütztes Vorgehen sowie Kooperation auf verschiedenen Ebenen innerhalb und außerhalb der Schule. Schulentwicklung auf dieser Grundlage gelingt besonders in partizipativen Prozessen, die von vielen Beteiligten als bereichernd erlebt werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Schulleitung, die als ermöglichende Instanz Handlungsspielräume schafft und Entwicklungsprozesse aktiv unterstützt.
Nicole Stein ist Referentin im Referat Wissenschaftstransfer und Entwicklung von Standards am Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg. Sie betreut das Online-Austauschformat IBBW-Wissenschaft im Dialog. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören Formate des Transfers und die wissenschaftsbasierte Konzeption der Durchgängigen Sprachbildung Baden-Württemberg.
Dr. Alexandra Dehmel leitet das Referat Wissenschaftstransfer und Entwicklung von Standards am Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Transfer, Unterrichtsqualität und Lehrkräftebildung.
Prof. Dr. Benjamin Fauth ist Professor für Empirische Bildungsforschung mit dem Schwerpunkt Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Davor hat er sechs Jahre lang die Abteilung für Empirische Bildungsforschung am Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg geleitet. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Unterrichtsqualität und der professionellen Kompetenz von Lehrkräften.
- Gräsel, C. (2010). Stichwort: Transfer und Transferforschung im Bildungsbereich. ZfE 13, 7–20.
- Manitius, V. (Hrsg.) (2021). Transfer gelingend steuern. Hinweise zur Planung und Steuerung von Schulentwicklungsprojekten. wbv. (Download)
- Sliwka, A., Klopsch, B., & Batarilo-Henschen, K. (2022). Wellbeing als Bildungsauftrag der Schule „nach Corona“? Ein Blick nach Kanada und Neuseeland und seine Implikationen für Deutschland. In D. P. Bogner & M. Harant (Hrsg.): Bildung und Achtsamkeit (S. 201–222). Springer VS.
- Stein, N., Dehmel, A., & Fauth, B. (2025). Transfer Guter Praxis. Gute Praxis in der Schulentwicklung – Schulentwicklung mit Guter Praxis (Reihe Wissenschaft und Praxis Band 5). Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg. (Download)