Schulleitungen sollen Schulen pädagogisch führen und gleichzeitig immer mehr Verwaltungsaufgaben bewältigen. Studien zeigen: Viele arbeiten längst am Limit, Lehrkräfte ebenso. Dieser Beitrag skizziert, wie Länder mit Assistenz, Bürokratieabbau und Digitalstrategien gegensteuern können und was die Forschung über die Wirksamkeit dieser Ansätze sagt.
Reports, Anträge, Protokolle: Dass Schulleitungen und Lehrkräfte erhebliche bürokratische Lasten tragen, ist inzwischen gut dokumentiert. Studien zeigen übereinstimmend, dass ein erheblicher Teil der Arbeitszeit durch Verwaltung, Dokumentation und Organisation gebunden wird und dadurch Zeit für pädagogische Kernaufgaben fehlt (Mußmann et al. 2025; Hardwig et al. 2020; Groß & Pietsch 2025).
So sehen sich insbesondere Schulleitungen mit hohen Wochenarbeitszeiten und einer starken Belastung durch administrative und organisatorische Aufgaben konfrontiert. Entsprechend fehlt es an Zeit für pädagogische Führung und Schulentwicklung (Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften 2025; Schulleitungsmonitor 2025; Groß & Pietsch 2025). Auch Lehrkräfte berichten in deutschen Arbeitszeitstudien regelmäßig über erhebliche Mehrarbeit; neben Unterricht, Vor- und Nachbereitung beschäftigen sie sich insbesondere mit Dokumentation, Kommunikation, Organisation und zusätzlichen schulischen Verwaltungsprozessen (Hardwig et al. 2020; Mußmann et al. 2025).
Damit ist der Handlungsdruck klar. Weniger klar ist, welche konkreten Schritte das Schulpersonal tatsächlich wirksam entlasten, denn hier wird die Evidenz dünner: Für viele Maßnahmen gibt es plausible Wirkannahmen, positive Praxisrückmeldungen und erste Evaluationshinweise, aber nur selten robuste kausale Wirkungsstudien (Ackeren et al. 2013; Schindler & Schindler 2021).
Ein zentraler Lösungsansatz für den Abbau der bürokratischen Belastung an Schulen wird allgemein im Ausbau nicht-pädagogischer Unterstützung gesehen. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) empfiehlt in ihrer Stellungnahme zum Umgang mit dem akuten Lehrkräftemangel, Schulen „angemessen“ mit Verwaltungspersonal und weiterem nicht pädagogischem Personal auszustatten, um Lehrkräfte von Organisations‑ und Verwaltungsaufgaben zu entlasten und Ressourcen für die unterrichtlichen Kernaufgaben freizusetzen (SWK 2023).
Politisch wird diese Linie inzwischen in mehreren Ländern aufgegriffen: In Niedersachsen liegt seit Anfang 2026 ein neuer Erlassentwurf zur Beschäftigung von Unterstützungspersonal an Schulen vor. Er ersetzt einen über 30 Jahre alten Vorgänger und bündelt den Einsatz von IT‑Fachkräften, medienpädagogischen Fachkräften, technischen Fachkräften und Verwaltungsfachkräften (Niedersächsisches Kultusministerium 2026). Ziel ist es ausdrücklich, Schulleitungen und Lehrkräfte durch zeitgemäß eingesetztes Unterstützungspersonal zu entlasten und multiprofessionelle Teams zu stärken.
Auch Nordrhein‑Westfalen setzt seit einigen Jahren gezielt auf Schulverwaltungsassistenz als zentrales Entlastungsinstrument. Schulverwaltungsassistenzen übernehmen unter anderem die Pflege von Schulverwaltungsprogrammen, die Vorbereitung statistischer Meldungen sowie organisatorische und personalbezogene Verwaltungsaufgaben, um Verwaltungsabläufe zu professionalisieren und Leitungskapazität für pädagogische Arbeit freizusetzen.
Die empirische Absicherung dieses Ansatzes ist jedoch ausbaufähig. Qualitative Studien und Projektberichte zeigen, dass Assistenzkräfte im Alltag tatsächlich Aufgaben übernehmen können, die Schulleitungen und Lehrkräfte entlasten, etwa Organisation, Aufsicht, einfache Administration oder Koordination (Schindler & Schindler 2021; Abschlussbericht Schulassistenz Leipzig; Rechnungshof Sachsen 2023). Gleichzeitig weisen diese Arbeiten auf typische Probleme hin: unklare Rollen, fehlende Einbindung, uneinheitliche Aufgabenprofile und offene Fragen zur Effizienz des Ressourceneinsatzes (Schindler & Schindler 2021; Rechnungshof Sachsen 2023). Gut belegt ist also, dass Assistenz subjektiv als hilfreich erlebt werden kann – vorausgesetzt, Aufgabenprofil und Einbindung sind klar definiert (Schindler & Schindler 2021; Schulassistenz Leipzig; Rechnungshof Sachsen 2023). Deutlich schwächer belegt ist bisher, wie stark solche Stellen Arbeitszeit, Stress, Gesundheit oder Unterrichtsqualität tatsächlich messbar verändern.
Ein zweiter Ansatz setzt direkt an den Verwaltungsanforderungen selbst an: weniger Abfragen, einfachere Verfahren, seltener neu vorzulegende Schulprogramme und Konzepte sowie weniger Doppelstrukturen. Bayern hat dazu ein Maßnahmenpaket zum Bürokratieabbau angekündigt und begleitet die Umsetzung online mit einem „Entlastungs-Tracker“, der den Fortschritt einzelner Vorhaben dokumentiert (Bayerisches Kultusministerium 2026). Nordrhein‑Westfalen prüft die Reduzierung schulischer Abfragen im Rahmen eines Programms zum Bürokratieabbau; Mecklenburg‑Vorpommern hat Anforderungen an Schulprogramme, Konzepte und Berichtspflichten reduziert (Bayerisches Kultusministerium 2025/2026; Schulministerium NRW 2025; Landtag Mecklenburg‑Vorpommern 2024).
Für Schulleitungen ist dieser Weg besonders relevant, weil er nicht nur zusätzliche Ressourcen bereitstellt, sondern den Aufwand an der Quelle reduzieren soll. Lehrkräfte profitieren ebenfalls, wenn Dokumentations- und Meldepflichten sinken oder standardisiert werden (Verbund Forschungsdaten Bildung; Hardwig et al. 2020; Mußmann et al. 2025). Die Evidenz ist hier vor allem indirekt: Zeitbudgetstudien und Belastungsberichte – etwa für Frankfurter und Berliner Lehrkräfte oder für Lehrkräfte mit Schulleitungsaufgaben – zeigen, wie viele Stunden pro Woche derzeit in Dokumentation, Meldungen und andere Verwaltungsprozesse fließen (Mußmann et al. 2021; Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften 2025; Mußmann et al. 2025). Was bisher weitgehend fehlt, sind saubere Vorher‑Nachher‑Analysen, die zeigen, wie viele Stunden Schulleitungen und Lehrkräfte durch konkrete Einzelmaßnahmen tatsächlich gewinnen.
Ein dritter Lösungsweg ist die digitale Vereinfachung von Verwaltungsabläufen. Mecklenburg‑Vorpommern baut dafür ein integriertes Schulmanagementsystem auf, ergänzt um zentrale Postfächer und einheitliche Verwaltungssoftware. Auch andere Länder verbinden Bürokratieabbau mit stärker standardisierten digitalen Verfahren (Landtag Mecklenburg‑Vorpommern 2024; Regierungsportal Mecklenburg‑Vorpommern 2026; Schulministerium NRW 2025). Für Schulleitungen liegt der mögliche Gewinn auf der Hand: weniger Doppelarbeit, klarere Kommunikationswege, schnellere Prozesse.
Für Lehrkräfte gilt Ähnliches: Wenn Noten und Zeugnisse nicht mehr in mehreren Systemen oder Tabellen gepflegt werden müssen, sondern in einer einheitliche digitalen Anwendung, sinkt der Aufwand für Eingabe und Korrektur deutlich. Gleiches gilt für Elternkommunikation und Formularabläufe – etwa Entschuldigungen, Anmeldungen oder Einverständniserklärungen –, die bei gut eingeführten Systemen klar strukturiert und automatisiert laufen.
Allerdings ist die Evidenz auch hier konditional. Arbeitszeit- und Belastungsstudien deuten darauf hin, dass digitale Systeme nur dann entlasten, wenn sie stabil laufen, benutzerfreundlich sind und durch Schulung sowie Support flankiert werden (Mußmann et al. 2025; Hardwig et al. 2020). Schlechte Systeme können den Aufwand sogar erhöhen. Entsprechend lässt sich aktuell eher sagen: Digitalisierung kann entlasten, ist aber kein Selbstläufer. Für großflächige IT‑Programme fehlt bislang meist eine belastbare Wirkungsforschung mit klaren Kennzahlen zu Zeitgewinn und Belastungsreduktion.
Welche Aufgaben sollten Schulleitungen und Lehrkräfte wirklich selbst übernehmen – und was gehört zur Verwaltung?
Ein vierter, stärker steuerungsbezogener Ansatz ist die systematische Aufgabenkritik. Die Frage, welche Aufgaben Schulleitungen und Lehrkräfte tatsächlich selbst übernehmen müssen und welche an Schulträger, Verwaltung, Assistenzpersonal oder digitale Systeme verlagert werden können, spielt in der deutschsprachigen Schulleitungsforschung seit einigen Jahren eine zentrale Rolle (Kruse & Huber 2021; Huber & Schneider 2022). Qualitative Arbeitsplatzanalysen zeigen, dass Schulleitungen in der Praxis einen „multifunktionalen“ Rollenmix bedienen: pädagogische Führung, Personalentwicklung und Schulentwicklung stehen neben Gebäudeorganisation, technischer Administration und Kassenführung (Kruse & Huber 2021).
Zeitbudgetdaten und Monitoringberichte stützen diese Perspektive: Schulleitungen berichten, dass ein erheblicher Teil ihrer Arbeitszeit durch organisatorische und administrative Aufgaben gebunden wird – mit entsprechend begrenzten Ressourcen für pädagogische Führung (Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften 2025; Schulleitungsmonitor 2025).
Für die Bildungssteuerung ist das entscheidend. Solange neue Anforderungen – etwa in Datenschutz, Evaluation, Digitalisierung oder Fördermittelverwaltung – überwiegend als zusätzliche Aufgaben an Schulen übertragen werden, ohne alte Pflichten abzubauen oder Zuständigkeiten neu zu ordnen, wächst die Belastung weiter (Ackeren et al. 2013). Internationale Forschungsübersichten zur Schulführung zeigen zugleich, dass Schulleitungen vor allem dort wirksam zur Schulqualität beitragen, wo sie Zeit und Ressourcen für pädagogische und strategische Aufgaben haben – und nicht im Verwaltungsalltag gefangen sind (Day & Sammons 2014; Leithwood & Louis 2012).
Schulleitungen und Lehrkräfte sind durch administrative Aufgaben spürbar belastet, und gerade Schulleitungen fühlen sich zudem in der Wahrnehmung ihrer pädagogischen Führungsrolle eingeschränkt (Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften 2025; Groß & Pietsch 2025; Hardwig et al. 2020). Weniger eindeutig ist die Frage, welche Entlastungsstrategien nachweislich am besten wirken. Assistenzmodelle, Bürokratieabbau, Digitalisierung und Aufgabenkritik sind fachlich gut begründet und politisch breit anschlussfähig; ihre Wirkung ist aber bisher häufig eher plausibel als streng evaluiert (Schindler & Schindler 2021; Ackeren et al. 2013).
Für eine evidenzorientierte Bildungspolitik folgt daraus eine doppelte Aufgabe: Erstens sollten Schulleitungen und Lehrkräfte kurzfristig dort entlastet werden, wo der Aufwand offenkundig fachfremd oder redundant ist. Zweitens sollten Länder und Schulträger ihre Entlastungsprogramme systematisch wissenschaftlich begleiten, damit künftig nicht nur der Bedarf, sondern auch die Wirksamkeit der Lösungen belastbar belegt ist (Ackeren et al. 2013; Kruse & Huber 2021).
- Ackeren, I. von; John-Ohnesorg, M.; Klein, E. (2013): Evidenzbasierte Steuerung im Bildungssystem? In: BMBF (Hrsg.), Bildungsforschung Band 43 – Steuerung im Bildungssystem. PDF: https://www.pedocs.de/volltexte/2024/28455/pdf/Ackeren_et_al_2013_Evidenzbasierte_Steuerung.pdf
- Bayerisches Kultusministerium (2026): Entlastungstracker | Bürokratie abbauen. https://www.km.bayern.de/ministerium/bildungspolitische-schwerpunktthemen/buerokratieabbau/entlastungstracker bayern
- BMBWF Österreich (2024): Bundesregierung bringt Entlastungspaket für Lehrkräfte auf Schiene. https://www.bmb.gv.at/Ministerium/Presse/2024_archiv/20240918a.htmlbmb.gv
- Day, C.; Sammons, P.; Gorgen, K. (2020): Successful School Leadership. Education Development Trust.
Zusammenfassung (ERIC): https://eric.ed.gov/?id=ED614324eric.ed - GEW NRW (2023): Weniger Verwaltungstätigkeiten für Lehrkräfte. https://www.gew-nrw.de/neuigkeiten/detail/weniger-verwaltungstaetigkeiten-fuer-lehrkraeftegew-nrw
- Groß, N.; Pietsch, M. (2025): Schulleitungen sind überlastet. Leuphana Universität Lüneburg. https://www.leuphana.de/einrichtungen/fakultaet/bildung/aktuell/ansicht/2025/01/31/bildungsforschung-schulleitungen-sind-ueberlastetleuphana
- Mußmann, F.; Hardwig, T.; Riethmüller, M.; Klötzer, S.; Peters, S. (2021): Arbeitszeit und Arbeitsbelastung von Lehrkräften an Frankfurter Schulen 2020. Ergebnisbericht. Marburg: Büchner‑Verlag
https://www.fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=3363055 - Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften, Universität Göttingen (2025): Sonderauswertung „Lehrkräfte mit Schulleitungsaufgaben“. https://kooperationsstelle.uni-goettingen.de/projekte/sonderauswertung-lehrkraefte-mit-schulleitungsaufgabenkooperationsstelle.uni-goettingen
- Kruse, S.; Huber, S. G. (2021): Schulleitung zwischen Alltagsbewältigung und Schulentwicklung – Zwischen Vision und Rebellion. PDF: https://www.pedocs.de/volltexte/2022/23767/pdf/SZBW_2021_3_Kruse_Huber_Schulleitung.pdfpedocs
- Landtag Mecklenburg‑Vorpommern (2024): Maßnahmen zur Entlastung von Schulleitungen. PDF: https://www.dokumentation.landtag-mv.de/parldok/dokument/45037/massnahmen_zur_entlastung_von_schulleitungen.pdfdokumentation.landtag-mv
- Leithwood, K.; Louis, K. S. (2012): Linking Leadership to Student Learning. Überblick genannt in der internationalen Schulleitungsforschung.
https://download.e-bookshelf.de/download/0000/5918/34/L-G-0000591834-0005758817.pdf - Mußmann, F. u.a. (2025): Arbeitszeit und Arbeitsbelastung Berliner Lehrkräfte 2023/2024. Projektseite: https://kooperationsstelle.uni-goettingen.de/projekte/arbeitszeit-arbeitsbelastung-berlinkooperationsstelle.uni-goettingen
- NEOS Lab (2023): Wie Bürokratie die Schulen lähmt. https://lab.neos.eu/blog/2023/9/wie-buerokratie-die-schulen-laehmtlab.neos
- Niedersächsisches Kultusministerium (2026): Mehr Wahlfreiheit und Einsatzmöglichkeiten: Erlass zum Einsatz von Schulassistentinnen und Schulassistenten wird aktuellen Erfordernissen angepasst. Presseinformation vom 15.02.2026. https://www.mk.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/presseinformationen/mehr-wahlfreiheit-und-einsatzmoglichkeiten-erlass-zum-einsatz-von-schulassistentinnen-und-schulassistenten-wird-aktuellen-erfordernissen-angepasst-248737.html
- Rechnungshof Sachsen (2023): Jahresbericht 2023 – Kapitel Schulassistenz. PDF: https://www.rechnungshof.sachsen.de/JB_23_2_25_Schulassistenz.pdfrechnungshof.sachsen
- Regierungsportal Mecklenburg‑Vorpommern (2026): Land entlastet Lehrkräfte und Schulleitungen. PDF: https://www.regierung-mv.de/serviceassistent/php/download.php?datei_id=1687259regierung-mv
- Schulministerium NRW (2025a): Eckpunkte zur Stärkung der Schulleitungen in Nordrhein‑Westfalen. PDF: https://www.schulministerium.nrw/system/files/media/document/file/2025-01-24_eckpunkte-zur-staerkung-der-schulleitungen.pdfschulministerium
- Schulministerium NRW (2025b): Bürokratieabbau für Schulen. https://www.schulministerium.nrw/buerokratieabbau-fuer-schulenschulministerium
- Schindler, F.; Schindler, M. (2021): Ressourcen und Belastungen im Arbeitsfeld Schulassistenz: Eine explorative Interviewstudie mit Schulassistentinnen verschiedener Schulformen in NRW*. https://www.fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=3368616fachportal-paedagogik
- Schulleitungsmonitor 2025 / evido (2026): Wie Schulleitungen entlastet werden können. https://evido-magazin.de/artikel/schwindendes-vertrauen-ins-schulsystem-wie-schulleitungen-entlastet-werden-koennenevido-magazin
- Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK (2023): Empfehlungen zum Umgang mit dem akuten Lehrkräftemangel. Stellungnahme vom 27.01.2023. https://www.swk-bildung.org/content/uploads/2024/02/SWK-2023-Stellungnahme_Lehrkraeftemangel.pdf
- Süddeutsche Zeitung / Sonderthema Bayern (2025): Weniger Verwaltung, mehr Zeit für die Kinder. https://www.sueddeutsche.de/sonderthemen/bayern/das-kultusministerium-bayern-weniger-verwaltung-mehr-zeit-kinder-228001sueddeutsche