Die Pisa-Ergebnisse für die Schülerschaft in Deutschland sind so schlecht wie nie zuvor. Das ist bestürzend, wenn man sich vergegenwärtigt, was fehlende Basiskompetenzen für die gesellschaftliche Teilhabe der betroffenen Jugendlichen jeweils individuell bedeutet und welche Hypothek auf einer Gesellschaft lastet, die das Potenzial der nächsten Generation verspielt. Gleichzeitig ist der neuerliche Absturz nicht unerwartet, wenn genauer auf die Entwicklungen der vergangenen zwei Jahrzehnte geblickt wird. Was jetzt zu tun ist: erstens eine schonungslose Beschreibung und Analyse der tiefgreifenden Herausforderungen; zweitens der unverzügliche, deutschlandweite Einstieg in diejenigen bildungspolitischen Maßnahmen, die langfristig die größten und nachhaltigsten Verbesserungen versprechen; und drittens die Neujustierung der Rolle von Bildung in einer sich dynamisch verändernden Gesellschaft, so dass es auch langfristig genügend Rückenwind und Rückhalt für die notwendige Weiterentwicklung gibt.

1. Was die Ergebnisse zeigen und worin die Ursachen liegen:

Die Pisa-Auswertungen zeigen, dass sich Deutschland bei zentralen Kennwerten substanziell verschlechtert hat und grundsätzlich in Bereichen liegt, die nicht einmal im Ansatz dem Anspruch einer „Bildungsrepublik“ gerecht werden. Das betrifft erstens die erreichten mittleren Kompetenzstände im Lesen, in Mathematik und der Naturwissenschaft, zweitens die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Mindeststandards verpassen und drittens die starke Kopplung von sozialem Hintergrund und Kompetenzerwerb.
Zwar fehlt es an einigen Stellen noch immer an Studien, die es erlauben, Ursachen als kausal gesichert zu identifizieren, aber es spricht vieles dafür, dass mehrere Faktoren zu dem jüngsten, besorgniserregenden Negativtrend in der Entwicklung der Schülerleistungen beigetragen haben. Die drei vielleicht wichtigsten Faktoren sind:

  • Die veränderte Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler durch Zuwanderung und der dadurch entstehende besondere Förderbedarf, der sich überdeutlich bei sprachlichen Anforderungen zeigt, aber über sprachliche Kompetenzen hinausreicht und auch Fragen der historisch-politischen Grundbildung aufwirft.
  • Die langen Schulschließungen während der Corona-Pandemie, die nicht nur mit einer starken Verringerung der Lernzeit einhergingen, sondern auch die sozial-emotionale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler beeinträchtigt haben.
  • Der seit mehr als zehn Jahren anhaltende Lehrkräftemangel und die zunehmende Sicherung der Unterrichtsversorgung durch häufig nicht ausreichend qualifizierte Seiteneinsteiger sowie Vertretungslehrkräfte, inzwischen zunehmend auch Studierende – ein Muster, das überall in Deutschland zu finden ist, in manchen Bundesländern aber besonders dramatische Formen angenommen hat.

Diese Herausforderungen schlugen stärker ins Gewicht als eine Reihe von positiven Entwicklungen, wie beispielsweise  die Überwindung ideologischer Gegensätze bei Themen wie übergreifenden Unterrichtskonzepten und Schulstrukturen zugunsten einer stärkeren Orientierung an der konkreten Entwicklung von Unterrichtsqualität; sie haben auch die positiven Effekte der engagierten und qualifizierten Arbeit, die an vielen Schulen geleistet wurde, deutlich gebremst.

2. Was jetzt zu tun ist:

3. Wie ein erneutes Déjà-vu zu vermeiden ist:

Die Umsetzung der Empfehlungen erfordert eine Kraftanstrengung unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure.
Die Politik muss Bildung zur Chefsache machen. Angesichts der gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen der übereinstimmend durch alle Schulleistungsstudien diagnostizierten Bildungskrise, muss Bildung einen höheren Stellenwert auf der politischen Agenda erhalten.
Was die Wissenschaft betrifft, ist eine Schärfung der Werkzeuge empirischer Forschung erforderlich, um die Gefahr zu verringern, dass didaktische Sackgassen mit innovativer Unterrichtsentwicklung verwechselt werden.
Bildungsverwaltung und die Schulaufsicht sind einerseits bei der Implementation von Reformmaßnahmen und Förderprogrammen gefragt. Hier muss eine systematische Evaluation stattfinden und bei ausbleibendem Erfolg muss umgesteuert werden. Anderseits muss gelten, dass Qualitätsverletzungen in einzelnen Schulen nicht ignoriert werden. In einer Kultur des Hinschauens muss die Schulaufsicht Unterstützung leisten, aber auch erhöhte Anstrengung vor Ort einfordern können.
Der neuerliche Pisa-Schock wird aber nur dann eine Trendumkehr bewirken, wenn alle Akteurinnen und Akteure, Politik, Wissenschaft, Schulaufsicht, Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler, bereit sind, verstärkte Anstrengungen zu unternehmen. Für eine Gesellschaft, die sich in weiten Teilen als „Berechtigungsgesellschaft“ (Jürgen Baumert) zu verstehen scheint, ist eine stärkere Orientierung an Leistung vielleicht die größte Herausforderung.