Ob ein Kind als förderbedürftig gilt, hängt nicht nur von seinen Fähigkeiten ab, sondern offenbar auch davon, wie alt es im Vergleich zu seinen Mitschülerinnen und Mitschülern ist. Besonders jüngere Kinder innerhalb eines Jahrgangs erhalten häufiger Diagnosen wie ADHS oder sonderpädagogische Förderbedarfe. Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Janka Goldan erklärt, wie sich Entwicklungsunterschiede besser einordnen lassen.
Redaktion: Frau Professorin Goldan, in einer Grundschulklasse kann der Altersunterschied der Kinder fast ein Jahr betragen. Wie stark unterscheiden sich Kinder in diesem Alter tatsächlich in ihrer Entwicklung?
Prof. Dr. Janka Goldan: Kinder bringen zu Schulbeginn sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Das betrifft etwa Aufmerksamkeit, Selbstregulation, Impulskontrolle, sprachliche Fähigkeiten sowie grundlegende Kompetenzen für das Lesen, Schreiben und Rechnen. Viele dieser Unterschiede sind normale alters- und entwicklungsbedingte Variationen und kein Hinweis auf eine Störung oder einen sonderpädagogischen Förderbedarf.
Das Alter allein erlaubt keine verlässliche Aussage über die Fähigkeiten eines einzelnen Kindes. Die Spannbreite dessen, was in diesem Alter als normal gilt, ist sehr groß. Während ein Jahr bei Erwachsenen kaum ins Gewicht fällt, können sich bei sechs- oder siebenjährigen Kindern in dieser Zeit erhebliche Entwicklungsschritte vollziehen.
Redaktion: Ihre Studie zeigt, dass jüngere Kinder innerhalb eines Jahrgangs häufiger als förderbedürftig gelten oder eine ADHS-Diagnose erhalten. Wie ausgeprägt ist dieser Effekt?
Goldan: Unsere Studie zeigt, dass das relative Alter bei der Einschulung beeinflusst, ob bei Schülerinnen und Schülern ein sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf festgestellt oder eine ADHS-Diagnose vergeben wird. Kinder, die innerhalb ihrer Klasse zu den Jüngsten gehören, haben im Vergleich zu relativ älteren Mitschülerinnen und Mitschülern eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine entsprechende Diagnose zu erhalten.
Redaktion: Was sagt das darüber aus, wie Entwicklungsunterschiede im Schulkontext eingeordnet werden?
Goldan: Zunächst bedeutet es nicht, dass Entwicklungsunterschiede keine Rolle spielen – im Gegenteil: Sie sind der Ausgangspunkt. Entscheidend ist, wie das Bildungs- und Diagnosesystem mit diesen Unterschieden umgeht. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass normale altersbedingte Entwicklungsunterschiede zumindest teilweise als sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf oder als klinisch relevante ADHS-Symptomatik interpretiert werden.
Aus meiner Sicht verweist das vor allem auf die Grenzen diagnostischer Entscheidungen. Entwicklungsunterschiede innerhalb eines Jahrgangs sind real und erwartbar. Wenn das relative Alter eines Kindes die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose beeinflusst, deutet das darauf hin, dass altersbedingte Unterschiede nicht immer eindeutig von einem tatsächlichen Unterstützungsbedarf oder einer Störung abgegrenzt werden können.
Redaktion: Warum werden Entwicklungsunterschiede häufig als Lern- oder Verhaltensprobleme interpretiert?
Goldan: Den genauen Mechanismus können wir mit unserer Studie nicht erklären. Naheliegend sind jedoch Vergleichsprozesse beziehungsweise Referenzgruppeneffekte. Lehrkräfte erleben Kinder nicht isoliert, sondern im Kontext einer Klasse. Ob ein Kind sich über längere Zeit konzentrieren kann, Impulse kontrolliert oder Arbeitsaufträge selbstständig bewältigt, hängt gerade zu Beginn der Grundschulzeit auch vom Alter ab.
Wenn ein Kind deutlich jünger ist als viele seiner Mitschülerinnen und Mitschüler und sich zugleich eher am unteren Rand der altersgemäßen Entwicklung bewegt, fallen solche Unterschiede besonders auf. Im schulischen Kontext können sie dann eher als Hinweis auf einen Unterstützungsbedarf interpretiert werden. Denkbar ist zudem, dass ähnliche Vergleichsprozesse auch bei Eltern eine Rolle spielen. Dadurch könnten diagnostische Abklärungen häufiger angestoßen werden.
Goldan: Grundsätzlich stellt sich die Frage, welchem Zweck Diagnostik im Bildungssystem dienen soll. Aus inklusionspädagogischer Perspektive sollte sie vor allem dazu beitragen, den Unterstützungsbedarf eines Kindes zu verstehen und passende Förderung zu ermöglichen, unabhängig von einem offiziellen Status. In selektiven Bildungssystemen erfüllen Diagnosen jedoch häufig auch eine Status- und Selektionsfunktion, etwa wenn zusätzliche Ressourcen, bestimmte Förderangebote oder schulische Platzierungen daran geknüpft sind. Deshalb sollten wir weniger darüber nachdenken, wie wir Kinder kategorisieren, und stärker darüber, wie wir wirksame Unterstützung bereitstellen können.
Redaktion: Gilt das auch für klinische Diagnosen wie ADHS, oder muss hier anders unterschieden werden?
Goldan: Bei ADHS ist die Situation etwas anders gelagert als bei einem sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf. Wenn tatsächlich eine ADHS vorliegt, ist eine diagnostische Abklärung wichtig. Viele betroffene Kinder profitieren erheblich von einer frühzeitigen Diagnose und einer gezielten Behandlung. Die Herausforderung besteht daher nicht darin, auf Diagnosen zu verzichten, sondern altersbedingte Entwicklungsunterschiede möglichst zuverlässig von einer behandlungsbedürftigen Störung zu unterscheiden.
Goldan: Für eine gute Förderplanung sind diagnostische Informationen zentral. Dabei sollten auch standardisierte Verfahren eingesetzt werden, die alters- und entwicklungsbezogene Unterschiede systematisch berücksichtigen und eine verlässliche Referenz bieten.
Besonders bei ADHS deuten internationale Studien darauf hin, dass Lehrkrafturteile durch relative Altersunterschiede beeinflusst werden, während sich entsprechende Effekte bei Elternurteilen weniger zeigen. Das spricht dafür, dass Referenzgruppeneffekte im schulischen Kontext ein relevanter Mechanismus hinter den beobachteten relativen Alterseffekten sein könnten.
Interessant ist auch der internationale Vergleich: In Ländern wie Dänemark werden ADHS-Diagnosen ausschließlich von spezialisierten Ärztinnen und Ärzten gestellt. Dort zeigen sich deutlich schwächere relative Alterseffekte.
Redaktion: Ein sonderpädagogischer Förderstatus oder eine ADHS-Diagnose kann Zugang zu Hilfen eröffnen, aber auch Erwartungen beeinflussen. Was wissen wir darüber, wie solche Diagnosen Bildungsbiografien langfristig prägen?
Goldan: Diagnosen können den Zugang zu Unterstützung, Fördermaßnahmen oder Nachteilsausgleichen ermöglichen. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass formale Diagnosen und Förderstatus auch Erwartungen beeinflussen – die Erwartungen von Lehrkräften, Eltern und nicht zuletzt die Selbstwahrnehmung der betroffenen Kinder.
Insbesondere im Bereich sonderpädagogischer Förderbedarfe gibt es Hinweise darauf, dass solche Labels mit niedrigeren Leistungserwartungen, veränderten Lernzielen oder auch unterschiedlichen schulischen Platzierungsentscheidungen verbunden sein können. In der Sonderpädagogik wird in diesem Zusammenhang auch von der sogenannten Schonraumfalle gesprochen: Kinder erhalten zwar Unterstützung, ihnen werden jedoch mitunter weniger anspruchsvolle Lerngelegenheiten angeboten oder ihre Entwicklungspotenziale unterschätzt.
Deshalb sollten Diagnosen immer als Ausgangspunkt für passgenaue Förderung verstanden werden – nicht als Festlegung dessen, was ein Kind leisten kann oder künftig erreichen wird.
Goldan: Ich wäre vorsichtig, aus unseren Ergebnissen direkte Konsequenzen für Einschulungsstichtage oder häufigere Zurückstellungen abzuleiten. Unsere Studie zeigt nicht, dass jüngere Kinder grundsätzlich später eingeschult werden sollten. Sie zeigt vielmehr, dass Entwicklungsunterschiede nicht vorschnell als Förderbedarf oder Störung interpretiert werden dürfen.
Aus meiner Sicht liegt die zentrale bildungspolitische Konsequenz daher weniger in der Veränderung von Einschulungsregelungen, sondern in der Weiterentwicklung eines inklusiven Schulsystems, das über ausreichende Ressourcen verfügt, um auf unterschiedliche Lern- und Entwicklungsverläufe flexibel reagieren zu können. Je stärker Unterstützung an formale Diagnosen gekoppelt ist, desto gravierender können die Folgen diagnostischer Fehlentscheidungen sein. Entscheidend ist, dass Kinder die Unterstützung erhalten, die sie benötigen – unabhängig davon, ob sie zu den jüngsten oder ältesten ihrer Klasse gehören.
- Goldan, J., & Westermaier, F. G. (2026). Does the early bird catch the label? Relative age effects in the assessment of special educational needs and ADHD: Evidence from Germany. ExceptionalChildren. https://doi.org/10.1177/00144029261441922