Resilienz fördern im Kita-Alltag

Wie Kinder lernen, mit Herausforderungen umzugehen

Aglaia Dane

Lesezeit: 4 Minuten
Kinder liegen im Kreis auf einem Teppich und lachen gemeinsam. © pexels pavel danilyuk

Resilienz, also seelische Widerstandskraft, hilft Kindern, schwierige oder neue Situationen zu bewältigen. Forschende betonen, dass diese Fähigkeit früh entwickelt und gezielt gefördert werden kann. Pädagogin Maike Rönnau-Böse erklärt, wie Resilienzbildung bereits in der Kita gelingt.

Redaktion: Frau Professorin Rönnau-Böse, Sie haben sich mit Resilienz im Kita-Alltag befasst. Manche Kinder kommen schon mit wenigen Monaten in eine Krippe. Ab wann sollte Resilienzförderung aus Ihrer Sicht in Einrichtungen ein Thema sein?   

Prof. Dr. Rönnau-Böse: Eigentlich von Beginn an - also je früher, desto besser. Gerade die ersten Lebensjahre sind eine sehr prägende Lebenszeit und haben langfristige Auswirkungen. Eine Investition ist daher von Anfang an sinnvoll – wenn die Kinder noch keine Kita besuchen, auch über das Elternhaus. 

Redaktion: Wenn es um die Stärkung von Resilienz geht: Welche Kinder sollte Kita-Personal speziell im Blick haben? 

Rönau-Böse: Grundsätzlich profitieren alle Kinder von Resilienzförderung.  Allerdings zeigt sich Resilienz erst, wenn es zu Belastungen oder Krisen kommt. Natürlich gibt es Kinder, bei denen man schon früh Risikofaktoren sieht, die auf vielfältige Belastungen hinweisen. Das kann das Aufwachsen in Armut sein, der frühe Verlust von Bezugspersonen oder deren psychische oder körperliche Erkrankungen. Wenn Kinder solchen Belastungen ausgesetzt sind, ist es umso wichtiger, Schutz- und Resilienzfaktoren auszubauen und zu fördern. Aber grundsätzlich gilt: Resilienzförderung ist für jedes Kind wertvoll. 

Redaktion: Sie beschreiben in Ihrem Buch sechs Kompetenzen, die für die Resilienz besonders relevant sind (siehe Infobox). Viele Kita-Kräfte versuchen intuitiv, diese Kompetenzen zu stärken. Was ist der Unterschied zu einer strategischen Resilienzförderung? 

Rönau-Böse: Strategische Resilienzförderung bedeutet Organisationsentwicklung. Dazu gehört die Gesundheit der pädagogischen Fachkräfte, die Einbeziehung der Eltern und des sozialen Umfelds. Es reicht nicht, nur auf der Verhaltensebene des Kindes zu arbeiten – davor warne ich explizit: Resilienz ist kein Selbstoptimierungsprogramm. Stattdessen müssen wir alle Ebenen um das Kind herum - und das Kind selbst - einbeziehen. Es geht nicht um eine isolierte ‚Resilienzstunde‘ pro Woche, sondern darum, Alltagssituationen bewusst zu nutzen. Die Basis ist immer - das ist der stärkste Schutzfaktor, den es gibt - eine gelingende, wertschätzende und empathische Beziehung. Wenn Kinder das zu Hause nicht erfahren, können Fachkräfte das kompensieren. Es macht einen Unterschied, wie Sie als Fachkraft Interaktionen gestalten – das muss ins Bewusstsein rücken. 

Entscheidende Kompetenzen für die Resilienzförderung

(aus Rönnau-Böse, Resilienz im Kita-Alltag, S. 18) 

  • Selbst- und Fremdwahrnehmung: angemessene Selbsteinschätzung und Informationsverarbeitung
  • Selbststeuerung: Regulation von Gefühlen und Erregung
  • Selbstwirksamkeit: Überzeugung, Anforderungen bewältigen zu können 
  • Soziale Kompetenz: Unterstützung holen, Selbstbehauptung, Konflikte lösen
  • Adaptive Bewältigungskompetenz: Fähigkeit zur Realisierung vorhandener Kompetenzen in der Situation
  • Probleme lösen: allgemeine Strategien zur Analyse und zum Bearbeiten von Problemen 

Redaktion: Sie sagen, dass es darum geht, Strukturen und Netzwerke aufzubauen, und nicht so sehr um einzelne Aktionen. Werden wir trotzdem mal konkret: Was für Interaktionen oder Programme können Kita-Kräfte direkt im Alltag umsetzen? 

Rönau-Böse: Eine gute und konkrete Interaktion ist, mit den Kindern ein Stärkenheft anzulegen. Das können Kita-Kräfte auch ins Portfolio integrieren, also in die Entwicklungsmappe, in der bedeutsame Dokumente, Werke und Erinnerungsstücke des Kinds gesammelt werden. Entscheidend ist, dass die Kinder dieses Heft immer wieder selbst in die Hand nehmen können. Sie können sich gemeinsam mit dem Kita-Personal auf die Suche machen: Was sind meine Besonderheiten, meine Stärken, meine Fähigkeiten? Welche Stärken sind mir selbst nicht bewusst, welche zeigen sich erst beim genauen Hinschauen? Diese Liste kann immer erweitert werden. Es gibt einen Resilienzfaktor, der sticht besonders heraus: das Selbstwirksamkeitserleben. Ich komme nicht mit dem Bewusstsein auf die Welt, dass ich mir Dinge zutrauen kann – ich muss erst Vertrauen von anderen erfahren. So ein Stärkenheft kann dazu beitragen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was ich alles kann. Wichtig ist, Kinder in Alltagssituationen möglichst viel zu beteiligen, sie Dinge ausprobieren zu lassen. 

Redaktion: Seit einigen Jahren - vor allem seit der Corona-Pandemie – so zeigen es Studien, leiden mehr Kinder unter psychischen Belastungen. Gleichzeitig gibt es in Kitas Personalmangel, Fachkräfte berichten von Überlastung. Was bedeutet das für die Resilienzförderung? 

Rönau-Böse: Je belasteter die Kinder sind, desto mehr brauchen sie spezifische Unterstützung. Resilienzförderung ist keine Geheimwaffe, mit der ich alles lösen kann, sie wirkt eher präventiv. Wenn ein Kind psychisch bereits sehr belastet ist und möglicherweise auch Diagnosen bestehen, dann reicht so eine alltagsintegrierte Förderung nicht aus. Sie kann begleitend erfolgen. Aber diese Kinder brauchen auch noch therapeutische Unterstützung. In solchen Fällen ist das Netzwerk gefragt, den Eltern zu helfen, den richtigen Unterstützungsort zu finden. Die verschiedenen Gesundheits- und Bildungssysteme müssen da Hand in Hand gehen. Aber die Kita kann nicht durch Resilienzförderung alle psychischen Erkrankungen heilen - das funktioniert nicht. 

Redaktion: Welche Kompetenzen brauchen pädagogische Fachkräfte selbst, um Kinder in ihrer Resilienz zu stärken? Und ist das Teil der Ausbildung, sie darauf vorzubereiten? 

Rönau-Böse: Resilienzförderung ist zunehmend Teil der Ausbildungen. Im Studium gehört es fest zum Curriculum, und auch in der Erzieherinnenausbildung ist es verankert, wenn auch in unterschiedlicher Breite und Intensität. Letztendlich hängt es aber nicht nur von den Kompetenzen der pädagogischen Fachkraft ab, sondern auch von den Rahmenbedingungen. Wenn ich Personalmangel habe und für zehn Kinder mehr zuständig bin, kann ich in den Mahlzeitensituationen mit den Kindern natürlich weniger entspannt ins Gespräch kommen. Auch die Gesundheit der pädagogischen Fachkräfte ist von diesen strukturellen Bedingungen abhängig. Aber umso wichtiger ist es, sich noch mal bewusst zu machen, dass ich bei der Resilienzförderung nicht etwas Zusätzliches machen muss, sondern dass ich eher den Fokus meiner pädagogischen Arbeit anders ausrichten muss. Manchmal braucht es schlicht eine Erinnerung oder einen Austausch im Team, um sich gegenseitig zu stützen und etwa Fallbesprechungen unter einer Resilienzperspektive zu machen.  

Redaktion: Ist es also ein sinnvoller Ansatz, Resilienzförderung zu integrieren in Gesundheits- oder Sozialprogramme, die in Kitas eh schon laufen – und so auch der Gefahr entgegenzuwirken, Fachkräfte zu überfordern? 

Rönau-Böse: Definitiv. Resilienzförderung muss nicht mal in Programme integriert werden, sondern schlicht in den pädagogischen Alltag. Das Team kann besprechen: Wie können wir den Morgenkreis nutzen, Mahlzeiten, Wickelsituationen? Was können wir in der täglichen Begleitung des Spiels umsetzen? Es braucht nichts Zusätzliches. Es braucht die Resilienzbrille und eben die Haltung, mit der ich auf das Kind und seine Familie blicke – nicht als Projekt, sondern als grundlegende pädagogische Arbeit. 

Redaktion: Frau Professorin Rönnau-Böse, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Porträt Prof. Rönnau-Böse
Zur Person

Prof. Dr. Maike Rönnau-Böse ist Professorin und Studiengangsleiterin für Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Ihr Forschungsschwerpunkt: Resilienz und Gesundheitsförderung. Sie ist Co-Autorin des Buches „Resilienz im Kita-Alltag - Was Kinder stark und widerstandsfähig macht".