Wie Inklusion gelingt: Zugehörigkeitsgefühl als Schlüsselfaktor

Warum es sich lohnt, bei herausfordernden Schülerinnen und Schülern besonders in die Beziehung zu investieren

Lena Sterz

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Sechs Kinder stehen Arm in Arm auf einer Wiese, ein Fußball liegt vor ihnen auf dem Gras. © pexels kampus

"Fühlen sich unsere Schülerinnen und Schüler in der Schule gut eingebunden? Haben sie dort eine Heimat? Oder erleben sie Ausgrenzung und Einsamkeit?" Diese Fragen hat Professor Michael Grosche mithilfe der Daten aus der Längsschnittstudie INSIDE beantwortet. Für die Längsschnittstudie wurden über 2000 Jugendliche der Sekundarstufe I über mehrere Jahre begleitet.

Zugehörigkeitsgefühl schwindet mit der Pubertät

Die Ergebnisse sind aufschlussreich: "Unsere Daten zeigen, dass das Zugehörigkeitsgefühl in der Sekundarstufe leicht abnimmt", berichtet Grosche. Zwar bleibt es durchschnittlich auf einem guten Niveau, doch mit dem Heranwachsen der Schülerinnen und Schüler büßt die Schule offenbar an sozialer Relevanz etwas ein. "Möglicherweise liegt das daran, dass Jugendliche zunehmend außerhalb der Schule Freundschaften und soziale Bindungen aufbauen", vermutet Grosche.

Besonders auffällig sind Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. "Wir wissen bereits aus früheren Studien, dass Kinder mit Förderbedarf sich im Schnitt weniger zugehörig fühlen", erklärt Grosche. "Die gute Nachricht ist jedoch: Diese Schere vergrößert sich im Laufe der Zeit nicht weiter."

Dennoch bleibt der Unterschied bestehen, insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung. "Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen hingegen unterschieden sich kaum von ihren Mitschülern ohne Förderbedarf", so Grosche.

Der Einfluss sozialer Fähigkeiten und der Schüler-Lehrer-Beziehung

Ein entscheidender Faktor für das Zugehörigkeitsgefühl sind soziale Kompetenzen. "Wenn Kinder und Jugendliche gute soziale Fähigkeiten entwickeln, steigt ihr Zugehörigkeitsgefühl", betont der Wissenschaftler. Ebenso wichtig sind die Beziehungen zu den Lehrkräften: "Fühlen sich die Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrkräften anerkannt und unterstützt, hat das einen klar positiven Effekt."

Das zeigen auch die Extremfälle in der Studie: "Kinder mit schwachen sozialen Fähigkeiten und wenig Unterstützung durch Lehrkräfte erleben ein sinkendes Zugehörigkeitsgefühl über die Jahre", so Grosche. "Im besten Fall hingegen – wenn sowohl die sozialen Fähigkeiten als auch die Beziehung zur Lehrkraft sich verbessert – verbessert sich auch das Zugehörigkeitsgefühl mit der Zeit." Vermutlich gebe es weitere Faktoren, die das Zugehörigkeitsgefühl und damit die Inklusion beeinflussen, für diese Studie haben sich Michael Grosche und seine Kollegen und Kolleginnen jedoch auf die Faktoren soziale Fähigkeiten und Schüler-Lehrer-Beziehung fokussiert.

Was können Schulen tun?

Aus den Erkenntnissen lassen sich klare Handlungsstrategien ableiten. "Schulen sollten gezielt die sozialen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler stärken und gleichzeitig Wert auf eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrkräften und Lernenden legen", empfiehlt Grosche.

Konzepte wie die „Banking Time“ könnten dabei helfen, den Fokus stärker  auf die Beziehung zu Schülerinnen und Schülern zu legen, bei denen es nicht so gut läuft. „Im Prinzip setzt man sich einfach zusammen auf eine Bank und spricht miteinander“, erklärt Grosche. „Es geht darum, eine positive Beziehungskultur zu fördern – indem man sich als Pädagogin oder Pädagoge zur Verfügung stellt und fragt: Worüber möchtest du heute sprechen?““ In der Grundschule könne das auch bei einem Brettspiel passieren, später könne man sich vielleicht einen Basketball nehmen und zusammen ein paar Körbe werfen, wenn dem Schüler oder der Schülerin gerade danach ist. „Wichtig ist hier, dass man als  Jugendlicher oder als Kind so angenommen wird, wie man ist und man in dieser Zeit  nicht kritisiert wird - außer es gibt natürlich wirklich starkes Problemverhalten.“ Es gehe dabei vor allem darum, einfach mal nur zuzuhören. 

Natürlich sei das nicht mit 30 Schülern und Schülerinnen pro Woche zu machen. Es könne sich aber auszahlen, das mit Einzelnen zu praktizieren – auch für einen selbst: „Es gibt Evidenzen, dass das auch die Lehrkräfte zufriedener macht. Wenn jemand sagt, ich habe keine Lust, mich mit dem Schüler auseinanderzusetzen, der ständig meinen Unterricht sprengt: Es könnte trotzdem eine gute Idee sein, in die Beziehung zu investieren, weil es erwiesenermaßen dann auch den Lehrkräften besser geht.“

Gruppenarbeiten, kooperative Lernmethoden und gezielte Programme zur Sozialkompetenzförderung könnten ebenfalls helfen, das Zugehörigkeitsgefühl zu stärken, sagt der Forscher. "Hier haben Lehrkräfte eine entscheidende Rolle: Ihre Haltung, ihre Unterstützung und ihr Umgang mit den Schülerinnen und Schülern machen den Unterschied."

"Ein starkes Zugehörigkeitsgefühl ist die Basis für erfolgreiches Lernen und eine inklusive Schulkultur", fasst Grosche zusammen. "Es liegt an uns, dies zu fördern."

Zur Person

Michael Grosche ist Professor für Rehabilitationswissenschaften mit dem Förderschwerpunkt Lernen an der Bergischen Universität Wuppertal. Er forscht zu Inklusion, Diagnostik und Förderung und ist als Projektpartner an der INSIDE-Längsschnittstudie zur schulischen Inklusion beteiligt.