Wie wirkt geschlechtergerechte Sprache in Kita und Schule?

Der Psychologe Prof. Marcus Friedrich erklärt, was die Forschung über Sprache, Geschlechterbilder und Verständlichkeit bei Kindern tatsächlich weiß

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 6 Minuten
Ein Mädchen spielt mit einem Spielzeug-Feuerwehrauto.
© pexels, polesietoys

Die Debatte über geschlechtergerechte Sprache wird häufig politisch und emotional geführt. Die wissenschaftliche Evidenz spielt dabei oft nur eine Nebenrolle. Was lässt sich tatsächlich über die Wirkung unterschiedlicher Sprachformen auf Kinder sagen? Im Gespräch erläutert Prof. Marcus Friedrich, welche Befunde gut belegt sind, wo die Forschung noch am Anfang steht, und warum die bisherige Evidenz keine grundsätzlichen Nachteile für Verständlichkeit erkennen lässt, wohl aber Hinweise darauf, dass Sprache Vorstellungen von Geschlecht mitprägt.
 

Redaktion: Herr Prof. Friedrich, wie prägt das generische Maskulinum die Vorstellungen von Kindern über Berufe, Rollen und Zugehörigkeit? 

Prof. Marcus Friedrich: Zunächst würde ich den Begriff generisches Maskulinum vorsichtig verwenden. Er legt nahe, dass es sich um eine grundsätzlich neutrale Form handelt. Tatsächlich ist es zunächst eine maskuline Form, die manchmal generisch verwendet wird. Der Unterschied liegt in der Absicht der Sprecherinnen und Sprecher und diese ist für die Zuhörenden nicht sichtbar. Deshalb spreche ich lieber von maskulinen Formen im Gegensatz zu geschlechtergerechten Formen.

Redaktion: Was passiert beim Verstehen solcher Formen? 

Friedrich: Das lässt sich sehr gut mit dem Konstruktions-Integrations-Modell von Walter Kintsch erklären, einem einflussreichen Modell zum Textverstehen. Beim Sprachverstehen aktivieren wir nicht nur die reine Wortbedeutung, sondern auch Wissen und Vorstellungen aus unserem Langzeitgedächtnis. Maskuline Formen wie zum Beispiel „Ärzte“, „Ingenieure“ oder „Politiker“ beziehen sich im Deutschen immer auf männliche Personen und manchmal auch auf Frauen und Diverse. Maskuline Formen sind daher auch im Langzeitgedächtnis stärker mit männlichen Personen assoziiert. In der Folge aktivieren maskuline Formen vor allem Vorstellungen von Männern. Dieser sogenannte “male bias” zeigt sich bei Menschen, die geschlechtergerechter Sprache negativ gegenüberstehen und noch einmal stärker bei denen, die geschlechtergerechter Sprache positiv gegenüberstehen.

Natürlich spielt auch das Weltwissen eine wichtige Rolle. Bei der maskulinen Form „Kindergärtner“ denken viele Menschen trotzdem eher an Frauen, weil sie wissen, dass dieser Beruf vor allem vonFrauen ausgeübt wird. Grundsätzlich zeigen psycholinguistische Studien aber: Bei neutral gemeinten maskulinen Formen entstehen häufiger mentale Bilder von Männern. Frauen und andere Geschlechter werden dadurch weniger leicht "mitgedacht”.

Redaktion: Wie sehen diese Effekte bei Kindern aus? Gibt es Unterschiede zwischen Vorschulalter und Grundschule?

Friedrich: Ein bekanntes Experiment von Liben et al. (2001) gibt Hinweise darauf, wie sich Geschlechterstereotype entwickeln. Die Forschenden untersuchten Sechs- und Elfjährige und fragten sie nach dem Ansehen verschiedener Berufe, darunter auch erfundene Berufe wie Batterietesterin bzw. Batterietester. Der Witz der Studie bestand darin, dass den Kindern bei diesen erfundenen Berufen Bilder gezeigt wurden, auf denen entweder nur Männer oder nur Frauen bei der Ausübung des Berufs gezeigt wurden.

Bei den Fünfjährigen zeigte sich noch kein Unterschied je nachdem, ob ihnen suggeriert wurde, dass diese Berufe von Männern oder Frauen ausgeübt werden. Bei den Elfjährigen hingegen wurden Berufe, die als männlich dargestellt wurden, als prestigeträchtiger eingeschätzt als wenn sie als weiblich dargestellt wurden. Das passt zu der Annahme, dass sich Geschlechterstereotype im Grundschulalter zunehmend verfestigen.

Ein wesentlicher Einflussfaktor ist dabei die Umwelt der Kinder: In Kinderbüchern und Medien werden Frauen z.B. nach wie vor seltener in einer großen Bandbreite von Berufen dargestellt. Solche wiederkehrenden Muster tragen dazu bei, welche Vorstellungen Kinder davon entwickeln, wem bestimmte Rollen und Tätigkeiten zugetraut werden.

Wenn eine Grundschullehrkraft sagt „Ich brauche einen starken Jungen, der mir hilft“, melden sich in der Regel nur Jungen. Sagt man dagegen „Ich brauche ein starkes Kind“, fühlen sich Kinder aller Geschlechter angesprochen.

Prof. Marcus Friedrich

Redaktion: Welche Folgen kann das haben?

Friedrich: Sprache beeinflusst, welche Personen und Rollen wir leichter vor Augen haben. Aus anderen Bereichen der Forschung wissen wir, dass schon kleine sprachliche Veränderungen Wirkung haben: Wenn eine Grundschullehrkraft zum Beispiel sagt „Ich brauche einen starken Jungen, der mir hilft“, melden sich in der Regel nur Jungen. Sagt man dagegen „Ich brauche ein starkes Kind“, fühlen sich Kinder aller Geschlechter angesprochen. Solche sprachlichen Signale beeinflussen also das Selbstkonzept und die Motivation.

Auch bei Berufsrollen zeigen Studien entsprechende Effekte: Werden Positionen ausschließlich mit maskulinen Bezeichnungen beschrieben, werden Frauen insgesamt als weniger passend für diese Berufe eingeschätzt. Die Vorstellungen, die das Wort „Manager“ hervorruft, überlappen stärker mit den Vorstellungen von Männern als mit denen von Frauen und Diversen. Geschlechtergerechte Formulierungen rufen Vorstellungen hervor, die leichter mit denen von Frauen und Diversen in Einklang gebracht werden können.

Redaktion: Welche Erkenntnisse gibt es zu Genderstern, Doppelpunkt, Beidnennung und neutralen Formulierungen? Wie gut verstehen Kinder diese Varianten, und welche sind besonders zugänglich?

Friedrich: Bei Kindern gibt es dazu bislang noch vergleichsweise wenige Studien. Was wir wissen: Die Bedeutung solcher Formen muss teilweise gelernt werden. Beim Genderstern etwa verstehen viele Menschen, dass er für Geschlechtergerechtigkeit steht, aber es ist nicht allen bewusst, dass er auch explizit nicht-binäre Personen repräsentieren soll.

In einer eigenen Schulstudie haben wir den Gender-Doppelpunkt untersucht und bei Schülerinnen und Schülern ab der fünften Klasse keine relevanten Verständlichkeitsprobleme gefunden. Pluralformen wie „Schüler:innen“ scheinen kaum Schwierigkeiten zu bereiten. Komplexere Singularformen wie „der:die Schüler:in“ sind anspruchsvoller. Abhilfe schaffen dabei beispielsweise Formulierungen wie „d. Schüler:in“, die für Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse zumindest auf dem Gymnasium unproblematisch zu sein scheinen.

Redaktion: Welche Auswirkungen haben geschlechtergerechte Formen auf den Schriftspracherwerb, also auf Lesefluss, Rechtschreibung und eigenes Schreiben? Welche Rolle spielen dabei Alter und Lesekompetenz?

Friedrich: Das ist eine wichtige Frage, aber die Forschung steht noch am Anfang. Die meisten Studien wurden mit Erwachsenen durchgeführt. Untersuchungen mit Deutschlernenden als Fremdsprache – also mit Menschen, die sich die Sprache ebenso wie Grundschülerinnen und Grundschüler gerade aneignen – zeigen keine Nachteile in der Verständlichkeit geschlechtergerechter Formen.

Auch erste Ergebnisse aus Schulen sprechen nicht dafür, dass geschlechtergerechte Sprache den Lesefluss grundsätzlich beeinträchtigt. Entscheidend scheint zu sein, wie vertraut Kinder mit den jeweiligen Formen sind. Dafür brauchen wir aber noch mehr Studien.

Redaktion: Macht geschlechtergerechte Sprache Texte für Kinder unnötig kompliziert? Wie bewerten Sie diese Sorge, und welche Verantwortung tragen Schulbücher und Unterrichtsmaterialien für inklusive, altersangemessene Sprache?

Friedrich: Die Datenlage ist derzeit noch begrenzt. Die wenigen Studien, die wir haben, sprechen aber nicht dafür, dass geschlechtergerechte Sprache Texte grundsätzlich schwerer verständlich macht, zumindest bei Kindern und Jugendlichen, die bereits sicher lesen können.

Dabei sollte man auch fragen, was wir eigentlich unter Verständlichkeit verstehen. Ein Text ist nicht nur dann verständlich, wenn er sich leicht verarbeiten lässt, sondern wenn er zu einer angemessenen mentalen Vorstellung des beschriebenen Sachverhalts führt. Rein maskuline Formen können zwar kurzfristig leichter verarbeitet werden, aber gleichzeitig führen sie dazu, dass Menschen vor allem Männer vor Augen haben. In diesem Sinne führt eine vermeintlich einfachere Formulierung auch zu einer verzerrten Vorstellung des Inhalts.

Gerade bei Schulbüchern ist das relevant. Sie vermitteln nicht nur Wissen, sondern auch Vorstellungen davon, welche Rollen und Möglichkeiten Menschen in unserer Gesellschaft haben. Natürlich müssen Texte für Kinder klar und zugänglich sein. Aber ebenso stellt sich die Frage, ob Schulmaterialien dauerhaft ein einseitiges Bild von Geschlecht reproduzieren sollten.

Redaktion: Es gibt bislang nur wenige Studien zur geschlechtergerechten Sprache mit Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig wissen wir aus der Entwicklungspsychologie, dass gerade frühe Lernprozesse wichtig sind. Warum ist die Forschungslücke bei geschlechtergerechter Sprache so groß und welche Fragen müssten als Nächstes geklärt werden? 

Friedrich: Ein Grund ist sicherlich, dass Forschung mit Erwachsenen deutlich einfacher umzusetzen ist. Studierende lassen sich vergleichsweise einfach für Experimente gewinnen. Studien mit Kindern und Jugendlichen sind dagegen aufwendiger: Man braucht zusätzliche Genehmigungen, Schulen müssen einbezogen werden, und auch die Messverfahren müssen altersgerecht angepasst sein.

Aus meiner Sicht wären zwei Fragen besonders wichtig: Erstens, welche mentalen Vorstellungen erzeugen unterschiedliche sprachliche Formen bei Kindern? Das könnte man beispielsweise untersuchen, indem man Kindern Wimmelbilder zeigt und sie entweder bittet, auf alle „Ärzte“ oder auf alle „Ärztinnen und Ärzte“ zu zeigen und dann guckt, auf wen sie zeigen.

Zweitens müssen wir genauer verstehen, ob geschlechtergerechte Formen den Schriftspracherwerb tatsächlich beeinflussen: Lesen Kinder solche Texte langsamer? Stocken sie häufiger? Oder spielt Gewöhnung die entscheidende Rolle? Dafür fehlen bislang geeignete Studien.

Zudem brauchen wir vor allem deutschsprachige Studien. Das Deutsche unterscheidet sich vom Englischen deutlich darin, wie stark Geschlecht grammatisch markiert ist. Ergebnisse aus anderen Sprachen lassen sich deshalb nur begrenzt übertragen.

Redaktion: Was würden Sie raten: Wie kann ein evidenzbasierter Umgang mit einer geschlechtergerechten Sprache in Kitas und Schulen aussehen? 

Friedrich: Die bisherigen Erkenntnisse sprechen jedenfalls nicht gegen geschlechtergerechte Sprache. Deshalb würde ich Fachkräften raten, sie reflektiert einzusetzen und gleichzeitig zu erklären, was damit gemeint ist. Dazu gehört auch, mit Kindern darüber zu sprechen, dass Geschlecht vielfältiger ist als nur die Kategorien Mann und Frau. Ein guter Weg ist aus meiner Sicht, aufzuklären und selbst als Vorbild zu wirken.

Die bisherige Forschung liefert jedenfalls keine empirische Grundlage für die Annahme, geschlechtergerechte Sprache sei grundsätzlich unverträglich mit Verständlichkeit oder Bildung.

Redaktion: Herr Professor Friedrich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Portrait Prof. Marcus Friedrich
Zur Person

Marcus Friedrich ist Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Charlotte-Fresenius Hochschule in Düsseldorf. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen geschlechtergerechte Sprache, Verständlichkeit, Lernen mit Multimedia und intrinsische Motivation.

  • Liben, L. S., Bigler, R. S., & Krogh, H. R. (2001): „Pink and Blue Collar Jobs: Children’s Judgments of Job Status and Job Aspirations in Relation to Sex of Worker“ (Journal of Experimental Child Psychology, 79(4), 346–363)