Wohlbefinden im digitalen Unterricht: Was wirklich zählt – und was nicht

Nicht die Häufigkeit des Medieneinsatzes entscheidet, wie wohl sich Schülerinnen und Schüler in digitalen Lernumgebungen fühlen – sondern ob sie das Gefühl haben, dabei etwas zu lernen. Was das für Schulen konkret bedeutet.

Michael Klitzsch

Lesezeit: 5 Minuten
© Pexels, Alena Darmel

Digitale Medien sind aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken. Doch wie wirkt sich das digitale Lernen auf das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler aus? Eine neue Studie liefert hierzu überraschende Befunde. Wilhelmine Berger und Dr. Eva Grommé, zwei Autorinnen der Publikation, sprechen im Interview über die Schattenseiten digitaler Individualisierung und praktischen Konsequenzen ihrer Forschung für den Schulalltag.

 

 

 

Redaktion: Ihre Studie zeigt, dass nicht die Häufigkeit der Mediennutzung, sondern der von Schülerinnen und Schüler wahrgenommene Kompetenzgewinn entscheidend für das Wohlbefinden ist. Wie erklären Sie sich die beobachtete Wechselwirkung?

Dr. Eva Grommé: Aus den Daten unserer Studie lässt sich das nicht direkt kausal sagen, aber eine plausible Erklärung lässt sich herleiten: Das von uns erhobene Wohlbefinden umfasst sowohl leistungsbezogene als auch soziale Aspekte. Wenn Schülerinnen und Schüler einen gefühlten Kompetenzgewinn empfinden, hängt das damit zusammen, dass sie sich leistungsstärker fühlen und besser mit Aufgaben zurechtkommen – was eine direkte Frage in unserer Wohlbefindensskala war. Die digitale Lernumgebung ist in Schulen präsent. Wenn Schülerinnen und Schüler also das Gefühl haben, besser mit digitalen Medien umgehen zu können, fühlen sie sich vielleicht auch allgemein wohler im Umgang mit den Aufgaben im Unterricht. Das ist auch eine Form der Selbstwirksamkeit, die als positiver Prädiktor für Wohlbefinden gilt.

Redaktion: Was bedeutet diese Erkenntnis für die Schulpraxis, zum Beispiel für eine Schulleitung, die gerade ein Medienkonzept entwickelt?

Wilhelmine Berger: Das Bewusstsein beim Einsatz von digitalen Medien ist entscheidend. Es sollte nicht nur darum gehen, dass Medien genutzt werden, sondern es muss auch klar sein, wofür und wie sie tatsächlich genutzt werden. Es gibt Bundesländer, die das bereits curricular verankert haben oder eine feste Stunde zur Einführung digitaler Medien vorsehen. Generell ist ein strukturiertes und reflektiertes Format, wie zum Beispiel ein "Digitalführerschein", immer wirksamer als ein unkoordinierter Einsatz.

Die Studie

Die Publikation "Students' Well-Being in Digital Learning Environments: A Multilevel Analysis of Sixth-Graders in Comprehensive Schools" ist eine Auswertung von Daten, die im Rahmen des Forschungsprojekts DEISEL ("Digital, eigenverantwortlich, selbstreguliert“) erhoben wurden. Dieses Verbundprojekt wird vom Bundesministerium für Forschung, Technik und Raumfahrt (BMFTR) gefördert und untersucht unter anderem die Bedingungen und Wirkungen von digitalem Unterricht in der Sekundarstufe I an Gesamtschulen. Für die hier besprochene Analyse wurden Daten von über 1000 Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse aus 45 Klassen ausgewertet. Die Kernergebnisse zeigen unter anderem, dass der wahrgenommene Kompetenzerwerb das Wohlbefinden am stärksten positiv beeinflusst, während sichtbare digitale Individualisierung sich negativ auswirkte.

Redaktion: Ein weiteres wichtiges Ergebnis Ihrer Studie ist, dass eine digitale Individualisierung, also zum Beispiel gezielte Zusatzaufgaben für einzelne Lernende, sich leicht negativ auf das Wohlbefinden auswirkt. Das ist auf den ersten Blick irritierend, da man annehmen könnte, dass das Lernen auf dem eigenen Niveau ohne den sozialen Druck der Klasse eigentlich positiv mit dem Wohlbefinden verknüpft sein müsste …

Berger: Unsere Interpretation war, dass hier möglicherweise eine Stigmatisierung stattfindet: Schülerinnen und Schüler werden direkt im Unterricht aufgrund fehlender Kompetenzen angesprochen und dann werden ihnen für alle sichtbar Extra-Aufgaben zugeteilt. Dabei bieten digitale Medien ja eigentlich den Vorteil, dass sehr unauffällig differenziert werden kann, indem unterschiedliche Gruppen eingeteilt, Zuweisungen gemacht oder Feedback gegeben wird, ohne dass es die ganze Klasse mitbekommt. Die Auswertung der Interviewantworten zeigte jedoch eine weitere Erklärung: Viele Lehrkräfte nutzen digitale Medien auch als „Bestrafung“, insbesondere den Entzug dieser Medien. Wenn Schülerinnen und Schüler sich also nicht angepasst verhalten, wird gesagt: "Okay, dann darfst du jetzt nicht weiter am Tablet arbeiten." Es ist daher möglich, dass diese Form der sichtbaren Individualisierung von den Schülerinnen und Schülern als eine Art Bestrafung und sozialer Ausschluss wahrgenommen wird und sich entsprechend in den Daten niederschlägt.

Unsere Daten zeigen, dass eine hohe Ungewissheitstoleranz der Lehrkräfte im Umgang mit digitalen Medien sich positiv auf die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler auswirkt.”

Wilhelmine Berger
Universität Osnabrück

Redaktion: Wenn Ihren Ergebnissen zufolge die reine Nutzungsfrequenz und selbst klassische Unterrichtsmerkmale wie kognitive Aktivierung im digitalen Raum keinen direkten Effekt auf das Wohlbefinden hatten, was wird dann zur wichtigsten Aufgabe der Lehrkraft in diesem Setting?

Berger: Unsere Daten zeigen, dass eine hohe Ungewissheitstoleranz der Lehrkräfte im Umgang mit digitalen Medien sich positiv auf die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler auswirkt. Wenn Lehrkräfte lockerer mit unerwarteten Situationen umgehen, zum Beispiel, wenn das Internet ausfällt, und bereit sind Dinge auszuprobieren, zeigen ihre Schülerinnen und Schüler höhere digitale Kompetenzen. Diese Offenheit gegenüber Unvorhergesehenem geht oft einher mit einer höheren Bereitschaft, das Wissen und die Beiträge der Lernenden anzuerkennen, was ebenfalls die digitale Kompetenz unterstützt.

Grommé: Bezogen auf das Wohlbefinden, ist es entscheidend und durch viele Studien belegt, dass die Lehrkraft eine vertrauensvolle Ansprechperson bleibt. Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist generell sehr wichtig für das Wohlbefinden.

Redaktion: Ihre Studie bestätigt auch, dass die materielle Ausstattung im Elternhaus einen Einfluss auf das Wohlbefinden hat. Könnte eine schlecht gemachte Digitalisierung, die stark auf das Lernen zu Hause setzt, die soziale Ungleichheit verschärfen?

Grommé: Aus anderen Studien, zum Beispiel aus der Covid-Zeit, wissen wir, dass fehlende Ressourcen oder digitale Kompetenzen zu Hause eine Einschränkung der sozialen Teilhabe bedeuten. Zudem können finanzielle Belastungen die Eltern stressen und den Umgang zu Hause belasten, was sich indirekt auf das Wohlbefinden der Kinder auswirkt. Allerdings könnte diese Problematik an Relevanz verlieren, wenn die verpflichtende Ganztagsbetreuung weiter ausgebaut wird. Die Schulen in unserer Studie waren Ganztagsschulen, in denen darauf geachtet wird, dass das Lernen in der Schule stattfindet und es keine Hausaufgaben gibt.

Redaktion: Sie haben Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse untersucht, ein Alter, in dem soziale Vergleiche sehr wichtig sind. Wäre zu vermuten, dass der negative Effekt der sichtbaren Individualisierung in der Pubertät noch stärker ausfällt?

Grommé: Generell sinkt in der Wohlbefindensforschung das schulische Wohlbefinden mit jeder zunehmenden Schulstufe. Das ist eine konsistente Erkenntnis, die sich durch fast alle Studien zieht. Wenn der negative Effekt tatsächlich auf der vermuteten Stigmatisierung beruht, wäre es plausibel, dass er mit zunehmendem Alter durch stärkeren sozialen Vergleich zunimmt. Wenn es aber vor allem um Bestrafung und Ausschluss geht, ist das für Kinder in jeder Altersstufe negativ.

Redaktion: Wenn eine Schulleitung nach der Lektüre Ihrer Studie nur eine einzige konkrete Maßnahme umsetzen könnte, um das Wohlbefinden im digitalen Kontext zu verbessern, welche wäre das?

Berger: Unsere zentrale Empfehlung wäre der bewusste Einsatz von digitalen Medien zur Vermittlung digitaler Kompetenzen. Es geht nicht um eine willkürliche Nutzung, sondern darum, dass es gezielt und individuell passend geschieht. Unsere Daten zeigen auch, dass die Zusammensetzung der Klassen dabei weniger bedeutsam ist als die individuelle Ebene. Das kann für Lehrkräfte auch beruhigend sein: Selbst in einer sehr heterogenen Klasse ist es wichtig, dass der Einsatz individuell passt und den Schülerinnen und Schülern bewusst gemacht wird, was sie lernen und welche Kompetenzen sie erwerben.

Redaktion: Frau Berger, Frau Doktorin Grommé, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Dr. Eva Grommé ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Osnabrück tätig. Sie forscht zu Wohlbefinden und psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Bildungsbereich.

Zur Person

Wilhelmine Berger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Schulpädagogik an der Universität Osnabrück. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen digitales Lernen, die Entwicklung digitaler Kompetenzen und die empirische Bildungsforschung.

  • Berger, W., Grommé, E., Nonte, S., & Stebner, F. (2025). Students' Well-Being in Digital Learning Environments: A Multilevel Analysis of Sixth-Graders in Comprehensive Schools. Education Sciences, 15(8). https://www.mdpi.com/2227-7102/15/8/1034