Investitionen in die digitale Ausstattung deutscher Schulen haben die erhoffte Chancengerechtigkeit bisher nicht eingelöst. Im Gegenteil: Neue ICILS-Trenddaten belegen eine besorgniserregende Dynamik. Während die Verfügbarkeit von Geräten steigt, sinkt bei vielen Jugendlichen die Fähigkeit, digitale Medien kritisch und reflektiert zu nutzen. Wie sich die digitale Schere zwischen den sozialen Schichten durch diesen Kompetenzabfall weiter öffnet – und welche evidenzbasierten Strategien Schulleitungen jetzt zur Verfügung stehen:
Das Entscheidende auf einen Blick
ICILS-Daten für Deutschland belegen: Der Leistungsabstand bei digitalen Fähigkeiten zwischen sozial begünstigten und benachteiligten Achtklässlern ist seit 2013 um über 50 Prozent gewachsen. Dieser Kompetenzrückstand entspricht inzwischen mehr als einem vollen Schuljahr. Zentrale Faktoren für diese Ungleichheit sind das familiäre Leseumfeld und die Schulform – die bloße Erhöhung der Geräteausstattung an Schulen zeigt hingegen keinen ausgleichenden Effekt. Daraus leiten sich drei evidenzbasierte Maßnahmen ab: die systematische Verankerung von Leseförderung, eine stark angeleitete Mediennutzung im Unterricht sowie der Ausbau von Ganztagsangeboten als unterstützendes Lernumfeld.
Der weitverbreitete Begriff des „Digital Native“ erweist sich in der deutschen Schulpraxis zunehmend als unvollständig. Während Jugendliche quer durch alle sozialen Schichten routiniert mit Smartphones und Apps umgehen, offenbart der Blick auf die tiefergehenden Fähigkeiten ein anderes Bild. Die Kompetenz, digitale Informationen systematisch zu recherchieren, ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und sie produktiv für das eigene Lernen zu nutzen, sinkt seit Jahren (vgl. Eickelmann et al., 2024; Lörz et al., 2026). Besonders beachtenswert ist dabei die Asymmetrie dieser Entwicklung in der Bundesrepublik: Das Leistungsniveau fällt nicht gleichmäßig, sondern Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen verzeichnen die stärksten Kompetenzverluste.
Diese Dynamik verändert das Verständnis von digitaler Bildungsungerechtigkeit grundlegend. Der Leistungsabstand wächst nicht etwa, weil privilegierte Schülerinnen und Schüler immer besser werden und uneinholbar davonziehen. Die Schere öffnet sich von unten. Es handelt sich um das Absinken einer vulnerablen Gruppe, deren familiäres Umfeld den komplexer gewordenen Anforderungen der digitalen Welt weniger entgegenzusetzen hat (vgl. Bonal & González, 2020).
Technik allein ist keine Lösung für Schulen
Dass reine Technikinvestitionen keine sozialen Unterschiede ausgleichen, ist in der Schulentwicklung bekannt und wird durch die aktuellen ICILS-Daten quantitativ untermauert. Obwohl sich die Geräteausstattung in den Elternhäusern fast flächendeckend angeglichen hat und die schulische Nutzung digitaler Medien in Deutschland von 45 Prozent im Jahr 2013 auf 90 Prozent im Jahr 2023 gestiegen ist, wuchs die Ungleichheit bei den tatsächlichen Fähigkeiten weiter. Die reine Anzahl der Endgeräte zu Hause spielt statistisch für den Kompetenzerwerb kaum eine Rolle.
Die entscheidenden Faktoren: Bildungsnähe und Schulform
Die statistischen Analysen zeigen zwei Hauptgründe für den wachsenden Leistungsabstand. Beide Faktoren haben im Laufe der letzten zehn Jahre an Bedeutung gewonnen.
Zum einen ist dies das Bildungsumfeld im Elternhaus. Die Studie misst die familiäre Bildungsnähe über die Anzahl der Bücher im Haushalt. Dies ist in der Forschung ein bewährter Richtwert für Lesekompetenz und allgemeine Lernförderung. Jugendliche aus Haushalten mit mehr als 200 Büchern lagen im Jahr 2013 vor Jugendlichen aus Familien mit weniger als 25 Büchern. Bis zum Jahr 2023 wuchs dieser Vorsprung weiter an und entspricht mittlerweile einem Lernunterschied von über zwei Schuljahren. Wer zu Hause ein Umfeld hat, in dem viel gelesen und reflektiert wird, erlernt den kompetenten Umgang mit digitalen Informationen heute spürbar leichter als noch vor zehn Jahren.
Zum anderen spielt die im stark gegliederten deutschen Bildungssystem besuchte Schulform eine zentrale Rolle. Der Leistungsvorsprung von Gymnasiasten gegenüber Jugendlichen an anderen Schulformen wie Real-, Haupt- oder Gesamtschulen ist seit 2013 kontinuierlich gewachsen und entspricht heute ebenfalls einem Vorsprung von mehr als zwei Schuljahren. Da der Anteil der Jugendlichen auf Gymnasien im selben Zeitraum stabil bei etwa 37 Prozent blieb, lässt sich dieser Zuwachs nicht durch eine veränderte Schülerschaft erklären. Gymnasien schaffen es offenbar besser, den allgemeinen Leistungsabfall abzufedern und ihren Schülern einen strukturierten Umgang mit Medien zu vermitteln.
Ein Teil des wachsenden Abstands lässt sich nicht direkt durch das Elternhaus oder die Schulform erklären. Die Forschungsgruppe vermutet hier Nachwirkungen der Corona-Pandemie. In bildungsferneren Haushalten blieben viele Jugendliche bei der Bewältigung der digitalen Selbstorganisation auf sich allein gestellt.
Evidenzbasierte Handlungsansätze
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass digitale Fähigkeiten auf denselben Fundamenten ruhen wie klassische Schulerfolge. Für die Praxis an deutschen Schulen ergeben sich daraus drei konkrete Handlungsfelder:
Systematische Leseförderung als Fundament etablieren:
Ein sicherer Umgang mit dem Internet ist im Kern eine Lese- und Verstehenskompetenz. Wer Texte nicht richtig erfasst, kann im Netz keine Informationen filtern, Falschmeldungen nicht erkennen und digitale Werkzeuge nicht zielgerichtet nutzen. Leseförderung und Medientraining gehören untrennbar zusammen, da kulturelle Praktiken wie das Lesen die Basis für digitale Kompetenzen bilden (vgl. Mikus et al., 2019). Für Schulleitungen ist es daher ratsam, systematische Leseübungen fächerübergreifend im Unterrichtsalltag zu verankern.
Digitale Medien gezielt anleiten statt frei konsumieren lassen:
Die bloße Tatsache, dass Jugendliche im Unterricht an Tablets arbeiten, verbessert ihre Fähigkeiten nicht automatisch. Freie Rechercheaufträge überfordern schwächere Schüler häufig. Wirkungsvoll sind stattdessen klar strukturierte Aufgaben, qualitätsgeprüfte Quellensammlungen und eine begleitete, lernförderliche Mediennutzung, die den Aufbau von Kompetenzen sichert (vgl. Mehrvarz et al., 2021). Ein gemeinsames kritisches Auswerten von Suchergebnissen hilft, die digitale Souveränität im Schulalltag in Deutschland nachhaltig zu stärken.
Ganztagsangebote als unterstützendes Lernumfeld nutzen:
Da viele Elternhäuser die Jugendlichen bei den steigenden digitalen Anforderungen nicht ausreichend begleiten können, fängt die Schule diese Aufgabe idealerweise ab. Schulen, die diese soziale Kluft erfolgreich überwinden, setzen stark auf gezielte organisatorische Unterstützung und angeleitete Lernprozesse (vgl. Drossel et al., 2020). Gut betreute Lernzeiten im schulischen Ganztagsbetrieb sind hier ein zentraler Lösungsansatz. Schulen profitieren von festen Zeiten, in denen Jugendliche beim Erstellen von Präsentationen oder dem Umgang mit Software direkte Hilfe und Rückmeldung von Lehrkräften erhalten.
Fazit
Die vorliegenden Befunde widerlegen die Annahme, dass eine flächendeckende IT-Ausstattung an Schulen automatisch zu mehr Chancengerechtigkeit führt. Die empirischen Langzeitdaten zeigen vielmehr: Ohne gezielte pädagogische Steuerung wirkt der bloße Einsatz von Technik im Schulalltag als Verstärker bestehender sozialer Ungleichheiten. Eine evidenzbasierte Digitalstrategie erfordert eine didaktische und strukturelle Neuausrichtung, die auf drei Ebenen ansetzt: Die konsequente Förderung der Lese- und Verstehenskompetenz bildet das unverzichtbare Fundament. Flankiert werden muss dies durch eine stark angeleitete Mediennutzung im Fachunterricht sowie durch unterstützende Lernumgebungen, idealerweise im Rahmen gut betreuter Ganztagsangebote. Nur wenn IT-Infrastruktur und diese spezifischen pädagogisch-organisatorischen Maßnahmen ineinandergreifen, lässt sich der wachsende Leistungsabstand bei den digitalen Fähigkeiten wirksam aufhalten.
Die Studie
Die Trendanalyse von Lörz und Kollegen (2026) stützt sich auf die repräsentativen Daten der Internationalen Computer- und Informationskompetenzstudie (ICILS). Für Deutschland wurden die Stichproben der Jahre 2013, 2018 und 2023 im Zehnjahresvergleich ausgewertet. Insgesamt umfasst die Datenbasis die Testergebnisse von rund 8.500 Achtklässlern. Geprüft wurde dabei die Fähigkeit, digitale Medien selbstständig, kritisch und zielgerichtet für das Lernen und im Alltag einzusetzen. Während der Leistungsabstand zwischen dem sozial stärksten und dem schwächsten Viertel der Schülerschaft 2013 noch etwa einem Schuljahr entsprach, vergrößerte er sich bis 2023 um mehr als die Hälfte.
- Bonal, X., & González, S. (2020). The impact of lockdown on the learning gap: family and school divisions in times of crisis. International Review of Education, 66, 635–655. https://doi.org/10.1007/s11159-020-09860-z
- Drossel, K., Eickelmann, B., & Vennemann, M. (2020). Schools Overcoming the Digital Divide: In Depth Analyses towards Organizational Resilience in the Computer and Information Literacy Domain. Large-scale Assessments in Education, 8(9).https://link.springer.com/article/10.1186/s40536-020-00087-w
- Eickelmann, B. et al. (2024). ICILS 2023 #Deutschland. Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in der 8. Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich. Waxmann. Open Access via pedocs
- Institut für Schulentwicklungsforschung (2024). ICILS 2023 im Überblick. Zentrale Ergebnisse für Deutschland. Open Access via pedocs
- Lörz, M., Becker, B., Niemann, J., Drossel, K. & Eickelmann, B. (2026). Social inequality in digital competencies among students in Germany: A trend analysis using ICILS data 2013–2023. Computers & Education, 251, 105637. https://doi.org/10.1016/j.compedu.2026.105637
- Mehrvarz, M., Heidari, E., Farrokhnia, M., & Noroozi, O. (2021). The mediating role of digital informal learning in the relationship between students' digital competence and their academic performance. Computers & Education, 167, 104184. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0360131521000610
- Mikus, K., et al. (2019). Children's conversion of cultural capital into educational success: the symbolic and skill-generating functions of cultural capital. Longitudinal and Life Course Studies, 11(3), 335-364. https://www.researchgate.net/publication/337177091_Children's_conversion_of_cultural_capital_into_educational_success_the_symbolic_and_skill-generating_functions_of_cultural_capital