Qualitativ hochwertiger Unterricht ist entscheidend für den Lernerfolg und die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern. Dr. Alexandra Dehmel und Prof. Benjamin Fauth erklären, welche Merkmale besonders wichtig sind, wie kognitive Aktivierung, konstruktive Unterstützung und Klassenführung wirken und welche Rolle Schulleitung und Schulkultur dabei spielen.
Redaktion: Frau Dr. Dehmel, Herr Professor Fauth, in Ihrem aktuellen Buch thematisieren Sie Unterrichtsqualität. Warum ist qualitativ hochwertiger Unterricht so entscheidend?
Prof. Dr. Benjamin Fauth und Dr. Alexandra Dehmel: Aus unserer Sicht wird im Bildungssystem noch zu wenig darüber gesprochen, welche Ziele wir mit gutem Unterricht eigentlich erreichen wollen. Wir schlagen vor, vor allem drei Bereiche zu fokussieren: erstens fachliche Kompetenzen wie Lesekompetenz und überfachliche Kompetenzen wie Selbstregulation. Zweitens Persönlichkeitsentwicklung und Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass wir seit der Corona-Pandemie ein größer werdendes Problem im Bereich der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben. Hierfür spielt das Wohlbefinden in Schule und Unterricht eine wichtige Rolle. Und drittens Chancengerechtigkeit, damit alle Kinder unabhängig von ihrem familiären Hintergrund bestmöglich gefördert werden. Qualitativ hochwertiger Unterricht ist deshalb so entscheidend, weil er dazu beitragen kann, diese Ziele zu erreichen.
Unterrichtsqualität
Verschiedene Modelle beschreiben unterschiedliche Merkmale von gutem Unterricht, stimmen aber in zentralen Punkten überein. Besonders bedeutsam für positive Effekte sind drei Dimensionen: kognitive Aktivierung, konstruktive Unterstützung und strukturierte Klassenführung.
- Kognitive Aktivierung meint den Grad, zu dem Lernende zu einer zielgerichteten, vertieften Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand angeregt werden – etwa durch herausfordernde Aufgaben.
- Konstruktive Unterstützung beschreibt, wie Lehrkräfte und Mitschülerinnen beziehungsweise Mitschüler bei Verständnisproblemen helfen und inwieweit die Interaktion von Wertschätzung geprägt ist.
- Strukturierte Klassenführung sorgt durch klare Regeln, etablierte Routinen und eine effektive Störungsprävention für einen reibungslosen Unterrichtsablauf, sodass die verfügbare Lernzeit maximal für die inhaltliche Arbeit genutzt werden kann.
Redaktion: Ein Ansatzpunkt für qualitätsvollen Unterricht sind die sogenannten Basisdimensionen, etwa die kognitive Aktivierung. Wie kann Unterricht ganz konkret gestaltet werden, um Lernende zum Denken anzuregen, statt nur Wissen abzufragen?
Fauth und Dehmel: Kognitive Aktivierung ist zentral, weil sie bestimmt, wie intensiv Lernende sich mit den Lerngegenständen auseinandersetzen. Aufgaben sollten daher über reines Auswendiglernen hinausgehen, Zusammenhänge erfahrbar machen und die Schülerinnen und Schüler auf ihrem individuellen Niveau zum Nachdenken herausfordern.
Praktische Prinzipien für kognitiv aktivierende Aufgaben sind etwa das Gegenüberstellen unterschiedlicher Positionen oder Lösungswege, die Arbeit mit Selbsterklärungen der Lernenden sowie diskursive Unterrichtsgespräche, die das Denken anregen. So werden Lernende dazu motiviert, Inhalte aktiv zu verarbeiten und vertieft zu verstehen. Kontrastierende Aufgaben im Geschichtsunterricht können etwa historische Quellen mit unterschiedlichen Positionen gegenüberstellen. Selbsterklärungen lassen sich zum Beispiel im Deutschunterricht realisieren, indem die Schülerinnen und Schüler aufgefordert werden, ihre Einschätzungen und Interpretationen zu begründen und mit Textstellen zu belegen. Auch im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht lernen Schülerinnen und Schüler besser, wenn sie immer wieder dazu angehalten werden, ihre Antworten zu begründen und naturwissenschaftliche Phänomene mit eigenen Worten zu erklären. Lehrkräfte können in den Antworten sehen, wo die Lernenden noch Fehlkonzepte haben. Und auch die Lernenden sehen, an welchen Stellen ihre Erklärungen so noch keinen Sinn machen. Um diskursive Unterrichtsgespräche zu fördern, kann sich die Lehrkraft mit ihrer Bewertung von Antworten als richtig oder falsch zunächst zurückhalten und stattdessen die Antworten unterschiedlicher Schülerinnen und Schüler aufeinander beziehen, miteinander kontrastieren und auch die Schülerinnen und Schüler ermutigen, sich selbst aufeinander zu beziehen. In unserem Buch geben wir noch viele weitere Beispiele.
Redaktion: Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Unterstützung der Lernenden. Welche konkreten Maßnahmen fördern Verständnis und Entwicklung?
Fauth und Dehmel: Lehrkräfte müssen Lernende auf zwei Ebenen unterstützen: Zum einen beim Wissenserwerb (kognitive Unterstützung), etwa durch lernwirksames Feedback oder Scaffolding bei Verständnisproblemen. Empirische Studien zeigen, dass gutes, lernwirksames Feedback im Unterricht tatsächlich vergleichsweise selten vorkommt. Damit Feedback lernwirksam wird, muss es Informationen zum Weiterlernen enthalten. Was sind die nächsten Schritte für mich als Lernende? Ein „Gut gemacht!" wirkt vielleicht kurzfristig motivierend, ist aber in dieser Hinsicht auch sehr informationsarm. Beim Scaffolding werden den Lernenden gezielt Hilfestellungen angeboten, die dann – je nach Lernfortschritt – wieder sukzessive verringert werden. Das kann ad hoc und recht niederschwellig erfolgen, etwa kann die Lehrkraft langsamer sprechen und der Schülerin oder dem Schüler mehr Zeit zum Überlegen geben, bevor geantwortet werden muss. Scaffolding kann aber auch schon in der Unterrichtsplanung berücksichtigt werden. Für den Zweitspracherwerb können beispielsweise Wortkarten, Satzanfänge und Satzmuster erstellt werden, die den Lernenden dann als „Gerüst“ für die eigene Sprach- und Textproduktion dienen. Man sieht, dass die Unterstützung nicht nur von der Lehrkraft ausgehen muss, sondern systematisch auch durch gut strukturierte Unterrichtsmaterialien oder durch Mitschülerinnen und Mitschüler erfolgen kann.
Zum anderen ist die sozial-emotionale Unterstützung wichtig, also die Gestaltung der Beziehungen zwischen Lehrkraft und Lernenden sowie unter den Schülerinnen und Schülern. Gegenseitige Wertschätzung und eine konstruktive Fehlerkultur sind zentrale Elemente. Diese „Beziehungsebene" wird in manchen Unterrichtsqualitätsmodellen als Grundlage für alles Weitere gesehen – und das hat durchaus seine Berechtigung: Wir glauben, dass es sich für alle Lehrkräfte lohnt, aktiv an einer positiven Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern zu arbeiten.
Fauth und Dehmel: Die Klassenführung zielt darauf ab, eine möglichst lernförderliche und störungsfreie Umgebung zu schaffen, etwa durch gemeinsame Regeln und Routinen. Eine wichtige Regel kann zum Beispiel sein, einander aussprechen zu lassen. Routinen sind bestimmte Verhaltensweisen in spezifischen Situationen, etwa zu Stundenbeginn oder in Gruppenarbeiten. Es bietet sich an, die Regeln und Routinen zusammen mit den Schülerinnen und Schülern zu erarbeiten, sie schriftlich festzuhalten und sichtbar zu machen, etwa über ein Poster im Klassenzimmer. So sind sie für alle präsent und gemeinsames commitment wird gefördert. Wichtig ist natürlich, von Anfang an auf die Einhaltung zu achten und Routinen gezielt einzuüben. Bei den Basisdimensionen konstruktive Unterstützung und strukturierte Klassenführung sieht man übrigens auch ihre enge Verzahnung: Beziehungsarbeit wird erleichtert, wenn gemeinsame Regeln eingehalten werden und umgekehrt.
Fauth und Dehmel: Lehrkräfte sollten nicht nur die „Sichtstrukturen“ wie Methoden oder Sozialformen im Blick haben, sondern vor allem die Tiefenstrukturen. Auf dieser Ebene geht es dann um die Qualität der Aufgaben, darum, wie die Schülerinnen und Schüler unterstützt werden, wenn Verständnisprobleme auftreten, oder wie die zur Verfügung stehende Zeit auch tatsächlich für die Beschäftigung mit den Lerngegenständen genutzt wird. Solche Aspekte sind mit den Basisdimensionen der Unterrichtsqualität aus unserer Sicht gut zusammengefasst worden.
Bei der Unterrichtsentwicklung sollte dann stets geprüft werden, ob Maßnahmen die Tiefenstrukturen tatsächlich verbessern und das Lernen der Schülerinnen und Schüler fördern. So lassen sich oberflächliche Ansätze vermeiden. Praxisnahe Empfehlungen finden sich in unserem Buch, aber auch Landesinstitute wie das IBBW bieten hilfreiche Ressourcen, wie die Publikationsreihe „Wirksamer Unterricht“.
Redaktion: Welche Mess- oder Evaluationsinstrumente empfehlen Sie, um Unterrichtsqualität zu erfassen? Und wie lassen sich daraus konkrete Maßnahmen ableiten?
Fauth und Dehmel: Unterrichtsqualität lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven erfassen, etwa aus Sicht der Schülerinnen und Schüler oder der Lehrkräfte, weshalb es sinnvoll ist, mehrere Perspektiven einzubeziehen. Dafür stehen zum Beispiel Online-Befragungsportale wie das BEF-Portal sowie Unterrichtsbeobachtungsbögen, etwa der Unterrichtsfeedbackbogen Tiefenstrukturen (UFB) zur Verfügung.
Besonders wirksam sind kooperative Ansätze, bei denen das Kollegium gemeinsam an der Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität arbeitet, gezielte Maßnahmen plant, umsetzt und deren Wirkung regelmäßig überprüft.
Redaktion: Woran würden Sie erkennen, dass eine Schule Unterricht wirksam umsetzt? Gibt es „Signale“ in Klassen oder in der Schulkultur, die auf hohe Unterrichtsqualität hindeuten?
Fauth und Dehmel: Solche „Signale“ gibt es tatsächlich. In Klassen zeigen sich diese in einer wertschätzenden Atmosphäre, in der Lernende selbstbestimmt arbeiten, sich unterstützen und Fehler konstruktiv genutzt werden. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie betont, dass entscheidend ist, ob Lehrkräfte sich für die Lernwirkungen ihres Unterrichts interessieren und diese regelmäßig über formative Fragen oder Tests prüfen, um gezielt nachsteuern zu können. Auf Schulebene zeigen sich Signale in einer kooperativen Schulkultur und der kollektiven Selbstwirksamkeit des Kollegiums, also dem Vertrauen, Herausforderungen gemeinsam bewältigen zu können.
Fauth und Dehmel: Studien weisen darauf hin, dass Schulen vor allem dann erfolgreich sind, wenn die Schulleitung Unterricht und Lernen der Schülerinnen und Schüler konsequent in den Fokus ihres Handelns stellt. Dazu gehört, ein gemeinsames Verständnis von Unterrichtsqualität zu fördern, relevante Daten zu erheben, entwicklungsorientiertes Feedback zu geben sowie kooperative Unterrichtsentwicklung, Fortbildungen und professionelle Lerngemeinschaften zu unterstützen. Besonders wirksam erweist sich eine geteilte Führungsverantwortung, da sie Partizipation und Mitbestimmung im Kollegium ermöglicht.
Redaktion: Was wäre aus Ihrer Sicht der erste, entscheidende Hebel, mit dem Schulen ansetzen sollten, um die Unterrichtsqualität nachhaltig zu verbessern?
Fauth und Dehmel: Damit Unterricht an einer Schule wirksam verbessert werden kann, sollte er zum gemeinsamen Thema werden. Oft startet eine engagierte Gruppe von Lehrkräften, die idealerweise die Rückendeckung der Schulleitung erhält. Gemeinsam wird ein Verständnis entwickelt, worauf es in den einzelnen Fächern ankommt, Expertinnen und Experten können einbezogen und schulinterne Unterstützungsangebote genutzt werden. Ein datenbasiertes Vorgehen hilft, Ziele zu formulieren, Maßnahmen zu planen und deren Wirksamkeit regelmäßig zu überprüfen.
Dr. Alexandra Dehmel leitet das Referat Wissenschaftstransfer und Entwicklung von Standards am Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Transfer, Unterrichtsqualität und Lehrkräftebildung.
Prof. Dr. Benjamin Fauth ist Professor für Empirische Bildungsforschung mit dem Schwerpunkt Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Davor hat er sechs Jahre lang die Abteilung für Empirische Bildungsforschung am Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg geleitet. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Unterrichtsqualität und der professionellen Kompetenz von Lehrkräften.
- Fauth, B., & Dehmel, A. (2025). Unterrichtsqualität. Reihe: Psychologie im Schulalltag (Band 8). Göttingen: Hogrefe Verlag.
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