Unter Druck: Die Pandemie belastet Schulleitungen

Online-Befragung in vier Bundesländern liefert erste Ergebnisse

Anna Weiland

Lesezeit: 4 Minuten

Unerwartetes sorgt für erhöhten Arbeitsstress

Eines vorweg: Die Ergebnisse der am 30. September 2021 veröffentlichten Studie Belastungen und Beanspruchungen von Schulleitungen während der Corona-Pandemie überraschen nicht. Ein Großteil der Schulleitungen und Schulleitungsmitglieder leiden demnach coronabedingt unter Arbeitsstress.

73 Prozent der insgesamt 2.187 Befragten aus den Bundesländern Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen geben an, ziemlich oder sehr oft in den vergangenen Monaten aufgewühlt gewesen zu sein, weil die Pandemie Unerwartetes im Schulbetrieb hervorgerufen habe. 70 Prozent berichten, sich ziemlich oder sehr oft über Dinge geärgert zu haben, über die sie infolge der Corona-Pandemie keine Kontrolle hatten. Ein Drittel der Studienteilnehmenden erläutert, dass es sich in den Monaten zuvor im Arbeitskontext ziemlich beziehungsweise sehr oft nervös oder gestresst gefühlt hat. Zudem berichten insbesondere weibliche Schulleitungen und auch Grundschulleitungen über ein höheres Stressausmaß.

Datenlücke: Gesundheit und Wohlbefinden von Schulleitungen

Angesichts der beispiellosen und extremen Herausforderung, vor der die Arbeitswelt allgemein und das Schulsystem im Besonderen seit Ausbruch des Coronavirus stehen, waren die Forschungsbefunde aus Sicht der Studienautoren, der Studienautorin und auch diverser Fachverbände zu erwarten. Dennoch liefern Professor Dr. Kevin Dadaczynski, Dr. Orkan Okan und Professorin Dr. Melanie Messer mit ihren Studienergebnissen wichtige Erkenntnisse, erfährt doch das Belastungs- und Beanspruchungsgeschehen von Schulleitungen national wie international im Gegensatz zu Lehrkräften bislang deutlich weniger Aufmerksamkeit. 
Einzig das in der ersten Phase der Pandemie durchgeführte „Schul-Barometer“ deutete an, dass neben Schülerinnen und Schülern auch Schulleitungen am häufigsten belastet sind (Huber et al., 2020). Weitere Studienbefunde konzentrieren sich auf Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer.

Dabei zeichnet sich die Tätigkeit von Schulleitern und Schulleiterinnen gerade während der Pandemie durch einen zusätzlich erhöhten Organisationsbedarf und Mehraufwand aus: Hygienekonzepte je nach aktueller Vorgabe umsetzen, neue Lehrformen etablieren, das Kollegium zu Hybrid- und Wechselstundenplänen anleiten und motivieren, datenschutzkonformen Unterricht gewährleisten, externe Kommunikation mit Behörden und Eltern und ein erhöhter Dokumentationsaufwand. Die Fokussierung dieser anspruchs- und verantwortungsvollen Zusatzaufgaben auf eine Person oder eine kleine Personengruppe unterscheidet das Belastungsprofil von anderen pädagogischen Fachkräften, sodass gesonderte wissenschaftliche Untersuchungen erforderlich sind.

Insgesamt 2.187 schulische Führungskräfte haben an der Befragung teilgenommen. Die Schwerpunkte der „Covid-HL-Schulleitungsstudie“ für Deutschland liegen auf den wahrgenommenen Arbeitsbelastungen, der Bewältigung arbeitsbezogener Beanspruchungen sowie der psychischen Gesundheit von Schulleitungen und Schulleitungsmitgliedern. Somit liefert die Auswertung wichtige Ergebnisse auch für andere Fachdisziplinen.

Wie wird der Arbeitsstress bewältigt?

In der Studie wird sehr deutlich, wie Gesundheit und Leistungsfähigkeit zusammenhängen und sich zwangsläufig auf die Arbeitsqualität und im konkreten Fall auf ein funktionierendes Bildungssystem insgesamt auswirken. Um die Mehrarbeit leisten und den gestiegenen Erwartungen infolge der Corona-Pandemie gerecht werden zu können, beschreiben die befragten Schulleitungen ein sogenanntes „selbstgefährdendes Verhalten“. Damit sind arbeitsbezogene Handlungen und Strategien gemeint, die Stress letztlich eher verstärken statt zu minimieren und dessen Auslöser nicht reduzieren.

Die Studie zeigt, dass die befragten Schulleiterinnen und Schulleiter ihre Arbeitszeiten ausdehnten oder intensivierten: Überstunden, Arbeiten und Erreichbarkeit in der Freizeit, erhöhtes Arbeitstempo oder Verzicht auf Pausen.

Drei Viertel der Befragten, vor allem Grundschulleitungen, meldeten zurück, dass ihre Arbeitszeit seit der Corona-Pandemie gestiegen ist. 90 Prozent der Befragten gaben an, innerhalb der letzten drei Monate oft oder sehr oft für Kolleginnen, Kollegen, Schülerinnen, Schüler und Eltern in der Freizeit erreichbar gewesen zu sein. 88 Prozent arbeiteten über die Dienstzeit hinaus.

Was sind die Folgen?

Die höhere Beanspruchung der schulischen Führungskräfte zieht allgemeine Unzufriedenheit im Job sowie seelische und körperliche Beschwerden nach sich. Mehr als 40 Prozent der Befragten sind laut Studie mit ihrer aktuellen Arbeitssituation nicht zufrieden. Der Anteil jener, die über ein höheres Ausmaß an physischer und psychischer Erschöpfung berichten, liegt zwischen 30 und 45 Prozent. Als die häufigsten psychosomatischen Beschwerden werden Muskelbeschwerden (47 Prozent) und Kopfschmerzen (20 Prozent) genannt.

Auf Grundlage ihrer Ergebnisse sehen Professorin Messer, Professor Dadacynski und Dr. Okan einen dringenden bildungs- und gesundheitspolitischen Handlungsbedarf, um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Schulleitungen als unverzichtbare Schlüsselfiguren in einem erfolgreichen Bildungssystem zu verbessern. Schulleitungen und Schulleitungsmitglieder sollen weiterhin Gegenstand von Untersuchungen sein. Erhebungen, die an die erste Schulleiterstudie anschließen, werden bereits ausgewertet.