Wie Kinder lernen, andere zu verstehen – und warum Schule dadurch grundlegend verändert wird

Soziales Verstehen als Schlüsselkompetenz für Unterricht, Beziehungsgestaltung und gemeinsames Lernen

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 5 Minuten
Zwei Schülerinnen liegen entspannt auf dem Rasen und lachen miteinander.
© pexels, mary taylor

Die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Absichten anderer Menschen zu verstehen, gilt als zentrale Grundlage sozialer Interaktion und erfolgreichen Lernens. Eine neue Studie von Prof. Christopher Osterhaus zeigt, dass sich diese Fähigkeit je nach kulturellem Kontext unterschiedlich entfaltet. Was bedeutet das für Schule und Unterricht?

Redaktion: Herr Professor Osterhaus, Sie haben in Ihrer Studie untersucht, wie sich sogenannte „Theory of Mind“-Fähigkeiten bei Kindern in Deutschland und Japan entwickeln. Warum ist diese Fähigkeit so zentral für Lernen, soziale Beziehungen und das Zusammenleben? 

Prof. Christopher Osterhaus: Die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Perspektiven anderer Menschen zu verstehen, ist eine zentrale Grundlage unseres sozialen Miteinanders. Kinder brauchen diese Fähigkeit, um Freundschaften aufzubauen, Konflikte zu lösen, Missverständnisse zu erkennen oder im Unterricht erfolgreich mit anderen zusammenzuarbeiten. Aber sie spielt auch für schulisches Lernen eine wichtige Rolle. Wer versteht, dass andere Menschen anders denken, über anderes Wissen verfügen oder Situationen unterschiedlich interpretieren, kann besser diskutieren, gemeinsam Probleme lösen und Texte oder Geschichten verstehen, in denen unterschiedliche Perspektiven vorkommen. Gerade in einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Sichtweisen ist diese Fähigkeit besonders wichtig. 

Theory of Mind 

Die „Theory of Mind“ bezeichnet die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle, Absichten und Überzeugungen anderer Menschen zu erkennen und zu verstehen. Diese Kompetenz entwickelt sich bereits im frühen Kindesalter, wird aber im Verlauf der Kindheit zunehmend komplexer und ermöglicht etwa das Nachvollziehen unterschiedlicher Perspektiven oder Missverständnisse. Sie gilt als zentrale Grundlage für soziale Interaktion, Empathie und gelingendes Zusammenleben. 

Redaktion: Ihre Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es trotz kultureller Unterschiede eine „universelle Struktur“ sozialen Verstehens gibt. Was genau heißt das und was sagt das über die Entwicklung von Kindern weltweit aus? 

Osterhaus: Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kinder weltweit offenbar dieselben grundlegenden Bausteine sozialen Verstehens entwickeln. Das heißt: Egal, ob in Deutschland oder Japan, Kinder lernen ähnliche Kernfähigkeiten, um andere Menschen zu verstehen. Gleichzeitig entwickelt sich diese Fähigkeit aber nicht überall auf dieselbe Weise oder im selben Tempo. Kultur beeinflusst also nicht, ob Kinder soziale Perspektivübernahme entwickeln, sondern wann und wie bestimmte Aspekte besonders stark hervortreten. Das spricht dafür, dass soziale Kognition auf universellen kognitiven Grundlagen beruht, ihre Entwicklung aber stark durch die soziale Umwelt geprägt wird. 

Redaktion: Welche Fähigkeiten gehören zum sozialen Verstehen? 

Osterhaus: Wir konnten drei zentrale Bereiche unterscheiden. Erstens das explizite Nachdenken über die Gedanken anderer Menschen, also die Fähigkeit zu verstehen, was andere glauben oder denken. Zweitens das Erkennen sozialer Regelverletzungen, etwa wenn jemand unbeabsichtigt etwas Unpassendes sagt oder einen sozialen Fauxpas begeht. Und drittens den Umgang mit mehrdeutigen Situationen, also die Fähigkeit zu erkennen, dass eine Situation unterschiedlich interpretiert werden kann. Diese drei Bereiche scheinen gemeinsam die Grundlage komplexen sozialen Verstehens zu bilden. 

Redaktion: Welche Unterschiede haben Sie zwischen deutschen und japanischen Kindern festgestellt? Und welche Rolle spielen kulturelle Kommunikationsformen dabei? 

Osterhaus: Deutsche Kinder schnitten besonders gut bei Aufgaben ab, bei denen sie sogenannte verschachtelte Gedanken nachvollziehen mussten, also zum Beispiel verstehen sollten, was eine Person darüber denkt, was eine andere Person glaubt. Japanische Kinder entwickelten diese Fähigkeiten eher schrittweise über mehrere Schuljahre hinweg.

Wir vermuten, dass das mit unterschiedlichen Kommunikationsstilen zusammenhängt. In vielen westlichen Kontexten wird relativ offen über Gedanken, Gefühle und Perspektiven gesprochen. In Japan dagegen wird häufiger erwartet, dass Kinder soziale Situationen aus dem Kontext heraus verstehen und unausgesprochene Hinweise wahrnehmen. Unterschiedliche Perspektiven werden deshalb oft weniger ausdrücklich diskutiert, auch um soziale Harmonie zu wahren und Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Kinder lernen also eher, zwischen den Zeilen zu lesen, als verschiedene Sichtweisen offen gegeneinanderzustellen. Wenn Kinder seltener über Gedanken und Überzeugungen sprechen, haben sie aber auch weniger Gelegenheit, genau diese explizite Form des Perspektivdenkens zu üben. 

Redaktion: Welche Rolle spielt soziales Verstehen im sozial-emotionalen Lernen, und wie können Schulen Perspektivübernahme und Gespräche über Gedanken, Gefühle und Missverständnisse gezielt im Unterricht fördern und strukturell verankern? 

Osterhaus: Für sozial-emotionales Lernen ist es wichtig, dass Kinder lernen, andere Menschen zu verstehen. Perspektivübernahme hilft Kindern dabei, Konflikte zu lösen, Empathie zu entwickeln und kooperativ zusammenzuarbeiten. Schulen können diese Fähigkeiten fördern, indem sie Gespräche über Gedanken, Gefühle und Missverständnisse bewusst in den Unterricht integrieren. Das kann zum Beispiel über Literatur, Rollenspiele, Diskussionen oder gemeinsame Reflexionen sozialer Situationen geschehen. 

Wichtig ist dabei, dass solche Gespräche nicht nur nebenbei stattfinden, sondern regelmäßig Raum im Schulalltag bekommen. Kinder profitieren davon, wenn Lehrkräfte gezielt nach Perspektiven fragen: Warum könnte jemand anders handeln? Wie könnte sich eine andere Person fühlen? Warum entstehen Missverständnisse? 

Soziales Verstehen als Teil sozial-emotionalen Lernens 

  • Soziales Verstehen bezeichnet die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle, Absichten und Perspektiven anderer Menschen zu erkennen und nachzuvollziehen (soziale Kognition bzw. Perspektivübernahme).  

  • Sozial-emotionales Lernen (SEL) ist ein umfassender pädagogischer Ansatz zur Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen. Dazu gehören unter anderem Emotionsregulation, Beziehungsfähigkeit, Empathie, Konfliktlösung und verantwortungsvolles Handeln. 

Soziales Verstehen ist ein wichtiger Bestandteil sozial-emotionaler Kompetenzen, jedoch nicht mit sozial-emotionalem Lernen gleichzusetzen. SEL umfasst ein breiteres Spektrum an Fähigkeiten und Entwicklungszielen. Beide Bereiche sind eng miteinander verbunden, aber nicht deckungsgleich. 

Redaktion: Welche Bedeutung hat sozial-emotionales Lernen für Bildungsgerechtigkeit – gerade in sprachlich und kulturell vielfältigen Klassen? 

Osterhaus: Sozial-kognitive Fähigkeiten können Kindern helfen, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven sichtbar und verstehbar zu machen. Gerade in sprachlich und kulturell vielfältigen Klassen ist es wichtig, dass Kinder lernen, andere Sichtweisen nachzuvollziehen und respektvoll miteinander umzugehen. Perspektivübernahme unterstützt damit nicht nur soziale Integration, sondern auch Teilhabe am Unterricht. 

Gleichzeitig zeigt unsere Forschung, dass Kinder unterschiedliche kommunikative Erfahrungen mitbringen. Manche wachsen in Familien auf, in denen viel über Gedanken und Gefühle gesprochen wird, andere teilen diese Erfahrung nicht. Schule kann hier eine wichtige ausgleichende Rolle spielen, indem sie Räume schafft, in denen Kinder lernen, über Perspektiven, Missverständnisse und soziale Situationen nachzudenken. 

Hinzu kommt, dass aktuelle Studien unserer Arbeitsgruppe einen Zusammenhang zwischen Fähigkeiten zur Perspektivübernahme und einer größeren Offenheit gegenüber Vielfalt zeigen. Das spricht dafür, dass sozial-kognitive Fähigkeiten nicht nur für das Klassenklima wichtig sind, sondern auch für den Umgang mit unterschiedlichen Erfahrungen, Sichtweisen und Lebensweisen. 

Redaktion: Welche strukturellen Bedingungen in Schule sind aus Ihrer Sicht notwendig, damit „Theory of Mind“ nicht nur situativ passiert, sondern systematisch im Schulalltag verankert werden kann? 

Osterhaus: Die Förderung von Perspektivübernahme braucht Zeit, Kontinuität und Verbindlichkeit. Es reicht nicht, einzelne Projekttage oder kurzfristige Programme anzubieten. Wichtig ist vielmehr, dass Gespräche über Gedanken, Gefühle, Missverständnisse und unterschiedliche Sichtweisen feste Bestandteile von Unterricht und Schulkultur werden. 

Dafür brauchen Schulen ausreichend Zeiträume für gemeinsames Gespräch, kleinere soziale Lernsettings und Fortbildungen für Lehrkräfte. Die Fähigkeit, andere zu verstehen, sollte nicht als „Zusatz“ betrachtet werden, sondern als zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen und gutes Zusammenleben in Schule. Denn Kinder lernen besser, wenn sie sich verstanden fühlen und zugleich lernen, andere besser zu verstehen. 

Redaktion: Herr Professor Osterhaus, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Portrait Prof. Christopher Osterhaus
Zur Person

Prof. Dr. Christopher Osterhaus ist Junior-Professor für Entwicklungspsychologie im Handlungsfeld Schule an der Universität Vechta. Seine zentralen Forschungsthemen umfassen die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe sowie die sozialkognitive Entwicklung, insbesondere die Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen, sich in andere hineinzuversetzen. 

  • Osterhaus, C., Uchinokura, S., Tsuji, H. (2026). Reading between the lines: Universal structure and cultural variation in advanced theory of mind, Child Development. https://doi.org/10.1093/chidev/aacag051