Lesen stärkt nicht nur Sprache und Wissen, sondern auch emotionale Kompetenzen wie Empathie, Selbstregulation und Perspektivübernahme. Dr. Franziska Locher von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen erklärt, wie Lesekompetenz, Sprache und emotionale Entwicklung zusammenhängen – und warum Lesen ein wichtiger Schutzfaktor für Kinder und Jugendliche sein kann.
Redaktion: Frau Dr. Locher, Sie beschäftigen sich im Rahmen Ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit mit der Frage, ob und wie ausreichende Lesekompetenz bei Jugendlichen mit ihrer sprachlichen und emotionalen Entwicklung zusammenhängen. Wie beeinflussen Sprache und Emotionen einander?
Dr. Franziska Locher: Am besten wird das deutlich, wenn wir uns anschauen, wie emotionale Kompetenz definiert wird. Zur emotionalen Kompetenz gehören das Erkennen eigener Emotionen, das Verstehen der Emotionen anderer, die Fähigkeit, Emotionen verbal beschreiben zu können, sowie weitere Komponenten wie Empathie und Emotionsregulation. Um als Kind eigene Emotionen wahrnehmen und einordnen zu können, brauche ich sprachliche Kategorien und Begriffe wie Angst, Wut oder Freude. Auch das Verstehen der Emotionen anderer Menschen ist eng mit Sprache verbunden, weil diese häufig über Gespräche, Erklärungen oder gemeinsame Reflexion zugänglich werden. Schließlich ist Sprache zentral, um innere Zustände mitzuteilen und soziale Unterstützung einholen zu können.
Redaktion: Viele Kinder haben Defizite im sozio-emotionalen Bereich. Inwiefern beeinflusst die Fähigkeit, Gefühle sprachlich auszudrücken, die Emotionsregulation?
Locher: Es gibt hierzu eine interessante Studie von Liebermann und Kolleginnen und Kollegen, die zeigt, dass beim „In-Worte-Fassen“ von Gefühlen und Erlebnissen auch im Gehirn etwas Wichtiges passiert: Dabei nimmt die Aktivität der Amygdala ab – einer Hirnregion, die an der Verarbeitung emotional bedeutsamer und bedrohlicher Reize beteiligt ist. Gleichzeitig werden Bereiche des präfrontalen Cortex aktiver, die unter anderem an der bewussten Verarbeitung, Einordnung und Regulation von Emotionen beteiligt sind. Das bedeutet: Kinder und Jugendliche, die Emotionen nicht ausreichend verbalisieren können – etwa weil sprachliche Fähigkeiten noch nicht ausgereift sind oder weil ihnen Begriffe fehlen –, reagieren häufiger impulsiv oder werden „laut“. Empirisch ist gut belegt, dass gerade jüngere Kinder mit sprachlichen Defiziten häufiger problematisches Verhalten im sozio-emotionalen Bereich zeigen, etwa Aggressionen, Regelverstöße oder eine geringere Selbstregulation. Umgekehrt kann auch Rückzug eine Folge sein. Manchmal werden Kinder und Jugendliche also eher sehr „leise“, wenn ihnen die Sprache fehlt.
Redaktion: Ein Fokus Ihrer Forschung liegt auf der Leseförderung. Wie kann Lesen sozio-emotionale Kompetenzen verbessern?
Locher: Natürlich denkt man bei Schwierigkeiten im sozio-emotionalen Bereich nicht zuerst ans Lesen im Sinne von: „Du bist verzweifelt, hier ist ein Buch, das hilft.“ Aber Lesen kann tatsächlich ein wichtiger Schlüssel sein. Vor allem verbessert regelmäßiges Lesen in der Freizeit die sprachlichen Fähigkeiten, etwa den Wortschatz, die wichtig sind, um emotional kompetent zu agieren. Darüber hinaus bietet Lesen aber noch weitergehendes Potenzial. Studien von Kidd & Castano zeigen beispielsweise, dass insbesondere das Lesen von Geschichten und Romanen die „Theory of Mind“ fördert, also die Fähigkeit zur Perspektivübernahme und Empathie. Kinder lernen beim Lesen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, deren Motive zu verstehen und emotionale Situationen nachzuvollziehen.
Spannend ist auch der Zusammenhang zwischen narrativer Kompetenz und emotionaler Stabilität. Wer in der Lage ist, Geschichten oder eigene Erlebnisse kohärent zu erzählen, kann häufig auch das eigene innere Erleben besser strukturieren. Es geht dann eher um ein „Ich kann meine Geschichte erzählen“ als um ein „Ich werde von meinen Emotionen überrollt“. Regelmäßiges Lesen kann diese Fähigkeit unterstützen.
Übrigens ist dabei nicht nur das selbstständige Lesen relevant. Auch regelmäßiges Vorlesen steht neben der Sprachförderung in Zusammenhang mit besserer Selbstregulation, höherer Aufmerksamkeit und weniger Verhaltensauffälligkeiten im frühen Kindesalter. Deshalb kann Lesen durchaus als Schutzfaktor verstanden werden, insbesondere für Kinder mit erhöhtem Risiko. Eine gute Literacy-Umgebung unterstützt nicht nur die sprachliche, sondern auch die sozio-emotionale Entwicklung.
Locher: Ein zentraler Ansatzpunkt, der gerade im Sekundarschulbereich manchmal zu kurz kommt, ist die Förderung der intrinsischen Lesemotivation. Damit ist die Motivation gemeint, aus echtem Interesse und mit Freude zu lesen, weil Lesen als persönlich bedeutsam erlebt wird, und nicht nur aufgrund von Noten, Vorgaben oder Belohnungen. Studien zeigen, dass diese Form der Motivation einen starken Einfluss darauf hat, wie häufig Kinder lesen und wie sich ihre Lesekompetenz entwickelt.
Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan beschreibt drei grundlegende Bedürfnisse, die intrinsische Motivation fördern: Kompetenz, Autonomie und soziale Verbundenheit. Auf das Lesen übertragen bedeutet das: Kinder erleben Erfolg beim Lesen, wählen Texte, die sie interessieren, und machen positive gemeinsame Leseerfahrungen. So wird Lesen als bereichernde Tätigkeit erlebt, nicht nur als Pflicht.
In einer Studie aus meiner Doktorarbeit zeigte sich, dass bereits einzelne negative Leseerfahrungen die langfristige Motivation beeinflussen können – etwa bei sehr schwierigen Texten oder sogenannten „Klassikern“, mit denen sich Schülerinnen und Schüler nicht identifizieren. Wenn Lernende in der Schule gezwungenermaßen Kafka lesen, dieser Text aber zu schwer verständlich ist und sie wenig Bezug dazu haben, wird Lesen als unangenehm wahrgenommen und die Bereitschaft, freiwillig zu lesen, sinkt langfristig. Entsprechend wichtig ist die Gestaltung des Leseunterrichts: Zum Leseniveau und Interesse passende Texte, echte Wahlmöglichkeiten, freie Lesezeiten und Gespräche über Gelesenes können das Leseerleben entscheidend prägen.
Redaktion: Welche Rolle spielt die bereits vorhandene Lesekompetenz, und wie beeinflussen sich Lesefähigkeit und Lesemotivation gegenseitig?
Locher: Motivation allein reicht nicht aus, wenn die sprachlichen Fähigkeiten oder die Lesekompetenz noch zu wenig entwickelt sind. Gerade bei jüngeren Kindern steht deshalb zunächst der Aufbau grundlegender Lesekompetenzen im Vordergrund, etwa durch gezielte Lesestrategietrainings und Sprachförderung.
Denn auch das zeigt die Forschung: Lesekompetenz sagt die intrinsische Motivation häufig stärker voraus als umgekehrt. Das bedeutet, zunächst müssen Basiskompetenzen aufgebaut werden. Darauf aufbauend lassen sich Regelmäßigkeit, positive Leseerfahrungen und intrinsische Motivation gezielt fördern. Idealerweise greift das alles ineinander.
Redaktion: Was bedeuten diese Erkenntnisse insgesamt für den Umgang mit Sprache und Verhalten im Schulalltag?
Locher: Es gibt einen ganzen „Blumenstrauß“ an möglichen Ursachen für Schwierigkeiten im sozio-emotionalen Bereich bei Kindern und Jugendlichen. Mein Fazit ist: Das Fehlen von Sprache sollte im Schulalltag als mögliche Ursache für auffälliges Verhalten unbedingt mitgedacht werden. Damit meine ich nicht nur sprachliche Defizite, etwa wenn Deutsch nicht die Erstsprache ist, sondern auch Schwierigkeiten, Emotionen überhaupt in Worte zu fassen. Wenn Kindern und Jugendlichen die sprachlichen Mittel fehlen, um Gefühle, Frustration oder soziale Situationen auszudrücken und zu verarbeiten, kann sich das im Verhalten zeigen, etwa durch Lautwerden, Rückzug oder impulsive Reaktionen.
Lesen kann hier ein wichtiger Schlüssel sein, weil es nicht nur die Sprachkompetenz stärkt, sondern auch die sozio-emotionale Entwicklung unterstützt. Welche Form der Unterstützung im Einzelfall sinnvoll ist, hängt aber immer vom Kind und vom Kontext ab. In akuten Situationen braucht es meist andere Interventionen als ein Buch. Als indirekte Präventions- und Fördermöglichkeit ist Lesen jedoch sehr wirksam.
Dr. Franziska Locher ist Dozentin am Institut Pädagogische Psychologie der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG). Dort ist sie mitverantwortlich für die Bildungsmonitoring Studien PISA und ÜGK (Überprüfung der Grundkompetenzen). In ihrer Forschungsarbeit befasst sie sich unter anderem mit der Beschreibung von lesebezogenen Einstellungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen und deren Auswirkungen auf die Lesekompetenz sowie mit Veränderungen im Bildungssystem und Bildungsgerechtigkeit. Einen besonderen Schwerpunkt ihrer Arbeit macht die Förderung von evidenzorientiertem Denken und Handeln von Lehrpersonen aus.
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