Wie entwickeln Lehrkräfte digitale Kompetenzen? Eine Studie von Hermann Dzingel von der Universität Potsdam zeigt: Formale Fortbildungen setzen wichtige Impulse, doch nachhaltige Sicherheit im Umgang mit digitalen Medien entsteht vor allem im Alltag. Entscheidend sind informelle Lerngelegenheiten, gemeinsames Erproben und eine gelebte Lernkultur im Kollegium.
Als eine befreundete Lehrkraft vor zwei Jahren die digitale Ausstattung ihrer Schule betrachtete, hatte sie das Gefühl: Vieles wäre möglich, aber wenig davon findet den Weg in den Unterricht. Es gab Workshops, es gab digitale Geräte und hohe Erwartungen an den Einsatz digitaler Medien – doch im Alltag blieben zentrale Fragen offen. Wie baue ich digitale Elemente didaktisch sinnvoll in meinen Unterricht ein? Wie finde ich passende Tools, ohne mich in der Vielzahl an Angeboten zu verlieren? Und wo lerne ich das eigentlich: im Kollegium, im Seminarraum oder irgendwo dazwischen?
Diese Ausgangslage ist für viele Schulen in Deutschland vertraut. Genau hier setzt unsere im European Journal of Teacher Education erscheinende Studie The effects of formal and informal learning opportunities on teachers’ ICT-related attitudes and self-efficacy an. Sie vergleicht, wie verschiedene Formen der Fortbildung mit den Einstellungen von Lehrkräften zu digitalen Medien und ihren Selbstwirksamkeitserwartungen zusammenhängen – zwei grundlegende Voraussetzungen für die erfolgreiche Nutzung digitaler Medien im Unterricht.
Was Lehrkräfte weiterbringt: zentrale Ergebnisse unserer Studie
Unsere Studie basiert auf einer Stichprobe des deutschen Schulbarometers mit über 1.600 Lehrkräften aus allgemeinbildenden Schulen. Die Ergebnisse spiegeln zentrale Praxiserfahrungen wider: Lehrkräfte stehen digitalen Medien grundsätzlich positiv gegenüber, fühlen sich jedoch unterschiedlich sicher im Umgang damit. Einstellungen und Selbstwirksamkeit hängen eng zusammen: Wer digitale Medien als hilfreich erlebt, schätzt sich auch als kompetenter ein.
Auffällig ist, dass erfahrene Lehrkräfte sich als etwas weniger selbstwirksam einschätzen als jüngere. Das ist kein Hinweis auf geringere Professionalität, sondern spiegelt wider, dass digitale Werkzeuge für viele ein vergleichsweise neueres Aufgabenfeld darstellen. Digitalisierung ist kein bloßes Upgrade eines bestehenden Systems, sondern ein eigenes Lernfeld und erfordert eine eigene Lernkultur der Digitalität (Stalder, 2016).
Formale Fortbildungen geben den Impuls – der Transfer entscheidet
Viele Lehrkräfte kennen die Situation: Sie nehmen an mehrstündigen, inspirierenden Fortbildungen zu digitalen Tools teil – und dennoch fehlt am nächsten Tag die Zeit zum Ausprobieren. Dieses Muster zeigt sich auch in unserer Studie: Formale Fortbildungen wie Workshops, Fachtage oder Qualifizierungsprogramme hängen zwar mit Einstellungen und Selbstwirksamkeit zusammen, doch ihre Wirkung bleibt begrenzt, wenn kein nachhaltiger Transfer erfolgt.
Deutlich stärker zeigt sich der Zusammenhang zum informellen Lernen: der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, kurze Hinweise oder Materialien in Netzwerken und Communities, Fachliteratur sowie das Beobachten und Ausprobieren von Ideen anderer (Wang, 2025). Diese Lernanlässe entstehen unmittelbar aus der Praxis heraus – wenn ein Problem auftritt, eine Idee entsteht oder eine Frage auftaucht. Sie sind selbstbestimmt, alltagsnah und oft direkt umsetzbar.
Professionalisierung braucht Gemeinschaft: Wie Schulen Lernprozesse verzahnen können
Was bedeutet das für Schulen? Unsere Studie macht deutlich, dass formelle Fortbildungen nicht ausreichen. Entscheidend ist, wie Lerngelegenheiten im Kollegium miteinander verzahnt werden. Einschlägige Forschung zeigt, dass eine wirksame Professionalisierung sich als Prozess in drei Schritten beschreiben lässt:
1. Ein erster Impuls
Formale Fortbildungen schaffen Struktur, Orientierung und einen gemeinsamen Wissensstand. Forschung zeigt, dass professionelle Entwicklung formale Elemente wie Input, Modellierung und angeleitete Übungen braucht, um Handlungssicherheit zu vermitteln (Darling-Hammond et al., 2017). Allein jedoch reichen sie selten für nachhaltige Veränderung aus (Helmke, 2022; Kyndt et al., 2016). Ihr Potenzial entfaltet sich erst in längerfristigen, praxisnahen Lernprozessen.
2. Gemeinsames Ausprobieren und Unterstützen
Professionalisierung wird dort besonders wirksam, wo Lehrkräfte gemeinsam erproben, reflektieren und in ihren Alltag integrieren, was sie kennengelernt haben. Studien zu kollegialem Lernen zeigen, dass sich Lehrkräfte weiterentwickeln, wenn sie Unterrichtsideen austauschen, Lösungen für konkrete Herausforderungen suchen oder einander im Unterricht beobachten (Hoekstra et al., 2009). Informelle Austauschprozesse – im Lehrerzimmer, mit außerschulischen Teams oder online – schaffen niedrigschwellige, direkt handlungsrelevante Lerngelegenheiten. Sie fördern Feedbackschleifen und die schrittweise Verankerung neuer Praktiken (Lohman, 2006; Rzejak et al., 2025).
3. Gelebte Lernkultur statt Einzelmaßnahmen
Nachhaltige Wirkung entsteht, wenn Schulen Professionalität als Teil ihrer Arbeitskultur begreifen. Studien zeigen, dass professionelle Lerngemeinschaften, kollegiale Lernzirkel und kontinuierliche Austauschstrukturen nicht nur die Unterrichtsqualität, sondern auch das berufliche Wohlbefinden stärken (Wang, 2025). Regelmäßige Zeitfenster, sichtbare Expertise und das systematische Teilen von Unterrichtsideen schaffen eine Umgebung, in der Weiterentwicklung selbstverständlich wird. So entsteht ein gemeinsamer Lernprozess, der digitale Innovationen nachhaltig im Unterricht verankert.
Digitalisierung gelingt im Team: Was Schulen jetzt brauchen
Unsere Studie macht deutlich: Digitale Professionalisierung ist kein Nebenprodukt einzelner Workshops. Sie entsteht, wenn Lehrkräfte kontinuierlich lernen und sich gegenseitig unterstützen können.
Für Bildungsverwaltung und Schulträger bedeutet das:
- Fortbildungen sollten Räume für langfristige Entwicklung schaffen.
- Schulen brauchen Zeitfenster und Strukturen für kollegiales Lernen.
- Informelle Lernprozesse verdienen Sichtbarkeit und Anerkennung.
- Digitale Expertise muss im Kollegium zirkulieren – nicht nur bei Einzelpersonen liegen.
Professionalisierung wird so Teil der schulischen Identität. Sie ist kein einmaliges „Abarbeiten“, sondern ein fortlaufender gemeinsamer Entwicklungsprozess. Unsere Forschung zeigt: Die stärksten Veränderungen entstehen nicht in einem großen Schritt, sondern in vielen kleinen. Wenn Schulen formale Impulse mit gelebten informellen Lerngelegenheiten verbinden, entsteht eine lernende Gemeinschaft, die digitale Entwicklungen nicht nur bewältigt, sondern aktiv gestaltet.
- Darling-Hammond, L., Hyler, M. E., & Gardner, M. (2017). Effective teacher professional development. Learning Policy Institute.
- Dzingel, H., Richter, E., Klusmann, U., Richter, D. (im Druck). The effects of formal and informal learning opportunities on teachers’ ICT-related attitudes and self-efficacy. European Journal of Teacher Education. http://dx.doi.org/10.1080/02619768.2025.2606029
- Helmke, A. (2022). Unterrichtsqualität und Professionalisierung: Diagnostik von Lehr-Lern-Prozessen und evidenzbasierte Unterrichtsentwicklung. Klett/Kallmeyer.
- Hoekstra, A., Brekelmans, M., Beijaard, D., & Korthagen, F. (2009). Experienced teachers’ informal learning: Learning activities and changes in behavior and cognition. Teaching and Teacher Education, 25(5), 663–673.
- Kyndt, E., Gijbels, D., Grosemans, I., & Donche, V. (2016). Teachers’ everyday professional development: Mapping informal learning activities, antecedents, and learning outcomes. Review of Educational Research, 86(4), 1111–1150.
- Lohman, M. C. (2006). Factors influencing teachers’ engagement in informal learning activities. Journal of Workplace Learning, 18(3), 141–156.
- Rzejak, D., Posch, P., Beywl, W., Gerking, J., Lipowsky, F., & Steffens, U. (2025). Professionelle Lerngemeinschaften–Wenn Lehrkräfte gemeinsam Unterricht entwickeln.
- Stalder, F. (2016). Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag.
- Wang, Y. (2025). The impact of communities of practice on professional development of teachers. SAGE Open.
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