Mehr Unterstützung für autistische Kinder: SWK fordert Neuausrichtung an deutschen Schulen

Die SWK fordert einheitliche Standards, mehr Diagnostik, bessere Förderung und eine nationale Autismus-Strategie für Schulen

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 4 Minuten
Zwei Mädchen lachen und zeigen vor einem Zaun auf etwas außerhalb des Bildes.
© pexels, Antonius Ferret

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) legt Empfehlungen zur schulischen Unterstützung autistischer Kinder und Jugendlicher vor. Ziel sind einheitlichere Standards, bessere Diagnostik, rechtliche Klarheit und autismussensible Lernumgebungen. Zudem spricht sich die SWK für eine nationale Autismus-Strategie nach internationalen Vorbildern aus, um Teilhabe im Bildungssystem zu stärken.

Hinweis zur Sprache 

Im Text wird überwiegend von „autistischen Kindern und Jugendlichen“ gesprochen. Diese Formulierung (auch als Identity-First-Sprache bezeichnet) wird in Teilen der Selbstvertretung bevorzugt, weil Autismus als Teil der Identität verstanden wird. Zugleich bleibt die Bezeichnung individuell und kontextabhängig. 

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) rückt in ihrem aktuellen Gutachten die schulische Unterstützung autistischer Kinder und Jugendlicher in den Fokus. Dabei greift sie eine zentrale Erkenntnis auf, die häufig als Leitsatz dient: „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten.“ Der Satz verweist auf die enorme Vielfalt innerhalb des Autismus-Spektrums und darauf, dass es die „eine“ Ausprägung von Autismus nicht gibt. Vielmehr unterscheiden sich Wahrnehmung, Kommunikationsformen, Lernvoraussetzungen und Unterstützungsbedarfe teils erheblich.

Autismus

Autismus beziehungsweise die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) beschreibt eine lebenslange Form neurodivergenter Entwicklung. Kennzeichnend sind Besonderheiten in sozialer Kommunikation, Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung, Emotionsregulation sowie im Umgang mit Reizen, Routinen und Veränderungen. Die Ausprägungen sind individuell sehr unterschiedlich; Unterstützungsbedarfe können daher stark variieren.

In der internationalen Klassifikation ICD-11 werden frühere Einzeldiagnosen wie frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und Asperger-Syndrom unter dem gemeinsamen Begriff des Autismus-Spektrums zusammengeführt. In der Fachdebatte wird Autismus zunehmend auch im Rahmen des Neurodiversitätsansatzes verstanden: als andere Form der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, die nicht allein defizitorientiert betrachtet werden sollte.

Gerade im schulischen Kontext ergeben sich daraus besondere Anforderungen: Autistische Kinder und Jugendliche sind in ihrer Bildungsbiografie in besonderem Maße von Exklusion und Diskriminierung bedroht, wie auch der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen betont. Im deutschen Bildungssystem treffen sie weiterhin auf erhebliche strukturelle Hürden. Dazu zählen unzureichend ausgebaute Unterstützungsangebote, teils stark unterschiedliche Regelungen zwischen den Bundesländern sowie fehlende oder nicht ausreichend spezialisierte Fachkenntnisse im schulischen Alltag. Diese Faktoren erschweren vielerorts eine gleichberechtigte Teilhabe am Unterricht und am Schulleben. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage, wie Schulen verlässliche, passgenaue Unterstützung bereitstellen und inklusive Lernumgebungen systematisch gestalten können, zunehmend an Bedeutung. 

Im Zentrum der Empfehlungen der SWK steht daher die Forderung, die Rahmenbedingungen für autistische Schülerinnen und Schüler bundesweit zu verbessern, unabhängig von Schulform oder Wohnort. Zudemspricht sich die Kommission für die Entwicklung einer nationalen Autismus-Strategie nach Vorbild anderer Länder wie England oder Neuseeland aus. Sie soll die unterschiedlichen Handlungsfelder bündeln und langfristig zu einheitlicheren Strukturen im Bildungssystem beitragen.

Internationale Autismus-Strategien  

Seit den 2000er-Jahren haben mehrere Länder nationale Autismus-Strategien entwickelt, darunter Staaten in Europa, Nordamerika sowie Australien und Neuseeland. Ziel ist es, Unterstützung über Bildungs- und Lebensphasen hinweg besser zu bündeln und Teilhabe systematisch zu stärken. 

Die Strategien setzen häufig auf individuelle Förderung, multiprofessionelle Unterstützung, den Abbau von Barrieren und auf autismussensible Lernumgebungen. In Deutschland gibt es bislang keine vergleichbare nationale Strategie; einzelne Ansätze bestehen auf Länderebene.  

Die fünf zentralen Empfehlungen der SWK

1. Verbesserung der Datenlage: Nach Ansicht der SWK fehlt bislang ein verlässlicher Überblick darüber, wie viele autistische Kinder und Jugendliche tatsächlich an deutschen Schulen lernen, welche Unterstützungsbedarfe bestehen und wie häufig Einschränkungen der schulischen Teilhabe auftreten. Die Kommission fordert deshalb eine systematische und länderübergreifende Erfassung von Diagnosen, Förderbedarfen sowie Formen eingeschränkter Teilhabe, insbesondere Absentismus und dessen Ursachen.

2. Klärung der rechtlichen Situation: Die rechtlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich derzeit erheblich zwischen den Bundesländern. Die SWK sieht deshalb Bedarf für einheitliche Standards und klare Regelungen, die festlegen, welche Unterstützungsmaßnahmen als angemessene Vorkehrungen gelten, einschließlich Nachteilsausgleichen, Prüfungsregelungen und alternativen Unterrichtsformen. Vorgesehen ist zudem ein länderübergreifender Leitfaden als Grundlage für Diagnostik, Bildung und Unterstützung sowie rechtssichere Regelungen für zeitweise alternative Unterrichtsformen im schulischen Kontext.

3. Stärkung von Diagnostik und Förderplanung: Nach Auffassung der Kommission sollen Entscheidungen über pädagogische Maßnahmen stärker auf kontinuierlichen, multiprofessionell getragenen diagnostischen Verfahren und einer entsprechenden Förderplanung beruhen. Dafür sollen länderübergreifende Leitlinien einer förderorientierten Diagnostik und Förderplanung entwickelt werden, die eine frühzeitige Erkennung ermöglichen und sowohl individuelle Stärken als auch schulische Barrieren sichtbar machen. Regionale Beratungs- und Unterstützungsstrukturen könnten Schulen und Familien dabei unterstützen.

4. Entwicklung autismussensibler Lernumgebungen: Schulen sollen künftig stärker auf unterschiedliche Wahrnehmungs- und Kommunikationsweisen eingehen. Dazu empfiehlt die SWK ein mehrstufiges Maßnahmenpaket zur Gestaltung autismussensibler Schulen, das gemeinsam von Wissenschaft und Praxis entwickelt und flexibel umgesetzt werden soll. Es umfasst Basismaßnahmen für alle Schülerinnen und Schüler, wie barrierearme Strukturen, klare Routinen, Rückzugsmöglichkeiten und Mobbingprävention. Darauf aufbauend folgen die Berücksichtigung individueller Wahrnehmungs- und Kommunikationsbesonderheiten im Unterricht sowie bedarfsgerechte Förderung in Kleingruppen oder Einzelsituationen, etwa durch unterstützte Kommunikation, Schulassistenz oder soziale Trainings.

5. Ausbau der Qualifizierung von Fachkräften: Die SWK fordert eine stärkere Verankerung des Themas Autismus in Aus- und Weiterbildung sowie in der schulischen Praxis. Lehrkräfte, pädagogisches Personal und Schulbegleitungen sollen gezielter auf die Arbeit mit autistischen Kindern und Jugendlichen vorbereitet werden. Dazu gehören niedrigschwellige Informationsangebote, verbindliche Inhalte in der Lehrkräfteausbildung, der Ausbau von Fortbildungen sowie zusätzliche Beratungsstrukturen und wissenschaftliche Expertise.

Fazit

Die Empfehlungen der SWK zielen auf eine Weiterentwicklung der schulischen Rahmenbedingungen für mehr Bildungsgerechtigkeit und Inklusion. Im Mittelpunkt steht die Stärkung struktureller Voraussetzungen für Teilhabe sowie der Abbau unterschiedlicher Regelungen und Versorgungsstandards zwischen den Ländern. Vor diesem Hintergrund spricht sich die Kommission für die Entwicklung einer nationalen Autismus-Strategie nach internationalem Vorbild aus, verbunden mit ausreichenden finanziellen Ressourcen sowie einem schrittweisen Ausbau von Unterstützungs- und Infrastrukturangeboten. Unabhängig vom jeweiligen Systemansatz betont die SWK die Notwendigkeit der verbindlichen Sicherung angemessener Vorkehrungen, individueller Unterstützung sowie einer rechtlichen Klarstellung im Bildungssystem.

  • Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) (2026). Autistische Kinder und Jugendliche in der Schule unterstützen. Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. https://doi.org/10.25656/01:35416