Selbstregulation: Warum Lehrkräfte für eine Schlüsselkompetenz kaum ausgebildet werden

Zwischen Anspruch und Ausbildungslücke: Warum Lehrkräfte auf eine zentrale Zukunftskompetenz bisher unzureichend vorbereitet werden

Ann-Kathrin Bielang

Lesezeit: 4 Minuten
Eine Lehrerin erklärt eine Aufgabe und schreibt dabei an die Tafel vor ihrer Klasse.
© pexels, gera cejas

Selbstregulation gilt als eine der wichtigsten Kompetenzen des 21. Jahrhunderts. Doch obwohl ihre Bedeutung gut belegt ist, spielt sie in der Lehrkräftebildung bislang nur eine Nebenrolle. Bildungsforscherin Prof. Charlotte Dignath erklärt, was Lehrkräfte brauchen, um Lernende wirklich beim Lernen zu unterstützen.

Redaktion: Frau Professorin Dignath, Selbstregulation gilt als zentrale Zukunftskompetenz. Welche Rolle spielen Lehrkräfte bei der Förderung von Selbstregulation und was können sie leisten, was kein anderes Umfeld ersetzen kann?

Prof. Charlotte Dignath: Lehrkräfte sind die wichtigsten Förderer der Selbstregulation im Bildungssystem. Die Schule ist der einzige Ort, an dem alle Kinder und Jugendlichen über viele Jahre hinweg systematisch lernen, wie man lernt. Genau dort können Lehrkräfte diesen Prozess gezielt unterstützen, indem sie Lernstrategien vermitteln, Reflexion anregen und Lernprozesse sichtbar machen. Entscheidend ist: Selbstregulation entsteht nicht von allein, sondern braucht Anleitung, Vorbilder und Übung.

Redaktion: Wie gut sind Lehrkräfte in Deutschland darauf vorbereitet, Selbstregulation im Unterricht zu fördern?

Dignath: Die Forschung zeigt insgesamt ein gemischtes Bild der Vorbereitung von Lehrkräften auf die Förderung von Selbstregulation. Viele Lehrkräfte halten das Thema zwar für wichtig, fühlen sich jedoch nicht ausreichend darauf vorbereitet, es systematisch im Unterricht umzusetzen. Ein zentraler Grund dafür ist, dass Selbstregulation in der Lehrkräftebildung bislang oft nur randständig vorkommt und selten als eigenständige professionelle Kompetenz verstanden wird, obwohl sie gut belegt eine wichtige Voraussetzung für Lernerfolg, Motivation und psychische Gesundheit ist.

Hinzu kommen verbreitete Fehlvorstellungen: Selbstregulation wird häufig mit möglichst großer Selbstständigkeit der Lernenden gleichgesetzt, obwohl sie gerade zu Beginn klare Anleitung und Unterstützung erfordert. Ebenso gilt sie oft als Fähigkeit vor allem leistungsstarker Schülerinnen und Schüler, obwohl insbesondere Lernende mit Schwierigkeiten besonders profitieren. Schließlich wird häufig unterschätzt, dass sich Lernstrategien nicht von selbst entwickeln, sondern explizit vermittelt, eingeübt und reflektiert werden müssen. 

Redaktion: Welche Kompetenzen brauchen Lehrkräfte, um Selbstregulation wirksam zu fördern – und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Ausbildung und Bildungspolitik?

Dignath: Lehrkräfte benötigen zunächst ein grundlegendes Verständnis davon, was Selbstregulation ist. Dazu gehört fundiertes Wissen über Lernstrategien, Metakognition und Emotionsregulation ebenso wie die Fähigkeit, Lernprozesse diagnostisch zu begleiten: also typische Schwierigkeiten in Planung, Überwachung und Reflexion des Lernens zu erkennen und gezielt darauf zu reagieren.

Ebenso wichtig sind förderbezogene Überzeugungen: Lehrkräfte sollten davon ausgehen, dass Selbstregulation grundsätzlich erlernbar und durch Unterricht beeinflussbar ist. Eine oft unterschätzte Rolle spielt zudem die eigene Selbstregulation der Lehrkräfte selbst. Wer sein eigenes Lernen reflektiert und Unterricht systematisch plant und weiterentwickelt, unterstützt in der Regel auch die Schülerinnen und Schüler wirksamer beim Aufbau dieser Kompetenz.

Aus bildungspolitischer Perspektive folgt daraus, dass Selbstregulation verbindlich in allen Phasen der Lehrkräftebildung verankert werden sollte. Wenn sie als zentrale Zukunftskompetenz gilt, muss ihre Förderung ebenso selbstverständlich werden wie die Vermittlung fachlicher Inhalte.

Redaktion: Welche Fortbildungen zum Thema Selbstregulation empfehlen Sie Lehrkräften aktuell?

Dignath: In Deutschland gibt es bislang vergleichsweise wenige umfassend evaluierte Fortbildungsprogramme, die sich gezielt der Förderung von Selbstregulation widmen. Aus meiner Sicht ist dabei weniger der Name einer einzelnen Fortbildung entscheidend als vielmehr ihre Qualität. Gute Programme vermitteln wissenschaftlich fundiertes Wissen über Selbstregulation, verbinden dies mit konkreten Unterrichtsstrategien und unterstützen die Umsetzung im eigenen Unterricht.  

Besonders wirksam sind Fortbildungen, die nicht als einzelne Workshops angelegt sind, sondern über einen längeren Zeitraum begleitet werden und den Lehrkräften wiederholt Gelegenheit zur Erprobung und Reflexion bieten.

Aktuell arbeiten wir selbst an der Entwicklung und Evaluation einer digitalen Selbstlern-Fortbildung zur Förderung von Selbstregulation für die Bildungspraxis. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst praxisnah für Lehrkräfte nutzbar zu machen.

Redaktion: Wie können Lehrkräfte auch jenseits großer Fortbildungsprogramme Selbstregulation im Unterricht unterstützen?

Dignath: Oft sind es bereits kleine Routinen mit großer Wirkung. Dazu gehören etwa klare Lernziele zu Beginn einer Stunde, kurze Reflexionsphasen am Ende, Lerntagebücher oder strukturierte Formen der Selbstbewertung.

Ebenso wichtig ist die explizite Vermittlung von Selbstregulationsstrategien. Lehrkräfte können beispielsweise zeigen, wie man Lernziele setzt, den eigenen Fortschritt überprüft oder konstruktiv mit Fehlern umgeht. Darüber hinaus hilft es, Lernprozesse bewusst zu thematisieren und das eigene Vorgehen beim Lernen sichtbar zu machen. Wenn Lehrkräfte etwa ihre Denkprozesse laut kommentieren, Strategien begründen oder gezielte Reflexionsfragen stellen, erhalten Schülerinnen und Schüler wertvolle Anhaltspunkte, um ihr eigenes Lernen bewusster wahrzunehmen und zu steuern.

Entscheidend ist dabei, Selbstregulation nicht als zusätzliche Aufgabe zu verstehen. Sie sollte vielmehr fester Bestandteil des alltäglichen Unterrichts sein und kontinuierlich mitgedacht werden.

Redaktion: Inwiefern ist Selbstregulation auch für Lehrkräfte selbst entscheidend?

Dignath: Selbstregulation ist nicht nur eine Kompetenz für Schülerinnen und Schüler, sondern auch eine wichtige Ressource für Lehrkräfte selbst. Der Berufsalltag ist geprägt von zahlreichen parallelen Anforderungen, Zeitdruck und emotional herausfordernden Situationen. Selbstregulation hilft dabei, Prioritäten zu setzen, Belastungen zu bewältigen und die eigenen Ressourcen bewusst einzusetzen.

Die Forschung zur Lehrkräftegesundheit zeigt, dass ein konstruktiver Umgang mit beruflichen Anforderungen ein wichtiger Schutzfaktor für Wohlbefinden und langfristige Gesundheit ist. Gerade in Zeiten zunehmender Belastungen kann Selbstregulation dazu beitragen, die eigene Handlungsfähigkeit zu erhalten und Überforderung vorzubeugen. Wer Selbstregulation fördert, stärkt daher nicht nur die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern, sondern auch die eigene berufliche Stabilität und Gesundheit.

Redaktion: Frau Professorin Dignath, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Charlotte Dignath ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt und leitet dort das SeLFI-Lab. Ihre Forschung konzentriert sich auf selbstreguliertes Lernen, Lernstrategien, wirksame Unterrichtsgestaltung und Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten. Ziel ihrer Arbeit ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie Lehrkräfte und Schulen bei der Förderung selbstregulierten Lernens im Unterricht unterstützen.